Herausragende Leistungen der Militärbergführer
Herausragende Leistungen der Militärbergführer
Erst allmählich wurde die Hochgebirgsfront gefestigter und starrer. Fast ausnahmslos alle Berge gegen 3.000 Meter und darüber wurden im ersten Winter von beiden Gegnern geräumt, später alle ausnahmslos besetzt gehalten. Die Überlegungen schienen vollkommen richtig zu sein, dass die Berge in ihrer winterlichen Unnahbarkeit ein unübersteigliches Hindernis für den Gegner bilden würde. Diese Ansicht konnte sich so lange halten, bis kühne Patrouillen von Freund und Feind überraschend den Bann der winterlichen Berge brachen und damit den Beweis erbrachten, dass in diesem Krieg in eisigen Regionen vieles möglich war, was früher als unmöglich und absurd galt.[1]
Auch die Annäherung über die Gletscher zwecks Versorgung der vordersten Stellungen war stets von italienischem Feuer gefährdet. Außer bei Regen, Nebel oder Schneefall beschossen die Alpini Tag und Nacht jeden einzelnen Tiroler, der sich am Gletscher – der mit Scheinwerfern bestrahlt wurde – zeigte. Nur bei Sturm (!), bei Regen oder bei Schneeorkan konnten die Verteidiger ihre Front im ersten Jahr mühsam und unter großen Opfern aufrecht halten. Die für die österreichisch-ungarischen Truppen insgesamt sehr bedrohliche Lage auf der Marmolata verbesserte sich erst im Laufe des Jahres 1916. Ende Mai wurde die Bergführerkompanie Nr. 8 der 179. Infanteriebrigade unterstellt, ebenso wurde die Streifenkompanie Nr. 3 der Tiroler Kaiserjäger auf den Gletscher verlegt. Der Kaiserjägeroffizier Leo Handl musste als Kommandant mit dem II. Zug der Bergführerkompanie vor italienischem Beschuss in der Nähe der „Südpol-Stellung“ in einer Gletscherspalte in Deckung gehen.
Aus diesem Erlebnis entwickelte er die Idee, Tunnel in den Gletscher zu bohren, um die Stellungen ungefährdet versorgen zu können und sie dadurch uneinnehmbar zu machen. So entstanden nun erstmals viele Kilometer lange unterirdische Gletscherstollen, die bis ganz hinauf und kreuz und quer den Gletscher durchzogen. Große Kavernen, vom Feindfeuer geschützt, befanden sich bis zu 40 Meter unter der Oberfläche im ewigen Eis.
Diese außerordentliche Leistung Handls rettete viele Menschenleben und gebar eine Idee, die auch in anderen Kriegsschauplätzen am Gletscher ihre Nachahmung fand.[2]
[1] Langes, Gunther: Die Front in Fels und Eis, S. 18. [2] Etschmann, Wolfgang: Die Kämpfe auf dem Marmolata-Gletscher 1915–1917, Pallasch 4/1998, S. 46–48.
Bergführer Johann „Schanni“ Forcher links vor seinem Unterstand
Foto: Südtiroler Landesarchiv
Als Italien in den Ersten Weltkrieg eintrat, meldete sich der 45-jährige Johann Forcher zu den Standschützen. Als erfahrener Bergführer gehörte der „Forcher Schanni“ zu den gefürchteten „Fliegenden Patrouillen“ seines Freundes und Standschützen-Oberjägers Sepp Innerkofler. Er war auch bei dem Unternehmen gegen den Paternkofel am 4. Juli 1915 dabei. Während Innerkofler fiel, wurde Forcher durch einen Gewehrschuss am Unterschenkel und durch Steinwürfe verletzt. Für diese Aktion wurde ihm die Silberne Tapferkeitsmedaille 1. Klasse verliehen. Besonders auszeichnen sollte sich Forcher jedoch am 13. September 1916, als es galt, die besetzte Schimpkekuppe, eine wichtige Stellung im Bereich des von den Italienern eroberten Foramegipfel in der Christallogruppe, zurückzuerobern. An diesem Tag war die Erstürmung des 2.718 Meter hohen Gipfels am Vilozanebach angeordnet. Der Angriff der 84 Mann starken Gruppe von