Alpenkorps und Tiroler Standschützen
Alpenkorps und Tiroler Standschützen
Das Alpenkorps war aufgestellt und nach Tirol in Marsch gesetzt worden, um die verbündeten österreichischen Kräfte zu unterstützen, ohne dabei die Italiener so zu reizen, dass diese die Anwesenheit der Deutschen zum Kriegsgrund machen konnten. Dazu war es den „Subr.[ayon]Führern […] seitens des Korps gestattet, einzelne deutsche Kompagnien sparsamst einzuschieben, um den Standschützenformationen den unbedingt notwendigen inneren Halt zu geben.“[1]
Als die Deutschen in ihrem neuen Einsatzraum eintrafen, stießen sie auf
„Leute, die teils ladinischer Abstammung [waren]. Mit wenigen Ausnahmen sind sie zuvorkommend und gastfreundlich. Die Bauernhöfe sind schmuck und sauber, die Männer stecken alle in Uniform. Hier lernen die Jäger [IV./Jg.Rgt 3] die ersten Standschützen kennen. Alle Hochachtung vor ihnen! – das letzte Aufgebot. […] Ihre Stammformation sind die Schützengesellschaften des Friedens, die ja in Österreich, ähnlich wie in der Schweiz einen militärischen Charakter haben. Ihre Offiziere wählen sie sich selbst. Meist ist der Vorstand der Schützengesellschaft [gleichzeitig auch] der Bataillons- oder Kompagniekommandant. Leutnants sah man darunter mit grauen Haaren. Alle sind sie voll Pflichteifer und Zuversicht. […] Gemeinsam ist ihnen allen, selbst den Standschützen ladinischer Abstammung, der gerechte Zorn über den ‚walschen Verräter‘“.[2]
Nur ein Soldat, der sein (Kriegs-)Handwerk versteht, entwickelt – vorausgesetzt, er ist von der Sinnhaftigkeit seines Tuns, das ja mit der Gefahr für Leib und Leben verbunden ist, überzeugt – Selbstvertrauen und behält auch in Krisenlagen einen kühlen Kopf. Von daher waren die deutschen Soldaten bei den Standschützen, die „nicht die geringste militärische Ausbildung, geschweige denn Kriegserfahrung besaß[en], sehr willkommen. Dankbar nahmen sie „die ersten kriegerischen Unterweisungen [entgegen], denn unsere Anwesenheit verlieh ihnen Ruhe und Sicherheit.“[3] Von Vorteil war, dass das „zaghafte Vorgehen des Feindes [uns Zeit gibt], aus den Tiroler Standschützen, deren vaterländischer Geist höher steht als ihr militärisches Können, brauchbare Soldaten zu machen. Das Korps befiehlt, dass diese Leute auf die anderen Formationen zu verteilen sind, um so von den Kameraden die nötigen militärischen Kenntnisse zu erwerben. Ein eigentlicher Drill soll bei dieser freiwilligen Organisation ausgeschlossen bleiben.“[4] Von der Kompanieebene abwärts über die Zug- und Gruppenebene bis hin zum Einzelschützen wurden die Standschützen den Alpenkorps-, Landwehr- und Landsturmformationen zugewiesen und in die jeweilige Gefechtsgliederung eingefügt. Artillerieunterstützung – die Standschützen verfügten von Haus aus über keine eigenen Geschütze – erhielten sie durch Zuweisung einzelner Geschütze des Alpenkorps. Mittels Vordermann-Ausbildung und „learning by doing“ (leider oft genug auch durch „learning by dying“ von Kameraden) wurde ihr Ausbildungsstand – und andererseits auch derjenige der Deutschen hinsichtlich des Lebens im Hochgebirge – und damit ihr Einsatzspektrum so erhöht, dass sie bald an vorderster Front eingesetzt werden konnten: „Spielend lernten unsere Leute den praktischen Felddienst von den kriegserfahrenen deutschen Kriegern. Sie lernten auch den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. […] Nur das Bergsteigen wurde den schweren Leibern hart.“[5] Ein Beispiel: Als ein Standschütze und ein „Leiber“ gemeinsam einen Horchposten besetzten, zündete sich der Deutsche zur Überraschung seines Tiroler Kameraden eine Zigarette an – was letzterem verboten war, denn eine glimmende Fluppe/Kippe ist in der Nacht sehr weit und sehr deutlich auszumachen. Auf den Hinweis des Tirolers, dass dadurch doch die Italiener auf die eigene Stellung aufmerksam werden könnten, antwortete der Deutsche: „Miar woint ja, daß s’kumma. Zu dem seima ja herkumma.“[6]
