Die Aufstellung des Alpenkorps
Die Aufstellung des Alpenkorps (Nach Hebert, S. 13–30 sowie Heyl, Alpenkorps, S. 13–28. Zitate sind diesen Werken entnommen und dort zu verifizieren.)
Krafft wird „Führer des Alpenkorps“
Foto: Archiv Effekt
Der aus den verschiedenen Gebirgs- bzw. Schneeschuh-Abteilungen, -Bataillonen, -Kompanien/-Batterien und -Zügen ad hoc zusammengefasste neue Großverband für die neue Front gegen Italien erhielt den Namen „Deutsches Alpenkorps“. Zunächst sorgte diese Bezeichnung für nicht unerhebliche Irritationen. Das „Alpenkorps“ war nämlich kein „Korps“ in der klassischen Hierarchie der militärischen Führungsebenen, sondern lediglich eine Infanteriedivision, wenn auch eine verstärkte. Der Auftrag, erstmals in der deutschen Militärgeschichte einen von Beginn an gebirgs- und winterkampffähigen Großverband[1] aufzustellen und diesen im Einsatz zu führen, ging an Generalleutnant Konrad Krafft von Dellmensingen, zu dieser Zeit der Generalstabschef der 6. Armee.
[1] Wegen ihrer Gebirgsausrüstung galt die um die bereits um die Jahreswende 1914/15 für die Vogesenfront aufgestellte k. b. 8. Reserve-Division ebenfalls als Gebirgstruppe. Unter Berufung auf ihre bisherige Gebirgserfahrung stellte die Division im Mai 1915 den (allerdings vergeblichen) Antrag auf eine Verwendung in Tirol.
Sein Name ist seitdem untrennbar mit dem Deutschen Alpenkorps und der deutschen Gebirgstruppe schlechthin verbunden. Er galt lange Zeit als die Ikone der Gebirgstruppe und war auch noch für die frühe Bundeswehr „traditionswürdig“. Aber in den 1990er Jahren wurde aus einer sakrosankten Lichtgestalt eine „persona non grata“ mit der Folge, dass ihm die „Traditionswürdigkeit“ abgesprochen und 2011 auch sein Name an der Kaserne in Garmisch-Partenkirchen entfernt wurde.[2] Krafft war ein Spross eines alten, inzwischen nicht mehr allzu vermögenden schwäbischen Adelsgeschlechts. Sein Vater arbeitete als Notar. Angesichts seiner landsmannschaftlich-geographischen Herkunft und vielleicht auch wegen seines bisherigen Verwendungsspektrums in der königlich bayerischen Armee mag er im Nachhinein als unausweichliche Idealbesetzung für diese Stelle erscheinen, eine folgerichtige Selbstverständlichkeit war diese Besetzung im Frühjahr 1915 jedoch nicht. Eigentlich kam sie sogar einer Degradierung vom Generalstabschef der bayerischen Armee (es gab nur einen) zu einem Divisionskommandeur gleich, und von denen gab es einige. Bereits seine Bestellung zum Kriegs-Generalstabschef der 6. Armee bei Kriegsausbruch 1914 war keine quasi „natürliche Evolution“. Aus heutiger Sicht ist es nur allzu selbstverständlich, dass der Generalstabschef einer Armee im Frieden selbstverständlich auch der Generalstabschef dieser Armee im Krieg ist, schließlich kennt er ja seinen „Laden“, seine Leute und ihre Macken bereits. Diese sinnvolle Logik sah man an der politisch-militärischen Spitze des Deutschen Kaiserreichs aber ganz und gar nicht.
[2] Hauptkritikpunkt war seine am ehesten noch als „kulturell“ einzuordnende, keinesfalls jedoch eliminatorische antisemitische Grundhaltung.
Dass Krafft seinen Posten in Bayern behielt, war eine Folge persönlicher Befindlichkeiten, eines krankheitsbedingten Ausfalls und dynastischer Zwänge.[3] Jetzt, im Mai 1915, wiederholte sich das Drama um die Besetzung des neu geschaffenen Dienstpostens in ähnlicher Weise, denn wie im August 1914 war auch diese Personalmaßnahme das Ergebnis politischer Ränkespiele und Machenschaften sowie persönlicher Vorlieben und Abneigungen vor dem Hintergrund des bisherigen frustrierenden Kriegsverlaufs. Der „Wettlauf um die Flanke“[4] im Herbst 1914 beendete den operativen Bewegungskrieg und mündete in den vier Jahre währenden Graben- und Stellungskrieg an der Westfront.[5]
Der Krieg entartete endgültig zu einem Menschen und Material vernichtenden Gemetzel, wie man es vor dem Krieg nicht für möglich gehalten hatte. Die Schuld an dem Debakel schoben die „Schlieffen-Jünger“ unter den deutschen Militärs allein Falkenhayn zu, dem Nachfolger des glücklosen Helmuth v. Moltke („dem Jüngeren“) als Chef der OHL. Falkenhayn wurde immer erbitterter angefeindet und bekämpft, und nicht selten grenzte der um sich greifende Hass auf den menschlich schwierigen Falkenhayn – er galt als arrogant und zynisch – mitunter schon ans Pathologische. Zum Glück für diesen waren sich aber auch seine Gegner untereinander nicht sonderlich „grün“. Dem Reigen der immer unverhohlener agierenden Kritiker schloss sich noch im Herbst 1914 auch Generalmajor Krafft v. Dellmensingen an, der die Schlacht in Lothringen im August 1914 nicht ohne Geschick erfolgreich geschlagen hatte. Den Franzosen war es nicht gelungen, in Süddeutschland einzudringen.[6] Krafft fühlte sich zeit seines Lebens dem bayerischen Herrscherhaus zutiefst verbunden. Diese Loyalität begründete auch sein ausgesprochen enges persönliches Verhältnis zu seinem Armee-Oberbefehlshaber, dem Kronprinzen Rupprecht. Kraffts Kritik wurde immer massiver und war bald von kaum noch zu überbietender Schärfe. Unter den Kritikern des preußischen Generalstabschefs nahm die Spitze des AOK 6 im Frühjahr 1915 eine herausragende Stellung ein, umso mehr, als Falkenhayn mit jeder seiner Maßnahmen in ihren Augen wiederholt seine fachliche Inkompetenz offenkundig machte. Rupprecht und Krafft führten die horrenden Opfer (ca. 80.000 auf deutscher Seite!) auf dessen „Besessenheit“ und „Fanatismus […], jeden Fuß breit feindlichen Geländes zu behaupten“[7], zurück: „Hier wirken sich die Falkenhayn’schen Verteidigungsthesen sehr nachteilig aus.