Krankentransport im Hochgebirge
Krankentransport im Hochgebirge
War der Verwundetentransport in der Ebene noch relativ einfach mit Pferdefuhrwerken, Sanitätskraftwagen, Eisenbahnen und an der Adria gegebenenfalls mit Schiffen zu bewerkstelligen, stellte das Hochgebirge ganz andere Ansprüche. Hier erfolgte der Abtransport der Verwundeten und Erkrankten auf den nächstgelegenen Hilfsplatz in erster Linie durch Kameraden, Verwundeten- (bzw. Blessierten-)träger oder mithilfe von Tragtieren. Da jedoch ein festes Anschnallen bei vielen Verletzungen nicht möglich war, fielen immer wieder Verwundete aufgrund des unwegsamen Geländes von den Tragen, was oftmals zu weiteren schweren Verletzungen führte. Außerdem musste aus Mangel an Tragen mit Baumstämmen als Tragehilfe improvisiert werden, was den Transport noch unsicherer gestaltete.
Sanitätsstellung an der Dolomitenfront
Foto: Kaiserjägerarchiv Innsbruck
Die rettende Idee hatte der Kaiserschütze Prof. Robert Stigler[1]. Er konstruierte eine Gebirgstrage, die einem tragbaren Strecksessel ähnelte. Das Gerüst bestand aus zwei Tragholmen, die durch Querhölzer verbunden waren, und einer verstellbaren Kopfstütze. Der Verwundete ruhte auf einer Matte, die an den Querhölzern befestigt war. Diese konnte durch Ein- und Aufrollen an die Größe des Verwundeten angepasst werden. Die Trage ermöglichte es, den Patienten entweder ausgestreckt oder mit gebeugten Hüft- und Kniegelenken zu transportieren. Bei der zweiten Möglichkeit wurden seine Knie von einer mit Filz gepolsterten Knierolle gestützt. Mit Brust-, Ober- und Unterschenkelgurten wurden die Verwundeten je nach Art ihrer Verletzung gesichert. Die geschickte Konstruktion erlaubte zudem ein Abseilen an steilen Gebirgswänden.[2] Ein weiterer Vorteil war, dass die Tragmannschaften die Trage wie einen Rucksack auf den Schultern festschnallen konnten. Somit hatten sie ihre Hände frei, um sich nötigenfalls auf steilen Hängen und in Felswänden abzustützen und somit ein Ausrutschen oder einen Sturz zu verhindern. Darüber hinaus sicherte man beim Abtransport im extrem steilen Gelände Träger und Trage noch zusätzlich durch zwei Männer und Seile.[3]
Der Einsatz und die Montage der Krankentrage erforderten zwar eine vorherige Schulung der Sanitätsmannschaften, doch zum ersten Mal in der Geschichte des Bergrettungswesens war es möglich, Verwundete in medizinisch fachgerechter Lage abzutransportieren oder abzuseilen. Aufgrund der aufrecht sitzenden Stellung des Verwundeten rettete die Stigler-Trage zahlreichen Soldaten mit Schussverletzungen im Lungenbereich das Leben.[4]
Leichter Verwundete wurden im hochalpinen Gelände oft mittels eines Doppelseils und eines Flaschenzugs abtransportiert. Dabei sorgten drei Soldaten für einen freien, reibungslosen Lauf des Seiles, ein vierter Mann, der sich am oberen Seilende befand, ließ dieses mittels Flaschenzugs langsam nach. Der Verwundete war an dem Seil befestigt und stützte sich mit den Füßen an den Felswänden ab. Allerdings neigten die geflochtenen Seile an jenen Stellen, an denen sie direkt am Felsen rieben, zu zerreißen, und so kamen viele Soldaten durch Abstürze ums Leben.[5] Im Winter erfolgte der Verwundetentransport darüber hinaus mittels Akjas, die bis heute in der Bergrettung eine wichtige Rolle spielen.
[1] Der Apothekersohn, der 1878 in Steyr geboren wurde, war Physiologe und ab 1921 ordentlicher Professor für Anatomie und Physiologie der Haustiere an der Hochschule für Bodenkultur in Wien. Seine Leistung im Krankentransportwesen während des Ersten Weltkriegs ist überschattet von seiner Tätigkeit als Rassenhygieniker und Rassenphysiologie während des NS-Regimes in Österreich. 1945 wurde er im Zuge der Entnazifizierung sämtlicher Ämter enthoben. Siehe dazu: Birgit, Pack: Robert Stigler. Mediziner, Rassenphysiologe, Afrikareisender: http://www.afrikanistik.at/personen/stigler_robert.htm (abgerufen am 12.01.2023). [2] Vgl. Lichem, Heinz von: Spielhahnstoß und Edelweiß. Graz, Stuttgart 1977, S. 70. [3] Vgl. Stigler, Robert: Krankentransport im Gebirgskrieg. In: Burghard, Breitner (Hg.): Ärzte und ihre Helfer im Weltkriege 1914-1918. Wien 1936, S. 228. [4] Vgl. Lichem: Spielhahnstoß und Edelweiß, S. 70. [5] Vgl. Lichem, Heinz von: Der Tiroler Hochgebirgskrieg 1915-1918 im Luftbild. Innsbruck 1985, S. 294.