Das Deutsche Alpenkorps in Tirol (24. Mai bis 12. Oktober 1915)
Das Deutsche Alpenkorps in Tirol (24. Mai bis 12. Oktober 1915)
So auch die k.u.k. Armee. Sie büßte gegen Russland und gegen Serbien so viele Soldaten durch Tod, Verwundung oder Gefangennahme ein, dass es, als der Seitenwechsel Italiens[1] im Frühjahr 1915 immer absehbarer wurde, brandgefährlich wurde: Denn jetzt gab es praktisch keine Soldaten mehr, die den Süden des Habsburgerreiches gegen einen Angriff aus Italien hätten sichern können. Ein Durchbruch in Tirol aber hätte den „Unterleib“ des Deutschen Reiches bloßgelegt, Bayern hätte offen gestanden! Die etwa 38.000 Tiroler Standschützen und andere ortsansässige Milizformationen wären bei aller, auch vom Hass auf die „Welschen“ ob des „Verrats“ Italiens an den Bündnispartnern genährten Motivation kaum in der Lage gewesen, einem Großangriff der Italiener standzuhalten. Schon aus Eigennutz schickte die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL), als Italien tatsächlich den Bündnisvertrag brach, deshalb eine eigens für den Gebirgskrieg aufgestellte Formation nach Tirol, das „Deutsche Alpenkorps“. Und warum nicht etwa das „Bayerische Alpenkorps“? Verbindet doch der norddeutsche Laie, „da Breiß´“, Gebirgstruppen automatisch mit Bergfexen, Gipfelstürmern, fensterlnden, Knödel (fr)essenden und Lederhosen tragenden sowie einen unverständlichen Dialekt sprechenden „Urviechern“ aus dem damaligen Königreich Bayern. – Weil es eben nicht nur Verbände und Einheiten aus Bayern waren, aus denen sich das Deutsche Alpenkorps zusammensetzte, sondern auch solche aus den Königreichen Preußen und Württemberg.[2]
[1] Londoner (Geheim-)Vertrag zwischen Italien und der Entente, gefolgt von der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915. [2] Die bewaffnete Macht des Deutschen Reiches setzte sich bis 1918 aus vier (Kontingents-)Heeren zusammen, die im Frieden mehr oder weniger selbstständig waren. Führungsmacht war natürlich Preußen. Erst im Krieg wurden die im Feld stehenden Teile der gemeinsamen, natürlich wiederum von Preußen gebildeten Obersten Heeresleitung (OHL) unterstellt. Reichsunmittelbar war dagegen die kaiserliche Marine. „Kaiserliches“ Heer oder Armee ist also, obwohl öfters zu lesen, falsch.
Die folgenden, weniger an einer Chronologie als an einzelnen Aspekten ausgerichteten Seiten erzählen von der Aufstellung und dem Einsatz der ersten deutschen Gebirgsdivision in Tirol, oft an der Seite der Tiroler Standschützen, von Ende Mai bis zum Abzug des Alpenkorps im Oktober 1915. Darüber hinaus schildern sie – sozusagen als „Vorgeschichte“ – den zaghaften Beginn der deutschen Gebirgstruppe seit den 1890er Jahren. Ausführlich gehen sie der Frage nach, wie und warum ausgerechnet Konrad Krafft von Dellmensingen (1862 bis 1953) der erste „Führer des Deutschen Alpenkorps“, sprich: Divisionskommandeur, wurde. Achtung Spoileralarm: Seine Ernennung war das Ergebnis eines Konglomerats aus persönlichen Animositäten, Militärpolitik und dynastischen Zwängen. Es „menschelte“ halt auch damals, auch und gerade zwischen den Hauptakteuren! Auf eine eingehende Schilderung der Kampfeinsätze des Alpenkorps in Tirol wird hier bewusst verzichtet, denn dazu gibt es bereits genügend Veröffentlichungen. Wer sich auf dem aktuellen Stand der Historiographie einen sehr gut lesbaren Überblick über die Kämpfe des Alpenkorps am Col di Lana (dem „Blutberg“), am Passo delle Selle, in den Felsen der Tofana oder im Hochpustertal verschaffen will, dem ist das Werk des Freiburger Historikers Dr. Alexander Jordan sehr zu empfehlen.[3] Der abschließende Teil dieses Beitrags beschäftigt sich mit der Gemütslage und der Einstellung der vollkommen ortsfremden deutschen Soldaten gegenüber den Tiroler Standschützen. Diese „Milizler“, wie man sie wenig respektvoll nannte, befanden sich zu Beginn des Krieges hinsichtlich ihres Ansehens – auch bei den Österreichern selbst – noch am untersten Ende der „Nahrungskette“ der zur Verteidigung Tirols aufgebotenen bewaffneten (Rest-)Kräfte aus „Gemeinsamer Armee“, Landwehr, Landsturm und Landesschützen.
[3] Jordan, S. 108–155.