“[8] Aus einer zunächst rein fachlichen Kontroverse über die richtige künftige Vorgehensweise zur Rückkehr zum Bewegungskrieg wurde ein unüberbrückbarer und mit geradezu bewundernswerter Halsstarrigkeit gepflegter, ja: Hass auf Falkenhayn. Rupprecht war allerdings lange Zeit nicht imstande, Falkenhayn mit offenem Visier gegenüberzutreten. Stattdessen zog er hinter dessen Rücken über ihn her und machte ihn, wann und wo immer möglich, madig. Natürlich erfuhr Falkenhayn über Dritte davon und reagierte mit verständlicher Verachtung, aber auch mit Zynismus und Ungeschicklichkeiten wie dem wiederholt geäußerten ehrabschneidenden Vorwurf an den Kronprinzen und dessen Generale, ihnen mangele es im Gefecht an persönlichem Mut. So nahm die Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Untergebenen – immerhin der ihm standesgemäß deutlich höherstehende bayerische Kronprätendent! – menschlich immer verletzendere Formen an. Zu einer offenen Konfrontation zwischen den beiden Männern kam es jedoch noch nicht, vielmehr erschöpfte sie sich in versteckten Spitzen hier und Boshaftigkeiten dort. Ähnlich unaufrichtig, wenn auch nicht in dem Maße wie der bayerische Kronprinz, verhielt sich auch Krafft. Er führte zwar auf taktischer bzw. operativer Ebene manchen, gelegentlich sogar geharnischten Disput mit Falkenhayn, andererseits finden wir aber auch Fälle geradezu domestikenhafter Unterwerfung, die seine Umgebung oft peinlich berührten.[9] Hätte es das Wort „Fremdschämen“ damals schon gegeben, hier wäre es angebracht gewesen. Neben den im Zwischenmenschlich-Psychologischen zu verortenden Aversionen waren es aber in erster Linie die fachlichen Differenzen, die die Antipathie Kraffts gegenüber dem Chef der II. OHL schürten. Er steigerte sich so sehr in seine Ablehnung gegen „seinen größten Feind“ hinein, dass er jede Maßnahme Falkenhayns bereits a priori verdammte. Es reichte schon, wenn ein Dokument nur dessen Unterschrift trug! Zudem fühlte er sich von Falkenhayn gegängelt und bevormundet.“[10] Falkenhayn war für ihn ein „intrigante[r] Charakter“, er hasste den Preußen. Im Frühjahr 1915 wurde im Zuge der Schlachten von Ypern und La Bassée-Arras aus dem kalten Krieg zwischen den deutschen Militärführern schließlich ein geradezu heißer, zu dessen prominentestem Opfer Krafft wurde. Zwei Tage vor dem berüchtigten ersten deutschen Gasangriff bei Ypern am 22. April traf Falkenhayn im AOK 6 ein. Schon im Vorfeld dieses Frontbesuches drängte Krafft „seinen“ Kronprinzen dazu, diesen bei seinen Besuchen des VII. und XIV. Armeekorps auf keinen Fall aus den Augen zu lassen und „überall hin mitzufahren […], sonst läge es sehr nahe, daß hinter unserem Rücken die Dinge sehr einseitig dargestellt und über uns hinweg Anordnungen getroffen werden.“[11] Zum endgültigen Eklat kam es zwei Wochen später. Krafft war trotz seiner zügellosen Antipathie darauf bedacht, einer offenen Konfrontation zwischen dem bayerischen Generalstab und der OHL aus dem Weg zu gehen. Er ahnte wohl, dass der eigentliche Leidtragende am Schluss er selbst sein würde. Die nervliche Belastung infolge des alliierten Angriffs bei La Bassée in der zweiten Maiwoche hinterließ aber auch bei ihm ihre Spuren. Falkenhayn, selbstverständlich nicht besonders „amused“ über den Verlauf der Schlacht nördlich von Arras, beabsichtigte, einen Emissär der OHL direkt, damit unter Umgehung des AOK 6, zu einem der 6. Armee unterstellten Korps zu entsenden, um ein möglichst ungefiltertes Lagebild über die Vorgänge um die Loretto-Höhe zu bekommen. Das wäre unter Umständen noch hinzunehmen gewesen. Der Rubikon war allerdings überschritten, als Falkenhayn unmittelbar in die Operationsführung der 6. Armee eingriff. Natürlich konnte und durfte er dies als preußisch-deutscher oberster Generalstabschef gegenüber dem Generalstabschef einer ihm operativ unterstellten Armee. Und doch war dieser Verstoß gegen die Grundsätze der deutschen Militärkultur unglücklich und ungeschickt und traf die bayerische Führungsspitze an ihrer empfindlichsten Stelle. Falkenhayn aber empfand diesen Konflikt gar nicht als einen solchen, der für ihn ein Gerangel mit dem bayerischen Kronprinzen, nicht aber mit dessen Generalstabschef war. Während Krafft den Preußen zunehmend hasserfüllt verachtete, ignorierte dieser den bayerischen Generalstabschef nicht einmal, denn Krafft war für ihn einfach zu unwichtig. Er als jemand, der mit Kaisern, Königen und Politikern auf höchster militärischer und diplomatischer Ebene verkehrte, hatte – so mag er wohl gedacht haben – Besseres zu tun, als sich mit einem bayerischen Provinz-General herumzuschlagen. Da er aber von dem besonderen Vertrauensverhältnis zwischen Rupprecht und dessen Generalstabschef gewusst haben dürfte, färbte sein Missmut gegenüber dem Kronprinzen natürlich auch auf Krafft ab.
