Denkmäler und Erinnerungskultur in Mantua
Denkmäler und Erinnerungskultur in Mantua
In der Mitte des 19. Jahrhunderts manifestiert sich das Gedenken an Hofer in Denkmälern. Im Jahr 1850 wird eine Tafel aus rotem Marmor angebracht, versehen mit dreizehn Löchern, welche die Schüsse des Erschießungskommandos symbolisieren.[1] 1860 beschreibt Giovanni Arrivabene eine kleine Säule mit einem Kruzifix und dreizehn Einschussmarkierungen – ein zweites, aufwendiger gestaltetes Denkmal, das den Willen bekräftigt, die Erinnerung lebendig zu halten.[2] Im Jahr 1891 fertigt der Mantuaner Bildhauer Cesare Marchesotti auf Initiative der Veteranenvereinigung „Kronprinz Rudolf“ einen neuen Gedenkstein an, der dieses Mal vom italienischen Staat finanziert wird.[3] Dies stellt einen symbolischen Wendepunkt dar. Das vereinte Italien erkennt einen Tiroler Helden an, der für die Freiheit seiner Heimat starb. Mantua wird zu dem Ort, an dem dieses Gedenken tief verwurzelt bleibt.
Das hundertste Todesjahr 1910 wird zu einem aufschlussreichen Moment. Die Gazzetta di Mantova bietet Raum für unterschiedlichste Meinungen: enthusiastische Berichte, Kritik am Deutschtum, historische Reflexionen. In einem Leserbrief wird Hofer gar als Symbol des deutschen Nationalismus angegriffen.
Die Antwort der Zeitung darauf ist eindeutig: „Für uns ist Hofer nichts anderes als ein Märtyrer der Freiheit, ein Held, der durch fremdes Blei bei der Verteidigung seines angegriffenen Vaterlandes fiel, und aus diesem Grund gedenken und ehren wir ihn.“[4] Dies ist eine Stellungnahme von großer Tragweite. Mantua lehnt die nationalistische Deutung ab und entscheidet sich für ein bürgerliches, nicht ideologisches Gedenken. In einem Italien, das von Identitätsspannungen durchzogen war, bewahrte sich die Stadt ihre moralische Unabhängigkeit.
Zu diesem Anlass war es ein Privatbürger, der Commendatore Ravà-Sforni, der am Vorabend der Feierlichkeiten auf eigene Kosten eine Zufahrtsallee zum Gedenkstein anlegen ließ und dem Ort so die gebührende Würde zurückgab.[5]
[1] Die Anbringung erfolgte durch den Major und Genie-Direktor Baron Eduard Maretich von Riv-Alpon, der den genauen Ort der Hinrichtung anhand der Hinweise einiger älterer Ortsbewohner ermittelt hatte, die Augenzeugen des Ereignisses gewesen waren. Vgl. Sarzi, R.: Andreas Hofer a Mantova in catene… La simpatia popolare per la vittima del dispotismo napoleonico. Il processo e la condanna dell’eroe del Tirolo, Mantua 2006, S. 95–96. [2] Sie wurde auf Initiative des luogotenente maresciallo (ital. Dienstgrad, entspricht dem deutschen Oberstabsfeldwebel) Edler von Habermann angebracht. [3] Vgl. Sarzi, R.: Andreas Hofer a Mantova in catene… La simpatia popolare per la vittima del dispotismo napoleonico. Il processo e la condanna dell’eroe del Tirolo, Mantua 2006, S. 98. [4] Gazzetta di Mantova vom 20. Februar 1910. [5] Gazzetta di Mantova vom 19. Februar 1910.
Der Andreas Hofer gewidmete Gedenkstein nach dem Attentat vom Abend des 24. Mai 1961, Foto Sbarberi
Quelle: R. Sarzi, Andreas Hofer a Mantova in catene…, Editoriale Sometti, Mantua 2006, S. 97