Mobilisierung, Verzögerungen und das Scheitern des schnellen Vorstoßes
Mobilisierung, Verzögerungen und das Scheitern des schnellen Vorstoßes
Zweifellos versuchte man in Italien, sich die Erfahrungen der anderen Heere während der ersten Monate des Krieges zunutze zu machen. Im März 1915 wurde ein Rundschreiben über den Stellungskrieg, wie er sich den Franzosen darstellte, verteilt. Dazu wurde allerdings vermerkt, dass die Art und Weise der italienischen Kriegsführung und das Gelände des Kriegsschauplatzes den Stellungskrieg kaum in Erscheinung treten lassen dürfe.[1]
Es gilt als erwiesen, dass auf italienischer Seite die politische Führung und die militärische Leitung nicht im Einvernehmen miteinander arbeiteten. Die italienische Regierung war sich nicht wirklich über Verfassung und Schlagkraft der Armee im Klaren. Ebenso fehlte das Verständnis dafür, wie sehr Mobilisierung und Aufmarsch miteinander verknüpft sind und welch zeitraubende Änderungen eine Anpassung an die Lage erfordert. Die italienische Heeresleitung wurde obendrein lange über die entscheidenden Maßnahmen der Regierung im Unklaren gelassen. Der Vertrag vom 26. April in London wiederum wurde unterzeichnet, ohne der militärischen Führung die Möglichkeit zu geben, die militärischen Bestimmungen, insbesondere den Zeitpunkt des Kriegseintrittes, beeinflussen zu können.[2] Dieser dilettantische politische Alleingang war wohl nur deshalb möglich, weil sich der italienische Generalstabschef offensichtlich der politischen Führung gegenüber völlig passiv verhalten hatte. Seinem Vorgänger wäre das wohl nicht passiert …
[1] Xylander: Cadorna, S. 176 ff. [2] Dazu Bencivenga, Roberto: Saggio critico sulla nostra guerra. Il periodo della neutralità, Roma 1930.
Der vor der Mobilisierung eingesetzte Grenzschutz erwies sich nun als ein enorm negativer Zeitfaktor. Man hatte nämlich diese zuletzt 142.000 Mann (!) nicht einem Armeeverband in Form einer Teilmobilisierung entnommen. Sie gehörten insgesamt 200 verschiedenen Bataillonen an und mussten jetzt im Rahmen der geregelten Mobilisierung für den Aufmarsch zeitraubend ihren ursprünglichen Verbänden und Truppenkörpern zugeführt werden.
Am 16. Mai 1915 wies General Cadorna im Operationsbefehl Nr. 1 seine Armeen an, sich bereitzuhalten, um nach erfolgter Kriegserklärung in überraschendem Vorstoß einige zehn Kilometer jenseits der Grenze in Besitz zu nehmen und zu halten. Der Karnischen Gruppe, der 2. und der 3. Armee waren dabei die Besitznahme des Beckens von Karfreit und seiner Randhöhen sowie der Höhen westlich des Isonzo zugewiesen; südlich davon sollten sie sich in der Ebene am rechten Ufer des Isonzo festsetzen. Darüber hinaus war befohlen, dass die 3. Armee erst nach der erfolgten Festsetzung der 2. Armee auf den Höhen westlich des Isonzo antreten durfte, da Cadorna einen möglichen Flankenangriff von den Höhen zwischen Judrio und Isonzo befürchtete. Das rechte Isonzo-Ufer sollte sodann von den beiden Armeen so lange gehalten werden, bis die Mobilisierung und der Aufmarsch abgeschlossen waren.
Am Tag der Kriegserklärung, am 23. Mai 1915, standen von der italienischen Armee bereits 400.000 Mann an der Grenze. Der italienische Generalstabschef hatte zwar erwogen, mit Kriegsbeginn sofort die Offensive aufzunehmen, den Gedanken daran aber wieder fallen gelassen. Er befürchtete, dass die über den Isonzo vorstoßenden schwachen Kräfte – mindestens 200.000 Mann (!) – von rasch herangebrachten österreichisch-ungarischen Kräften hätten angefallen werden können. Cadorna erklärte nach dem Krieg in seinen Erinnerungen, dass für Mobilisierung und Aufmarsch drei Wochen nach Verfügung der Mobilisierung erforderlich waren. Der Mobilisierungsbefehl erging am 22. Mai, die Kriegserklärung erfolgte einen Tag später.
Die Oberste Heeresleitung beabsichtigte also, nicht vor Mitte Juni mit starken Kräften den Isonzo zu überqueren.[3]
Auf österreichisch-ungarischer Seite standen an diesem Tag zwischen Karfreit und Triest allerdings bloß
28 ½ Bataillone, 20 Batterien und 5 ½ Schwadronen. Die österreichischen Truppentransporte waren erst zwei Tage zuvor richtig angelaufen, wobei auf der einzigen voll leistungsfähigen Eisenbahnlinie – der Südbahn – in diesen Tagen die Transporte für die k. u. k. Kriegsmarine Vorrang hatten. Die Feindlage war der italienischen Führung bekannt. Doch nicht umsonst findet man in Cadornas Memoiren am häufigsten die Begriffe „Methode“ und „methodisch“. Absicherung gegen jedes nur denkbare Risiko. Eine militärhistorisch geradezu einmalige Gelegenheit sollte ungenutzt verstreichen.
