Kriegsbeginn im Hochgebirge im Ersten Weltkrieg
Kriegsbeginn im Hochgebirge im Ersten Weltkrieg
Obwohl man mit dem Abfall Italiens schon seit Monaten rechnen musste und allgemeine Vorbereitungen freilich in gänzlich unzureichendem Maße getroffen wurden, wollte man in Wien keinen direkten Vorwand zum Kriegseintritt Italiens liefern. Die militärische Lage in Tirol, dessen Eliteeinheiten in Russland und Serbien kämpften, war ja im Mai 1915 mehr als nur besorgniserregend. An seinen Grenzen standen an wirklichen Streitkräften, deren Mannschaften aus Tirol und Vorarlberg stammten, nur einige Marschbataillone von Kaiserjägern und Kaiserschützen, die damals noch Landesschützen hießen, sowie beigestellte Werkbesatzungen und die Artillerieabteilungen in den Festungen und Sperren bereit. Weitere sieben slawische und zwei ungarische Reservebataillone, vier ungarische Reservebataillone, die Marschbataillone der Infanterieregimenter 14 und 59 waren in Marschbereitschaft.
So erfolgte erst am 18. Mai 1915 die Mobilmachung der Vorarlberger und Tiroler Standschützen. Zu diesen Schwierigkeiten kam noch der Umstand, dass die Standschützen ja keine Kaserne hatten, wo sie sich sammeln konnten. Auch die Ausrüstungsgegenstände waren oft verstreut und noch dazu mangelhaft, was auf das Konto gewinnsüchtiger Heereslieferanten ging. Buchstäblich pausenlos wurde gearbeitet, um für die Zehntausenden Quartier, Verpflegung und Ausrüstung zu beschaffen. Mit den Gendarmerie-Abteilungen und Finanzwach-Assistenten sollten etwa 17.000 Mann die etwa 350 Kilometer lange Gebirgsfront verteidigen.
In dieser durch das Unvermögen des Armeekommandos entstandenen Situation setzte man alles auf die in den letzten Jahrzehnten totgesagten und belächelten Kampfreserven des Landes, auf die Standschützen, den letzten Rest der eigenständigen Tiroler Wehrtradition.[1]
[1] Österreichisches Schwarzes Kreuz: Kriegsgräberfürsorge, Dokumentation 1987, S. 165.
Landesschützen-Grenzpatrouille auf der Hochbrunnenschneid in den Sextener Dolomiten
Die Standschützen, also die freiwilligen Scheibenschützen der Schießstände, waren landsturmpflichtig, militärisch aber nicht ausgebildet. Alle dienstfähigen Jahrgänge von 21 bis 42 Jahren waren längst eingezogen und in vielen Schlachten verblutet. Von den im Jahr 1914 an 444 Tiroler und Vorarlberger Schießstätten „enrollierten“ rund 65.000 Standschützen (nicht zu verwechseln mit den Trachtenschützen) blieben nur die Jüngeren, Älteren oder Untauglichen im Land und wurden als wirkliches „letztes Aufgebot“ einberufen.
Die ältesten Standschützen hatten schon 1859 und 1866 in Italien mitgekämpft, die jüngsten waren noch vor kurzem schulpflichtig. Dazu kamen freiwillige Schützenbataillone aus Oberösterreich, Salzburg, der Steiermark und Kärnten, errichtet nach Tiroler Vorbild.[2]
Das letzte Aufgebot war nur schlecht ausgerüstet und bewaffnet und hatte nur geringe Kenntnisse von militärischen Bräuchen. Was ihnen an soldatischer Erziehung fehlte, ersetzten sie durch ihre Opferbereitschaft für ihre Heimat. Und eines konnten sie besser als alle: Schießen – Ausharren – Sterben! Zweifellos hat der Einsatz der Standschützen im Mai 1915 zu diesem Zeitpunkt Österreich-Ungarn gerettet.[3]
Nun war auch die nur schwach gesicherte Kärntner Grenze in Gefahr.
[2] Peter Tschernegg/Sigi Schwärzler: Vorarlberger Standschützen im Ersten Weltkrieg, S. 27 – 33. [3] Die Gebirgstruppe, München 6/1957, S. 74.
Standschütze Eduard Thöny, Bergführer aus Sulden
Foto: Vorarlberger Landesmuseum, Alpenfront 1986
Es entwickelte sich ein erbitterter Kleinkrieg um die steilen, unwegsamen Höhen auf beiden Seiten des Plöckenpasses. Waghalsige, todesmutige Einzelunternehmungen geübter Kletterer und Bergführer wechselten einander ab. So gelang es am 25. Juni 1915 dem Gendarmerie-Wachtmeister Simon Steinberger mit fünf ausgesuchten Bergsteigern, den von den Italienern besetzten östlichen Gipfel des Cellon zurückzuerobern, nachdem sie mit schwerem Gepäck in zwei Nächten die Nordwand des Cellon durchklettert hatten. Fünf Tage lang hielten sie den Gipfel, bis in bescheidendem Maße die ersten Verstärkungen eintrafen. Am 8. Juli erlitt bei einem Versuch, über den Felsgrat auch den westlichen Gipfel des Cellon in Besitz zu nehmen, einer der tapfersten Kämpfer dieses Abschnitts, Finanzwache-Oberrespizient Franz Weilharter, den Heldentod. Erst Jahre später wurde er im Austausch in die Heimat überführt und mit allen Ehren im Ossarium der Plöckenkapelle bestattet.[4]
Das Deutsche Alpenkorps (Kommandant Generalleutnant von Krafft), ein rasch aus Elitetruppen zusammengesetzter Verband, mehrheitlich ohne Gebirgserfahrung, konnte zunächst nur beschränkt eingreifen, da sich Deutschland zu diesem Zeitpunkt mit Italien noch nicht im Kriegszustand befand und die deutschen Truppen italienischen Boden nicht betreten durften.[5]
[4] Österreichisches Schwarzes Kreuz: Kriegsgräberfürsorge, Dokumentation, S. 55–56. [5] Langes, Gunther: Die Front in Fels und Eis, 2003, S. 12.
Kaiserschütze Johann Luger aus Dornbirn im Kreise seiner Kameraden von der Bergführerkompanie Nr. 12