Das letzte Aufgebot Oberösterreichs

Verabschiedung des Freiwilligen oberösterreichischen Schützenregiments auf dem Linzer Hauptplatz

Leutnant Dr. Oskar Schmotzer

„Als zu Beginn des Jahres 1915 kaum mehr ein Zweifel bestand, dass Italien an der Seite unserer Gegner in den Krieg eintreten werde, wurde der oberösterreichische Landesschützenverband in aller Stille von der O.Ö.k.k. Statthalterei aufgefordert, eine Freiwilligentruppe zu organisieren.

In Linz rückten unter dem Jubel der Bevölkerung gegen 1.700 Mann ein. Zugelassen waren nur Mindertaugliche, die bei den vorangegangenen Musterungen als nicht geeignet befunden worden waren, ferner die zu jungen und die zu alten.

Von den Mittelschulen strömten die oberen Klassen vielfach mit ihren Lehrern herbei; Lehrlinge, Gehilfen und Meister verließen ihre Werkstätten, Knechte und Bauernsöhne, Haus und Hof und Pflug.
Der Älteste war 68 Jahre, der Jüngste kaum vierzehn Jahre alt. Sieben Väter meldeten sich mit ihren Söhnen. 31 Brüderpaare, in einem Falle sogar drei Brüder.“
[1]

[1] Dr. Oskar Schmotzer, Leutnant der k.k. Freiwilligen OÖ Schützen in nachgelassenen Aufzeichnungen. Manuskript der von ihm verfassten Regimentsgeschichte im Landesarchiv OÖ in Linz

Schützenleutnant Dr. Hans Commenda

Schützenleutnant Dr. Hans Commenda schilderte den Auszug der oberösterreichischen Schützen aus Linz folgendermaßen (verfasst 1915):

„So steht denn Punkt halb sechs Uhr früh das Bataillon marschbereit zum letzten Male im Hof der Kaserne. Die Vöglein zwitschern von alten Bäumen lustig in den jungen Tag hinein und machen uns eine feine Abschiedsmusik. […]

Schon schallen helle Kommandoworte über den Platz, ein letzter Blick noch hinauf zu den Fenstern des stattlichen Schulhauses, das uns so lange als Heimstätte gedient und dann gehts hinaus durchs Tor im gleichen Schritt und Tritt zum Platz hin, wo das Regiment versammelt steht…

Eine markige Ansprache des Generals, einige herzliche Abschiedsworte seitens der Stadtvertretung, die Regimentsmusik spielt das ,Gebet vor der Schlacht‘ und dann zieht die blumen- und fahnengeschmückte junge Schar der oberösterreichischen Schützen beim Klang des jedem Österreicher altheiligen Radetzkymarsches hinaus aus der Stadt zum Bahnhof.

Die Einwaggonnierung in Linz

Postkartenmotiv der Freiwilligen oberösterreichischen Schützen

Am 24. August 1915 langten die Freiwilligen Schützen aus Oberösterreich auf der Hochfläche von Folgaria und Lavarone ein. Der berühmte Bergsteiger Luis Trenker, damals Festungsartillerist des Sperrwerkes Verle (Rocca Alta), begegnete ihnen. Er berichtet folgendermaßen darüber:

Postkartenmotiv der Freiwilligen oberösterreichischen Schützen

„Als wir gegen die Straße kamen, die von Monte Rover her ins Assatal führt und jetzt bei unserer Widerstandslinie endet, hören wir helle Stimmen singen. Ein ergreifendes Bild: der Himmel zuckt immer wieder von den Mündungsflammen italienischer Geschütze, dumpf rollen die Abschüsse, aus der Richtung Rocca Alta dröhnen Einschläge, bellen Schrappnells, und hier marschieren junge Leute durch die Nacht und singen mit ihren hellen hohen Stimmen: ,Dass sich unsere alte Kraft erprobt, wenn der Schlachtruf uns entgegen tobt, haltet aus im Sturmgebraus!‘

Wer ist das? Viele unter ihnen höchstens sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Die Rüstung hängt schwer und übergroß an ihren schmalen Gestalten, manchem reicht das Gewehr bis unter die Knie. Aber sie marschieren rasch, taktfest, und von vorne kommt ein neues Lied, wird übernommen, braust mächtig zum sternklaren, feuerdurchzuckten Himmel auf: ,Stimmt an mit hellem, hohem Sang, stimmt an das Lied der Lieder, des Vaterlandes Hochgesang das Waldtal hallt es wider …‘

‚Wer seid ihr?‘, rufen wir einen an. ,Oberösterreichische Jungschützen!‘, antwortet eine ganze Doppelreihe, und es liegt so viel Stolz, Wagemut und Entschlossenheit in diesen Worten, dass es mich kalt überläuft. Mein Gott, ahnen denn die Burschen da, was ihnen bevorsteht ? Werden ihre Seelen nicht an der grausamen Wirklichkeit da vorne zerbrechen?

Das sind Soldaten, die man zum Angriff führen müsste und nicht in den trostlosen Hexenkessel, den diese Front wahrscheinlich in wenigen Stunden darstellen wird.“ [3]

[3] Der Festungsartillerist Luis Trenker in seinem Buch: „Sperrfort Rocca Alta“ über das Eintreffen der Freiwilligen OÖ Schützen am 24. August 1915 auf der Hochfläche von Folgaria-Lavarone.

Sturmpatrouille der Freiwilligen oberösterreichischen Schützen

Freiwillige oberösterreichische Schützen auf der Hochfläche von Folgaria-Lavarone

Unterstand bei Werk Verle auf der Hochfläche von Folgaria-Lavarone

Dekorierung in Carisolo im Adamellogebiet

Schützenbegräbnis in Rovereto

Auf der Hallehütte am Ortler

Der Sturmtruppführer der Freiwilligen oberösterreichischen Schützen, Albin Prokesch aus Linz, erstürmte im Alter von 18 Jahren mit seinem Sturmtrupp eine feindliche Stellung im Valsugana und errang dadurch die Große Goldene Tapferkeitsmedaille.

Der Geist und der Mut, der die Freiwilligen des oberösterreichischen Schützenregiments – das dann auf ein Bataillon geschrumpft war – während des großen Krieges beseelt hatte, spiegelte sich in den Auszeichnungen, die sie erhielten, wider:

1 Goldene Tapferkeitsmedaille, 2 Ritterkreuze des Leopoldsordens, 1 Offizierskreuz des Franz-Joseph-Ordens, 3 Eiserne-Krone-Orden, 123 Silberne Tapferkeitsmedaillen Erster und 384 Silberne Tapferkeitsmedaillen Zweiter Klasse, 856 Bronzene Tapferkeitsmedaillen, 42 Signum Laudis, 20 Goldene Verdienstkreuze, 14 Militär-Verdienstkreuze, 3 Silberne Verdienstkreuze mit der Krone, 2 Silberne Verdienstkreuze, 9 Eiserne Verdienstkreuze mit der Krone, 76 Eiserne Verdienstkreuze, 1 Geistliches Verdienstkreuz und fast jeder Mann bekam das Karl-Truppenkreuz. Insgesamt waren es 1.549 Auszeichnungen, die auf ungefähr 1.400 Mann entfielen. Es wurden also mehrere Schützen mehrfach ausgezeichnet. Jeder elfte Mann – oder Knabe – erhielt die „Große Silberne“, jeder dritte Schütze die „Kleine Silberne“. Jeder dritte Freiwillige Schütze war verwundet worden, jeder Neunte war gefallen.

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