Erste Prägung durch Familie, Schule und frühe Begegnungen
Erste Prägung durch Familie, Schule und frühe Begegnungen
Aktuell zählt die Schützenkompanie Salurn 28 aktive Mitglieder. Diese wurden gebeten, zu folgenden Themen Stellung zu beziehen:
- Erste Begegnung mit Andreas Hofer
- Persönliche Bedeutung
- Bedeutung heute – für mich und für Südtirol
Das Ergebnis hat nicht den Anspruch, die Stimmung in Südtirol zur Figur Andreas Hofer widerzuspiegeln, ist aber trotzdem ein kleiner Querschnitt verschiedener Meinungen und Generationen. Dies sind ihre Antworten; Wortwahl und Ausdrucksweise wurden unverändert gelassen, um die Aussagen so originalgetreu wie möglich zu halten:
Werner (68): „Andreas Hofer als Persönlichkeit Tirols habe ich im Alter von 7 Jahren in der 2. Klasse der Volksschule bewusst kennengelernt. Der Andreas-Hofer-Gedenktag wurde in den 60er-Jahren in den Schulen aktiv begangen. Es war ein feierliches Gedenken mit Fahnenaushang und der Erzählung unserer Lehrer zu den Ereignissen von anno 1809. In unserer Klasse hing ganzjährig das Bild vom Maler Defregger über das ‚Triumvirat‘ (Hofer, Haspinger, Speckbacher). Das hat uns sicher geprägt. Der ‚Südtiroler Kriegsopfer- und Frontkämpferverband‘ (SKFV) hatte ein Buch zu Andreas Hofer und 1809 herausgegeben mit Comic-Zeichnungen. Bei einem Nachbarn (Familie Willi Ceolan) durften wir Buben in diesem Buch blättern. Die Hände mussten absolut sauber sein und nur der Sohn der Familie durfte vorsichtig umblättern. Das hat den Wert dieses Buches betont. Für uns war das fast eine heilige Handlung. Andreas Hofer hat durch seinen Todesgang in Mantua, den er in aufrechter, mutiger Haltung angenommen hat, mich persönlich sehr beeindruckt. Schon als Jugendlicher (15/16 Jahre alt) bin ich in der Oberschulzeit in Meran oft am Bahnhofsplatz am Denkmal für Andreas Hofer mit Respekt vorbeigegangen. Der Andreas-Hofer-Tag am 20. Feber wurde im Gamperheim mit Regens Willi Walter sehr feierlich begangen. Hofer war damals noch für viele von uns, wenn auch manchmal unterschwellig, eine Galionsfigur, an der man sich ausrichten konnte. Vor allem hat mich neben seinem Mut sein Verantwortungsbewusstsein für Tirol beeindruckt. Ein Land zu verwalten, ohne dafür ausgebildet zu sein, grenzte für mich damals an ein Wunder. Schlussendlich haben das Leben Andreas Hofers und die mir verbotene Teilnahme an der Beerdigung des Joerg Klotz dazu geführt, dass ich mich 1977 zum Dienst in der Schützenkompanie Salurn gemeldet habe. Ich habe auf die Teilnahme an der Maturareise verzichtet, um bei der Gründungsfeier der Schützenkompanie Salurn im Frühjahr 1977 dabei sein zu können. Heute ist das Bild des Andreas Hofer, bedingt durch die Herausforderungen in unserem Alltag, für mich etwas verblasst. Natürlich nimmt man diese Persönlichkeit als Schütze eher immer wieder bewusster in den Fokus als alle anderen Zeitgenossen, die sich mit Tradition oder Landesgeschichte nicht befassen. Persönlich bleibt Andreas Hofer durch seinen Opfergang für mich ein ‚Übervater‘ – ein nie zu erreichendes Ideal! Seine tief empfundene katholische Frömmigkeit kann ich schwerlich nachempfinden, da ich mich von der offiziellen Kirche sehr entfernt habe. Trotzdem verstehe ich die Haltung Hofers zur Religion in den damaligen chaotischen Zeiten. Für uns Tiroler südlich des Brenners hat