Vorarlbergs Standschützen im Ersten Weltkrieg
Vorarlbergs Standschützen im Ersten Weltkrieg
Am 18. Mai 1915 kam es zur Alarmierung der Vorarlberger Standschützen und zur Einberufung zur dauernden Dienstleistung. Die Sichtung bei insgesamt 58 Vorarlberger Schießstandgesellschaften im Herbst 1914 hatte ergeben, dass ca. 3.500 eingetragene Standschützen im Alter von 17 bis 60 Jahren für die Landesverteidigung zur Verfügung standen. Bei den militärischen Inspektionen der sechs aufgestellten Bataillone im darauffolgenden Frühjahr, die vom April bis Anfang Mai andauerten, wurden der Feldabteilung ca. 2.900 Männer zugeteilt, der Rest galt entweder als untauglich, unabkömmlich oder wurde den Wachabteilungen zugeteilt.
Am Pfingstsonntag, dem 23. Mai, kam es zum Ausmarsch der Standschützen. Noch einen Tag vorher wurden Schießübungen mit dem neu zugeteilten fünfschüssigen Gewehr M.1888 abgehalten, das vom Deutschen Bündnispartner zur Verfügung gestellt wurde. Einzeln oder in kleinen Gruppen, teilweise noch bei Nacht aufgebrochen, marschierten von den entlegenen Höhen, Tälern und Weilern kommend die Standschützen, häufig begleitet von ihren Angehörigen, dem nächsten Sammelplatz zu. Als Feldzeichen trugen sie ein paar Eichenlaubblätter, entweder an die Mütze oder in den Gewehrlauf gesteckt, wie es schon zu Zeiten des Feldmarschalls Radetzkys üblich war, wenn man zu einer Schlacht ausrückte. Am ersten Sammelplatz zu Zug- oder Kompaniestärke formiert, ging es weiter zum zuständigen Bezirksschießstand, wo sich die Bataillone bildeten. Hier erfolgten nochmals die Abnahme des Fahneneides und eine kirchliche Segnung der ausrückenden Truppen, um mit Gottes Unterstützung in einen gerechten Krieg zu ziehen.
Inspizierung der Bregenzer Schützen am 18./19. April 1915
Die Eidesformel der Schützen war die des Landsturms, die geringfügige Abweichungen gegenüber dem Eid der k.u.k. Armee oder der Landwehr aufwies, da der aufgebotene Landsturm keine Truppenteile zu Luft oder Wasser besaß. Am späten Nachmittag des 23. Mai wurden die Standschützen mittels Bahn an die Südwestfront in Marsch gesetzt. In halbstündigem Takt fuhren die Züge dem Arlberg zu.
Die Standschützen von Feldkirch/Tosters vor dem Abmarsch am 23. Mai 1915
Lediglich das Bataillon Bezau kam erst am Morgen des 24. Mai von Bregenz aus zur Abfahrt, da die Zusammenführung des Bataillons durch drei Fahrten der Bregenzerwälder Schmalspurbahn von Bezau nach Bregenz bewerkstelligt werden musste.
Den ersten Verlust hatte das Dornbirner Bataillon bereits bei der Einfahrt in den Arlbergtunnel zu verzeichnen. Der Standschütze Ernst Fußenegger, zugeteilt dem Train, wollte vor der Einfahrt in den Tunnel von einem offenen Güterwaggon in einen geschlossenen Waggon wechseln und stürzte dabei vom fahrenden Zug. Er hatte den Verlust eines Beines zu beklagen und wurde vom Arzt des Feldkircher Bataillons, das unmittelbar im nächsten Zug in den Arlbergtunnel einfuhr, notbehandelt. In Innsbruck wurde er in ein Spital eingeliefert und überlebte den Krieg als Invalide. Beim kurzen Aufenthalt am Innsbrucker Bahnhof erfuhren die Vorarlberger Standschützen, dass inzwischen die italienische Kriegserklärung erfolgt war. Die Bezauer Standschützen, die infolge der verspäteten Abfahrt erst am Nachmittag in Innsbruck eintrafen, begegneten dort bereits Truppen des Deutschen Alpenkorps, die über Kufstein kommend in der Tiroler Landeshauptstadt eintrafen.