[3] Vertragsgemäß sollte im Kriegsfall ein Preuße Generalstabschef der im Frieden selbstständigen, im Mobilmachungsfall aber unter das gemeinsame Oberkommando des Deutschen Kaisers tretenden bayerischen Armee werden, der bayerische Friedens-Generalstabschef dagegen zu einem preußischen AOK gehen. Der als Oberbefehlshaber der 5. Armee vorgesehene Hermann v. Eichhorn erkrankte indes, sein Ersatz wurde der Deutsche Kronprinz. Dieser akzeptierte den ihm unbekannten Krafft jedoch nicht als Generalstabschef, sondern bestand auf seinem vertrauten Taktiklehrer von der preußischen Kriegsakademie, General Schmidt v. Knobelsdorf. Somit war Krafft wieder „frei“, so dass es Kronprinz Ruprecht in zähen Verhandlungen mit Moltke gelang, seinen Friedens-Generalstabschef auch im Krieg zu behalten. Dazu ausführlich bei Müller, Krafft von Dellmensingen, S. 290–296. [4] Beide Seiten versuchten, sich, immer mehr nach Norden ausgreifend, gegenseitig zu überflügeln. Dieser „Wettlauf“ endete erst an der Nordküste. [5] Auf dem Balkan und an der Ostfront fand dagegen eine Mischung aus Bewegungs- und Stellungskrieg statt. Das kollektive Bewusstsein assoziiert aber im Allgemeinen den Ersten Weltkrieg mit dem geradezu „maschinellen“ Massentöten des Stellungskriegs. [6] Das aber widersprach eigentlich dem im Schlieffen-Plan angedachten „Drehtüreffekt“, nach dem die Deutschen im Süden nachgeben bzw. ausweichen sollten, um die Kräfte der Entente aus dem Norden, wo die Masse des deutschen Heeres mit fünf Armeen disloziert war, wegzulocken, mit dem Ziel, die französische Armee und die britischen Expeditionsstreitkräfte in einer Art „Super-Cannae“ einzukesseln. [7] Bayerisches Hauptstaatsarchiv [BHStA], Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 6. Januar 1915. [8] Bayerisches Hauptstaatsarchiv [BHStA], Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 15. Januar 1915. [9] Aus Anlass des Verlustes von Neuve-Chapelle während der Loretto-Schlacht verlangte Falkenhayn beispielsweise von Krafft eine Erklärung, wie es dazu hatte kommen können. Ein Offizier im Stab der 6. Armee hielt die sich darob abspielende Szene in seinem Tagebuch fest: „Abends spricht der General mit Falkenhayn und entschuldigt sich wie ein Schulbub wegen des Unglücks bei Neuve-Chapelle. Mertz und ich schämen uns.“ BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), HS 2309 (Kriegstagebuch Xylander), Eintrag vom 13. März 1915. [10] „Keine Vorgesetzteneigenschaft ist übler als die, daß man seine Führer nicht selbsttätig arbeiten lassen kann.“ (BHStA, Abt. IV [Kriegsarchiv], HS 2643, Eintrag vom 26. Oktober 1914). [11] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 21. April 1915.
