Der Dreibund und die Grenzen der Bündnistreue
Der Dreibund und die Grenzen der Bündnistreue
Der Dreibund, das Bündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Königreich Italien, war ein klassisches Defensivbündnis. Sein Zweck bestand darin, das europäische Gleichgewicht zu sichern und damit durch Abschreckung den großen Krieg zu verhindern.[1] Den operativen Absprachen aus dem Jahre 1888 zufolge sollte Italien die fünf Armeekorps und zwei Kavalleriedivisionen umfassende 3. Armee im Kriegsfall gegen Frankreich zur direkten Unterstützung Deutschlands ins Elsass entsenden. Auf Wunsch des neuen Königs Viktor Emanuel III. wurde diese Zusage 1901 in eine obligatorische Möglichkeit umgewandelt.
Die ein Jahr zuvor, im Dezember 1900, abgeschlossene Marinekonvention entsprach nur einem „Nebeneinander“: Die deutsche Zone umfasste Ost- und Nordsee, den Ärmelkanal und die angrenzenden Gebiete, die österreichisch-ungarische Zone die Adria bis zur Breite von Kap Santa Maria di Leuca. Die italienische Zone reichte wiederum von der Enge von Gibraltar bis zur Linie S. Maria di Leuca – Ras el Tin (Libyen). Das östliche Mittelmeer sollte österreichisch-italienisches Kampfgebiet sein. Die mögliche Vereinigung beider Flotten wurde allerdings nicht besprochen. Nach 1902 sollte die begonnene Zusammenarbeit aufgrund der wieder enger werdenden italienisch-französischen Zusammenarbeit im Sande verlaufen. Zwischen den Dreibundpartnern gab es auch keine Absprache bzw. Zusammenarbeit in Rüstungsfragen. Im Falle Österreich-Ungarns und Italiens wurde sogar gegeneinander gerüstet. Die gegenläufige politische Lageentwicklung sowie insbesondere die damalige Schwäche der einzelnen Flotten sollten vorerst jede Festigung der Zusammenarbeit verhindern. So war Österreich-Ungarns Flotte mit ihren zu dieser Zeit vorhandenen drei Küstenpanzerschiffen der Monarch-Klasse wohl nicht einmal in der Lage, die eigene Küste zu verteidigen.[2]
Der deutsche und der österreichisch-ungarische Generalstab waren sich über die Beurteilung des italienischen Bundesgenossen jedenfalls einig. Ihre Pläne für den Mehrfrontenkrieg setzten keine aktive Teilnahme Italiens voraus. Die italienische Bundeshilfe wurde vor dem Weltkrieg immer als unsicher angesehen und lediglich als eventuelle angenehme Zugabe betrachtet.[3] In einer Auseinandersetzung würde Italien sicher versuchen, sich dem siegreichen Teil anzuschließen, um aus dem Gewinn des Krieges Nutzen zu ziehen. Aber es war mehr als fraglich, ob es sich Italien überhaupt leisten konnte, gegen die Entente Krieg zu führen. Schließlich bezog es 1913 etwa 87 % seiner Energieversorgung von Großbritannien.[4] Der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf war darüber hinaus davon überzeugt, dass Italien bei günstiger Gelegenheit Österreich in den Rücken fallen würde.[5]
Der Dreibundvertrag bot auch Raum für „Extratouren“. Etwa für den französisch-italienischen Ausgleich, dem Prinetti-Barrère-Abkommen 1902 oder dem Neutralitätsabkommen zwischen der Donaumonarchie und dem Zarenreich im Oktober 1904. In weiterer Folge schlug der russische Außenminister seinem österreichischen Kollegen vor, Bosnien und die Herzegowina zu annektieren, wobei im Rahmen einer Vereinbarung russischen Kriegsschiffen der Zugang zu den türkischen Meerengen erleichtert werden sollte. Iswolski informierte auch im Voraus Serbien. Die angestrebte Neuregelung scheiterte jedoch an der grundsätzlich ablehnenden Haltung Englands. Die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Herbst 1908 empfand die russische Öffentlichkeit als Düpierung. Zar Nikolaus II. kündigte jedenfalls daraufhin das Neutralitätsabkommen. Ein gewaltiges russisches Aufrüstungsprogramm sollte folgen.
