Das Kriegsjahr 1916
Das Kriegsjahr 1916
Der Winter von 1915 auf 1916 setzte den Standschützen in den Dolomiten arg zu. Schneefälle in ungeahnter Höhe ließen die Kampftätigkeit völlig verstummen, dafür stieg die Lawinengefahr in das Unermessliche. Aus strategischen Gründen konnte oder wollte man nicht die besetzten Stellungen räumen, das einzige war, dass man die Mannschaft in exponierten Stellungen auf ein Minimum reduzierte. In den Fleimstaler Dolomiten hatten die Feldkircher einige Todesfälle durch Lawinenabgänge zu verzeichnen.
Es geschahen aber auch Wunder. So wurde auf der Malga Sadole der auf Wache stehende Standschütze Roman Hosp von einer Lawine verschüttet und erst nach fünf Stunden geborgen. Eine einzige Fingerbewegung zeigte, dass noch Leben in ihm war und nach einer zweistündigen Reanimation gelang es der Sanitätsmannschaft, ihn wiederzubeleben. Auch die Dornbirner Standschützen hatten vier Tote bei einem Lawinenabgang auf dem Monte Pecol zu beklagen, wobei zwei von ihnen erst bei der Schneeschmelze im Frühjahr ausaperten. Sie wurden auf dem von der 179. Infanteriedivision erbauten Soldatenfriedhof St. Julian in Vigo di Fassa beerdigt.
Wohl wurde die Besetzung der Cima di Costabella im Rayon IV durch die Bregenzer Standschützen vom Abschnittskommando im Jahre 1915 zur Kenntnis genommen, ohne ihr aber besondere Bedeutung zu schenken. Doch ein knappes Jahr später wurde dieser Gipfel zum Brennpunkt der Kämpfe in den Fassaner Dolomiten. Unter Leitung des Oberleutnants Leo Handl, der einen Pionierzug der Kaiserjäger befehligte, wurde bereits im Herbst eine Baracke unterhalb des Gipfels errichtet und so eine Basis zum weiteren Ausbau der Stellungen geschaffen. Die Frontlinie zog sich nun vom Sellepass zur Campagnaccia und von dort bis zum Gipfel der Costabella hin. Als es Oberleutnant Handl mit einer Angriffstruppe in einer nächtlichen Aktion gelang, auf einem vorgelagerten Plateau die italienischen Feldwachen zu vertreiben, erweiterte sich die Stellungslinie um die Neu-Costabella oder Detzstellung. Weiterführende Angriffe auf den Sasso di Costabella scheiterten, lediglich ein überhöhter Felskopf ging in den Besitz der österreichischen Truppen über, der unter der Bezeichnung „Fürstkopf“ in den Unterlagen aufscheint.
Oberleutnant Handl (links) mit Offizieren des Abschnittskommandos und der Standschützenkompanie Dornbirn
Der Dienst auf der Detzstellung, inoffiziell benannt nach dem Abschnittskommandanten Oberstleutnant Detz, war ein unbeliebter. Die Dornbirner Standschützen mussten jeweils 30 Mann auf die Dauer von vier Wochen dafür abstellen. Alleine über den Sommer dieses Jahres hatten sie 17 Mann als Verwundete und ein Todesopfer zu beklagen. Die italienischen Scharfschützen auf dem Sasso di Costabella waren so gut eingeschossen, dass nicht einmal die Sehklappen der Schutzschilder ganz geöffnet werden durften. Ein weiteres Ärgernis war der Beschuss mit Gewehrgranaten. Durch die unmittelbare Nähe beider Stellungslinien konnten die Italiener zumindest durch Hören erahnen, ob sich größere Menschenmengen ansammelten. So gab es bei einer Standeskontrolle am 1. August acht Verletzte durch eine explodierende Gewehrgranate und Infanteriefeuer. Als sich im Oktober bereits wieder der Winter anbahnte, glaubte man, dass es zu keinen größeren Kampfhandlungen mehr kommen würde. Es kam aber anders. Am Morgen des 5. Oktober setzte ein starkes Artillerie- und Minenfeuer ein, das die Laufgräben einebnete und den Verbindungsgang zur Costabella zerstörte. Ferngeschütze belegten die Zugangswege und Seilbahnanlagen im San-Nicolo-Tal mit starkem Feuer, um jegliche Zufuhr von Verstärkung zu unterbinden. Oberleutnant Löwy, Kommandant der Detzstellung, hatte ca. 190 Mann zur Verteidigung zur Verfügung, allerdings waren die meisten davon tschechische Landstürmer, deren Kampfwert als nicht besonders hoch einzuschätzen war.
