Der Seitenwechsel Italiens und seine Folgen
Der Seitenwechsel Italiens und seine Folgen
Im Epilog seiner umfassenden Arbeit über den Dreibund stellt Holger Afflerbach abschließend fest: Dem italienischen Außenminister
Sonnino gelang es nicht, für die Kündigung der Allianz glaubhafte Gründe zu finden. In einem diplomatischen Zirkular listete er viele Argumente auf, die Italien zu diesem Schritt berechtigten, so die Verletzung des europäischen Friedens durch die Verbündeten im Sommer 1914, der Verstoß gegen die Bündnispflichten sowie die ergebnislosen Verhandlungen. Das Memorandum war brillant und überzeugend, was die Ausführungen zum Sommer 1914 anging, hatte aber den entscheidenden Nachteil, neun Monate zu spät zu kommen. Ein Ausscheiden aus dem Dreibund wäre im August 1914 mutig und moralisch sehr eindrucksvoll gewesen; inzwischen wurde es aber als künstliche und willkürliche Rechtfertigungsstrategie für einen Seitenwechsel aus rein egoistischen Motiven angesehen. Parallel dazu setzten die Österreicher die italienische Regierung durch immer großzügigere Angebote, die sie auch publik werden ließen und an deren Ernsthaftigkeit niemand zweifeln konnte, zunehmend ins Unrecht. Diesen Angeboten konnte Sonnino nur durch Verschweigen vor seinen Kabinettskollegen durch offenkundiges Ausweichen, durch Lügen und Hinhalten der deutschen und österreichischen Diplomaten sowie, ganz zum Schluss, durch ein stereotypisches „zu spät“ entgegnen.
Der ital. Diplomat Giuseppe Duca di Avarna meinte, noch nie habe Italien eine so katastrophal schlechte und unloyale Außenpolitik betrieben wie in der Ära Sonnino –ein Urteil, das bis heute in der italienischen Historiographie nur von einer Minderheit, dafür aber international weitgehend geteilt wird und angesichts des historischen Ergebnisses auch nicht anders ausfallen kann. Die militärische und politische Vorbereitung des Intervento war miserabel; Italien setzte sich durch einen unmotivierten Angriffskrieg, den die Entente natürlich begrüßte, den aber die Presse nicht nur der Zentralmächte, sondern auch mehrerer neutraler Länder wie der Niederlande, Griechenlands und Schwedens scharf verurteilte, international ins Unrecht. Die italienische Bevölkerung selbst war gespalten und ohne Enthusiasmus; die Belastungen des Krieges wurden von den verantwortlichen militärischen und zivilen Persönlichkeiten katastrophal unterschätzt. Auch militärisch erfolgte der Kriegseintritt zu einem Zeitpunkt, an dem wegen der Siege in Galizien die Mittelmächte in der Lage waren, der neuen Bedrohung zu begegnen.
Am 23. Mai 1915 erklärte Italien seinem jahrzehntelangen Bundesgenossen Österreich-Ungarn den Krieg.[1] An Deutschland erging keine Kriegserklärung. Die öffentliche Meinung hätte es nicht toleriert, Truppen gegen Deutschland einzusetzen. Außerdem fürchtete man nichts mehr als einen massierten Angriff deutscher Truppen.[2] Umgekehrt erklärte auch das Deutsche Reich Italien nicht den Krieg. Der deutsche Reichskanzler wollte wie Falkenhayn nicht alle Möglichkeiten einer deutsch-italienischen Annäherung für die Kriegszeit ausschließen. Dennoch ist die Frage zu stellen, ob die italienische Intervention nicht eine derart schwere Belastung bedeutete, die zwar nicht sofort, aber auf längere Sicht den Verlust des Krieges für die Mittelmächte bedeutete.[3]
[1] Afflerbach: Dreibund, S. 868f. [2] Muhr: Deutsch-italienische Beziehungen, S. 39ff. [3] Afflerbach: Dreibund, S. 872.