Das Alpenkorps wird „erwachsen“
Das Alpenkorps wird „erwachsen“ (Zur Einsatzgeschichte in Tirol ausführlich bei Hebert, Das Alpenkorps, Krafft, Das Bayernbuch vom Kriege, Bd. 1, S. 70/71, Kaltenegger, S. 43–76 und Jordan, S. 112–155.)
Nach seiner Rückkehr nach München gingen Krafft und sein noch sehr überschaubarer Stab daran, die ersten verfügbaren Truppen nach Tirol in Marsch zu setzen, notfalls auch ohne spezielle Gebirgsausstattung, dafür mit der einen oder anderen Verzögerung. Er selbst machte sozusagen „auf dem Absatz kehrt“ und fuhr am 21. Mai als einer der ersten Deutschen überhaupt nach Brixen. Da sich die Lage zuzuspitzen schien, hielt er schnelles Handeln für immer dringlicher, um zu verhindern, dass die Österreicher überrannt wurden und damit die Entente von Süden her in das Reich einfallen konnte.
Krafft bombardierte nun die OHL – also Falkenhayn – mit etwa 1.900 dokumentierten Eingaben und Verbesserungsvorschlägen. Ob dieser Flut zunehmend genervt sah dieser sich gezwungen, Krafft darauf hinzuweisen, dass es außer der Italienfront noch andere Kriegsschauplätze gebe. Aber zum Glück zeigte Cadorna, wie bereits erwähnt, kein Interesse an übertriebener Eile. Während der vier Monate, in denen das Alpenkorps unter relativ ruhigen Verhältnissen in Tirol eingesetzt war, ist es seiner Führung dann auch sehr wohl gelungen, aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen eine aufeinander eingespielte Gebirgstruppe zu formen. Auf der anderen Seite standen sich Krafft und sein Stab bei dieser Aufgabe nicht selten aber auch selbst im Weg, denn sie schlugen die einschlägigen Erfahrungen der mit den örtlichen Besonderheiten vertrauten Österreicher zunächst in den Wind und wollten statt der geeigneten österreichischen Ausrüstung auf angeblich besseres preußisches Material zurückgreifen, was sich manches Mal indes als Fehlentscheidung entpuppte.[1] Dabei bestand nicht selten durchaus berechtigter Grund zum Argwohn, denn während bei Herbstbeginn das Alpenkorps schon zu einem Drittel mit „Pelzen u. Wollausrüstungen“ ausgestattet war und der Rest innerhalb der nächsten Tage eintraf, besaßen „viele der armen Österreicher noch nichts als 2 leinene Hemden u. manchmal keine Wollsocken, obwohl die doch ihr Klima kennen müßten. Auch ihre Verpflegung ist schlechter, weniger reichlich u. einförmig, u. das ist natürlich sehr bedauerlich, wenn der eine zusehen muß, wie es der andere besser hat; das trägt nicht zur Hebung der Zufriedenheit bei. Ich habe auch schon manchen Schritt getan, um das zu bessern. Die armen Kerls liegen auch noch oben auf den höchsten Höhen mit nur einer Decke, ohne Strohsack. Da ist so ein dicker, fauler Kerl als Intendant. Ich habe ihn aber nun gestern bei seinem Oberkommando tüchtig angelehnt.“[2]
[1] Beispielsweise bei der Wahl einer geeigneten Kopfbedeckung; vgl. Jordan, S. 280–283. [2] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 4. September 1915.
Bayerische Jäger, Bozen-Karersee
Foto: Sammlung Peter Tschernegg / Dornbirn
Mangelndes Verständnis für die „österr. Zustände oder besser gesagt Notstände“[3] kam auch in derselben hochnäsigen und unkameradschaftlichen Art im Umgang mit den „minderwertigen Österreichern“[4] zum Ausdruck, die der, wenn es ihn selbst betraf, etwas überempfindliche Krafft am eigenen Leibe von Seiten vieler preußischer Offiziere her erfahren hatte. Seine oft dünkelhafte Borniertheit verleitete ihn nicht selten dazu, die zweifelsohne vorhandenen Unzulänglichkeiten auch im eigenen Beritt schon beinahe sträflich schönzureden. Auf Grund von Ausrüstungsmängeln und der Unerfahrenheit mit dem Lebensraum Gebirge[5] fielen in der ersten Einsatzphase ganze Kompanien durch Überanstrengung und auf Mangelernährung zurückzuführende Krankheiten aller Art aus.[6] Vor allem das Fleckfieber wurde zur Plage. Hinzu kam noch die Schwierigkeit, dass es ihnen nicht gestattet war, die im Winter leerstehenden Schlösser der wohlhabenden Oberschicht und ungenutzte Saisonhotels als Unterkünfte zu beziehen (!). Die Besatzung auf dem Pordoijoch musste beispielsweise im Freien kampieren, weil der deutsch-österreichische Alpenverein angeblich die Benutzung seines „Christomanos“-Hauses verboten hatte.