Die Detzstellung, links am Plateau der Fürstkopf, anschließend der Sasso di Costabella
Foto: Stadtarchiv Dornbirn, Fotosammlung Franz Beer
Der Fürstkopf als vorderste Verteidigungsstellung wurde stets mit 15 Standschützen besetzt, diesmal durch die Dornbirner Jungschützen, die erst im Sommer zur Truppe gelangt waren. Ein Minenvolltreffer zerstörte den Unterstand und tötete sieben der Standschützen. Wenig später gelang es einer Alpini-Sturmabteilung, in den Stützpunkt einzudringen und die restlichen Verteidiger gefangen zu nehmen. Oberleutnant Löwy wollte daraufhin selbst erkunden, was auf dem vorgeschobenen Stützpunkt geschehen sei und wurde Opfer einer Luftmine, die ihn in Stücke zerriss. Die restlichen Verteidiger der Detzstellung mussten noch mehrere Stunden schweres Minenfeuer über sich ergehen lassen, bevor der italienische Sturmangriff erfolgte. Da die eingeebneten Schützengräben für eine Verteidigung nicht mehr benutzbar waren, zogen sich die Österreicher hinter den Steinwall, der die wenigen Baracken schützte, zurück. Es gelang ihnen nicht, die letzten zwei vorhandenen Maschinengewehre feuerbereit zu machen. Herumschwirrende Steinsplitter hatten die Mechanismen der automatischen Waffen derart blockiert, dass eine sofortige Behebung unmöglich wurde. Der kommandierende Offizier gab nun den Befehl „Rette sich wer kann“. Dies war nur in eine Richtung möglich, nämlich über einen abschüssigen Steilhang in Richtung der Forca Alpe. Neben einer Anzahl von Landsturmleuten gelang dies nur drei Standschützen. Das Dornbirner Bataillon verlor an diesem Tag von den eingesetzten 31 Standschützen insgesamt 27 Mann.
Die sofortige Meldung des Bataillonskommandos nach Dornbirn über die schweren Verluste der Einheit rief in der Heimat große Bestürzung hervor. Wer war zu Tode gekommen oder in Gefangenschaft geraten? Dies klärte sich zum Teil durch einen Brief an die Ersatzabteilung in Dornbirn. Kompaniekommandant Ernst Rhomberg schreibt an seinen Bruder Leutnant Julius Rhomberg Folgendes:
„Lieber Bruder! Sende dir mitfolgend das Verzeichnis der gefangenen Standschützen der I. Kompagnie. Drei davon dürften tödlich verwundet sein, Batruell, Diem und Wilhelm. Um die vorgeschobenen Stellungen wurde heftig gekämpft. Meine Leute hielten sich außerordentlich tapfer. Beim Angriff ließen wir die Italiener bis auf 10 Schritte heran und empfingen sie mit Handgranaten und Gewehrschüssen. In einem Graben unter uns zählten wir über 70 tote Feinde. Leider fiel dabei auch Standschütze Ferdinand Ölz, dessen Tod sofort eintrat. In der Nacht folgte noch ein starker Angriff, der restlos abgewiesen werden konnte. Durch Umgehung und von Nebel geschützt eroberten die Italiener die vorgeschobene Stellung, in der außer aktiven Truppen 30 Mann unserer I. Kompagnie dabei waren. Inzwischen war die I. Kompagnie, von Leutnant Fetz geführt, in die hoch gelegene Scharte, die zur Stellung hinab führt, gelangt und konnte von dort beobachten, wie Gefangene und Verwundete in größerer Zahl abgeführt wurden, sodass doch die Hoffnung besteht, dass der größte Teil einst wieder heimkehren wird, was Gott den Eltern geben möge. Unsere Standschützen haben sich sehr tapfer gehalten und bis zum letzten Moment gewehrt“.[1]
Eine spätere Bilanz ergab folgende Verluste: Gefallen auf der Detzstellung waren sieben Mann und ein Mann beim weiterführenden Angriff auf die Lasteischarte. 20 Mann gerieten teilweise verwundet in Gefangenschaft, wovon zwei noch in der Gefangenschaft starben.
[1] Vorarlberger Landesarchiv (VLA) Rep. 14-187, Signatur 23/93.
Zwei Tage vor dem Fall der Detzstellung erfolgt ein Besuch des Bataillonskommandos. Stehend rechts außen Major Max Wehinger, mittig Hauptmann Ernst Rhomberg, links außen Oberleutnant Löwy.