Andreas Hofer eine Botschaft hinterlassen: ‚Mander und Weiber es isch Zeit‘, sich bewusst für den Erhalt unserer Sprache und unserer deutschen und ladinischen Lebensart jeden Tag aufs Neue zu bemühen. Wir müssen für die nächste Generation unsere Wesensart erhalten und weitergeben, jeder nach seinen Möglichkeiten und Talenten. Was kann uns das Leben Andreas Hofers heute noch sagen? Jeder von uns kann seinen Beitrag zum Erhalt und zur Weiterentwicklung unsrer Heimat Tirol leisten. Ideale trägt man im Herzen, müssen aber alltagstauglich sein. Kleine Schritte führen uns hoffentlich zu unser aller Ziel: die Einheit Tirols, in welcher Form auch immer. Zuallerletzt möchte ich einem Mitstreiter Hofers meine Achtung zollen: Der Sepp Speckbacher war für mich immer schon das Idealbild des verwegenen Kämpfers und wagemutigen Tirolers. Ehre seinem Andenken!“
Arno (58): „In Tirol kann man Andreas Hofer gar nicht übersehen – er ist überall präsent. Ich war wohl 7 oder 8 Jahre alt, als ich zum ersten Mal von ihm hörte. Meine Mutter erzählte mir von ihm, und plötzlich wurde aus einer historischen Figur ein richtiger Held. 1977, beim großen Wiedergründungsfest der Schützenkompanie Salurn, spürte ich das erste Mal diese besondere Begeisterung. Ich war fasziniert, und von da an wollte ich mehr über ihn wissen; ich begann, mich selbst in seine Geschichte einzulesen. Auch in der Volksschule hielt uns der Heimatkundeunterricht in seinem Bann. Unsere Lehrerin erzählte von Hofer, von seinen Taten, seinem Mut, und wir hörten ihr verzaubert zu. Für mich gehörte er damals zum unvergesslichen Dreigestirn meiner Kindheit: im Fußball Beckenbauer, in der Politik Magnago und unser Held Andreas Hofer. Selbst die Sonntagsausflüge zum Sandwirt im Passeier Anfang der 80er-Jahre sind eng mit diesem Gefühl von Tirol, Geschichte und Heimat verbunden – Erinnerungen, die bis heute lebendig geblieben sind. Als Jugendlicher stellte ich mein verklärtes Bild von Andreas Hofer erstmals infrage. Lehrer und Mitschüler kritisierten den Mythos als rückständig, und ich musste mir selbst klar werden, wofür Hofer steht. Ich wollte mir mein Bild von ihm nicht zerstören lassen. Ich erkannte einen demütigen Rebell mit außergewöhnlicher innerer Kraft, der für Eigenbestimmung und Gerechtigkeit kämpfte. Gleichzeitig machte mich die ausgeprägte Autoritäten-Hörigkeit in Tirol, die ja auch bei Hofer sichtbar wird, vorsichtig gegenüber Macht und vermeintlichen Eliten. Hofer prägte so meinen Mut, mein Verantwortungsbewusstsein und meine Haltung zu Heimat und Gerechtigkeit – Werte, die mich bis heute begleiten. Ohne Andreas Hofer wäre ich nicht Schütze geworden. Und ich wäre es auch nicht geworden, wenn Südtirol nicht zu Italien gehören würde. Diese beiden Tatsachen hängen für mich unmittelbar zusammen. Andreas Hofer ist für mich nicht nur eine historische Figur, sondern eine inspirierende Persönlichkeit, die bis heute Wirkung entfaltet. Sein Einsatz für Freiheit, Selbstbestimmung und den Erhalt der eigenen Lebensweise hat mein Verständnis von Identität nachhaltig geprägt. Gerade in einer Situation, in der die eigene kulturelle und sprachliche Zugehörigkeit nicht selbstverständlich ist, gewinnt sein Beispiel besondere Bedeutung. Schütze zu sein bedeutet für mich nicht Rückwärtsgewandtheit oder Abgrenzung, sondern Verantwortung. Verantwortung