Zu den „verbündeten österreichischen Kräften“, die der besonderen Fürsorge bedurften, gehörten eben auch die Tiroler Standschützen, eine Miliz, die sich aus allen, die noch nicht oder nicht mehr wehrdienstpflichtig oder nicht mehr diensttauglich waren, rekrutierte. Alle Schichten waren bei ihnen vertreten. Die Palette reichte vom Tagelöhner oder Stallknecht bis hin zu örtlichen Honoratioren, vom Handwerker zu Akademikern, „die sich stets sehr wacker gehalten hatten“.[7] Oder anders ausgedrückt: Tirols letztes Aufgebot war hinsichtlich seiner militärischen Kompetenz „vielfältig, bunt und divers“.[8] Wenn aus österreichischen und bayerischen gebirgskundigen Leuten eigene Patrouillenkommandos oder Spähtrupps zusammengestellt wurden, begegneten sich Alpenkorps-Soldaten und Standschützen damit unweigerlich sowohl im Alltag als auch im Gefecht. Sie besetzten gemeinsam mit Landsturm-Männern, Landesschützen, Gendarmerie- und Finanzwachtassistenzen Feld- und Alarmposten. Und sie kämpften gemeinsam.[9] Wie aber war nun das Verhältnis zwischen den Bayern, Württembergern und preußischen „Piefkes“ einerseits und den „angeblich ‚minderwertigen Standschützen‘“[10] andererseits? Gab es auch innerhalb der Tiroler Verteidigungskräfte Unterschiede in Ansehen und Prestige? Will man dieser Frage nachgehen, muss man sich verschiedener Probleme bewusst sein, die es zu beachten gilt.
[1] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), KTB Alpenkorps, Eintrag vom 6. Juni 1915. [2] Von Rango, S. 91 f. [3] Bomhard, S. 69. [4] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), KTB Alpenkorps, Eintrag vom 6. Juni 1915. [5] Mörl, S. 48. [6] Ebd. [7] Mörl, S. 44. [8] Eine persönliche Anmerkung zu dieser Wortwahl: Der Autor lehnt die dahinterstehende „woke“ Ideologie rigoros ab. [9] Vgl. Schemfil, S. 90. [10] Mörl, S. 87.
Problem Nr. 1: die Quellenlage.
Die für den vorliegenden Aufsatz herangezogenen (Primär-)Quellen sind zum einen das Kriegstagebuch des Alpenkorps[11] sowie die sogenannten Regimentsgeschichten der Alpenkorps-Regimenter, „bearbeitet nach den amtlichen Unterlagen und Kriegstagebüchern“, wie es auf den Titelseiten stets heißt. Deren Autoren sind als ehemalige Angehörige dieser Verbände gleichzeitig auch Zeitzeugen der Ereignisse in Tirol. Ein Äquivalent dazu in Form von Formationsgeschichten einzelner Standschützenbataillone gibt es hingegen nicht. Zwar wies das k.u.k. Landesverteidigungskommando Tirol im September 1915 die Subrayonskommandos an, dass ihre Standschützenverbände entsprechende Aufzeichnungen anzufertigen hatten, aber diesem Befehl scheint kaum jemand nachgekommen zu sein. Überliefert sind dagegen einige offizielle Tagebuchaufzeichnungen.[12] Eine andere wichtige Primärquelle sind (bzw. wären) die Feldpostbriefe der deutschen und österreichischen Soldaten an ihre Angehörigen. Sofern in diesen keine explizit militärischen Themen angesprochen werden, die natürlich der Zensur unterlagen und nicht erwähnt werden durften, bieten solche Briefe, in denen vorrangig persönliche Erlebnisse im unmittelbaren Umfeld beschrieben werden, neben gelegentlichen und natürlich subjektiven Betrachtungen über die damals gerade aktuelle politische und militärische Lage einen authentischen Einblick in das Alltagsleben der Menschen und ihr Empfinden. Und worüber berichtet man normalerweise seinen weit entfernt und unbehelligt von Kampfhandlungen lebenden besorgten Angehörigen? – Über die Unterbringung, über das Essen, über das Zusammenleben mit den Einheimischen. Um eine schlüssige Antwort auf die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen den Neuankömmlingen aus dem Deutschen Reich und den Tiroler „Ureinwohnern“ ganz individuell gestaltete, müsste der Bestand an Feldpostbriefen bayerischer Soldaten an ihre Angehörigen eingehend und zielgerichtet dieser Frage nachgehend erforscht werden. Das aber war im Rahmen dieses Aufsatzes nicht möglich und bleibt demnach ein Desiderat. Ausnahme: In den Briefen, die Krafft von Dellmensingen in seiner Eigenschaft als „Führer des Deutschen Alpenkorps“ von seinem Divisionskommando Brixen aus an seine Frau Helene schrieb (fast täglich!), kommen die Standschützen zum einen nur zwei Mal vor und zum anderen dabei auch nicht besonders gut weg:
