Das Kriegsjahr 1917
Das Kriegsjahr 1917
Das neue Jahr begann gleich, wie das alte geendet hatte. Unmengen von Schneefällen ließen die Kampftätigkeit auf ein Minimum sinken und beide Kriegsparteien hatten in den Naturgewalten einen neuen Gegner gefunden. Erfreulich für die älteren Standschützen war, dass im Jänner der Befehl erlassen wurde, alle Schützen, die das Alter von 50 Jahren überschritten hatten, in die Heimat zur Wachabteilung zu überstellen.
Direkt nach der Regierungsübernahme durch Kaiser Karl I., der zugleich auch der oberste Kriegsherr war, wurde von ihm das Karl-Truppen-Kreuz gestiftet, das ab Jahresbeginn verliehen wurde. Jeder Soldat, der über sechs Monate im Frontbereich eingesetzt wurde, hatte Anspruch auf diese Medaille. Im September stiftete er die Verwundetenmedaille, deren Trageband in fünf Stufen (Anzahl der Verwundungen) zur Ausgabe gelangte. So konnte sich auch der normale Soldat mit sichtbaren Auszeichnungen schmücken, die ihn als Frontsoldaten auswiesen.
Weitreichende Änderungen in diesem Jahr gab es bei der Ausrüstung. Im April wurde die Gasmaske eingeführt. Bedingt durch die Verwendung von chemischen Stoffen im Kampfeinsatz bei beiden Kriegsparteien war diese Einführung eine dringende Notwendigkeit. Von jeder Kompanie wurde ein Beauftragter zu Gasschutzkursen abgestellt, der anschließend in seiner Einheit die Soldaten über Handhabung und Gebrauch zu instruieren hatte. Der zweite Ausrüstungsteil, der neu zum Einsatz kam, war der Stahlhelm, damals noch als Sturmhelm bezeichnet. Dieser war nur an der vordersten Front zu finden und war bei Truppenablösungen an die neuen Einsatzkräfte abzugeben.
Standschütze Thomas Bischof im Einsatz mit Gasmaske
Im Rayon IV kam es im Grenzabschnitt 8d zu einem Kommandowechsel. Oberst Seyfried trat in den Ruhestand, sein Nachfolger wurde Oberstleutnant Detz. Das unter seinem Kommando stehende Halbbataillon Dornbirn, das zu diesem Zeitpunkt zwei Kompanien umfasste, wurde zu einer Kompanie zusammengezogen und als „Standschützenkompanie Dornbirn“ weitergeführt. Nach wie vor war die Kompanie im San-Nicolo-Tal stationiert und hatte die Feldwachen zur Sicherung der Costabella und weitere Gipfel zu besetzen. Eine abgefangene feindliche Nachricht im Frühjahr beinhaltete, dass ein unmittelbarer feindlicher Angriff auf diese Gipfel zu erwarten sei. Sofort wurde Verstärkung angefordert, die auch vom Infanterieregiment Nr. 74 bereitgestellt wurde. Durch die Einbeziehung der Marmolata in die Frontlinie 1916 war der ganze Costabellakamm ein Angelpunkt für beide Kriegsparteien geworden. Am 4. März setzte ein derart starkes Artillerie- und Minenfeuer auf die Costabella-Gipfelstellung ein, dass die Besatzung in der vorhandenen Kaverne Schutz suchen musste. Ein Volltreffer zerstörte den Eingang der Kaverne, tötete acht Soldaten und verletzte einen weiteren Teil der Besatzung. Als die Alpini zum Sturmangriff auf die Stellung ansetzten, gelang es den in der Kaverne Eingeschlossenen nicht mehr, sich zu befreien und in das Kampfgeschehen einzugreifen. Karl Springenschmid, damals Angehöriger der Hochgebirgskompanie Nr. 24, führt in seinem Bericht über diese Kämpfe an, dass von seiner Kompanie in der Stärke von 130 Mann lediglich 40 diesen Tag unbeschadet überstanden hätten.
