Persönliche Erinnerungen an Bozen in den 1950er- und 1960er-Jahren
Persönliche Erinnerungen an Bozen in den 1950er- und 1960er-Jahren
Da ich in den 1950er- und 1960er-Jahren in Bozen gelebt habe, kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Ich erinnere mich noch genau an die vielen Häuser, die von Bombenangriffen zerstört waren, an die alten Nazi-Lager, die in Sozialwohnungen umgewandelt wurden, und an die Landschaft, die Weinberge und Obstgärten, die bis in die Stadt reichten, und vor allem an den enormen Kontrast zwischen der faschistischen Architektur der neuen Stadt und dem klassischen Tiroler Stil der alten Stadt. Aus Gründen, die eng mit dem Beruf meines Vaters zusammenhingen, beschlossen meine Eltern, meinen Bruder und mich auf italienische Schulen zu schicken. Ich muss hinzufügen, dass ich den Grund für diese Entscheidung nie wirklich verstanden habe. Tatsächlich war meine Familie sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits mit der Habsburger Welt stark verbunden. In unserem Haus war Tirol, sei es das welsche oder das deutsche, die wahre „Heimat“.
Meine beiden Großväter haben während des Ersten Weltkriegs als k.u.k.-Offiziere in der österreichisch-ungarischen Armee gedient. Mein Großvater väterlicherseits hat als Offizier der Artillerie in Galizien, Montenegro und schließlich an der Piave gekämpft. Er wurde von Kaiser Karl I. mit der „Großen Silbernen“, der Tapferkeitsmedaille, ausgezeichnet. Nach der Einstellung der Feindseligkeiten wurde er von den Italienern in Pola inhaftiert und konnte erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1919 nach Hause zurückkehren.
Mein Großvater mütterlicherseits, Offizier der Dragoner, wurde hingegen bei einem Angriff gegen die Kosaken in Galizien verwundet und anschließend von den Russen gefangen genommen. Während der Oktoberrevolution brachte man ihn ins neutrale Schweden, von wo aus er nach Österreich gelangte. Obwohl sein linker Arm verletzt war, wurde auch er an die Piave-Front geschickt, schaffte es aber nach Ende der Feindseligkeiten, nach Österreich zu fliehen. Sein Großvater, also mein Ururgroßvater, Robert Terlago, war jahrzehntelang Abgeordneter in Cisleithanien – zuerst als Abgeordneter im Tiroler Landtag und dann als Vertreter der Deutschliberalen Partei der Tiroler Großgrundbesitzer im Reichsrat. Im Jahr 1912, im Alter von 70 Jahren, wurde er von Kaiser Franz Joseph zum Mitglied auf Lebenszeit im Herrenhaus Österreich ernannt (Senat). Er war nämlich der letzte Senator des habsburgischen Tirols.
Unser Haus war voll mit Möbeln, Gemälden und Einrichtungsgegenständen, die aus den verschiedenen Wohnhäusern stammten, in denen meine Mutter und meine Großeltern gelebt hatten. Vor allem gab es eine große Menge an Büchern, Briefen, Fotos und Dokumenten, die meine Vorfahren betrafen. Seit unserer frühesten Kindheit haben mein Bruder und ich gelernt, uns sowohl auf Italienisch als auch auf Deutsch gleichermaßen auszudrücken. Auch unsere Erziehung, angefangen bei den Märchen und Sagen der Dolomiten, die uns als Kinder erzählt wurden, bis hin zu Geschichten und Überlegungen historischer und politischer Natur, war von jenem magischen Flair durchdrungen, das nur Mitteleuropa zu vermitteln vermag. Eine Welt, zu der Tirol mit all seinen Begriffen und seiner weitreichenden Geschichte rechtmäßig gehörte. Zu Hause wurde uns erklärt, dass die Tatsache, dass wir Italiener geworden waren, obwohl immer wieder auf die offensichtliche historische Ungerechtigkeit hingewiesen wurde, das Ergebnis höherer internationaler Vereinbarungen sei, die jedoch niemals unsere Traditionen und unsere Sprache beeinträchtigen dürften. Sie lehrten uns auch, mit einer für damalige Verhältnisse sehr modernen Weltanschauung, Menschen objektiv zu beurteilen, unabhängig von ihrem religiösen Glauben, ihrer Nationalität und ihrer Hautfarbe. In dieser Zeit waren die Stadt und die Täler buchstäblich von Carabinieri, Polizisten und Militärs im Allgemeinen besetzt. Wenn man nachts durch die Straßen der Stadt ging, traf man an jeder Ecke bewaffnete Polizisten, die patrouillierten. Wenn man auf der Straße stehen blieb, um zu plaudern, und sich eine Menschenmenge bildete, griffen sofort die Polizisten ein und forderten uns auf, „weiterzugehen“.
Der neue Sitz der RAI, das Kommando des IV. Alpinen Armeekorps, der Sitz des MSI und das berüchtigte Siegesdenkmal, wurden sichtbar bewacht.
Der Eindruck, den mein Bruder und ich hatten, als wir begannen, italienische Schulen zu besuchen, war traumatisch. Unsere Klassenkameraden kamen aus den unterschiedlichsten italienischen Provinzen. Einige waren bereits in Bozen geboren, andere waren erst kürzlich zugezogen. Ihre Väter waren Staatsbeamte, Bankangestellte, Offiziere oder Unteroffiziere der verschiedenen Streitkräfte, aber die meisten waren Angestellte, Verkäufer oder Arbeiter.