Am Abend desselben Tages brachte ein Telegramm Falkenhayns das Fass endgültig zum Überlaufen. Es war die Antwort der OHL auf einen Antrag des AOK 6, auf das von der Obersten Heeresleitung beabsichtigte Herausziehen von vier Regimentern, die für Neuaufstellungen im Osten benötigt würden, zu verzichten. Sollte dieser dennoch darauf bestehen, Verbände aus besonders gefährdeten Frontabschnitten abzuziehen, müsse er, Rupprecht, die Stellungen an der Loretto-Höhe aufgeben, wofür er dann nicht mehr die Verantwortung übernehmen könne. Falkenhayn lehnte das Ansinnen des bayerischen Kronprinzen in allen Punkten ab. Der Kronprinz war daraufhin so empört, dass er beschloss, sich beim Kaiser über Falkenhayn zu beschweren. „Das [bayerische] Armeeoberkommando muß sich [deshalb] unbedingt gegen die tückische Art Falkenhayns, mit vergifteten Pfeilen anzugreifen, verwahren, sonst wäre es auf die Dauer unmöglich, unter solchen Verhältnissen zu arbeiten. […] Statt uns absichtlich zu ärgern und zu reizen, sollte die Heeresleitung im Gegenteil trachten, dem im schweren Kampf liegenden Armee-Oberkommando seine Aufgabe zu erleichtern [und] vertrauenerweckend auf uns einzuwirken.“[12] Rupprecht sandte nun tatsächlich seine Beschwerde an den Kaiser und ein „ziemlich lahmes Telegramm“[13] an Falkenhayn. Trotz allen berechtigten Ärgers über solche Zustände unternahm Krafft – nichts. Er ließ es sich einfach gefallen, so drängt sich zumindest der Eindruck auf. Die Lage an der Front trug das ihre dazu bei, die Stimmung noch weiter zu verschlechtern, als es den Franzosen am 15. und den Engländern am 16. Mai 1915 gelang, auf einer Breite von 18 Kilometern an mehreren Stellen in die deutschen Linien einzubrechen. Gegenangriffe blieben zunächst erfolglos. Im Zwist zwischen der OHL und dem AOK 6 trat unterdessen eine Art Waffenstillstand ein, während dem Falkenhayn einen Parlamentär in der Person des neuen Militärbevollmächtigten Bayerns zum AOK 6 schickte, um „in der Beschwerde-Angelegenheit des Kronprinzen einen Ausgleich auf privatem Wege zu vermitteln“.[14] Krafft vermutete hinter dem Vorgehen der OHL indes mehr als bloße persönliche Animositäten, sondern politische Absichten, die aber weniger gegen die Person des Kronprinzen gerichtet waren. Ihm war „der gegenwärtige Zustand so zuwider, daß ich lieber heute als morgen alles hinwerfen möchte. Falkenhayn soll nur nicht glauben, daß ich an meiner Stellung klebe! Ich weiß genau, daß der mir die Beschwerde des Kronprinzen gegen seine Übergriffe nicht vergessen hat und alles tun wird, mich wegzubringen. Das merkt ja ein Blinder! […] Lange wird es hier mit mir sicher nicht mehr dauern. Ich für meinen Teil werde froh sein, den Krieg von einer anderen Seite kennen zu lernen. Ich bin dankbar, daß es mir vergönnt war, unserem Kronprinzen in so ernster Tätigkeit zur Seite zu stehen.“[15] Inzwischen nahm das Geschehen im AOK 6 schon geradezu groteske Züge an, als ein Düsseldorfer Kunstmaler mitten in der Schlacht damit begann, das bayerische Führungsduo auf einer Leinwand zu verewigen! Gegen Mittag dieses 16. Mai musste das Modellstehen allerdings für kurze Zeit ausgesetzt werden, da alarmierende Nachrichten über starkes feindliches Artilleriefeuer auf die Loretto-Höhe Krafft und Rupprecht dazu veranlassten, umgehend an den bedrohten Frontabschnitt zu fahren. Nach seiner Rückkehr ins AOK 6 tat Krafft aber das so ziemlich Dümmste, was er in der gegenwärtigen Situation machen konnte: Er bat die OHL, eine eventuelle Räumung der eigenen Stellungen zu erwägen. Besser konnte er sich nicht vor der OHL bloßstellen! Zudem setzte er eine 18 Seiten lange Beschwerdeschrift über Falkenhayn auf. Jetzt war der Preuße wieder am Zug. Den bayerischen Kronprinzen konnte er nicht gut von seinem Posten ablösen, wiewohl ihm dies theoretisch möglich gewesen wäre, denn – Kronprinz hin oder her – Rupprecht war als Armeeoberbefehlshaber Falkenhayns Untergebener. Eine andere Möglichkeit, dem Wittelsbacherspross „ans Bein zu pinkeln“, war jedoch die Entfernung seines Generalstabschefs aus Rupprechts Dunstkreis. Es war nämlich allgemein bekannt, dass Rupprecht und Krafft ein besonders vertrauensvolles Verhältnis miteinander verband. Auch wusste der preußische Generalstabschef von Kraffts hervorragender fachlicher Qualifikation, auf die der bayerische Kronprinz – von den Armeeführern aus den anderen Herrscherhäusern zwar der fähigste – immer noch angewiesen war. Die politische Entwicklung in diesem Frühjahr kam ihm dabei gerade recht.
[12] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 21. April 1915. [13] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv, HS 2309 [Kriegstagebuch v. Xylander], Eintrag vom 15. Mai 1915). Der Text dieses Telegramms ist abgedruckt in: Reichsarchiv VIII, S. 68. [14] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 16. Mai 1915. [15] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 15. Mai 1915.