Kaiserjägern, Kaiserschützen und Rainern (Infanterieregiment „Erzherzog Rainer“ Nr. 59) war aber offensichtlich zu spät angesetzt. Aufgrund der früher als erwartet eingesetzten Dämmerung kam es zum Rückzug. Die beiden Nebengruppen der Standschützen, geführt von den Bergführern Forcher und Piller, waren aber bereits soweit vorgegangen, dass sie über den Abbruch der Aktion nicht mehr verständigt werden konnten. Während die Gruppe Piller das Feindfeuer auf sich zog, ging Forcher mit seinen sechs Mann, in der Erkenntnis, dass die Hauptgruppe wohl nicht mehr folgen konnte, im todesmutigen Handstreich zum Sturm auf den Gipfel los. Durch das Überraschungsmoment begünstigt, konnte die kleine Sturmpatrouille die Bedienung des Maschinengewehrs niedermachen und dieses erbeuten. Mit dem Verlust von nur einem Mann gelang es, zwei verwundete italienische Offiziere und 42 Alpini gefangenzunehmen. Johann Forcher wurde für diesen halsbrecherischen Einsatz mit der Goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und zum Oberjäger befördert. Er erwarb sich noch die Silberne Tapferkeitsmedaille 2. Klasse und das Karl-Truppenkreuz, bevor er als Stabsoberjäger zu Kriegsende abrüstete.[3]
[3] Steiner, Jörg: Heldenwerk 1914–1918. Die Träger der Goldenen Tapferkeitsmedaille im Ersten Weltkrieg, S. 59.
Der Krieg im Gebirge war für die Verteidiger höchst fordernd. Soldaten der 5. Kompanie des 3. Tiroler Kaiserjäger-Regiments auf dem Marsch zur Fanes-Scharte im Bereich der Marmolata.
Als erfahrener Alpinist wurde Unterjäger Alfred Schatz im Sommer 1916 zur Hochgebirgstruppe des Hauptmann Raschin versetzt. Dabei nahm er an verschiedenen Aktionen in der Tofana teil. Im Jahr 1917 kämpfte er zusammen mit dem Brandenburger-Jäger-Sturmbataillon am Monte Piano, wo er sich die Silberne Tapferkeitsmedaille 1. Klasse holte. Im gleichen Jahr, mittlerweile zum Zugsführer befördert, leitete Schatz die Erstürmung des Monte Stablel und des Corno di Cavento im Adamellogebiet und wurde hierfür mit der Bronzenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Im Juni 1918 finden wir Zugsführer Alfred Schatz als Kommandant der Sturmpatrouille der Bergführer-Kompanie Nr. 12 des 1. Regiments der Tiroler Kaiserjäger im Adamellogebiet. Für diesen wagemutigen Einsatz erwarb er sich schließlich die Goldene Tapferkeitsmedaille. Im Belohnungsantrag lautet die kurze Bezeichnung wie folgt: „Angriff auf die Corno di Cavento am 15. Juni 1918. Zugsführer Schatz brach als Kommandant einer Sturmpatrouille aus dem Stollen Ia gegen die feindliche Vorstellung vor, deren Besatzung machte er mit Handgranaten nieder. In einem Stollen daneben ergaben sich ihm 23 Mann. Nach dem Artillerie-Feuer stürmte er sofort den Südgrat und erbeutete dort ein feindliches M.G., der Bedienungsmannschaft gab er keinen Pardon, da sie aus nächster Nähe noch gefeuert hatte. Den Grat weiter stürmend, eroberte er ein Geschütz durch seinen schneidigen, nicht schonenden Angriff. Der Kommandant, ein Leutnant und fünf Mann ergaben sich nach kurzem Nahkampfe. Als die Gipfelstellung dank einer hervorragenden Tapferkeit fest in unseren Händen war, ging er als Verstärkung zu seinem bedrängten Kameraden auf dem nördlichen Vorgipfel und hielt dort zwei Tage und Nächte ohne Unterstand im furchtbaren Schneesturm aus.“[4]
[4] Steiner, Jörg: Heldenwerk 1914–1918. Die Träger der Goldenen Tapferkeitsmedaille im Ersten Weltkrieg, S. 158–160.
Höchstgelegene Stellung der Alpenfront – Ortler 3.905 Meter
Foto: Franz Haller/Gargazon