Die Kompanie Rankweil bei der Festung Dossaccio
Im Hintergrund der Cauriol, vorne Standschützenstellung auf Litegosa
Die Kämpfe in den Fleimstaler Alpen nahmen ebenfalls an Heftigkeit zu. Den Italienern gelang es durch Unterstützung ihrer Artillerie beidseits des Rollepasses vorzudringen und beherrschende Höhen wie den Castellazzo, die Cavallazza und den Colbricon zu erobern. Am 23. August begannen die Kämpfe um den Cauriol. Die Hauptlast der Kämpfe um den Cauriol wurde von Soldaten der regulären Streitkräfte ausgefochten. Zwar gelang es den Italienern, den strategisch wichtigen Gipfel zu erobern, konnten die österreichischen Verteidiger aber nicht von den angrenzenden beherrschenden Höhen vertreiben. Die Kämpfe wurden mit äußerster Heftigkeit geführt, so hatte alleine das bosnisch-herzegowinische Feldjägerbataillon Nr. 3 innerhalb weniger Tage insgesamt 414 Soldaten an Verlusten zu beklagen. Die Feldkircher Standschützen waren teilweise in diese Einsätze eingebunden, blieben aber von größeren Verlusten verschont.
Das Rankweiler Bataillon war inzwischen auf eine Kompanie geschrumpft und war in der Festung Dossaccio und einigen umliegenden Stützpunkten stationiert. Auch dieses Werk stand unter schwerem Beschuss der italienischen Artillerie, welcher einige Verwundete bei den Standschützen forderte. Todesopfer hingegen gab es bei den abkommandierten Standschützen zu Maschinengewehrabteilungen. So verstarb Leutnant Luger, durch einen Granatsplitter am Kopf schwer verwundet, am 1. Oktober in der chirurgischen Klinik in Innsbruck. Ein weiterer abkommandierter Standschütze, Josef Schnetzer, war bereits im Juli durch einen Artillerievolltreffer ums Leben gekommen.
Das Bregenzer Bataillon kam Ende Jänner auf Retablierung nach Welsberg. Dort erfolgte eine Inspizierung durch den Divisionskommandeur General von Roth. Die Bregenzer Schützen widmeten sich nun in ihrer Freizeit, fern der Front, wieder ihren ursprünglichen Tätigkeiten und veranstalteten ein Fest- und Freischießen wie zu Friedenszeiten. Am 4. April kam der Abmarsch in das neue Einsatzgebiet, das Fanestal. Dem Bataillon oblag die Sicherung des Tals, das teilweise im Sichtbereich der Italiener lag. Nach Aussagen der Standschützen lag dieses Einsatzgebiet „sieben Stunden hinter der Welt“.
Blick in das verschneite Fanestal
Regelmäßiges Artilleriefeuer auf die verschiedenen Stützpunkte und auch Scharfschützen zwangen zur erhöhten Aufmerksamkeit. Hauptmann Raschin, Kommandant der dort stationierten Kaiserjäger Streifkompanie Nr. 6 unternahm mit seinen Leuten verwegene Unternehmungen, denen sich auch teilweise die Standschützen anschlossen. Einen großen Verlust für das Bataillon brachte der Winter 1916 auf 1917. Eine Feldwache am Vallon Bianco war durch Schneefall seit zwei Tagen abgeschnitten und die Verbindung unterbrochen. Es gelang einer siebenköpfigen Gruppe am 9. November, die Feldwache zu erreichen und die erschöpften Kameraden zurückzubringen. Um ihnen den Abstieg zu erleichtern, bahnten zehn Mann von der 2. Kompanie talaufwärts den Weg. Auf einmal ein Zischen und Rauschen, anschließend Totenstille. Alle zehn Mann am Hang waren verschwunden. Einzig der Standschütze Engelbert Gasser überlebte, der Luftdruck der Lawine warf ihn auf die Seite des Schneefeldes. Der Lawinenkegel hatte eine Breite von 200 Meter und eine Länge von 500 Meter. Die hartgepresste Schneetiefe betrug zwei bis sechs Meter. Die sofort eingesetzten Bergearbeiten mussten wegen neuerlicher Lawinenabgänge eingestellt werden. Nach zwei Tagen wurde die Bergung wieder aufgenommen, es konnten aber nur drei Lawinenopfer tot geborgen werden. Damit die sich noch unter der Lawine befindlichen Soldaten bei der kommenden Schneeschmelze nicht in den Fanesbach gelangten, wurde auf Anordnung von Major Steurer Gräben parallel zum Fanesbach gegraben. Es dauerte aber trotzdem bis Juli nächsten Jahres, bis der letzte Standschütze geborgen werden konnte. Drei Tage später, am 12. November, traf der Lawinentod wieder drei Bregenzer Standschützen, die der Hochgebirgskompanie Nr. 17 auf Forame zugeteilt waren.