Seit Beginn des Jahres 1915 befürchteten die Mittelmächte zu Recht, dass das bislang trotz des Dreibund-Vertrages neutral gebliebene Italien auf der Seite der Entente in den Krieg eingreifen werde. Zu groß und für das Habsburgerreich in diesem Ausmaß inakzeptabel waren ihre territorialen Verlockungen. Österreich-Ungarn suchte deshalb beim Deutschen Reich um militärische Unterstützung im Falle eines Krieges mit Italien an, falls aus dem Zweifronten- ein Dreifrontenkrieg zu werden drohte. Falkenhayn hatte seinem österreichischen Amtsbruder, Franz Conrad v. Hötzendorf, auf entsprechende Anfragen bislang ausweichend geantwortet. Erst im „konkreten Falle“ könne darüber entschieden werden. Offenbar hielt man zu diesem Zeitpunkt einen Krieg mit Italien noch für vermeidbar. Allerdings machten die Alliierten im Londoner Protokoll für den Fall eines Sieges tatsächlich so weitgehende Versprechungen an Italien, dass Österreich-Ungarn passen musste. Falkenhayn machte eine Woche später den Vorschlag, die Habsburger-Monarchie solle in Kärnten und in Krain gegen Italien die Deckung übernehmen, Deutschland wolle dasselbe in Tirol unter eigenem Befehl tun. Conrad v. Hötzendorf wiederum wollte die Verteidigung Tirols unter keinen Umständen aus der Hand geben. In einem Schreiben an Falkenhayn vom 18. Mai forderte er, „alle verfügbar zu machenden Kräfte vorerst ausschließlich gegen Italien zu verwenden.“ Falkenhayn und Conrad beschlossen noch am selben Tag den Einsatz deutscher Truppen gegen die Armee eines Landes, mit dem sich zu diesem Zeitpunkt weder Österreich-Ungarn noch das Deutsche Reich im Krieg befanden. Voraussetzung war allerdings, dass dieser Einsatz auf dem Territorium des Verbündeten stattfinden sollte und Kampfhandlungen ausschließlich der Selbstverteidigung dienen durften. Des Weiteren vereinbarten die beiden, dass Deutschland dazu dem Tiroler Landesverteidigungskommandanten, General der Kavallerie Viktor Dankl Frhr. v. Krasnick, einen neu zu formierenden Verband unterstellen werde, der dafür von der Westfront abgezogen werden sollte. Dieser sollte sich aus Jägern, Schneeschuhformationen und herkömmlicher Infanterie mit Gebirgserfahrung zusammensetzen, dazu – wenigstens einigermaßen – gebirgstaugliche Kampfunterstützungs- und Versorgungseinheiten. Das bayerische Kriegsministerium wurde zwar von der deutschen Obersten Heeresleitung zu den Planungen für die Unterstützungsdivision nicht herangezogen, gleichwohl hatte man in München die entsprechenden Informationen schon längst über den so genannten „Obergefreiten-Dienstweg“ erhalten.[16] Nicht nur für Krafft, auch für den bayerischen Militärbevollmächtigten beim Großen Hauptquartier, General Nagel v. Aichberg, schien es nur noch eine Frage der Zeit für die Realisierung der OHL-Pläne gewesen zu sein, denn in einem Bericht an das AOK 6 vom 18. Mai 1915 erwähnt er den möglichen Einsatz bayerischer Truppen in Tirol. Letztlich wurde aber über den Einsatz bayerischer Truppen allein in Berlin entschieden – und zwar ganz ohne bayerische Beteiligung. Jedenfalls ist die Regierung in München nicht gefragt worden, was sie vom Einsatz ihrer Soldaten gegen einen Staat hielt, mit dem man sich gar nicht im Kriegszustand befand. In der Nacht zum 19. Mai wurde Krafft um 1:00 Uhr aus dem Schlaf gerissen[17], als ihm folgender Befehl der OHL vorgelegt wurde: „Nach beifolgender Kriegsgliederung ist sofort ein Alpenkorps zu bilden. […] Aufstellung veranlaßt das Königlich Bayerische Kriegsministerium. Der Kommandeur und die Generalstabsoffiziere werden nach Vereinbarung mit dem Bayerischen Kriegsministerium Allerhöchst durch Seine Majestät den Kaiser bestimmt“. Und weiter: „S.M. der Kaiser hält den General Krafft von Dellmensingen als Führer hierfür besonders geeignet. Wenn S.K.H. der Kronprinz keine Einwendungen habe, soll [Krafft] sofort nach Innsbruck abreisen.“[18] Die Aufstellung sollte bis zum 27. Mai 1915 abgeschlossen sein. Der Name „Alpenkorps“ für den neuen, noch gar nicht existierenden Großverband hatte sich also schon durchgesetzt – was die Österreicher unterhalb der Ebene „Generalstabschef“ zu der irrigen Annahme verleitete, die Deutschen würden sie in Tirol mit einem ganzen Armeekorps, das wären zwei bis vier Divisionen mit ca. 40.000 bis 80.000 Mann gewesen, unterstützen. Zunächst hatte die 6. (BY) Armee für den neuen Großverband zwei bayerische und zwei Jägerbataillone aus Hannover abzugeben. Der schon lange von Krafft gehegte Verdacht, dass der Kriegseintritt Italiens in Kürze bevorstand, schien sich damit zu bestätigen, insofern dürfte man auch in München kaum überrascht gewesen sein, denn die politische Entwicklung ließ einen Kriegseintritt Italiens über kurz oder lang erwarten. Ungeachtet der katastrophalen Entwicklungen auf politischer Ebene schien Falkenhayn also immer noch die Zeit gefunden zu haben, nach einem Ventil für seine persönlichen Rachegelüste am bayerischen Führungs-Duo zu suchen. Und er fand eine Lösung: Geschickt tarnte er seine Vergeltungsaktion hinter einer (Weg-)Beförderung: Krafft wurde als Trostpflaster am 19. Mai zum Generalleutnant befördert und am 21. Mai zum „Führer des Alpenkorps“ ernannt[19]:
„Das ist Falkenhayns prompte Antwort auf die vor wenigen Tagen ausgelaufene Beschwerde des Kronprinzen! […] Ich habe genau gewußt, daß es so kommen wird, daß ich, als der spiritus rector des Widerstandes gegen Falkenhayns Übergriffe, von meinem Posten entfernt werden würde. […] Durch die getroffene Lösung werden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. […]. Für mich ist die Sache unzweifelhaft eine Absetzung. Aber sie ist in eine möglichst schonende Form gekleidet, kein Tadel ausgesprochen. Um die neue Stellung würden viele froh sein. Ich scheide gewiß mit Bedauern von der Seite meines Kronprinzen und Oberbefehlshabers, unter dem ich so vieles erlebt, unter dem es sich so gut und schön arbeiten ließ, aus der einflußreichen und ehrenvollen Stellung eines Armeechefs. […] Für mich enthält der Wechsel die Gunst, daß ich den Krieg, den ich bisher vorwiegend am Schreibtisch führen mußte, nun viel unmittelbarer kennenlerne, an der Spitze eines ausgesuchten Korps [das jedoch nur eine verstärkte Division war, was er allerdings bereits ahnte] mit einer neuen, eigenartigen Aufgabe, auf dem Kriegsschauplatz meiner lieben Berge – das ist viel Glück auf einmal! […] Falkenhayn schickt mich gewiß nicht dorthin, wo er glaubt, es mir leicht zu machen! Mir ist das aber gerade recht. Ich werde mich schon durchsetzen!“[20]
[16] Ein Rudel Waschweiber ist im Vergleich zu einer Armee ein Hort der Diskretion! [17] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 19. Mai 1915. [18] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 19. Mai 1915. [19] Vgl. Hebert, S. 15. [20] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 19. Mai 1915.
