Kärnten: Ein Land eilt zu den Waffen
Kärnten: Ein Land eilt zu den Waffen
Postkarte der Kärntner Freiwilligen Schützen aus dem Jahre 1915
Als die italienische Kriegserklärung unmittelbar bevorstand, sah sich Kärnten ebenso bedroht wie Tirol. Und genauso wie in Tirol waren es die Freiwilligen, die das Land retteten.
„Der Einsatz der Kärntner Selbstverteidigung hat überhaupt erst den Ausbau sowie das Halten der Karnischen und Julischen Front ermöglicht. Dadurch konnten, trotz des unglücklichen Kriegsausganges, das Gail- und Lesachtal sowie der Karnische Hauptkamm Teile Kärntens verbleiben. Hätte man diese Regionen bereits 1915 aufgegeben, so wäre es mehr als fraglich, ob sie heute noch zu Kärnten gehören würden. An diesem Beispiel zeigt sich, wie groß und bis heute unermesslich wertvoll der unter schrecklichen Opfern erbrachte Einsatz der Kärntner Freiwilligen Schützen war; dies sollte niemals vergessen werden.“
Zu diesem Urteil kommt der Militärhistoriker Heinz von Lichem, ein Verwandter des legendären Führers des Freiwilligen Schützenbataillons „Von Lichem“, in seinem Buch „Gebirgskrieg 1915–1918“.[1]
Im Februar und März 1915 wurden 4 Regimenter Kärntner Freiwillige Schützen aufgestellt:
- Regiment: Kommandant Georg Teppner, Hauptmann der Reserve in Warmbad, Villach.
- Regiment: Kommandant Carl Gressel, Hauptmann im Infanterieregiment Nr. 17.
- Regiment: Kommandant Josef Sittenberger, Major der Reserve.
- Regiment: Kommandant Emil Raabl von Hauenfreienstein, Major im Landwehr-Infanterieregiment Nr. 4.
Fast zwei Drittel der Freiwilligen waren alte Männer oder Jünglinge unter 18 Jahren.
Am 19. Mai 1915 traf bei den Regimentern, die noch nicht vollständig bewaffnet worden waren, der Alarmbefehl ein und die Regimenter rückten in die Stellungen an der Grenze ein.
[1] Augsburg 1993, Band 3, S. 138.
Kärntner Freiwillige Schützen (Zeichnung von Karl Kraus)
Über die Bedeutung des Einsatzes der Kärntner Freiwilligen urteilt das österreichische Generalstabswerk „Österreich-Ungarns letzter Krieg“:
„Als in den denkwürdigen Maitagen 1915 die südliche Reichsgrenze, die auch Kärntens Landesgrenze war, jedem feindlichen Einsatz fast unbesetzt offen stand, da leisteten über 8.000 Kärntner, alte und junge, freiwillig dem Notruf Folge und eilten an die bedrohte Grenze, um zusammen mit schwachen Kräften rasch herangeführter Landsturmtruppen die Heimat solange zu halten, bis ihre Brüder, Söhne und Väter in den ruhmbedeckten Kärntner Regimentern vom galizischen Kriegsschauplatz herangezogen und an den wichtigsten Stellen der Landesverteidigung eingesetzt werden konnten.
Was an Ausbildung diesen Freiwilligenregimentern fehlte, das ersetzte im Blute steckende kriegerische Begeisterung und Opferbereitschaft, gepaart mit glühender Liebe zu ihrem Kärntnerland, dem sie um jeden Preis, auch um den des höchsten Einsatzes, jeden feindlichen Einbruch, mit dem der Generalstab schon rechnete, ersparen wollten.