dafür, dass Geschichte, Sprache, Kultur und Werte nicht langsam verschwinden, sondern bewusst weitergetragen werden. Andreas Hofer steht für diesen Willen zur Identitätserhaltung – nicht als ideologisches Konstrukt, sondern als gelebte Haltung. Dass Südtirol Teil Italiens ist, hat diese Auseinandersetzung mit Identität, Zugehörigkeit und Verantwortung erst notwendig gemacht. Gerade dadurch wurde mir bewusst, dass Identität nichts Gegebenes ist, sondern etwas, das gepflegt, verteidigt und weiterentwickelt werden muss. In diesem Spannungsfeld wirkt Andreas Hofer bis heute als Orientierungspunkt.“
Michael (39): „Grundsätzlich hängt seit Ewigkeiten im Eingangsbereich des Hauses meiner Eltern eine Kopie des Bildes von Franz von Defregger, das Andreas Hofer, Josef Speckbacher, Joachim Haspinger und Kajetan Sweth abbildet. Das Bild hat mein Großvater Hubert Waid, über 40 Jahre lang Mitglied der Schützenkompanie Tramin, meinen Eltern geschenkt. Das Bild prägt. Das sehe ich heute auch an meinen Kindern, Amalia (fast 4 Jahre) und Heinrich (fast 2 Jahre). Die beiden blicken jedes Mal auf das Bild. Mein Sohn glaubt zwar, dass ich der Andreas Hofer am Bild sei, das Positive daran ist aber, dass sich daraus ein Gespräch ergibt. Dadurch wird auch klar, dass es darum gehen muss, unsere Geschichte sichtbar zu machen, weil sich bereits Kleinkinder ihre Gedanken machen. Effektiv nahegebracht habe ich mir die Tiroler Geschichte selbst. Die Unterrichtung blieb in der Oberschule vollständig aus. Als Kompensation habe ich ‚Tirols Geschichte in Wort und Bild‘ von Michael Forcher gelesen und daraufhin viele weitere Bücher. Ohne Eigeninitiative geht es nicht. Andreas Hofer steht dann, wenn man sich in Tirol und vielleicht noch mehr in Südtirol zu einem patriotischen Leben entschließt, immer im Zentrum. Ist man Schütze oder in einem volkstümlichen Verein, dann kommt man kaum an Andreas Hofer vorbei, weil der Todestag Andreas Hofers im ganzen Land zelebriert wird. Nimmt man seit über 20 Jahren an solchen Feiern teil, dann hat man aber auch schon allerhand gehört. Ausgehend vom Leben Andreas Hofers gibt es Gedenkredner, die fast schon abenteuerliche Schlüsse aus dem Leben des Freiheitskämpfers ziehen, die mit der Wirklichkeit kaum vereinbar sein werden. Intensiver mit Andreas Hofer befasst habe ich mich, als ich sieben Jahre lang in Wien lebte. In Tirol oder Südtirol kann man wohl nicht ganz einschätzen, wie bedeutend Andreas Hofer überregional ist. Dazu bedarf es des Blickes von außen. Ein stärkeres Interesse für Andreas Hofer, das sich nicht nur auf Gemeinplätze bezieht, setzte ein, als mir klar wurde, dass Andreas Hofer die deutsche Nationalbewegung, etwa Ernst Moritz Arndt, prägte, und der Sandwirt zu einem gesamtdeutschen Symbol wurde. Dass der Burschenschafter Julius Mosen das Andreas-Hofer-Lied schreibt, ist in diesem Kontext nicht zu vernachlässigen. Die Andreas-Hofer-Rezeption in Großbritannien, gegen Napoleon und Frankreich, ist auch heute noch aufschlussreich, weil diese im Gegensatz zur Andreas-Hofer-Rezeption in Tirol unmittelbar einsetzte. In Tirol war Andreas Hofer im Vormärz bekanntlich alles andere als erwünscht. Ein wehrhaftes Tirol konnte und wollte man sich nicht leisten. Ich denke, dass das Andreas-Hofer-Bild zu schärfen ist. Gerade im Tiroler Kulturkampf wurde