[3] Dazu Rendulic, Lothar: Die italienische oberste Heeresleitung in den zwölf Isonzoschlachten, in: Militärwissenschaftliche und technische Mitteilungen, Wien 1922, S. 289 ff.
Der italienische Generalstabschef Cadorna ließ seine Truppen vor dem dünnen Schleier österreichisch-ungarischer Kräfte am Isonzo haltmachen. Erst am 21. Juni, fünf Tage nach dem endlich vollendeten Aufmarsch, gab er den Befehl zum Großangriff.[4] Cadornas schwerfälliger, durch Improvisationen noch weiter verzögerter Aufmarsch wurde nur von seiner Ängstlichkeit beim Vormarsch übertroffen. In seinen Erinnerungen schreibt er über die österreichisch-ungarischen Isonzo-Verteidiger, dass sie sich auf mehrere Linien (zumeist eingesprengt und betoniert) stärkste Hindernisse, Minenfelder, Kavernenbatterien, kavernierte MG, etc. stützen konnten. „In dieser Art war an der ganzen Front vom Stilfserjoch bis zum Meer eine ununterbrochene, starke Barriere entstanden, die die Ausführung unseres strategischen Manövers verhinderte und zum frontalen Angriff zwang.“[5]
Diese Feststellung entsprach allerdings nicht den Tatsachen. Von den von Cadorna geschilderten ausgebauten Befestigungen konnte überhaupt keine Rede sein: Die österreichisch–ungarischen Verteidiger lagen monatelang hinter Steinschlichtungen in einer Linie.[6] Nur an den wichtigsten Punkten befanden sich Deckungen einfachster Art. In der Karstzone waren dies fast ausschließlich Aufschichtungen von Sandsäcken und Steinriegeln. In den erdigen Abschnitten, etwa bei Görz, bestanden sie aus einzelnen Grabenstücken mit dürftigen Drahthindernissen. Nach dem damaligen Stand reichten solche Deckungen gerade noch für vorgeschobene Sicherungstruppen, die bei einem stärkeren feindlichen Angriff zurückzugehen hatten. Eingesprengte Gräben mit 1,80 m Tiefe wurden mangels der notwendigen technischen Arbeitskräfte an der Isonzo-Front selbst im Jahr 1917 trotz Verwendung elektrischer Bohrmaschinen fast nirgends auf dem Karst erreicht.[7]
Die Gründe für Cadornas Zaudern lagen ganz anderswo. Bis zuletzt schätzte er die Möglichkeit der Österreicher zu frühzeitigen Gegenstößen nach der Kriegserklärung viel zu hoch ein. Eine besondere Rolle spielte in seinen Überlegungen die Kriegserfahrung der österreichisch-ungarischen Truppen, wogegen er sich mit höchstmöglicher Sicherung und methodischem Vorgehen schützen zu müssen glaubte.[8] Beides ging schließlich auf Kosten vorwärtstreibender Zielstrebigkeit: Der mögliche durchschlagende operative Anfangserfolg blieb aus.
Der gemeinsame Entschluss der Mittelmächte, die erfolgreich mit dem Durchbruch von Gorlice-Tarnow begonnene Offensive gegen Russland fortzusetzen und gegen Italien sich ausschließlich strikt defensiv zu verhalten, führte im Südwesten der Donaumonarchie zu einer Kriegseinleitung, die von der sonst üblichen völlig abwich. Es gab keinen Bewegungskrieg mit Begegnungsgefechten. Das italienische Heer stieß auf einen aus Stellungen kämpfenden Gegner, den zu bekämpfen die Truppe noch nicht gelernt hatte. Russische Unterstützung sollte es keine geben.
Das serbische Heer wiederum war durch die Abwehrkämpfe 1914 stark geschwächt worden, obendrein wütete im Land die Cholera. Die politische Führung Italiens hatte eine rechtzeitige Mobilmachung zunichtegemacht. Außerdem hatten die misstrauischen französischen Verbündeten den Absatz des Londoner Vertrags veröffentlicht, demzufolge die Italiener spätestens am 26. Mai den Kampf beginnen mussten. Cadorna, auf Sicherheit bedacht, bildete kein echtes Schwergewicht und zögerte. Seine Truppen versäumten eine geradezu historische Gelegenheit gegen einen vorerst weit unterlegenen Gegner. Sie sollten nicht einmal die ersten, knapp gesetzten Ziele gewinnen.
[4] L’Esercito italiano nella grande guerra (1915–1918), hg. v. Ministero della guerra, Vol. II (Doc.), S. 176. [5] Cadorna, Luigi: La guerra alla fronte italiana, Milano 1921, S. 126. [6] Dazu Krauss, Alfred: Die Ursachen unserer Niederlage, München 1922, S. 179 f. (General Boroević, Kdt. der Isonzotruppen, wehrte sich sogar lange gegen den Ausbau der Stellungen.) [7] Rendulic: Die italienische oberste Heeresleitung, S. 296. [8] Hillgruber, Andreas: Die Erwägungen der Generalstäbe für den Fall eines Kriegseintritts Italiens 1914/15, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Bd. 48, hg. v. Deutschen Historischen Institut in Rom, Tübingen 1968, S. 361 f.