Italien zwischen Bündnispflicht und Eigeninteresse

Als italienischer Außenminister prägte Antonino di San Giuliano (1852–1914) die Diplomatie seines Landes in den entscheidenden Monaten vor dem Ersten Weltkrieg. Er nutzte die Julikrise 1914, um Italiens Bündnisverpflichtungen im Dreibund in Frage zu stellen, und setzte erfolgreich die Neutralität Italiens durch. Seine Forderungen nach italienischen Gebietsgewinnen gegenüber Österreich-Ungarn und die parallel geführten Gespräche mit Großbritannien bereiteten den späteren Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente vor – auch wenn er diesen selbst nicht mehr erlebte.
Bild: Archiv Effekt

Der italienische Außenminister Antonio Marchese di San Giuliano protestierte auf das Schärfste gegen das Ultimatum. Er war darüber bisher nicht informiert worden. Tatsächlich hatte Österreich-Ungarn eindeutig die Konsultationspflicht des Dreibundvertrages verletzt. Unter Hinweis auf den Defensivcharakter des Dreibundes lehnte er daher jede Bündnispflicht ab. Anfang August 1914 erklärte sich Italien als neutral. Wien hatte allerdings gute Gründe, Rom nichts von seinen Absichten mitzuteilen.[19]

Der k.u.k. Außenminister Leopold Graf Berchtold hielt dazu in seinen Erinnerungen fest:

„Genauere Angaben über den geplanten Modus procedendi konnten wir in einem früheren Stadium aus dem Grunde dem römischen Kabinett nicht zur Verfügung stellen, weil wir während des Balkankrieges untrügliche Beweise dafür gewonnen hatten, dass unsere geheimen Mitteilungen an die italienische Regierung regelmäßig tags darauf durch den Draht nach St. Petersburg weitergeleitet worden waren. Eine vertrauensvolle Eröffnung an diesen Bundesgenossen wäre somit einer bewussten Orientierung unserer Gegner gleichgekommen.“[20]

Und das italienische Heer? Pollios Nachfolger, General Cadorna, trat sein Amt erst am 27. Juli an. Er teilte Moltke telegraphisch mit, sämtliche Verpflichtungen Pollios zu übernehmen. Dieser dankte wiederum mit den Worten:

„Vielleicht wird sehr bald die Stunde schlagen, die unsere beiden Länder und Armeen vor eine gemeinsame Aufgabe stellen wird, für der sie Zeugnis ablegen werden von gegenseitiger Treue und Waffenbrüderschaft. Gebe Gott, dass wir dann Hand in Hand zum Siege schreiten.“[21]

[19] Jordan, Alexander: Krieg um die Alpen. Der Erste Weltkrieg im Alpenraum und der bayerische Grenzschutz in Tirol. Phil. Diss. Bamberg 2007, S. 26.
[20] Zitiert nach Hantsch, Hugo: Leopold Graf Berchtold. Grandseigneur und Staatsmann, Bd. 2. Wien 1963, S. 650.
[21] Zitiert nach Foerster: Militärkonvention, S. 409f.
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