Italienische Angriffspläne und strategische Zielsetzungen
Italienische Angriffspläne und strategische Zielsetzungen
Als am 1. Juli 1914 völlig unerwartet General Alberto Pollio starb[1], wurde neun Tage später Generalleutnant Luigi Cadorna in ernstester Lage zum Chef des Generalstabes der Armee ernannt.
General Graf Luigi Cadorna (1850–1928)
Foto: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/30/Luigi_Cadorna_02.jpg
Den zunächst einleitenden Maßnahmen zur Teilnahme am Krieg aufseiten der Mittelmächte folgte schon am 21. August 1914 eine an die Armeeführer gerichtete Denkschrift, die sich erstmals mit den Möglichkeiten eines Angriffs auf Österreich-Ungarn beschäftigte. Darin wurde ein Vorstoß nach Tirol hinein als zu schwierig und nicht entscheidend abgelehnt. Der Angriff sollte von Friaul aus in das Drautal zwischen Warasdin an der ungarisch-steirischen Grenze und Villach führen, um sich dort nicht nur mit den Serben zu vereinigen, sondern die Operation sodann weiter auf Wien oder nach Ungarn fortzusetzen. Den Spuren Napoleons des Jahres 1797 zu folgen, bedurfte allerdings der völligen Übereinstimmung zwischen militärischer und politischer Leitung. Die Vollendung der Rüstung und das Losschlagen mussten aufeinander abgestimmt sein.[2]
Auf italienischer Seite hatte man sich davon überzeugt, dass fast alle verfügbaren Kräfte der Donaumonarchie auf den Kriegsschauplätzen gegen Russland und Serbien eingesetzt waren. Die Österreicher würden daher vorerst nur defensiv kämpfen und erst östlich des Isonzo stärkere Kräfte aufstellen können. Cadorna verlegte deshalb den Aufmarsch der Hauptkräfte, der 2. und der 3. Armee, vom Piave in Richtung Isonzo an den Tagliamento. Zum Schutz dieser Versammlung wurden daher bereits in der Zeit der „Neutralität“ Italiens an der Grenze Deckungsdetachements formiert. Die 1. Armee, die nahezu ganz Tirol umschließen sollte, behielt ihren defensiven Auftrag. Die daran anschließende 4. Armee hatte gegen den Raum von Toblach vorzugehen. Die danach eingeschobene, direkt dem Oberkommando unterstellte Karnische Gruppe, erhielt als erstes operatives Ziel den wichtigen Raum Tarvis zugewiesen. Die Heeresreserve wollte Cadorna südlich des Gardasees, also weit abseits der Hauptkräfte, versammeln. Dieser Aufmarschplan sollte bis zum Kriegseintritt nicht mehr wesentlich geändert werden.[3]
[1] Dazu D’Angelo, Giovanni: La Strana Morte del Tenente Generale Alberto Pollio. Capo di Stato Maggiore dell’Esercito 1° Luglio 1914, Novale 2009. [2] Xylander, Rudolf: Cadorna, in: Heerführer des Weltkrieges, hg. v. der Deutschen Gesellschaft für Wehrpolitik, Berlin 1939, S. 173 ff. [3] Schäfer, Hugo: Die Kriegspläne Italiens gegen Österreich-Ungarn, in: Militärwissenschaftliche und technische Mitteilungen, hg. v. österreichischen Bundesministerium für Heerwesen, Wien 1931, S. 748.
Am 1. September 1914 wurden an die Armeeführer „Anweisungen“ ausgegeben. Diese sahen für die aus Friaul vorgehenden 2. und 3. Armee zunächst zwei Zwischenziele vor: die Gewinnung des Isonzo und dann den Aufmarsch an der Save zwischen Krainburg und Laibach. Inzwischen sollten die Karnische Gruppe und die 4. Armee über Toblach und Villach in das obere Drautal eindringen. Nach der Inbesitznahme der dort verlaufenden, für die Österreicher wichtigen Eisenbahn sollten sich diese Truppenkörper bereithalten, den rechten Heeresflügel zu unterstützen. Bei näherer Betrachtung der Truppenverteilung ist bei diesem durchaus offensiven Plan noch keine entscheidende Schwergewichtsbildung erkennbar.
Sieben Monate später, Anfang April 1915, folgten „Varianten zu den Anweisungen“ vom September 1914. Der neue Entwurf beachtete auch die Möglichkeit, dass der Feind während des italienischen Aufmarsches angreifen könnte und in diesem Falle zunächst verteidigt werden müsste. Dabei sollten wenigstens günstige Stellungen jenseits der Grenze gewonnen werden, um nach vollendetem Aufmarsch die Offensive unter besseren Voraussetzungen antreten zu können. Die 4. Armee sollte noch während des Aufmarsches ohne weiteren Befehl die österreichisch-ungarischen Sperren Sexten, Landro und Valparola nehmen, um rasch in die Täler der Rienz und der oberen Drau eindringen zu können. Die Karnische Gruppe hatte sich des Forts von Malborgeth und der Befestigungen von Raibl und Predil zu bemächtigen, um den Weg nach Kärnten zu öffnen. Der Besitz von Villach war dabei von besonderer Wichtigkeit. Die 2. Armee sollte Karfreit, Kolowrat und Korada in Besitz nehmen und Offensivbrückenköpfe am Ostufer des Isonzo, auf dem Hochplateau von Bainsizza bilden. Die 3. Armee hatte vorerst die Brücken zwischen Monfalcone und Cervignano und die Medeahöhe zu nehmen, um damit die Voraussetzung für die Einnahme des Plateaus von Sagrado zu schaffen.
In den ersten Maitagen schlossen die italienische und die russische Heeresleitung noch einen Vertrag ab. Beide Heere wollten mit stärksten Kräften die österreichisch-ungarischen Truppen angreifen, ihre Operationen aufeinander abstimmen und gemeinsam versuchen, einen Vorstoß der Serben Richtung Laibach zu erreichen, um damit ein Zusammenwirken mit den italienischen Truppen zu ermöglichen.