Nach kurzem Aufenthalt ging die Bahnfahrt für vier Vorarlberger Bataillone weiter nach Bozen. Das endgültige Ziel war aber Neumarkt und Auer, wo die Ausladung der Schützen erfolgte. Am nächsten Morgen setzte sich eine lange Marschkolonne in Richtung Fleimstal in Bewegung. Es folgte ein strapaziöser Marsch bei sommerlicher Hitze, dem viele Beteiligte nicht gewachsen waren. In San Lugano angelangt, erhielten die Kommandanten der Bataillone vom zugeteilten Stabsoffizier Major Scheithauer einen scharfen Verweis. Seiner Ansicht nach war die Marschleistung eine zu langsame, es sei höchste Eile geboten, um die Reichsgrenze zu sichern.
Der Tagesbefehl vom 27. Mai 1915 beweist dies:
„K.u.k. 179. Infanteriebrigade-Kommando, Nr. 34 Op., Vigo di Fassa, 26. Mai 1915
Am Ursprung des Pellegrinotales wurden bereits Bewegungen untergeordneter feindlicher Kräfte konstatiert. Nächtigung wird mündlich befohlen (Bregenz, Dornbirn in Moena, der Brigadetrain in Moena und Soraga). Etwa noch heute sich ergebende Kranke an die div. Sanitätsanstalten übergeben. Morgen den 27.5. haben zu gelangen:
- das Baon Bregenz über Pozza und Campitello
- vom Brigadetrain: Die Infanterie-Verpflegungskolonne mit den dem zur Disposition des Brig.-Kommandos folgenden 30 unbeladenen, 10 beladenen Tragtieren und 10 beladenen Fuhrwerken und die Geb. Infanterie Munitions-Kolonne nach Pozza und Meida. Die dortige Sanitätsanstalt nach Vigo di Fassa. Das Brigadekommando befindet sich von morgen an im Stabsgebäude der Kaserne in Vigo. Schanzzeugkolonne nach Pozza. Abruf des Trains von Soraga um 8.00 Uhr vormittags. Das Standschützen Baon Dornbirn (mit Mjr. Scheithauer) bleibt in Moena. Die beiden Baone Dornbirn und Bregenz werden morgen je eine Maschinen-Gewehrabteilung erhalten, die aus dem Pauschalstande des Baons zu vorschlagen ist. Ersatz an Verpflegung ist bei den Fassungsstellen Moena, Pozza und Canazei anzusprechen und zu fassen. Hierüber werden noch Weisungen ergehen. Ergeht an Mjr. Scheithauer, Baone Dornbirn, Bregenz und Brigadetrain-Kolonne.
gez. von Schießler, Oberst“[1]
[1] Vorarlberger Landesarchiv (VLA) Rep. 14-187, Signatur 22/89.
Als die Ortschaft Carano erreicht war, war ebenfalls das Aufmarschziel für das Bataillon Rankweil erreicht. Die restlichen Einheiten marschierten bis Cavalese, ein welsches Nest nach Meinung der Standschützen, wo auch genächtigt wurde. Am nächsten Tag in Predazzo angelangt, schied das Bataillon Feldkirch aus dem Marschverband aus und besetzte die südlich gelegenen Höhenzüge. Für die Bataillone Dornbirn und Bregenz ging es weiter nach Moena, wo für die Dornbirner Schützen der Aufmarsch ebenfalls endete. Für Teile des Bregenzer Bataillons, das einen Tag später in ihrem Standort Canazei eintraf, war der Aufmarsch aber noch nicht beendet. Das Bataillonskommando erhielt den Befehl, dass sich sofort zwei Kompanien auf das Pordoijoch in Marsch zu setzen hätten, um dort Stellung zu beziehen. Die Strapazen dieses Marsches auf das Joch bei Sturm und Regen haben sich in Notizen bis heute erhalten.