Andreas Hofer politisch und klerikal instrumentalisiert. Das eigentliche Motiv war aber meines Erachtens 1809 der Kampf gegen politische Fremdbestimmung. Diesem Motiv schlossen sich sehr religiöse Menschen wie Andreas Hofer an, aber auch josephinisch-aufgeklärte Persönlichkeiten wie Joseph Hormayr oder Nationalfreiheitliche wie Joseph Ennemoser. Tirol im 19. Jahrhundert war politisch vielfältiger, als heute angenommen wird. Das gesamte 19. Jahrhundert war auch in Tirol von vielfältigen politischen Ideen gekennzeichnet. Die Tiroler Geschichtsschreibung klerikaler Ausrichtung bemüht sich zwar vielfach darum, die Tiroler Geschichte zwischen 1815 und 1915 weitgehend auszublenden. Dabei sind gerade diese 100 Jahre politisch äußerst bedeutend, auch für die heutige Identität. Die Tiroler Grenzkämpfe 1848, 1859 und 1866 wurden wesentlich durch 1809 beeinflusst. Ich denke, es ist bedeutender denn je, die Entwicklung von 1809 bis heute, den Ideenstrang, auszuarbeiten. Das bleibt heute leider noch aus und ist eine Lücke, die es zu füllen gilt. Insbesondere ist Andreas Hofer in die gesamtdeutsche Geschichte einzuweben, ansonsten könnte Andreas Hofer als provinzielle Erscheinung bewertet werden, was nicht der faktischen Bedeutung entspricht.“
Der Kriegsrat Andreas Hofers im Jahr 1809 von Franz von Defregger
Adolf (50): „Über Kollegen und Freunde hörte ich erstmals von Andreas Hofer und Werten wie Glaube, Treue und Kameradschaft. Mein Vater Ferdi war selber bei den Schützen und mich faszinierte seit jeher die Tracht. Schütze zu sein, ist gelebte Geschichte, und ich bin stolz, dazuzugehören. Andreas Hofer war ein Freiheitskämpfer, der für sein Land das Leben geopfert hat; das würde ich auch tun, wenn es nötig wäre. Leider hat heutzutage kaum mehr jemand solche Ideale und das ist sehr traurig! Seit ich bei den Schützen bin, habe ich sehr viele Sachen gelernt: Pünktlichkeit, Genauigkeit, Kameradschaft und Ehrlichkeit. Das sind Werte, die heutzutage fast wie Wunder klingen. Südtirol ist mein Land, ich würde es nie hergeben und wenn nötig bis zum bitteren Ende verteidigen, so wie es früher Andreas Hofer und andere getan haben. Südtirol ist heute ein modernes Land geworden, aber man darf nie vergessen, wie es früher war und was unsere Leute dafür geopfert haben, um ein besseres Leben zu haben.“
Anonym (54): „Nachdem dies schon länger her ist, kann ich mich nur vage daran erinnern. Bewusst erinnern kann ich mich an die Volksschule, wo unsere damalige deutsch gesinnte Deutschlehrerin, Brigitte Pardatscher, uns Andreas Hofer nähergebracht hat. Ich glaube, für meine persönliche Entwicklung waren andere Personen entscheidender, wie z. B. Eltern und Freunde. Meine Haltung zu Heimat und Verantwortung steht bei mir auch nicht in erster Linie im Einklang mit Andreas Hofer. Beeindruckt hat mich bei Andreas Hofer immer die Verteidigung des eigenen Territoriums und das mit allen Mitteln. Eine starke Persönlichkeit, wie sie Andreas Hofer sicherlich war, täte uns heute sehr gut, vor allem wenn man leider sieht, wie immer mehr nicht mehr zu unserer Geschichte stehen, sprich immer mehr sich zu Italien bekennen und die deutsche Sprache immer mehr verwässert wird. Ein Andreas Hofer würde heutzutage keine faulen Kompromisse eingehen und das Land zielorientiert mit friedlichen Mitteln ‚befreien‘ wollen.“