Das Abschnittskommando versuchte vorerst, Verstärkung in die bedrohte Stellung zu beordern. Eine Halbkompanie vom Infanterieregiment Nr. 74 stieg zur Costabella auf, geriet bei der Mittelstation der Seilbahn in ein starkes Minenfeuer, das ein Weiterkommen verhinderte. Nicht viel besser erging es den Dornbirner Standschützen unter dem Kommando von Oberleutnant Bösch, die zur Lasteischarte aufsteigen sollten, um von dort aus zur Costabella zu gelangen. In einer Schneemulde im aufwärtsführenden Kar gerieten sie ebenfalls in das Minenfeuer, dem sie deckungslos ausgeliefert waren. Blickte man den Hang aufwärts, erkannte man, dass die Costabella und die angrenzende Campagnaccia unter schwerem Artilleriefeuer lagen. Durch die Luft wirbelnde Bretter zeugten davon, dass mancher Unterstand einen Volltreffer erhalten hatte. Die Standschützen hatten insofern Glück, dass die Schneemulde mehrere Meter tief war und viele Geschosse nicht detonierten, sondern nur im Schnee versanken. Der zuständige Abschnittskommandant Oberstleutnant Bily war in totaler Unkenntnis über die Sachlage auf den Gipfelstellungen. Er versprach den Soldaten, die ihm über die Gefechtslage in den Gipfelstellungen einen Bericht bringen würden, die Goldene Tapferkeitsmedaille. Es gelang aber keinem Melder zur Costabella vorzudringen; zwei von ihnen fanden den Tod, einer davon war der Patrouillenführer Armin Riedmann. Ein Sprengstück war ihm vom Rücken in die Lunge gedrungen und hatte sein junges Leben jäh beendet. Erst am Abend gelang es Standschützenleutnant Wilhelm Helbock, mit zwei Mann zu der in unmittelbarer Nähe liegenden Campagnaccia vorzudringen und den gewünschten Situationsbericht dem Abschnittskommando mitzuteilen. Einer gemischten Kampfgruppe der 179. Infanteriedivision gelang es nach 14 Tagen, den Costabella-Gipfel mit starker Artillerieunterstützung wieder zurückzuerobern. Den Italienern erging es gleich wie zuvor den Kaiserjägern. Eingeschlossen in der Kaverne mussten sie sich ergeben. Einer der wenigen Opfer der Wiedereroberung war der junge Standschütze Johann Georg Sinz, der nach Absolvierung eines Sturmkurses an diesem Unternehmen teilgenommen hatte.
Von nun an war der Kampfraum Costabella der Tätigkeitsbereich der regulären Truppen. Die südlich gelegenen Vorstellungen des Gipfels blieben im Besitz der Italiener, die sich gegenüberliegenden Stellungen waren nur wenige Meter entfernt.
Karl Springenschmid vermerkte in seinen Berichten, dass sich die Posten gegenseitig mit Zigaretten und Polenta aushalfen, falls sich kein höherer Offizier in der Nähe befand. Erwähnung findet auch ein italienischer Tenor, der in nächtlicher Stunde sein Repertoire für Freund und Feind zum Besten gab. Im Sommer mussten die Dornbirner Standschützen das von ihnen erbaute Lager Ciampiè räumen und wurden zu Sicherungsaufgaben auf die Forca Alpe verlegt.
Sterbebild von Johann Georg Sinz, gefallen am 16. März 1917
Die Bregenzer Standschützen begannen das neue Jahr mit einer Retablierung in St. Vigil im Enneberg. Dabei wurden 50 Standschützen, die die Altersgrenze erreicht hatten, in die Heimat zur Wach- und Ersatzabteilung überstellt. Drei Mann davon blieben freiwillig bei ihrer Einheit. Anschließend ging es zurück ins Fanestal, wo den Standschützen die Freihaltung der Nachschubwege von der Provianturstelle im Gadertal bis zu den Stützpunkten im Tal oblag. Diesmal ließ der Sommer lange auf sich warten, bevor er endgültig Einzug hielt. Sämtliche Arbeiten an den Stützpunkten, die namentlich mit den Bezeichnungen Bregenz, Innsbruck, Schneller und Wellblech geführt wurden, mussten unter ständiger Gefahr feindlicher Beschießung durchgeführt werden. Italienische Scharfschützen beschossen aus überhöhten Stellungen vor allem die auf Posten stehenden Standschützen. Einige schwere Verletzungen waren auf diese Scharfschützentätigkeit zurückzuführen. Für den Standschützen Josef Waibel kam jede Hilfe zu spät, ein Schuss in die Lunge verletzte ihn tödlich. Einen weiteren Todesfall gab es bei einer Instruktion über den Gebrauch von Handgranaten. Als Standschütze Engelbert Gmeiner die Abzugsvorrichtung der Handgranate betätigte, explodierte diese sofort ohne Verzögerung. Er verschied wenige Minuten später am Unglücksort.
Das Basislager der Standschützen in Ciampiè
Foto: Stadtarchiv Dornbirn, Fotosammlung Franz Beer
Als es Herbst wurde, begannen sich die Standschützen auf den kommenden Winter vorzubereiten und einen Vorrat an Brennholz anzulegen. Dies war nicht so einfach, denn das Fanestal war im Verlauf der letzten zwei Jahre fast ausgeholzt worden. Ende Oktober zeigte sich das Tal bereits in weißer Pracht, die ersten Schneefälle waren eingetreten. Am 24. Oktober erreichte die Einheit die Nachricht von der erfolgreichen Offensive am Isonzo und dem Vormarsch der verbündeten Truppen bis an den Tagliamento.