Das Wunder geschah, die Front stand. Wenn Kärntens Städte und Dörfer die niederdrückende Wirkung des Rückzuges eigener Truppen nicht erleben, den Feindeinmarsch nicht sehen brauchten, so danken sie das nicht zum geringsten Teil ihrer eigenen Volkskraft, ihren Freiwilligen Schützen.“
Vereidigung einer Hochgebirgskompanie auf der Rattendorfer Alpe auf dem Karnischen Kamm, in der zahlreiche Kärntner Freiwillige Schützen dienten
Das letzte Aufgebot Kärntens stellte sowohl Knaben mit 15 Jahren als auch Greise von 85 Jahren an die Front, die von der Mojstrovka nächst dem Vrsic-Pass bis zum westlichen Karnischen Kamm reichte. Dort, auf dem Hornischek und auf dem Tilliacher Joch kamen die Lesachtaler Standschützen und zwei Kompanien des Standschützenbaons Innsbruck II zum Einsatz und schlossen an die Front der Kärntner an. Über den Gebirgskamm an der Grenze zog sich eine Kette von freiwilligen Kärntnern hin.
Bei der Alarmierung hatten einige Kompanien noch Werndl-Gewehre. Dies waren altertümliche Einzellader, die noch keine Mantelgeschosse verschossen, sondern halbrunde Kugeln aus Weichblei. Erst in letzter Stunde kamen sogenannte „Mexikanergewehre“ vom Typ Nr. 14 an die Truppe. Dies waren Gewehre System Mannlicher, die für Mexiko produziert worden waren, nun aber nicht in den Export gingen, sondern an die Freiwilligen.
Nur das 2. Regiment der Kärntner Schützen hatte überhaupt eine Maschinengewehrabteilung.
Feldwache der Kärntner Freiwilligen Schützen
Verluste und Erkrankungen lichteten die Reihen der Freiwilligen Schützen. Am 12. Juli 1915 mussten die ganz Jungen, die Knaben unter
17 Jahren, an das Ausbildungskader des Rittmeisters von Lichem nach Wolfsberg abgegeben werden, um dort eine gründlichere Ausbildung zu erhalten.
Sie setzten ihren Dienst im Baon „Von Lichem“ fort und fochten dort Schulter an Schulter mit den Salzburgern und Steirern.
Als sich die Lage an der Front durch das Eintreffen von Truppen des Feldheeres entspannt hatte, wurden die nicht Frontdiensttauglichen, die bislang in der vordersten Linie hatten aushalten müssen, aus der Front gezogen und in das Hinterland zum Wachdienst eingeteilt. Aus den verbleibenden Fronttauglichen wurden vier Baone gebildet, die zusammen nun ein Regiment Freiwilliger Kärntner Schützen ergaben.
Das Regiment kämpfte unter dem Kommando des Obersten Teppner in den Julischen Alpen, am Plöcken und am Wolajersee, verteidigte den Mittagskofel und die Strekizza, hielt die Stellungen bei Malborghet und als es galt, im Oktober 1917 aus den Julischen Alpen vorzubrechen, da waren die Kärntner Freiwilligen Schützen – ihnen voran ihre Sturmkompanie – bei der Angriffsspitze zu finden.
Sie zogen im Siegeslauf durch Oberitalien und dann zur Hochfläche der Sieben Gemeinden, wo sie an der Tiroler Front nun in der Hölle des Monte Cimone zum härtesten Einsatz kamen.
25 Monate lang hatten die Schützen die Hochgebirgsstellungen am Karnischen Kamm gehalten. Sie waren dabei zur vollwertigen Sturm- und Gebirgstruppe geworden.
So nimmt es kein Wunder, dass die Kärntner ganz zuletzt noch als eine der hervorragendsten Truppen in den Hochgebirgskampf am Stilfserjoch im Ortlerabschnitt geführt wurden, wo sie bis Kriegsende verblieben.
Die Kärntner Freiwilligen auf dem Ortler
Ab 8. August 1918 wurde das Regiment bataillonsweise in den Raum Matsch, Schluderns und in die Ortler-Stellungen verlegt. Die Kärntner besetzten nun Stellungen von der Dreisprachenspitze über das Stilfserjoch, den Kleinen und Großen Scorluzzo, den Kleinen und den Großen Nagler bis auf die Hohe Schneid.
