Der weiße Tod
Der weiße Tod
Mit dem ersten Schneefall im Kriegsjahr 1915 flauten die Kämpfe ab. Dafür aber schlug der Hochgebirgswinter mit unerbittlicher Härte zu. Meterhohe Schneelasten brachten den ohnehin so schwierigen Nachschub zum Erliegen. Mächtige Lawinen lösten sich und donnerten mit vernichtender Wucht zu Tal. Unvorstellbar waren die Gefahren und Entbehrungen, denen die tapferen Verteidiger der Kärntner Grenzberge ausgesetzt waren. „Gefährlicher als alle Waffen war in diesen Monaten der Weiße Tod.“
Im März steigerte sich die Lawinengefahr noch beachtlicher. An einem einzigen Tag dieses Monats wurden im Bereich der Fasser-Gruppe 300 Lawinenabgänge gezählt. Allein im Plöckengebiet waren in der ersten Märzhälfte 350 Lawinentote gegenüber 44 Mann an Verlusten zu beklagen.[1]
Der Winter 1915/16 hatte schon einen Vorgeschmack auf weitere Lawinenkatastrophen gegeben: Allein im März 1916 waren 280 italienische Soldaten und 19 Zivilisten im Marmolata-Gebiet von Lawinen getötet worden. Die Katastrophe vom 13. Dezember 1916 sollte aber alles in den Schatten stellen. Ein Beispiel für die Ignoranz der Vorgesetzten in Bezug auf alpine Gefahren: Dieser Winter war einer der schneereichsten überhaupt und man erkannte, dass die Nachschub-Position „Gran Poz“ in einem lawinengefährlichen Bereich stand. Trotz Warnung durch Bergführer und der Bitte des eingesetzten Bataillonskommandanten Hauptmann Schmid, die Position vorübergehend räumen zu dürfen, entschied das Kommando der 90. Infanterietruppen-Division im Hotel Karersee anders.
Umso tragischer war es nun, dass nach verweigerter Erlaubnis der auch nur vorübergehenden Räumung der Nachschubposition rund 200.000 Tonnen Schnee 321 Männer in dem Lager begruben. Nur 51 konnten lebend geborgen werden; einige der 270 Todesopfer wurden erst im Juli 1917 im Tal gefunden.
[1] Österreichisches Schwarzes Kreuz: Kriegsgräberfürsorge, S. 55–56.
Ein erschütterndes, unglaubliches Ereignis geschah bei den Bergungsarbeiten. Aus Leo Handls Kriegstagebuch: „Mit meiner gesamten Mannschaft Bergungsarbeiten bei der Lawinenkatastrophe. Nachmittags kriecht plötzlich seitlich aus dem Schnee ein Mann fast nackt heraus. Es ist ein junger Kaiserschütze. Er hatte sich mit den Fingernägeln durch den 6 m tiefen, eisharten Lawinenschnee gegraben, ohne Nahrung, nur Hemd und Socken. Als die Lawine um 6 Uhr früh abging, hatten alle in der Baracke geschlafen. Er selbst lag in der oberen Pritschenreihe. Der ganze Unterstand wurde wie ein Kartenhaus zerdrückt, nur bei ihm bildete sich ein Hohlraum.“[2]
An diesem Beispiel kann leicht gezeigt werden, dass Naturgewalten wie Lawinen, Blitzschläge, Kälteeinbrüche und Unfälle ohne Feindeinwirkungen mindestens ebenso viele Todesopfer wie Kampfhandlungen forderten.
Ein weiterer Tagebuchauszug von Josef Schwarzhans aus dem Silbertal, der ein Erlebnis aus den schrecklichen Dezembertagen des Jahres 1916 aus dem Pasubio-Gebiet wiedergibt:
„9. Dezember, in der Nacht hat eine Staublawine unsere Baracke zugedeckt. Wir waren im ganzen 22 Mann beisammen. Zugsführer Johann Fässler von Sulzberg war unser Kommandant. Wir wollten uns aus dem Schnee hinaus arbeiten, aber es war nicht möglich. Der Platz, den wir hatten, war sehr klein, Die Baracke war nicht ganz zusammen gedrückt, sodass wir noch ziemlich Platz hatten zum Leben. Wir hatten großen Hunger und wenig Luft zum Atmen. Licht hatten wir auch keines. Ob es Tag oder Nacht sein sollte, merkten wir nicht. Es war immer dunkel. Wir hofften auf Hilfe, aber vergebens. So lebten wir den ganzen Tag und die ganze Nacht in der teilweise zusammen gedrückten Baracke.
10. Dezember, wir hatten das gleiche Schicksal. Wir hatten keinen anderen Gedanken, als hier in dem elenden Loch fürs Vaterland zu sterben. Während des Tages haben wir gemeinsam in Reue und Leid gebetet und den Rosenkranz. Wir bereiteten uns auf den Tod vor, da wir auf keine Hilfe mehr hofften … zu zittern sterben.
11. Dezember, gegen Mittag hörten wir tüchtige Schläge. Wir hatten Hoffnung, aus dieser entsetzlichen Lage befreit zu werden. Am Nachmittag kamen wir (her)aus, aber die Tageshelle konnten unsere Augen nicht mehr vertragen. Wir waren so schwach, daß wir nicht mehr stehen konnten. In der Nacht haben wir in einer anderen Baracke geschlafen.“[3]
[2] Schaumann, Walter: Alpenfront, Ausstellungskatalog des Vorarlberger Landemuseums 1986, S. 75–76. [3] Walserheimat: 100 Jahre Erster Weltkrieg 1914-1918, Heft 97/2015, S. 529