Dass der Aufmarsch durchaus auch heitere Seiten haben konnte, beweisen die Tagebuchnotizen eines Dornbirner Standschützen. So schreibt er, dass am ersten Tag unter großer Hitze bis nach Cavalese marschiert wurde und trotz einiger Rasten ziemlich viele den Strapazen erlagen.
Der Train während des Aufmarsches im Fleimstal
„Am nächsten Tag, als neues Marschziel war Predazzo vorgegeben, war die Hitze wieder so groß und deshalb nahm ich in der Ortschaft Ziano in einem Gasthaus Zuflucht, wo ich bereits einige Dornbirner vorfand. Von hier aus fuhren wir auf einem Ochsenfuhrwerk wohlgemut nach Predazzo, nachdem uns die Weiber der Ortschaft noch mit Eiern und Wein beschenkt hatten. Gegen Abend ging es dann weiter nach Moena. Dort wurden wir im Gasthaus ‚Rößle‘ einquartiert. Am 27. vormittags wurde ein wenig exerziert und nachmittags Schule gehalten. In der Nacht traf es mich auf Trainwache, wogegen die anderen sich am Vormittag in Aufwerfen von Deckungen übten.“[2]
[2] Stadtarchiv Dornbirn, Akte Militär – Notizen von Armin Thurnher.
Die militärische Zuordnung der Vorarlberger Standschützen im Verteidigungsrayon IV war folgende:
Bataillon Bregenz: Standort Canazei, Zuteilung zum Landsturm-Infanteriebataillon Nr. 39
Bataillon Dornbirn: Standort Meida, Zuteilung zum Landsturm-Infanteriebataillon Nr. 38
Bataillon Feldkirch: Standort Forcella Sadole, Zuteilung zum Landsturm-Infanteriebataillon Nr. 166
Bataillon Rankweil: Standort vorerst Cadinello alto, wurde einige Tage später zum Sperrfort Dossaccio verlegt, das Bataillonskommando aufgelöst und dem Kommando des Landsturm-Infanteriebataillons Nr. 166 unterstellt.
Alleine das Dornbirner Bataillon hatte beim Aufmarsch 186 Mann an Ausfällen zu beklagen, bei den anderen Einheiten dürfte sich dies in ähnliche Zahlen bewegt haben. Die meisten Ausfälle waren kurzfristiger Natur, wenige wurden an die heimischen Wachabteilungen überstellt. Aus einer privaten Aufzeichnung geht hervor, dass sich ein Feldkircher Standschütze in Predazzo das Leben genommen hat. Er schlug sich einen Bickel in die Stirn und verstarb noch an der Unglücksstelle. Weder ein offizieller Bericht darüber noch der Name des Unglücklichen konnte bis heute eruiert werden.
Die Fahrt des Standschützenbataillons Bludenz, das ebenfalls am Morgen des 24. Mai in Innsbruck eintraf, wurde nach Ankunft in Bozen nach San Michele/Mezzocorona weitergeleitet. Dort erfolgte der Umstieg auf die Nonsbergbahn bis nach Malè, wo in einem anschließenden Fußmarsch das Aufmarschziel im Rayon II, die Ortschaft Fucine erreicht wurde.
Die Stationierung der einzelnen Kompanien erfolgte in der Nähe der Festungswerke an der Tonalestraße.
Die Bezauer Standschützen, wegen der verspäteten Abfahrt im Zeitplan des Aufmarsches etwas zurückliegend, gelangten mit der Bahn über Innsbruck und Bozen nach Trient. Nach einem zweitägigen Fußmarsch erreichten sie die Ortschaft Tione, wo die Verteilung der einzelnen Kompanien im Rayon III erfolgte. Ein Teil wurde im Verteidigungsbereich des Festungsgürtels Lardaro stationiert. Dieser bestand aus den Festungen Carriola, Corno, Larino, Revegler und Danzolino. Andere Teile des Bataillons bezogen die umliegenden Höhenstellungen, die auch die unwegsamen Gipfel wie den Monte Cadria und Laroda (La Roda) einschlossen.