Bereits einen Tag später wurden die zuvor heiß umkämpften Stellungen bei Lorto und Ponte Alto von den Italienern aufgegeben. Da seitens des Abschnittskommandos keine Befehle über eine weitere Vorgehensweise erteilt wurden, nahmen dies die Standschützen selbst in die Hand. Eine starke Patrouille unter dem Kommando von Leutnant Lang kam am späten Nachmittag bis Cortina d’Ampezzo, wo sofort der nördliche Teil der Ortschaft gesichert wurde. Ein Telegramm vom 5. November – aufgegeben von Leutnant Lang an den Bataillonskommandanten Major Steurer – beweist dies auch gegenüber später anderslautenden Darstellungen über die Besetzung von Cortina d’Ampezzo. Ende November kam der Befehl zur Verlegung des Bataillons. Zuerst mit der Eisenbahn über Bruneck nach Trient, von dort im Fußmarsch weiter nach Arco am Gardasee, ihrem neuen Einsatzgebiet.
Ähnlich verlagerte sich auch das Kampfgeschehen in den Fleimstaler und Fassaner Dolomiten. Rauchsäulen hinter der italienischen Frontlinie – verursacht durch Niederbrennen von Unterkunfts- und Magazinbaracken – zeugten vom Rückzug der italienischen Truppen.
Dornbirner Standschützen beim Abmarsch am Pellegrinopass nach Falcade
Foto: Stadtarchiv Dornbirn, Fotosammlung Franz Beer
Die Feldkircher Standschützen erhielten den Befehl, sich marschbereit zu machen, verblieben aber in Cavelonte und wurden dem Rücklasskommando zugeteilt. Es galt nun die bisherigen Stellungen zu räumen und das dort gelagerte Kriegsmaterial in das Hinterland zu überstellen. Auch bei den Rankweiler Standschützen wurde ein erteilter Marschbefehl wieder aufgehoben und die Kompanie zur Räumung von militärischen Gütern im Kampfgebiet rund um den Rollepass eingesetzt. Die Dornbirner Standschützen drangen vom Pellegrinopass aus bis zur Ortschaft Falcade vor und suchten am dortigen Friedhof die Gräber ihrer gefallenen Kameraden von den Kämpfen um die Detzstellung. Leider waren die Soldatengräber nur mit Nummern versehen und so blieb das Schicksal der Kameraden ungewiss. Auffallend in der Ortschaft war, dass man einige junge Burschen antraf, die wohl zivile Röcke trugen, deren Hosen aber einwandfrei militärischen Ursprungs waren. Es handelte sich dabei um italienische Soldaten, die den Rückzug verpasst, oder ihn bewusst nicht wahrgenommen hatten. Sie traten den Weg in die Gefangenschaft an, teilweise sichtlich erleichtert, dass für sie das Kriegsgeschehen ein Ende gefunden hatte.
Skizze einer italienischen Landmine mit Zugzünder
Die Bezauer Standschützen, zur Sicherung in Judikarien eingeteilt, hatten in diesem Jahr erstmals Verluste bei ihren Patrouillengängen zu verzeichnen. Bei einem Patrouillengang im Conceital traten zwei Mann auf eine italienische Landmine und wurden sofort getötet. Die elf Mann starke Patrouille war bereits drei Stunden im Niemandsland unterwegs gewesen, als sie 200 Meter vor sich eine italienische Stellung wahrnahm. Die Patrouille teilte sich in zwei Gruppen und schlich der Stellung zu, als die kleinere Gruppe, die drei Mann umfasste, in ein ausgelegtes Minenfeld geriet. Einer der Männer löste dabei durch Berühren eines Stolperdrahtes die Zündung einer Landmine aus, die folgende Detonation tötete zwei Männer. Eine sofortige Bergung der Toten war nicht möglich, da die Italiener das Feuer auf die Standschützen eröffneten. Erst nach Tagen gelang die Bergung beider Kameraden, die auf dem Soldatenfriedhof in Bondo ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.
Die Bludenzer Standschützen lagen im ersten Halbjahr bei Roana in Stellung und wurden mehrmals in Kampfhandlungen verwickelt. Bei einem feindlichen Angriff im Juli auf eine ihrer Feldwachen fielen die Standschützen Gebhard Bertsch und Anton Düngler, fünf weitere erlitten teilweise schwere Verletzungen. Ende desselben Monats wurde die Bludenzer Kompanie nach Judikarien zur 50. Halbbrigade verlegt, wo sie bis zum Jahresende verblieb.
Das Jahr 1917 brachte den Vorarlberger Standschützen folgende Verluste:
Gefallen oder Tod durch Verwundung oder Krankheit: 36 Mann.