Auch Rupprecht wertete die Entfernung des Generalstabschefs aus seinem unmittelbaren Umfeld als eine Reaktion Falkenhayns auf seine Beschwerde vom 17. Mai. Der Chef der OHL hatte sich damit an ihm, dem – wie er meinte – Führer der Frondeure persönlich gerächt. Krafft packte sofort seine Sachen zusammen, regelte die Übergabe der Dienstgeschäfte und fuhr noch am Morgen des 19. Mai nach München, wo er einen Tag später eintraf und sich umgehend ins Kriegsministerium begab. Von seinem Stab hatte er sich nicht mehr verabschieden können (oder wollen?). „Geschmerzt“[21] war Krafft über seine neue Dienststellung zunächst sicherlich, da er seine Versetzung als einen Karriereknick empfand.
Außerdem sorgte er sich um seine „Ehre und Reputation“[22], da er befürchtete, in den Strudel der wahrscheinlich vor den Italienern zurückweichenden Tiroler Landsturmverbände, denen er absolut nichts zutraute, hineingerissen zu werden. Nach dem Abklingen der ersten Aufregung arrangierte er sich aber – was blieb ihm auch anderes übrig? Immerhin, so redete er sich ein, hatte er „jetzt ein großes Kommando. Mir unterstehen, obwohl sie älter sind, zwei österr. Feldmarschalleutnants [sic] (Div.Kdre.) u. die Streitmacht von halb Tirol. Kann mich also über zu geringe Bedeutung meiner Stellung keineswegs beklagen.“[23] In seiner Privatfehde mit den Bayern hatte Falkenhayn zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Einerseits hatte er den hinter seinem Rücken herumnörgelnden bayerischen Kronprinzen elegant in die Schranken gewiesen, indem er ihm seinen militärischen Adlatus wegnahm, andererseits konnte er einen äußerst bergerfahrenen (aber des Skifahrens noch unkundigen) Kommandeur an die Spitze des neuen (Gebirgs-)Großverbandes stellen. Kraffts Nachfolger als Generalstabschef der 6. Armee wurde mit Oberst Graf v. Lambsdorff nun doch ein Preuße – wie es ursprünglich vorgesehen war.
[21] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 2. Juni 1915. [22] Zit. nach Hebert, S. 18. [23] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 5. Juni 1915.
Am 23. Mai – Pfingstsonntag, gleichzeitig der Tag der Kriegserklärung Italiens an die Habsburger-Monarchie – erhielt das AOK 6 zwei Briefe. Der eine war vom Kaiser, in dem dieser der Beschwerde des bayerischen Armeeoberkommandos in allen Punkten stattgab, der andere, den Rupprecht „sehr erfreut“[24] aufnahm, war ein Entschuldigungsbrief Falkenhayns, in dem dieser sein Bedauern über die vergangenen „Mißverständnisse“ zum Ausdruck brachte. Angeblich beruhte die ganze Verwirrung auf einem Schreibfehler in seinem Stab![25] Kann man eigentlich noch dreister heucheln? Etwa sechs Wochen nach diesen Geschehnissen beorderte Falkenhayn Krafft nach Rosenheim, wo er sich mit dem neuen „Führer des Alpenkorps“ treffen wollte. Recht wohl war Krafft dabei natürlich nicht, aber seine Sorgen waren unbegründet, denn die „gestrige Begegnung hat sich nur um sachliche Fragen gedreht, die die jetzigen Operationen betreffen. Äußerlich zeigte Herr v. F. sich, wie immer, sehr liebenswürdig. Aber ich kenne ihn ja genügend. Mir macht er nicht leicht etwas vor.“[26] Konrad Krafft v. Dellmensingen, der es in seinem Brief nicht fertigbrachte, den Namen seines Widerparts auszuschreiben, war ganz offensichtlich das Bauernopfer, das Rupprecht glaubte bringen zu müssen, um im Konflikt mit dem preußischen Generalstabschef nicht selbst ins Hintertreffen zu geraten. Letztlich wären damit nämlich auch Bayern und die Wittelsbacher-Dynastie zu Schaden gekommen. Der ebenso wie Falkenhayn etwas problematische und anderen Menschen gegenüber äußerst misstrauische bayerische Kronprinz nahm trotz des ausnehmend guten Verhältnisses zu seinem Generalstabschef dessen Versetzung aus diesem Grunde auch ohne jeden Widerspruch hin, um nicht selbst zwischen die Mühlsteine der innerdeutschen Militärdiplomatie und -konspiration zu geraten. Darüber hinaus musste im Umgang mit Rupprecht sogar Krafft vorsichtig sein. Er verkniff sich jedweden Protest gegen seine Versetzung, schließlich wollte er nicht seine Position gefährden, auf die er auch nach dem Ausscheiden aus dem AOK 6 so großen Wert legte. Deswegen schied er auch so sang- und klanglos aus dem bayerischen Armeeoberkommando 6 aus.[27]
