Die Sanitätsversorgung an der Front
Die Sanitätsversorgung an der Front
Die Sanitätsversorgung im Ersten Weltkrieg wurde von zwei Schlagworten dominiert: Kriegschirurgie und Hygiene. Operative Eingriffe wurden von mobilen Chirurgengruppen oft direkt am Kriegsschauplatz oder in unmittelbarer Frontnähe durchgeführt. An der Südfront hatte sich vor allem der später weltbekannte Chirurg Lorenz Böhler einen Namen gemacht. Die Aufgaben im Bereich der Hygiene lagen in vorbeugenden Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Seuchen und in der Therapie bereits Erkrankter.
Brausebad an der Front
Foto: Kaiserjägerarchiv Innsbruck
Als Beispiel seien hier vorweg die Behandlung von Malariainfizierten und Trachomkranken, aber auch Impfprogramme gegen Cholera, Typhus und Tetanus angeführt. Neben der Einschleppung von Seuchen aufgrund der Truppenbewegungen, aber auch über die Marine drängten sich gerade in den Kavernen, Stellungen und Schützengräben auf wenigen Quadratmetern oft viel zu viele Soldaten eng zusammen, um Schutz oder Unterkunft zu suchen. Dort war es besonders schwierig, hygienische Standards aufrechtzuerhalten. Neben der drohenden Gefahr von Infektionskrankheiten gehörten Läuse und Flöhe zum Alltag der Soldaten.[1] Je länger der Krieg dauerte, desto mehr nahmen auch die Probleme bei der Nachschubversorgung zu und das wirkte sich nicht zuletzt auf die Verpflegung aus. Mangelnde Verpflegung kann aber mit Schwächung des körperlichen Zustands und einer erhöhten Infektanfälligkeit gleichgesetzt werden. 1918 erhielten die Soldaten im Regelfall zum Frühstück nur noch schwarzen Kaffee (meist Kaffeeersatz) mit Maisbrot, in dem häufig große Stücke Maiskolben mitgebacken wurden. Zu Mittag bekamen sie eine Suppe, hie und da Rindfleisch oder Fleischkonserven. Als Fleischersatz gab es Polenta mit Marmeladeersatz. Oft waren die Soldaten aber auch gezwungen, sich von dem zu ernähren, was sie gerade in der Natur vorfanden. Pro Tag stand ihnen – selbst in der größten Sommerhitze – nur ein Liter Wasser pro Mann zur Verfügung, wovon die Hälfte zum Trinken und Waschen, die andere Hälfte zur Zubereitung von Suppe oder Kaffee benutzt wurde. Um Wasser zu erhalten, wurde im Winter oder im Hochgebirge Schnee geschmolzen oder wenn es gar nicht anders ging, der eigene Urin getrunken. Im Durchschnitt wog ein Soldat im Jahr 1918 48 kg, sein Gepäck in etwa das gleiche.[2]
Auch wenn organisatorische und strukturelle Schwierigkeiten die Sanitätsversorgung vor große Herausforderungen stellte, war man vonseiten des Armeeoberkommandos – zumindest zumeist – bemüht, den Soldaten unter den jeweils gegebenen Umständen die bestmögliche medizinische Versorgung zuteilwerden zu lassen – ging es doch auch darum, sie nach Verletzungen oder Erkrankungen möglichst rasch wieder kriegsdiensttauglich zu machen.
[1] Vgl. Magenschab, Hans: Der Krieg der Großväter 1914–1918. Die Vergessenen einer großen Armee. Wien 1993, S. 149f. [2] Vgl. Pengov, Ludwig: Die Wahrheit über die Piaveschlacht 1918. Mühlbau bei Innsbruck 1932, S. 10f. – Bittner, Oskar: Kriegserlebnisse. Brünn 1936, S. 70 ff.
Garnisonsspital Nr. 10 in Innsbruck
Foto: Conradskaserne
Jeder erkrankte oder verletzte Soldat an der Front sollte die folgenden vier Stationen der Hilfeleistung durchlaufen – ein System, das in seinen Grundzügen noch heute gilt:
- Erste-Hilfe-Leistung durch Kameraden oder Sanitäter: Jeder Soldat erhielt ein Erste-Hilfe-Päckchen, um einen Notverband anzulegen oder eine stark blutende Wunde zu stillen.
- Transport auf den Hilfsplatz: Hier erfolgte die Kontrolle der geleisteten Erste-Hilfe-Maßnahmen und nötigenfalls eine ergänzende Versorgung.
- Transport auf den Hauptverbandsplatz: Dort erfuhr der Patient die erste medizinische Behandlung durch einen Arzt und es wurden Notoperationen durchgeführt.
- Transport der Patienten in rückwärtige Sanitätsanstalten.