An den Abschnitt schlossen sich am linken Flügel, also südlich, die Salzburger Freiwilligen Schützen in den Stellungen Ost- und Westgipfel des Monte Cristallo, Campo-Joch, Tukketspitze, Hintere Madatschspitze und Schulter der Trafoier-Eiswand an. Die Steirer Freiwilligen Schützen standen auf der Ortler- und Königsspitze.
Das letzte Gefecht – ein vollständiger Sieg
In der Nacht vom 30. zum 31. Oktober 1918 fand das letzte und auch siegreiche Gefecht des Kärntner Freiwilligen Schützenregiments statt. Der Stützpunkt Stilfserjoch, der das Brauliotal sperrte, war von der 9. Kompanie besetzt. Die Stellung, 2780 m hoch gelegen, war tief verschneit, sodass das Drahthindernis vor derselben nur hie und da mit seinen Spitzen aus dem gefrorenen Schnee hervorragte. Die sperrende Stellung selbst war nur von einem 60 Mann starken Zug der 9. Kompanie besetzt.
Um halb 3 Uhr morgens griffen an die 80 Mann Alpini aus dem Brauliotal die Stellung der 9. Kompanie an und waren im Begriff, in dieselbe einzudringen. Der ganze Zug eröffnete ein heftiges Feuer gegen die Angreifer. Nun wurde der Gegner auch unter flankierendes Feuer genommen. Die angreifenden Italiener liefen fluchtartig davon und ließen drei Tote und einen Schwerverwundeten vor den Stellungen liegen.
Sturmpatrouille der Kärntner Schützen auf dem Ortler
Die Kärntner hatten Hunderttausende vor der Gefangenschaft bewahrt
Der Abwehr dieses feindlichen Angriffes kommt deshalb eine schwerwiegende Bedeutung zu, weil bei dessen Gelingen nicht nur die Stilfserjochstraße, sondern in der weiteren Folge auch die Straße Meran–Mals–Landeck in den Besitz der Italiener gelangt wäre. Hierdurch wäre den infolge des sogenannten Waffenstillstandes bereits zurückströmenden Teilen der 10. und 11. Armee der Rückzug durch den Vinschgau unmöglich geworden und Hunderttausende wären in italienische Kriegsgefangenschaft geraten.
Das Ende des Weltkriegs und der Beginn des Kärntner Abwehrkampfes
Am 3. November um 10:15 Uhr vormittags wurde vom Brigadekommando telefonisch der Befehl mitgeteilt, aus den Stellungen abzurücken und die Mannschaften in Trafoi zu konzentrieren. Der Rückzug begann am 3. November 1918 um 2 Uhr nachmittags. So endete das Frontregiment der Kärntner Freiwilligen Schützen. Sie kamen gerade zurecht zu dem ausbrechenden Kärntner Abwehrkampf. Die Freiwilligen Schützen – oder vielmehr, das was von ihnen noch übrig geblieben war – vereinigten sich zum Volkswehrbataillon Nr. 3, soweit sie nicht in den Alarmkompanien ihrer Heimatorte kämpften und brachten neuerlich schwere Blutopfer. Zahlreiche Männer erwarben zu den Auszeichnungen des Weltkrieges hinzu noch das schmucklose, schlichte Kärntner Kreuz für Tapferkeit.
Eingedenk dessen, was die Kärntner für Tirol geleistet hatten, eilte nun eine Tiroler Einheit, das Bataillon Dragoni, den im schwersten Abwehrkampf stehenden Kärntnern zur Hilfe und leistete seinen heldenhaften und brüderlichen Beitrag, das Land Kärnten frei und ungeteilt zu erhalten.
Foto- und Bildmaterial: Archiv Helmut Golowitsch
Erinnerungen an die Leistungen der Kärntner Freiwilligen im Weltkrieg und im Abwehrkampf: Oben links das Kragenabzeichen der Freiwilligen Schützen, darunter Sturmtrupp-Mützenabzeichen und Blusenabzeichen. In der Mitte das Kärntner Kreuz für Tapferkeit im Abwehrkampf. Rechts oben Erinnerungsmedaille 60 Jahre Volksabstimmung in Kärnten, rechts unten Erinnerungsabzeichen für die Teilnahme am Abwehrkampf.