„Österreich hat ja bekanntlich für Tirol anfänglich wenig Truppen übrig gehabt [sic], weil das ganze gute u. für den Gebirgsdienst ausgezeichnet vorgeschulte Tiroler Korps in den Karpathen verwendet worden war. Was zurückblieb, waren nur Formationen zweiter Linie u. auch die lächerlich gering an Zahl. In der Not hat man nun etwas ähnliches arrangiert wie 1809 – eine Volksbewaffnung, freilich mit dem Unterschied, daß in diesem Aufgebot alle die besten u. kräftigsten Elemente fehlen, die damals seinen Kern ausgemacht haben. Man hat die sog. Standschützen, private Schießvereine, militärisch organisiert, völlig mil.[itärisch] bekleidet, bewaffnet u. ausgerüstet, damit sie als Angehörige der bewaffneten Macht anerkannt werden müssen u. vor dem Schicksal der damaligen Freiheitskämpfer bewahrt bleiben. […]. Freilich werden damit aus diesen Leuten, die teilweise sehr jung (unter 18), teilweise sehr alt (über 42, einzelne bis in die 60 hinauf) sind, keine Soldaten. Sie sind maskierte Zivilisten, die nur im Schießen eine Vorbildung haben. Man kann sie natürlich auch nur bedingt verwenden.“[13]
15 Jahre nach dem Krieg klang dieses fast schon vernichtende Urteil, das er aus seiner damaligen Erfahrung (und Vorurteil) heraus und vor allem von Privat an Privat schrieb, schon deutlich moderater: „Nebenbei bemühten sie [die Truppen des Alpenkorps] sich eifrig, die sehr willigen und tapferen, aber militärisch unerfahrenen zugeteilten Tiroler Standschützen mit allen Erfordernissen des Krieges vertraut zu machen. Es gelang ihnen, sie zu einer sehr brauchbaren Verteidigungstruppe auszubilden. Hiebei [sic] entwickelte sich eine herzliche, opferwillige Kameradschaft mit allen im gleichen Bereiche eingesetzten Tiroler Truppen.“[14]
Krafft befürchtete vor allem, dass die Standschützen unfähig sein würden, die körperlichen Anstrengungen eines Hochgebirgskrieges – zumal im Winter – ebenso wie die psychischen Belastungen eines Artilleriebeschusses durchzustehen. So ganz unbegründet waren seine Bedenken nicht, denn die Standschützen hatten niemals längere Winterübungen durchgeführt: Im September waren sie stets von den höher gelegenen Sommer- in die tieferen, weniger schneereichen Wintergefilde hinuntergestiegen. Somit fehlte ihnen jede Erfahrung hinsichtlich des Überwinterns in Höhenstellungen. Die Tiroler Standschützen verfügten anfangs tatsächlich nicht über das professionelle zeitgemäß-aktuelle militärische Know-how fronterfahrener deutscher (Flachland-)Truppen. Woher auch? Insofern ist seine Kritik berechtigt. Aber aus den folgenden Sätzen spricht die pure Überheblichkeit eines deutschen „Piefkes“: „Die Österreicher haben hier in Tirol leider fast nur minderwertige Truppen […], lauter Leute, die den Höhepunkt ihrer Kraft längst überschritten haben u. lieber bei Muttern zu Hause säßen“.[15] Zudem witterte er vor allem in der landsmannschaftlichen Zusammensetzung der Verbündeten deren größtes Manko: „Außerdem gibt es darunter Italiener, Serben, Rumänen, Ruthenen, lauter zweifelhafte Gesellen. Man kann also diesen Leuten allein nichts anvertrauen.“[16] Und wo Krafft recht hatte, hatte er recht. Als das Infanterie-Leibregiment am 27. Mai in Caldonazzo eintraf und eine Rast einlegte, wurden die Bayern „von der Bevölkerung, obwohl sie durchwegs italienisch sprach, mit Blumen und Liebesgaben bedacht.