In der deutsch-österreichischen Kultur war die schönste Zeit des Jahres für Kinder, aber nicht nur für sie, zweifellos die Weihnachtszeit. Diese Tradition, die auch in Bozen stark gefühlt war, begann mit den vier Adventssonntagen, an denen alle Geschäfte unter den Lauben und die Stände auf dem Obstplatz mit Weihnachtsdekoration geöffnet waren. Dann kam der Nikolaus mit dem Krampus. Das wichtigste Fest war jedoch Heiligabend, wenn der Weihnachtsbaum aufgestellt wurde und das Christkind mit den Geschenken kam. Diese Zeit endete am Dreikönigstag mit der Einkehr der Heiligen Drei Könige. Im neuen Bozen hingegen waren diese Traditionen unbekannt, das Fest beschränkte sich auf den Weihnachtstag, und die Kinder feierten, je nach Herkunftsort, den „Babbo Natale“ (Weihnachtsmann) oder die Befana. Aber vor allem sahen sie uns an, als kämen wir aus einer anderen Welt, und das waren wir tatsächlich auch.
Später, als ich die Mittelschule und das Gymnasium besuchte, hatte ich bald Gelegenheit festzustellen, dass das, was in den Schulbüchern stand und was uns im Unterricht beigebracht wurde, überhaupt nicht mit dem übereinstimmte – ja, oft in krassem Gegensatz dazu stand –, was ich zu Hause hörte. Mir wurde klar, wie verzerrt die Italiener die Geschicke meiner Heimat darstellten und mit welcher Härte sie die Italianisierung derselben vorangetrieben hatten. Ebenso konnte ich aus nächster Nähe die Gewalttätigkeit sehen, mit der sie die Befreiungsbewegung (bzw. den Terrorismus, wie es zumeist hieß) angingen, welche wahrscheinlich die Folge dieser Härte war.
Wenn man auf Bozen der frühen 1960er-Jahre zurückblickt, kann man sagen, dass die „neue Stadt“ zu einer Art Insel geworden war, bestehend aus einer vielfältigen italienischen Welt, die nicht nur die deutsche Sprache nicht verstand, sondern auch alle Traditionen und Bräuche der Südtiroler Welt, von der sie umgeben war. Die Kinos, Bars, Geschäfte und Zeitungskioske waren rein italienisch; selbst die Beschriftungen waren nicht zweisprachig. Die wenigen deutschen Bauern, die noch Höfe und Land in der Nähe der neuen Siedlungen besaßen, wurden verspottet und mit Verachtung behandelt.
Diese Stimmung hatte sich auch auf die Schulen übertragen. 1961 feierte Italien das 100-jährige Jubiläum seiner Einheit. Ich erinnere mich, dass in den Schulen umfangreiches Unterrichtsmaterial verteilt wurde, das das Risorgimento und seine Väter Mazzini, Cavour und Garibaldi als Helden verherrlichte. Vor allem aber wurde im Gegensatz zu Andreas Hofer die Figur des Cesare Battisti hervorgehoben, der aus Österreich stammte und dank seines Martyriums den italienischen Irredentismus am besten verkörperte. Die Österreicher wurden folglich als Unterdrücker dargestellt und als „historische Feinde“ gebrandmarkt.
Die Giovane Italia, die Jugendabteilung der MSI, organisierte regelmäßig Veranstaltungen, um die italienische Identität der Region zu bekräftigen und zu unterstützen. Ich selbst war Opfer von Schikane geworden. Damals gerade einmal elf Jahre alt, ging ich gerade am Corso-Kino vorbei, wo eine von der Giovane Italia organisierte Demonstration stattfand. Da ich – ich weiß nicht mehr – einen „Sarner“ oder einen Loden trug, wurde ich von einer Gruppe älterer italienischer Jungen beiseitegenommen, die mich herumschubsten und beleidigten und mich zwangen, die italienische Flagge zu küssen. Damals fiel es mir schwer, diese Gewalt zu verarbeiten, aber schon im Gymnasium hatte ich verstanden, dass es im Leben ganz andere Probleme gibt.
Es war verständlich und klar, dass Andreas Hofer in dieser Zeit für die deutschsprachigen Bürger mehr denn je die Tiroler Identität und den Kampf um Autonomie mit der Hoffnung auf Selbstbestimmung verkörperte. Aus diesem Grund identifizierte ihn die italienischsprachige Bevölkerung als ein Symbol des Südtiroler und österreichischen Nationalismus. Vor allem aber weckte dieses Gedenken die Befürchtung, dass die Autonomiebestrebungen Erfolg haben könnten und damit die italienische Identität der Region verloren gehen würde.
Die Bestätigung für diese Befürchtungen gab es dank eines Vorfalls, der sich am Sonntag, dem 21. Februar 1960, in Bozen ereignete. Dieser Vorfall vermittelt einen genauen Eindruck davon, wie die italienische Regierung und ein Teil der italienischsprachigen Bevölkerung Andreas Hofer zu dieser Zeit sahen.