Aufgrund witterungsbedingter bzw. topografischer Gegebenheiten gerade im gebirgigen Terrain der Südfront, oder bei einem plötzlichen Angriff der feindlichen Artillerie war dieser „Weg“ des Verwundeten in der Realität oft nicht einzuhalten. Ärzte und Sanitätsmannschaften waren nur allzu häufig gezwungen, zu improvisieren, um am Patienten einfachste medizinische Hilfeleistungen durchführen zu können. Erschwerend kamen fehlende Ressourcen im Bereich des Transports oder der Spitalseinrichtungen hinzu.
Statt Sanitätskraftwagen standen für den Verwundetentransport nur ungefederte Pferdefuhrwerke bereit, Sanitätszüge wurden durch Güterwaggons ersetzt und zahllose Soldaten mussten statt in Spitalsbetten auf Strohlagern in Baracken oder anderen mehr oder weniger intakten Unterkünften liegen. Mit Fleiß und Improvisationskunst gelang es jedoch, die schlimmsten Mängel zu kompensieren. Dort, wo sich der Truppenarzt aufhielt, war praktisch der Truppenverbandsplatz, auf dem die Soldaten notversorgt und für den Weitertransport auf den Hauptverbandsplatz vorbereitet wurden, wo wiederum lebensrettende Operationen erfolgten und die Überstellungen in die Sanitätsanstalten organisiert wurden. Patienten, bei denen eine rasche Genesung zu erwarten war, kamen meist in Feldlazarette. Diese sollten für gewöhnlich viele Wochen und Monate an ein und demselben Ort stationiert bleiben, außerhalb des gefechtsnahen Bereiches, in Gebäuden mit Wasserversorgung und Heizmöglichkeiten.
Der Krieg zwang die Feldlazarette jedoch sehr viel näher als erwartet an die Front heran, vor allem, um die Kapazitäten im Krankentransport zu entlasten. Nur Schwerverletzte oder -kranke, bei denen man mit einer längeren Genesungszeit rechnete, wurden auf die Sanitätsanstalten im Hinterland verteilt. Im Rahmen der oft schwierigen Verteilung kam es immer wieder zu Lücken in der Dokumentation von Transport und Aufenthalt von Verwundeten und Kranken in Sanitätsanstalten, sodass diese fälschlicherweise oft als vermisst galten.[3]
Als medizinische Hilfsmitteln standen Skalpelle, Pinzetten, verschiedene Scheren, Spritzen für Tetanusinjektionen und andere Seren zur Verfügung. Schmerzende Zähne wurden generell gezogen, Fleischwunden grundsätzlich ohne Narkose ausgeschnitten und genäht. Falls es nötig war, erhielt der Patient etwas Morphium. Aspirin galt als Allheilmittel, Durchfallerkrankungen wurden mit Tanalbin, Fieber mit Chinin therapiert. Verletzungen behandelte man mit Jodtinkturen und Wasserstoff, Verbrennungen mit Borsalbe. Sauberes Wasser zum Reinigen von Wunden war oft nicht in ausreichendem Maße vorhanden, Verbandsmaterial dagegen gab es zumindest in den ersten drei Kriegsjahren genug.[4]
[3] Vgl. Österreichisches Staatsarchiv [ÖStA], Kriegsarchiv [KA], NFA [Neue Feldakte] Qu. Abt. d. HGK Eh. Eugen, 1916 K 750, Rub. 18-19/2-32. [4] Vgl. Interview mit dem Zeitzeugen Josef Cellar, Blessiertenträger im Ersten Weltkrieg. Wien 1994.
Erst ab 1917 war ein Mangel spürbar und man begann, Verbandsmaterial zu sammeln und wiederzuverwenden. „Behufs Verwendung der Baumwollabfälle ist von allen SanAnstalten, Rekonv.Abt. und Truppen der k.k. Ldw. das gebrauchte Verbandstoffmaterial zu sammeln, […]. Die Abfälle sind vor der Absendung entsprechend zu desinfizieren. Bei der Sammlung der Abfälle ist genau darauf zu achten, daß unbrauchbare Beimengen wie z. B. Zellstoffwatte, Holzwolle, Kleiderfetzen […] usw. unbedingt wegbleiben […]. Einlieferung von Abfällen in ganz verschmutztem, vollständig mit Eiter und Blut durchtränktem Zustande ist unter allen Umständen zu meiden.“[5]
Auch wenn die Sanitätsversorgung im Allgemeinen als sehr einfach bezeichnet werden muss, trachtete man laufend nach Erneuerungen und Verbesserungen. Gerade im Bereich des Transportwesens garantierte die möglichst schonende, aber auch rasche Verbringung zum Arzt eine größere Überlebenschance und eine verkürzte Genesungszeit.
[5] ÖStA, KA, NFA HGK Conrad 1917, K 1809, Rub. 14-11.