“[17] Aber so allumfassend war die Sympathie für die „Leiber“ indes nicht, wie es hier anklingt. Kraffts Vorbehalte waren also durchaus gerechtfertigt, denn als sie wenige Stunden später wieder abrückten, ließ der italienische Dorfpfarrer die Kirchenglocken läuten – aber nicht als ein Hoffnung spendender Abschiedsgruß, sondern, wie sich später herausstellte, als ein vorher vereinbartes Zeichen an seine Landsleute jenseits der Grenze. Nun sollte man die nachvollziehbar nicht allzu ausgeprägte Kompetenz der Standschützen in puncto militärische Grundfertigkeiten – entweder waren sie noch zu jung dafür oder sie war aufgrund des hohen Alters nicht mehr auf der Höhe der Zeit der neuartigen Repetiergewehre und weitreichenden Schnellfeuerartillerie – aber nicht nur negativ bewerten. Ein körperlich nicht mehr voll leistungsfähiger etwas älterer oder wirklich alter Mann konnte immer noch zu Tätigkeiten herangezogen werden, für die weder ausgeprägte Muckis oder Marschausdauer noch die Fähigkeit, beispielsweise einen blockierten MG-Verschluss auch unter Extrembedingungen wieder zum Funktionieren zu bringen, nötig waren. Ein kaum militärisch ausgebildeter spätpubertierender Jungspund konnte aber, wenn selbst Tragtiere überfordert waren, noch Geschütze, Maschinengewehre, Munition, Verpflegung (vor allem Wasser!) oder Schanzmaterial zu den Höhenstellungen schleppen.[18] Damit entlastete er die eigentliche Kampftruppe, die dann keine Kräfte für diese Tätigkeiten abstellen musste und so ihre Grabenstärke resp. Feuerkraft halten konnte. Die mangelnde Kampf- und Lebenserfahrung der Standschützen hatte bisweilen leider sogar tödliche Folgen. War es Übereifer, Angst oder einfach nur Wissenslücken im Fach „Uniformkunde“[19], als Standschützen den bayerischen Vizefeldwebel Ingwersen am Abend des 28. Mai erschossen? Ingwersen war zusammen mit einem österreichischen Gendarmerie-Assistenten (ein konkretes Beispiel für die „Korsettstange“ genannte enge Zusammenarbeit – zunächst eher eine Art „betreutes Kämpfen“ – zwischen einem „Gelernten“ und einem „Ungelernten“) auf einem Patrouillengang, als die beiden unverhofft vor die Gewehrmündungen der Standschützen gerieten. Diese hielten sie fälschlicherweise für Italiener und schossen – und das konnten sie angesichts des Trefferergebnisses offensichtlich ganz gut.[20] Es war aber auch gut möglich, dass die örtlichen Standschützen von der Anwesenheit deutscher Truppen einfach noch nichts wussten: „Erst die Leute von der Ersatzabteilung erzählten uns, daß deutsche Truppen nach Tirol gekommen seien.“[21]
Und wer nun meint, so etwas kann heutzutage nicht mehr vorkommen, ja, der irrt. Aber gewaltig! Ende Oktober 2025 fand im Raum Erding (Oberbayern) zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder eine sogenannte „freilaufende Übung“ der Bundeswehr mit dem Code-Namen „marshal power“ statt. Im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit war auch die Polizei als Übungsteilnehmer mit dabei. Ein „besorgter Mitbürger“ (auf jeden Fall aber jemand, der die Uniformen seiner eigenen – deutschen – Soldaten nicht kannte), fühlte sich von dem einzelnen Mann in „Tarnklamotten und Maschinengewehr“ (also Feldanzug Flecktarn und Sturmgewehr G36) bedroht und alarmierte die Polizei. Diese rückte auch sogleich mit dem ganz großen Aufgebot an – und eröffnete das Feuer auf den Soldaten. Schließlich hatten die Polizisten (so stand es auf BILD-online am 27. Oktober 2025 zu lesen) „Todesangst“. Von den etwa 40 Schüssen, die sie auf den Soldaten abgaben, traf zum Glück nur einer als Streifschuss im Gesicht. Das Pikante an der Sache: Die örtliche Polizei wusste von keiner Übung. Und die Flecktarn-Uniform konnten sie auch nicht richtig einordnen. Und der einzelne Tiroler Standschütze von 1915 schoss zum Leidwesen des bayerischen Vizefeldwebels auch deutlich besser als die deutschen Polizisten von 2025.