So ganz nebenbei: Bereits einen Tag vorher, am 22. Mai und damit noch vor der italienischen Kriegserklärung, nahmen italienische Alpini zwei Österreicher gefangen, die die Grenze auf ihrer Patrouille überschritten hatten – die ersten Kriegsgefangenen an dieser Front. Aber immerhin erschossen sie die Tiroler nicht. Zu dieser Zeit war die österreichische Grenze von Sicherungstruppen, abgesehen von kleineren Abteilungen aus Standschützen, Gendarmerie- und Finanzwachtassistenzen völlig frei.[28]
[24] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), HS 2309 (KTB Xylander), Eintrag vom 23. Mai 1915). [25] Nach BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 23. Mai 1915. [26] Nach BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 152, 10. Juni 1915. [27] Deswegen widersprach er auch allen Versuchen seiner geltungssüchtigen Ehefrau Helene (geb. Zöhrer) ab, die es nicht verwinden konnte, dass ihr Mann, wie sie meinte, so tief gestürzt war. Sie forderte ihn auf, bei Rupprecht auf eine Verstärkung des Alpenkorps zu drängen, so dass Krafft zu einem „richtigen“ Kommandierenden General befördert und somit der Karriereknick bereinigt werde. Krafft hatte große Mühe, seine vom Ehrgeiz zerfressene Frau davon zu überzeugen, dass sein neues Kommando einen Aufstieg und keine Zurücksetzung bedeutete. Abgesehen davon wurde seine Gattin durch seine Beförderung zum Generalleutnant nun tatsächlich zur „Frau Exzellenz“. [28] Vgl. Schemfil. S.136f.
Zurück zum Deutschen Alpenkorps. Seine Existenz wollte man aus diplomatischen Gründen mittels diverser Verschleierungsmaßnahmen möglichst geheim halten. Italien sollte keinen Anlass erhalten, auch dem Deutschen Reich den Krieg zu erklären. Im Übrigen war die neue Front für Falkenhayn auch nur ein Nebenkriegsschauplatz, auf dem er keine Kriegsentscheidung suchte.
Die neue Front im Gebirge stellte an die zu einem großen Teil noch bergunerfahrenen Flachland-Soldaten aus Deutschland sowie an die Kriegführung selbst besondere Anforderungen: Buchstäblich jede Wasserflasche, jede Verpflegungskiste, jedes Stück Brennholz, jedes Geschütz, jede Granate musste von Tragtieren oder von den Soldaten selbst zu den Stellungen geschleppt oder Steilwände halsbrecherisch hochgehievt werden. Besondere Gefahren drohten ihnen durch die Naturgewalten: plötzliche Schneestürme, Lawinen, Gletscherspalten, tödliche Kälte. An manchen Frontabschnitten kamen mehr Soldaten durch Felsstürze und Unfälle ums Leben als durch feindlichen Beschuss. Erschwerend kam hinzu, dass es, im Gegensatz zur West- oder Ostfront, kaum möglich war, sich einzugraben. Abgesprengte Felsstücke verstärkten die Splitterwirkung der Artilleriegranaten noch zusätzlich, und Artilleriefeuer löste häufig Schnee- oder Gerölllawinen über feindlichen Stellungen aus. Der Tross kam auf den engen, steilen und durch kein Geländer gesicherten „Straßen“ nur schwer vorwärts, Fuhrwerke und Pferde stürzten mit ihrer ganzen Last ab.[29] Aufgrund des schwierigen Geländes erlebte auch der Minenkrieg eine Renaissance: Feindliche Stellungen, zum Teil sogar ganze Berggipfel, wurden mit Stollen unterminiert, mit Sprengstoff gefüllt und in die Luft gejagt. Bekanntestes Beispiel: der „Blutberg“ Col di Lana.[30] Beide Seiten hatten aufgrund der ungeheuren Strapazen und Entbehrungen auch mit Disziplinproblemen bis hin zur Desertion zu kämpfen. In der k.u.k. Armee waren davon besonders stark die italienischen und tschechischen Einheiten betroffen.
[29] Vgl. v. Rango, S. 91. [30] Sehr gut dargestellt in dem Spielfilm „Berge in Flammen“ von 1931.
