Die Beendigung des Aufmarsches nach erfolgter Kriegserklärung
Die Beendigung des Aufmarsches nach erfolgter Kriegserklärung
Österreich-Ungarn konnte gegen Italien nur auf wenigen Gebieten initiativ werden. Eine Reihe gezielter Indiskretionen gemeinsam mit dem sehr erfolgreichen Einsatz kleiner Gebirgsdetachements täuschten darüber hinweg, dass vor allem die Tiroler Grenze stellenweise bestenfalls beobachtet wurde.[1]
Den zweiten begrenzten Erfolg sollte die k. u. k. Flotte erzielen. Die Nachricht von der italienischen Kriegserklärung erreichte den Kriegshafen Pola am 23. Mai gegen 16:00 Uhr. Den spontanen Jubelrufen der Schiffsbesatzungen folgte der vorbereitete Befehl zum Auslaufen. Admiral Anton Haus, der Kommandant der k. u. k. Kriegsmarine, begab sich an Bord des alten Schlachtschiffes „Habsburg“, mit dem er beabsichtigte, die österreichische Flotte anzuführen. Haus plante unter Einsatz aller Kräfte eine Aktion gegen ausgesuchte militärische Ziele an der italienischen Ostküste, um den neuen Gegner „überraschend und in der kürzesten Zeit nach Kriegsausbruch zu schädigen und seiner moralischen Kraft einen empfindlichen Schlag zu versetzen“.[2] Er hoffte, damit auch die Mobilisierung der italienischen Armeen zu stören, die mit Schwergewicht Richtung Isonzo aufmarschierten. Diese Operation war seit Kriegsausbruch 1914 vorbereitet worden, als der Admiral erkannte, dass Italien eher als Feind denn als Freund betrachtet werden müsse.
In den Morgenstunden des 24. Mai näherte sich die Flotte der italienischen Küste. Ziel der schweren Schlachtschiffe war die Hafenstadt Ancona. Das Feuer der Schiffsartillerie richtete sich gegen Befestigungsanlagen, Baracken, Signalstationen, Werften und Gaswerke. Kleinere Einheiten vergrößerten mit der Beschießung von Hafen- und Bahnanlagen an der italienischen Ostküste die Wirkung dieser „Übung im scharfen Schuss“. Die Gegenwirkung war gering, die Flotte kehrte am späten Vormittag des 24. Mai nahezu ohne Verluste wieder nach Pola zurück. Von der italienischen Flotte war so gut wie nichts zu sehen gewesen. Sie sollte sich auch in der Folge nicht in der nördlichen Adria zeigen. Der kurze offensive Seekrieg wich dem U-Boot- und Minenkrieg.[3] Beide Seiten waren sich des Wertes einer „fleet in being“ offensichtlich wohl bewusst.[4]
Am 26. Mai dehnte Kaiser Franz Joseph die Machtbefugnis Erzherzog Eugens auch auf den Bereich des Kommandos der Südwestfront aus.[5] Am nächsten Tag verlegte der Erzherzog den Sitz seines Kommandos von Peterwardein nach Marburg. Der Gruppe des Feldzeugmeisters Benda, die mit den Arbeiten im Hinterland in den Brückenköpfen Krems–Tulln–Wien–Pressburg betraut war, konnte allerdings lagebedingt weder leitendes Personal noch zusätzliche Arbeitskräfte aus den Armeebereichen zugeführt werden. Sie hatte mit den verfügbaren Kräften das Auslangen zu finden.[6]
[1] Vgl. dazu Schubert, Peter: Die Tätigkeiten des k. u. k. Militärattachés in Bern während des Ersten Weltkrieges, in: Studien zur Militärgeschichte, Militärwissenschaft und Konfliktforschung, Bd. 26, hg. v. Werner Hahlweg, Osnabrück 1980, S. 52 bzw. SCHAUMANN, Walther: Schauplätze des Gebirgskrieges, Cortina d’Ampezzo 1973, Bd. 2, S. 84. [2] Operationskanzlei/Marinesektion, OK/MS–VIII–1/17 ex. 1915, Nr. 3948. Gefechtsbericht über die Aktion der k. u. k. Flotte am 24. Mai 1915, ÖStA/KA. [3] Pitreich, Anton: Der österreichisch-ungarische Bundesgenosse im Sperrfeuer, Klagenfurt 1930, S. 208 f. [4] Dazu Halpern, Paul G.: Anton Haus.Österreich-Ungarns Großadmiral, Graz 1998, S. 226 ff. [5] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.681, 26. Mai 1915, ÖStA/KA. [6] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.861, 4. Juni 1915, ÖStA/KA.