[1] Afflerbach, Holger: Der Dreibund. Europäische Großmacht- und Allianzpolitik vor dem Ersten Weltkrieg. Wien 2002, S. 765. [2] Vgl. dazu: Fanta, Karl: Technische und operative Marineplanungen der Zentralmächte vor dem Ersten Weltkrieg. Phil. Diss. Wien 1998, S. 435. [3] Wendt, Hermann: Der italienische Kriegsschauplatz in europäischen Konflikten. Seine Bedeutung für die Kriegsführung an Frankreichs Nordostgrenzen = Schriften der Kriegsgeschichtlichen Abteilung im Historischen Seminar der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, Bd. 11, hg. Walter Else. Berlin 1936, S. 239f. [4] Muhr: Deutsch-italienische Beziehungen, S. 36ff. Die britischen Lieferungen betrafen vorwiegend Kohle. [5] Afflerbach: Dreibund, S. 772.
Der im Herbst 1911 beginnende italienische Libyenfeldzug gegen das Osmanische Reich stellte einen kaum verhüllten imperialistischen Raubkrieg dar. Italien war dabei von Großbritannien, Frankreich und Russland ermuntert worden, während Deutschland und Österreich-Ungarn vor übereilten Aktionen warnten. Die Konsequenzen für die Balkanhalbinsel waren einfach nicht abzusehen.[6] Tatsächlich sollten die weiträumigen Folgen nicht ausbleiben. Ehe zwischen Italien und dem Osmanischen Reich Frieden geschlossen werden konnte, sollte der (erste) Balkankrieg ausbrechen, der sich gegen die verbliebenen europäischen Besitzungen der geschwächten Türkei richtete.
General Alberto Pollio, der sich 1909/10 intensiv der Reorganisation und Modernisierung seiner Armee gewidmet hatte, musste diese Arbeit wegen des kolonialen Engagements Italiens in Libyen unterbrechen. Nach dem Feldzug war festzustellen, dass dieser weit mehr Ressourcen und Soldaten verschlungen hatte, als ursprünglich geplant gewesen war. Da im Dezember 1912 der Dreibund neuerlich verlängert wurde, fragte der deutsche Generalstabschef Helmuth von Moltke in Rom wegen der italienischen Pläne für einen Krieg in Europa an. Pollio entsendete daraufhin sofort einen seiner Stellvertreter zum Gedankenaustausch nach Berlin. Er selbst betonte in einem Schreiben vom 21. Dezember, dass es derzeit einfach nicht möglich wäre, Truppen an den Rhein zu entsenden. Die italienischen Truppen sollten jedenfalls im Kriegsfalle offensiv in den Alpen vorgehen, um so viele französische Truppen wie möglich zu binden. Pollio betonte, dass Italien seinen Bündnispflichten nachkommen werde und an dem Tag mobil mache, an dem Deutschland mobilisiere. Dabei berief er sich auch nachdrücklich auf die Zustimmung seiner Regierung.[7]
Moltke reagierte darauf angenehm überrascht. Seine begründete Absage wurde ihm als Zeichen der Ehrlichkeit und Loyalität hoch angerechnet. Conrad blieb zwar Italien gegenüber weiter skeptisch, doch Pollio erweckte auch sein Vertrauen. In seinen Erinnerungen führte er über eine Begegnung während der deutschen Manöver in Schlesien im September 1913 aus: Auch am Manöverfeld war „ich häufig mit General Pollio zusammen. Bei Beurteilung des taktischen Verlaufs der Manöver stimmten wir in unseren Ansichten überein. Sein ernstes, ruhiges, überlegtes Wesen wirkte sympathisch und vertrauenserweckend. Ich hatte das Gefühl, dass er es mit der Bundestreue ehrlich meine und verkehrte offen und vertrauensvoll mit ihm. Aber General Pollio war nicht Italien!“[8]
[6] Vgl. dazu: Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München 2013, S. 317ff. [7] Vgl. dazu: Afflerbach: Dreibund, S. 773ff, Rusconi, Gian Enrico: Das Hasardspiel des Jahres 1915. Warum sich Italien für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg entschied, in: Der Kriegseintritt Italiens im Mai 1915, hg. Johannes Hürter, Gian Enrico Rusconi. München 2007, S. 21f. [8] Conrad von Hötzendorf, Franz: Aus meiner Dienstzeit, Bd. 2. Wien 1922 S. 433.