Zum Glück für die Österreicher (und für das Alpenkorps) stand ihnen im italienischen Generalstabschef Luigi Cadorna (1850 bis 1928) ein nur mittelmäßiger, dafür umso mehr von sich überzeugter Traditionalist gegenüber, der immer noch eine veraltete, für seine Soldaten geradezu mörderische Angriffstaktik bevorzugte: Er ließ seine Infanterie nach wie vor dicht gedrängt und gestaffelt vorgehen, was alle anderen Heere mittlerweile vermieden. Cadorna war zudem ein arroganter, von jeglicher Empathie befreiter Menschenverächter – vor allem jenen gegenüber, die niederen sozialen Schichten entstammten: „Der Angriff war von italienischer Seite mit einer unglaublichen Leichtfertigkeit eingeleitet und durchgeführt worden, ohne jede Artillerievorbereitung wurden die Leute nutzlos geopfert. Die italienische Führung muß über die Verhältnisse bei uns völlig im Unklaren gewesen sein.“[31] Außerdem war er zu zögerlich und verschenkte so des Öfteren bereits erkämpfte Anfangserfolge. Die operative Zurückhaltung – besser: die Untätigkeit – der Italiener verschaffte den Verbündeten nicht nur wertvolle Zeit, sich selbst und ihre Verteidigungsstellungen auf Vordermann zu bringen. Sie verleitete die Österreicher auch zu dem eigentlich richtigen Gedanken „Angriff ist die beste Verteidigung“. Der Tiroler Subrayonskommandant, Generalmajor Bankowsky, beabsichtigte, am 27. Mai mit seinen durch drei bayerische Bataillone verstärkten Kräften eine im Raum Kreuzberg-Padola dislozierte italienische Gruppierung zu vernichten. Das Landesverteidigungskommando von Tirol stoppte aber diese Aktion am 25. Mai mit dem Hinweis, dass es „kein Verfügungsrecht über die bayerischen Truppengewalt hätte und dass Mann und Material für die Abwehr eines möglicherweise einsetzenden feindlichen Angriffes geschont werden müßten“.[32]
[31] Von Rango, S.91. [32] Schemfil, S. 138.
Nach der Kriegserklärung Italiens war die militärische Lage in den Alpen für Österreich zunächst äußerst prekär, denn die bereits stark geschwächte Hauptmacht der Vielvölker-Armee stand an der serbisch-russischen Front. Zum Schutz der Alpengrenze hatte man zwar vor dem Hintergrund eines gesunden Misstrauens gegenüber den Italienern recht ordentliche Befestigungen errichtet, da man in Wien davon ausging, dass der Dreibund-Vertrag von 1882 mit Italien nicht halten würde. Aber es fehlte an „man power“, an ausgebildeten regulären militärischen Soldaten. In den ersten Tagen nach der Kriegserklärung kletterten stattdessen Tiroler Standschützen, eine Miliz aus 16- oder 17-Jährigen und Männern bereits im Rentenalter[33], Nacht für Nacht von Gipfel zu Gipfel und täuschten mit Fackeln eine stärkere Besetzung als tatsächlich vorhanden vor. Sie waren zwar uniformiert und militärisch ausgerüstet, jedoch ohne Maschinengewehr- und Versorgungseinheiten. Und was sie zunächst auch kaum hatten, waren – Schuhe! Zwar hatte ein Standschütze nach Erhalt des Alarmierungsbefehls mit zwei Paar festen Schuhen einzurücken. Aber woher sollte „der arme Teufel im Jahre 1915, wo die Schuhe schon rar und teuer waren, zwei Paar hernehmen. Viele hatte[n] nur ganz leichte Stadtschuhe an, oft waren diese zerrissen und die noch ganzen gingen bei dem ewigen Dreckwetter in kürzester Zeit aus dem Leim.“[34] Das schlechte bzw. ungeeignete Schuhwerk hatte Abstürze beim Klettern, Nierenerkrankungen (manchmal sogar tödliche) und Erkältungen zur Folge. Dennoch bildeten sie bald eine überraschend schlagkräftige und effektive Kampfgemeinschaft, der es sogar gelang, den ersten Angriff der italienischen Armee zu parieren. Ähnlich den Finnen, die im Winterkrieg von 1940 äußerst erfolgreich[35] gegen die Rote Armee kämpften, waren sie zwar kärglich ausgerüstet und zahlenmäßig weit unterlegen, dafür aber hochmotiviert. Sie verteidigten ihre Heimat Tirol, ihre Höfe, Frauen und Familien gegen eine in weiten Teilen uninspirierte, lustlose und obendrein schlecht geführte Truppe, die keinen Sinn in diesem Krieg sah. Bei den Italienern war auch der bis heute festzustellende Unterschied zwischen Nord- und Süditalienern der Hauptgrund zum Desertieren. Die Süditaliener nämlich betrachteten den Krieg häufig als einen „Krieg Roms und des Nordens“, der sie nichts anging, denn sie fühlten sich vom Nachbarn weit im Norden weder bedroht noch war ihnen das politische Ziel des „risorgimento“ eine Herzensangelegenheit. Italien verfügte bei Kriegsbeginn über ein Heer von insgesamt ca. 3,45 Millionen Mann, davon 900.000 in vier Armeen und der „Karnischen Gruppe“ in Tirol. Cadornas Operationsplan sah vor, mit der 2. und 3. Armee über den Fluss Isonzo in Richtung Laibach (Agram/Zagreb) vorzustoßen, um ein strategisches Zusammenwirken mit dem russischen und serbischen Heer zu ermöglichen. Die „Karnische Gruppe“ hatte als Ziel Villach in Kärnten, die 4. Armee schließlich sollte Toblach angreifen. Die gegen Südtirol eingesetzte 1. Armee sollte sich defensiv verhalten. Cadorna scheute indes jedes Risiko, demzufolge auch eine rasche, kraftvolle Offensive. Die Österreicher verlegten ihrerseits Verstärkungen von der serbischen und russischen Front an die italienische Grenze und schafften es so, bereits nach zwei Wochen eine geschlossene Verteidigung zu organisieren. Damit zeigte sich bereits in den ersten Wochen, dass die ambitionierten Operationsziele Cadornas völlig unrealistisch waren.
[33] Darunter sogar noch Veteranen aus dem Krieg von 1866! [34] Mörl, S. 41. [35] Dennoch mussten sie am Schluss erhebliche Gebietsabtretungen akzeptieren.
Feldkircher Standschützen und Soldaten eines Bayerischen Jägerbataillons im Fleimstal, Sommer 1915
Foto: Sammlung Peter Tschernegg / Dornbirn