Doch zurück zu den Standschützen. Das Nicht-Erwähnen eines Teils der verbündeten Soldaten in den offiziellen Kriegstagebüchern oder in der Erinnerungsliteratur ist andererseits aber auch ein Hinweis auf den Stellenwert, den die Standschützen, immerhin eine Truppe zwischen 30.000 und 38.000 Mann, für die Deutschen hatten. Somit muss das Ergebnis der nachfolgenden Zeilen als ein zwar nur vorläufiges, jedoch quellengestütztes gewertet werden. Und damit sind wir bei
[11] Einzusehen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Abt. IV (Kriegsarchiv). Der Zugang ist problemlos auch online möglich und zudem kostenfrei. [12] Vgl. Joly, S. 79 f. [13] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 22. Juni 1915. [14] Krafft/Feser, S. 71. [15] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 10. Juli 1915. [16] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 10. Juli 1915. [17] Bomhard, S. 62. [18] Ein Beispiel: „Anfang Juni kam die Haubitzbatterie Nr. 101 des Alpenkorps an, deren Geschütze von den Standschützen auf den Hang des Monte Sief gezogen wurden […]“. Mörl. S. 233. [19] Das scheint tatsächlich eine mögliche Ursache für dieses tragisch-letale Missverständnis gewesen zu sein: „… empfängt ihn [den Gendarmeriewachtmeister Dolwit am Col di Lana] ein neues Gesicht in einer ihm bisher nur aus Abbildungen [d. h. s/w-Fotos oder Zeichnungen] bekannt gewordenen Uniform“ (Bossi-Fedrigotti, S. 26). [20] Vgl. Bomhard, S. 63. [21] Mörl, S. 42.
Problem Nr. 2, Stimmungslage und Mentalität nach dem Ersten Weltkrieg.
Zu beachten bei der quellenkritischen Auswertung der nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichten persönlichen Erinnerungen, Regimentsgeschichten, Romane usw. ist, wenn es um die Haltung der ehemaligen deutschen Alpenkorps-Angehörigen gegenüber den Standschützen geht, die aus der Schockstarre der Niederlage heraus gewachsene Nachkriegsmentalität im bürgerlich-konservativen bis rechtsextremistischen politischen Lager, wähnte man sich doch „im Felde unbesiegt“. Und diesem Lager gehörte nun mal die Masse der zu Autoren der Erinnerungsliteratur mutierten, inzwischen meist ex-Offiziere an. Bei der Lektüre der Nachkriegsliteratur fällt – mal abgesehen von der zeitgeist-typischen, für uns Heutige etwas geschwollen-schwülstig wirkenden Wortwahl und Ausdrucksweise – inhaltlich vor allem die pathetische Glorifizierung der Standschützen, geradezu ihre Mythologisierung auf. Anton Graf Bossi-Fedrigotti ist hier ein Musterbeispiel für deren „Heiligsprechung“. Auch Roland Kaltenegger und Heinz von Lichem – beide brachten allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg (den die Deutschen und „Ostmärker“/Österreicher ja ebenfalls gemeinsam verloren haben) ihre – durchaus berechtigte! – Begeisterung für die Standschützen zu Papier. Bossi-Fedrigotti schon in der Zwischenkriegszeit. Hier ist es manchmal nicht einfach, die tatsächliche oder unter Umständen geschönte Wahrheit oder mehr oder minder stark ausgeprägte (Hinzu-)Dichtung voneinander zu unterscheiden.
