Das Ende und Kriegsgefangenschaft
Das Ende und Kriegsgefangenschaft
Dass das Kriegsende unmittelbar bevorstand, wurde den Standschützen bereits Ende Oktober bewusst. Oberleutnant Wilhelm Mohr und drei weitere Unteroffiziere der Bregenzer Standschützen hatten sich am 31. Oktober in Tione beim Divisionsgericht einzufinden. Es galt, einen Schuldigen für den Abbrand der Seilbahn-Kopfstation auf der Rochetta zu finden. Als sie in Tione eintrafen, erfuhren sie, dass der Auditor (Militärrichter) mit seinem zuständigen Stab bereits nach Trient abgereist war. Es war auch nicht zu übersehen, dass von höheren Offizieren Transportfahrzeuge aller Art beschlagnahmt wurden und umfangreiche Verlegungen in Richtung Trient erfolgten. Auch die Rückkehr der vier Standschützen nach Pinzolo verzögerte sich, da der Postbus gleichfalls Opfer der Requirierung geworden war.
Teile von tschechischen Truppen hatten bereits am 28. Oktober ihre zugewiesenen Stellungen verlassen, ungarische Truppen folgten am 1. November. Das Standschützenbataillon Bregenz erhielt definitiv am 2. November den Befehl, die in verschiedenen Stellungen und Bereichen stationierte Mannschaft zusammenzuziehen und für einen Abmarsch in Richtung Madonna di Campiglio bereitzuhalten.
Der Abmarsch der 1. und 2. Kompanie erfolgte am 3. November und führte bis Carisolo – in der dortigen Glasfabrik wurde genächtigt. Es herrschte bereits das größte Chaos: Raub, Diebstahl und Plünderungen standen auf der Tagesordnung. Am 4. November ging der Marsch in Richtung Madonna di Campiglio weiter. Endlose Kolonnen strömten Richtung Norden, wo sie kurz nach San Antonio von italienischen Reitern, die eine weiße Fahne schwenkten, überholt und zu Gefangenen erklärt wurden. Die 3. und 4. Kompanie des Bregenzer Bataillons war bereits etwas früher abmarschiert, doch auch sie ereilte dasselbe Schicksal wie die beiden anderen Kompanien. In der Ortschaft Malè mussten sie sich ebenfalls ergeben. Italienische Truppen, die über den Tonalepass gekommen waren, sperrten den Rückzugsweg der österreichischen Truppen. Ein endloser Zug von Gefangenen zog Richtung Süden, querte beim Idrosee die ehemalige Reichsgrenze und gelangte nach einigen Tagen Fußmarsch in das Sammellager Castenedolo bei Brescia.
Marsch in die Gefangenschaft längs des Idrosees
Foto: Sammlung Werner Beer / Bezau
Den der Standschützengruppe 2 angehörenden Kompanien Feldkirch-Rankweil und Bludenz gelang es ebenfalls nicht, sich rechtzeitig aus den Höhenstellungen zu lösen und vor den Italienern die talauswärts führende Tonalestraße zu erreichen.
Ihr Weg in die Gefangenschaft führte über die jahrelang umkämpfte Passhöhe am Tonale nach Ponte di Legno, von dort Richtung Süden und ebenfalls in das Lager Castenedolo. Dieses Lager, ursprünglich als Straflager für desertierte und meuternde italienische Armeeangehörige errichtet, war ein riesiger Komplex mit mehrfachem Stacheldrahtverhau.
Das Sammellager Castenedolo bei Brescia
Während die Mannschaft sich mit Unterbringung in Zelten begnügen musste, konnten sich zumindest die Offiziere in einem gemauerten Gebäude einquartieren. Unzureichende Verpflegung, Nässe und Kälte des beginnenden Winters setzte den Gefangenen stark zu, die ersten Todesopfer waren zu beklagen. Anfang Jänner begann die Bildung von Arbeitskompanien, deren Einsatzgebiet mit Italien und Albanien festgelegt wurde. Ein Teil der Standschützen verblieb in Italien, wobei es diejenigen, die für Arbeiten bei Großgrundbesitzern eingesetzt wurden, besser hatten als jene, die in Süditalien für Arbeiten in Minen eingesetzt wurden.
Das Lager Pineta Lagora in Albanien
Noch schlimmer erging es den Gefangenen, die nach Albanien gebracht wurden. Die Hitze und Malaria setzte den Gefangenen derart zu, dass von einem geregelten Arbeitsablauf keine Rede sein konnte. Dementsprechend war hier die Todesrate unter den Gefangenen um einiges größer als auf dem italienischen Festland. Erst mit dem Friedensschluss von Saint-Germain-en-Laye im September 1919 begann die Rückführung der Gefangenen, wobei noch einige auf der Heimfahrt den Strapazen der Gefangenschaft erlagen. In der italienischen Gefangenschaft verstarben 72 Vorarlberger Standschützen, in der Heimat nochmals 27 an den Folgen des Krieges oder der Gefangenschaft. Genauso wie die anderen Soldaten, die von der Front oder der Gefangenschaft heimkehrten, mussten sich die Standschützen nun in einem Staatsgebilde zurechtfinden, das beileibe nicht mehr mit den Idealen vor 1914 zu vergleichen war.
Über die genauen Verluste der Vorarlberger Standschützen gibt es verschiedene Aufarbeitungen, teilweise von kirchlicher Seite oder durch Historiker. Die Zahlen bewegen sich zwischen 278 und 286 Opfern. Der Einsatz der Standschützen im Ersten Weltkrieg verschwand in den letzten Jahrzehnten immer mehr aus dem Gedächtnis der Bevölkerung. Erst 2014, als man sich an die Tragödie des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren zu erinnern begann, wurde das Thema „Standschützen“ wieder der Öffentlichkeit zugeführt.
Quellenhinweis: Auszug aus dem Buch „Vorarlbergs Standschützen im I. Weltkrieg“ von Peter Tschernegg und Sigi Schwärzler, Dornbirn 2014, im Eigenverlag. Foto- und Bildmaterial: Außer den besonders angeführten Fotoquellen stammen alle Fotos aus dem Bestand Peter Tschernegg/Dornbirn.