General der Infanterie Svetozar Boroević (von Bojna; 1856–1920)
Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Svetozar_Boroević_von_Bojna#/media/Datei:Svetozar_Boroëvić_von_Bojna_1914.jpg
Bis zum Abend des 27. Mai trafen achtzehn Bataillone und drei Batterien des XV. Korps und vierzehn Bataillone und sechs Batterien des XVI. Korps im Kampfraum ein. Die 48. Infanterietruppendivision (ITD) befand sich erst im Anrollen. Am folgenden Tag gliederte General der Infanterie Boroevic seine Armee in vier Abschnitte:
I: General der Infanterie Fox XV. Korps (1. und 50. ITD)
II: Feldzeugmeister Wurm XVI. Korps (18., 58. und 93. ITD)
III. Feldmarschallleutnant Heinrich Goiginger (57. und 94. ITD)
IV: Generalmajor Maric
Die Italiener, die sich unterdessen laufend verstärkten, setzten sich vor der 5. Armee fest. Die Begegnungsgefechte gewannen an Intensität.
Am 3. Juni löste das AOK noch zwei Gebirgskanonenbatterien und eine Gebirgshaubitzenbatterie sowie das Landwehrinfanterieregiment 4 im Nordosten ab und befahl den Transport an die Südwestfront.[7]
Da gegenwärtig keine serbische Offensive nach Bosnien zu erwarten war, löste das AOK mit Mitternacht auf den 5. Juni die Armeegruppe Tersztyanszky vom Kommando der Südwestfront los und unterstellte sich diese direkt.[8] Am 7. Juni wurden zur Verstärkung der Südwestfront für Tirol das Landesschützenregiment I, die Gebirgshaubitzdivision 8 und die 44. Landwehrinfanterietruppendivision (LITD) aus Galizien dem Kommando der Südwestfront zur Verfügung gestellt. Die Landesschützen und die Artillerie rollten nach Trient, die 44. LITD an die Linie Görz-Haidenschaft.[9]
[7] AOK Qu.-Abteilung Ktn. 2785, Feldtransportwesen, Eb. Nr. 2726, 3. Juni 1915, ÖStA/KA. [8] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 11.172, 4. Juni 1915, ÖStA/KA. [9] AOK Qu.-Abteilung Ktn. 2785, Feldtransportwesen, Eb. Nr. 2841, 9. Juni 1915, ÖStA/KA.
Mit 10. Juni verfügte General Boroevic am Isonzo über 76 Bataillone und 75 Batterien. Die Italiener standen mit dreifacher Übermacht gegenüber. Sie hatten 215 Bataillone und 188 Batterien versammelt. Die bange Sorge, ob die Truppen noch rechtzeitig zur Verteidigung den Isonzo erreichen würden, war vorüber. Die nur fünf Bataillone und sechs Batterien umfassende 44. LITD konnte nach ihrem Eintreffen ab 19. Juni noch den Abschnitt Schönpass-Cernizza übernehmen. Innerhalb von 23 Tagen waren 868 Truppenzüge mit täglich 38/100-Achsern verschoben worden.[10]
Österreich-Ungarn bot für die neue Südwestfront insgesamt 14 Divisionen und 4 selbstständige Brigaden auf, denen auf italienischer Seite 35 Infanteriedivisionen, 4 Kavalleriedivisionen sowie 52 Alpinibataillone gegenüberstanden. Von den übrigen österreichisch-ungarischen Kräften waren zur gleichen Zeit 48 Infanteriedivisionen, 11 ½ Kavalleriedivisionen und weitere 4 selbstständige Brigaden an der im Vormarsch befindlichen Nordostfront. Gegenüber Serbien und Montenegro verblieben nur noch 2 Infanteriedivisionen und Abschnittsbesatzungen in der Stärke von 154 Landsturmbataillonen. An der neuen Südwestfront stand somit bloß ein Fünftel des Gesamtaufgebotes der k. u. k. Wehrmacht.[11]
Die erste Isonzoschlacht sollte erst am 23. Juni 1915 beginnen und 16 Tage später mit einem Abwehrerfolg enden.[12] Am 13. Juni wurde die Feldtransportleitung (FTL) Innsbruck davon in Kenntnis gesetzt, dass das Kaiserjägerregiment 4 nach Bozen transportiert werden soll.[13]
[10] Ratzenhofer, Emil: Die Auswertung der inneren Linie im Dreifrontenkrieg Mai – Juli 1915, in: Militärwissenschaftliche Mitteilungen, hg. v. österreichischen Bundesministerium für Heerwesen, Wien 1931, S. 1044 f. [11] B/800, Nr. 137, Nachlass Kiszling, ÖStA/KA. [12] Dazu Frantz, Gunther: Angreifer und Verteidiger zu Beginn der Feindseligkeiten 1915 an der österreichisch-ungarischen Südwestfront, in: Wehr und Wissen, Berlin 1936, S. 653–676. [13] AOK Qu.-Abteilung Ktn. 2786, Feldtransportwesen, Eb. Nr. 2929, 13. Juni 1915, ÖStA/KA; dazu AOK Qu.-Abteilung Ktn. 2789, Feldtransportwesen, Eb. Nr. 3861, 20. Juli (!)1915, ÖStA/KA. Tatsächlich sollten noch fünf Wochen vergehen, ehe das Kaiserjägerregiment 4 und das Landesschützenregiment I an die Südwestfront transportiert wurden.