Wie kam es nun zu dem Sinneswandel von Reserviertheit, fast schon Arroganz, seitens der Deutschen gegenüber den Standschützen im Frühjahr 1915 hin zu Akzeptanz und sogar Wertschätzung noch während ihrer Anwesenheit, erst recht nach dem Krieg? Beide, sowohl die österreichischen Standschützen als auch die deutschen Alpenkorps-Soldaten, gehörten zu den Verlierern des „Weltkrieges“ (dass es noch einen zweiten globalen Krieg geben würde, wusste man in den 1920er und 1930er Jahren ja noch nicht). Zum anderen fühlten sich weite Teile beider Bevölkerungen und die meisten Angehörigen beider Streitkräfte als zu Unrecht besiegt, „von hinten erdolcht“, von den Siegern gedemütigt. Man klagte also über dasselbe Schicksal, litt unter einem gemeinsamen Stigma nach dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid“. Diese gemeinsame, schwer verdauliche Negativ-Erfahrung verband, baute Brücken. Brücken auch zu denjenigen, die während des Krieges noch zu jung waren, um Soldat werden zu können, es aber aus ihrer, wie man damals sagte, „vaterländischen“ Gesinnung heraus gerne geworden wären. Vor diesem Hintergrund wollten die Autoren als ehemalige Kriegskameraden vermutlich keinen zusätzlichen Keil zwischen die beiden deutschen „Brudervölker“ treiben. In den Regimentsgeschichten findet sich auch nichts wirklich Negatives über die Tiroler Standschützen – wenn sich denn überhaupt etwas über sie finden lässt. Möglicherweise und nur eine Idee ist das aber auch ein versteckter Hinweis auf die immer noch anzutreffende Arroganz vieler Reichsdeutscher gegenüber dem österreichischen „Kameraden Schnürschuh“. Vielleicht aber auch ein Zeichen dafür, dass die ehemaligen „Milizler“, denen die Alpenkorps-Soldaten zunächst außer dem Schleppen von Geschützen, Munition und Verpflegung auf die Gipfel nichts zutrauten, aufgrund ihrer Heimatverbundenheit, ihrer patriotischen Einstellung (was damals noch ein hoher Wert war) und ihres Engagements, bald aber auch wegen ihres schnell gewachsenen militärischen Könnens mittlerweile als „echte“ Soldaten angenommen wurden. Auf einer Skala der Wertschätzung der Standschützen als vollwertige Soldaten rangierten sie zunächst ganz unten. Sie waren – zusammen mit der Gendarmerie- und der Finanzwacht-Assistenz – wortwörtlich „Tirols letztes Aufgebot“.[22] Vor ihnen rangierten im militärischen Sozialprestige die Gemeinsame (k.u.k.) Armee, die k.k. Landwehr (und k. u. Honved), die Landesschützen als Teil der k.k. Landwehr sowie der Landsturm (der nur im Bedarfsfall aktiviert wurde). Und es waren nicht nur die „Piefkes“ aus dem Norden, die abfällig auf die Tiroler Milizionäre herabschauten. Auch ihre österreichischen Kameraden von den regulären Streitkräften nahmen sie offenbar in einem beträchtlichen Ausmaß nicht für voll. Für die Deutschen war der Standschütze zunächst nur ein militärischer Laie, eine Art Hilfsschüler. Was manchmal aber tatsächlich nicht so ganz falsch war, schließlich waren die Standschützen, jene „Andreas-Hofer-Gestalten der eigenartigen Formationen der Standschützen, bewundernswert in ihrem Ausharren bei schwerster Beschießung […] und dem Alter nach schon wohl kaum als Kriegstruppe gedacht“.[23] Bei allem persönlichem Engagement und individueller Tapferkeit und ohne ihnen Schlechtes zu wollen, blieben sie eben doch „nur“ eine Miliz und waren keine reguläre Armee mit entsprechend professioneller Ausrüstung und langjähriger Ausbildung.