Die Grabstätte der verunglückten Standschützen des Bataillons Bregenz (Gemeindearchiv Wolfurt)
Auch die Dornbirner Schützen, die im San-Nicolo-Tal stationiert waren, hatten unter den Lawinenabgängen zu leiden. Das Lager in Ciampiè geriet in einen Ausläufer einer Lawine und wurde unter Schnee begraben. Ein Mann, der sich gerade in der Latrine befand, wurde samt den Häuschen mitgerissen, überlebte dieses Abenteuer, allerdings schwer unterkühlt, da er nur mit Hemd und Unterhose bekleidet war. Weit mehr Verluste forderte ein Lawinenabgang am 13. Dezember, der die Mittelstation der zur Costabella führenden Seilbahn wegriss. Standschütze Josef Schneider wurde vom Luftdruck talwärts geschleudert, konnte aber unter Aufbietung aller Kräfte das Lager in Ciampiè erreichen und vom Unglück berichten. Eine sofort zusammengestellte Pioniereinheit, die zur Mittelstation aufsteigen wollte, wurde ebenfalls Opfer einer Lawine. Sieben Mann dieser Einheit konnten nur noch tot geborgen werden. Als man am nächsten Tag die Stelle erreichte, wo sich die Mittelstation befunden hatte, konnte man nur noch Tote bergen. Darunter auch der Standschütze Karl Pregler, der sich als Maschinist auf dieser Station befunden hatte.
Kampfgebiet Monte Civaron
Das Fleimstaler Gebiet blieb ebenfalls nicht von Lawinen verschont, forderte aber glücklicherweise keine Todesopfer unter den Standschützen.
Die Bludenzer Standschützen hatten inzwischen erneut das Einsatzgebiet gewechselt. Sie bezogen Stellung am Monte Civaron. Hier verlor das Bataillon einen seiner tüchtigsten Unteroffiziere, Zugsführer Alexander Butzerin. Von einem Patrouillengang zurückkehrend, wurde er von einem eigenen Kameraden erschossen, der die Situation falsch einschätzte.
Die Maschinengewehrabteilung der Bezauer Standschützen auf Monte Cadria
Foto: Sammlung Werner Beer / Bezau
Die Auflösung des Bataillons erfolgte im Juni, die Einheit wurde unter der Bezeichnung „Standschützenkompanie Bludenz“ weitergeführt. Ab August wurde die Kompanie an der Front am Masobach eingesetzt, wo den Feldwachen die arge Hitze und das 24 Stunden anhaltende feindliche Feuer arg zusetzte. Im Oktober kam es zur Verlegung nach Mezza Selva, wo man zusammen mit den Standschützen aus Kaltern die Assaschlucht sicherte. Kurz vor der Weihnachtszeit kam es zu einem erneuten Stellungswechsel, der nach Roana in der Nähe von Asiago führte. Den Bludenzer Standschützen wurde in diesem Jahr eine große Anzahl an Medaillen verliehen, was trotz fehlender Chronik und Unterlagen beweist, dass die Einheit dauernd im Kampfeinsatz war.
Die Bezauer Standschützen blieben das ganze Jahr 1916 in Judikarien stationiert. Neben den Sicherungsaufgaben im Bereich des Festungsgürtels von Lardaro war ihnen unter anderem die Verteidigung des Monte Cadria anvertraut. Drei Stützpunkte sicherten den strategisch wichtigen Gipfel, allerdings gestaltete sich die Versorgung im Winter schwierig. Zwei weitere Stützpunkte befanden sich auf dem Mazon, ein weiterer Horchposten im Conceital, das Niemandsland war. Ausgedehnte Patrouillengänge hatten aufzuklären und zu verhindern, dass sich feindliche Kräfte im Tal festsetzten.
Am 22. November erreichte die Soldaten die Nachricht vom Tod des Kaisers Franz Joseph I., der am Vortag verschieden war. Zu den Trauerfeierlichkeiten entsandten alle Vorarlberger Standschützeneinheiten Abordnungen nach Wien. Die Vereidigung auf seinen Nachfolger, Kaiser Karl I., erfolgte je nach Verfügbarkeit der Truppen zwischen dem 24. und 26. November.
Das Jahr 1916 brachte den Vorarlberger Standschützen folgende Verluste:
Gefallen oder Tod durch Verwundung oder Krankheit: 41 Mann
Tod durch Lawinenabgänge: 21 Mann
Vermisst: 7 Mann
In Gefangenschaft geraten: 20 Mann