Neben dem Alpenkorps standen zur Verteidigung Tirols lediglich etwa 65 österreichisch-ungarische Bataillone bereit, davon 44 Standschützenbataillone, mit zusammen etwa 38.000 Mann. Hinsichtlich ihrer tatsächlichen Stärke findet man in der Literatur unterschiedliche Angaben. Bossi-Fedrigotti, der sich wiederum auf Mörl bezieht, spricht von 39 Standschützen-Bataillonen, „davon ein Viertel in der Stärke eines Halbbataillons“[7], in „Deutschtirol“. Auf diese Zahl kommt auch Joly.[8] Da man den italienischstämmigen Untertanen des österreichischen Kaisers misstraute, wurden diese noch im Juni 1915 abgezogen und durch Soldaten steirischer und niederösterreichischer Herkunft abgelöst. Die übrigen Bataillone waren in der 90. Infanterie-Truppendivision und der Division Pustertal, der späteren 73. Infanterie-Division unter dem k.u.k. Feldmarschallleutnant Ludwig Goiginger zusammengefasst, der im Jahre 1917 vertretungsweise für mehrere Wochen das Alpenkorps führte.[9] Auf italienischer Seite vermutete Krafft 27 Alpini-Bataillone und neun bis zehn Infanterie-Divisionen. Man rechnete sogar mit dem Eintreffen französischer Truppen. Insgesamt glaubte man, einem überlegenen und gut ausgerüsteten Gegner gegenüber zu stehen und rechnete fest mit einem Winterkampf im Gebirge. Ungeachtet mancher abfälligen Urteile über die italienischen Soldaten in der deutschen Öffentlichkeit hatte man beim Alpenkorps durchaus Respekt vor ihnen. Und bald stellte sich heraus, dass selbst die Alpinisten in den Schneeschuh-Bataillonen des Jäger-Regiments Nr. 3, die das Bergsteigen und Klettern im Frieden als Sport betrieben hatten, mit ihrem bergsteigerischen Können trotz ihres Idealismus´ den Alpini nicht das Wasser reichen konnten. Insgesamt empfand Krafft seine Situation zunächst als ausgesprochen widerwärtig, da er mit seinen „Truppen, die das alleinige vollwertige Soldatenmaterial u. Kriegsgerät besitzen, überall aushelfen, stützen u. ausflicken und […] auch schon manche Verluste durch Versagen der anderen in Kauf nehmen“[10] musste. Für Krafft bedeutete diese Untätigkeit, dass „der Krieg […] immer mehr einem Salonkrieg“[11] glich, in dem es schwerer als anderswo war, „mühelos zu höchsten Ehren [zu] gelangen“.[12] Die Folge war ein Stellungskrieg wie an der Westfront, in dessen Schatten der Gebirgskrieg im heutigen kollektiven Bewusstsein immer noch steht: genauso barbarisch, genauso grausam und prozentual mindestens ebenso verlustreich. Was im Westen der Schlamm war, der die Menschen quälte und belastete, waren an der Alpenfront das Klima und das lebensfeindliche Hochgebirge. Unfälle beim Erklettern der Höhenstellungen, um die dort gegenüber Witterung und Geschützfeuer mehr oder minder schutzlosen Soldaten abzulösen oder um Nachschubgüter hinaufzuschaffen – bis zur Fertigstellung der Seilbahnen musste alles von den Männern und Tragtieren mühselig hochgeschleppt werden – forderten hüben wie drüben ein hohes Maß an Leiden und Opfern.
[3] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 25. Juni 1915. [4] Eine fast schon standardmäßige Wendung in den Briefen Kraffts, z. B. in BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 30. August 1915 oder 15. Juli 1915. [5] So stürzte beispielsweise der Kommandeur des (preußischen) Jägerregiments 2, Oberstleutnant v. Goetze, bei einer Kletterübung ab und kam dabei ums Leben. [6] Vgl. Heyl, Alpenkorps, S. 19. [7] Bossi-Fedrigotti, S. 18. [8] Vgl. Joly, S. 5–7. Für Welschtirol (Trentino) und Vorarlberg sind noch elf weitere Bataillone hinzuzurechnen sowie Standschützen-Kompanien und -Abteilungen und -Formationen“. [9] Zwischen dem 6. 2. und dem 7. 3. 1917 zeichnete Goiginger alle Befehle als Kommandeur des „Korps Krafft“. (KA, Alpenkorps, Bund 9, Akt 3). [10] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 25. Juni 1915. [11] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I Krafft an seine Frau, 26. Juni 1915. [12] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I Krafft an seine Frau, 9. Juli 1915.