„Am Anfang schauten die bayerischen Jäger geringschätzig auf die Tiroler herab. Nach dem ersten Gefecht [am Col di Lana] wurde es anders und die Standschützen wurden nicht mehr „Milizler“, sondern „Schützen“ genannt.“[24] Mit dem steigenden Ansehen seitens der Verbündeten aus dem Norden wurden die Deutschen gegenüber den ihren anvertrauten Standschützen-Kameraden gleichzeitig geradezu fürsorglich. Die Bayern waren – nur ein Beispiel – regelrecht entsetzt bis angewidert, als sie die schlechte Verpflegung der Standschützen sahen: „Und [beim] ‚Bimbs‘, das ist das Kommißbrot, [das] bei den Österreichern überhaupt nicht eßbar ist, kollern beim Schneiden desselben doch ganze Klumpen nicht ausgebackenen Maismehls heraus.“[25]
Sie teilten daraufhin „ihre Liebesgaben mit den Schützen, sogar Münchner Faßbier gab es.“[26]
Insgesamt fanden die Standschützen sowohl bei ihren Landsleuten als auch bei den Deutschen aber rasch und zunehmend Anerkennung. Die wachsende Professionalität in der Zusammenarbeit des Alpenkorps mit den Tiroler Standschützen zeigte sich zunächst in vorbereitenden Erkundungen: Höhenkanten wurden gesichert, Kommunikationswege eingerichtet und betriebssicher gehalten und die ersten Angriffe geplant. Dabei lag der Fokus auf der Kontrolle von Pässen und Verbindungsstrassen. Die Tiroler hatten eben den Heimvorteil der hervorragenden Ortskenntnisse. In der Taktik setzten sie auf präzise, gut koordinierte Bewegungen von Klein- und Kleinstgruppen im ihnen vertrauten Gebirge: „hit and run“, „search and destroy“.
Schließlich wurde es auch möglich, dass Freiwillige des Standschützen-Bataillons Imst in Zugstärke (also nicht das Bataillon als geschlossener Verband mit einem eigenen Gefechtsstreifen bzw. Verantwortungsbereich) am 7. Juni an der Eroberung des Monte Piano teilnehmen konnten.[27]
Das anfänglich hochnäsige Misstrauen der Deutschen gegenüber den Standschützen begann angesichts ihres Lern- und Leistungswillens aufzuweichen: Ein „Leutnant Endel von einer preußischen Maschinengewehrkompanie des deutschen Alpenkorps […] schien Ungünstiges über die ‚Standschützenmiliz‘ gehört zu haben und wollte daher die Leute prüfen.“ Diese Prüfung – ein Melder der Standschützen sollte einen versiegelten Umschlag mit einem Befehl in einen der vorderen Kampfgräben bringen – bestand der Tiroler offenbar, wie Endel einem Standschützen-Leutnant gegenüber zugab: „Daß aber Ihre [Leute] alles nicht nur gleich schnell, sondern auch gleich geschickt gemacht haben wie meine Mannschaft, darüber staune ich. Ich weiß, wir werden gut zusammenarbeiten.“ „Wie wohl taten solche Worte unseren braven Schützen!“[28]
Klar, wer wird denn nicht gerne gelobt? Und hier zu Recht.
[22] Bomhard, S. 60. [23] Gollwitzer, S. 81. [24] Mörl, S. 234. [25] Bossi-Fedrigotti, S. 24. [26] Mörl, S. 233 f. [27] Der Verband – bestehend aus dem Stab und drei Kompanien – hatte im Juni 1915 13 Offiziere, 63 Unteroffiziere und 247 Schützen, zusammen also 323 Mann. Er schied am 21. September aus dem Befehlsbereich des Alpenkorps aus und verlegte nach Bruneck. (BHStA, Abt. IV [Kriegsarchiv], KTB Alpenkorps, Eintrag vom 22. September 1915). [28] Bomhard, S. 60.