Lorenz Böhler und die revolutionäre Behandlung von Knochenbrüchen nach Schussverletzungen
Lorenz Böhler und die revolutionäre Behandlung von Knochenbrüchen nach Schussverletzungen
Am 1. August 1916 übernahm der heute weltbekannte Chirurg und damalige Regimentsarzt Dr. Lorenz Böhler ein Lazarett für Leichtverwundete in Bozen mit einer Kapazität von 240 Betten. Dieses Lazarett, in dem bis dahin eine offene Fraktur einer Zehe zu den kompliziertesten Fällen zählte, sollte sich rasch zu einer Behandlungsstätte von Knochenbrüchen nach neuesten internationalen Erkenntnissen entwickeln, allerdings verbunden mit großen Hürden. Lorenz Böhler lernte auf einer Kongressreise 1914 in den USA in der weltbekannten Mayo-Klinik in Rochester neuartige, darunter auch operative Behandlungen von Knochenbrüchen kennen und führte diese dann trotz des Widerstands des Armeeoberkommandos an der italienischen Front ein. Zunächst musste sich Böhler aber einmal durchsetzen, überhaupt als Kriegschirurg Verwendung zu finden, denn 1914 bescheinigte man ihm viel zu wenig Erfahrung dafür.
Erholung und Rehabilitation in St. Cassian
Foto: Kaiserjägerarchiv Innsbruck
So war er zunächst Truppenarzt an der Ostfront und sammelte Erfahrungen in der Ersten-Hilfe-Leistung am Schlachtfeld und in der Organisation der Verwundetentransporte. Als er das Lazarett in Bozen übernahm, fand er dort notdürftigst ausgestattete Räumlichkeiten mit einem mangelhaften und bunt zusammengewürfelten Instrumentarium vor. Entgegen dem Befehl des Armeeoberkommandos begann er dieses Lazarett in eine chirurgische Abteilung umzufunktionieren, wo er fortan Knochenbrüche behandelte. Doch dazu brauchte es gehörige Adaptierungen. Böhler kam zugute, dass sich das Lazarett im ehemaligen Dominikaner-Kloster befand[1], das als Schulgebäude für gewerbliche Berufe verwendet wurde. In den klösterlichen Mauern befanden sich daher noch Werkstätten und der engagierte Arzt organisierte Holz, Eisen, Rollen, Nägel sowie Schrauben und baute gemeinsam mit seinen leichtverletzten Patienten Schienen, Bügel und Extensionsgalgen. Zwei Wochen nach Fertigstellung der Umbauarbeiten begab sich Böhler nachts mit einem Arbeitskommando zum Bozner Bahnhof. Auf dem Abstellgleis wartete ein Verwundetentransport auf seine Weiterfahrt. Das Sanitätspersonal hatte weder Ahnung über die Anzahl der Patienten noch über deren Verletzungen. Böhler bestach das Sanitätspersonal mit Zigarillos und begann, sich um die Verletzten zu kümmern.
Die Verbände waren vielfach schlecht angelegt, zahllose Soldaten klagten über starke Schmerzen. Böhler transportierte die Soldaten in sein Lazarett. Elf davon hatten Schussverletzungen in den Gelenken der unteren Extremitäten, zwei litten an Oberschenkelschaftbrüchen und drei hatten Brüche nach Schussverletzungen an Oberarmen und Ellbogen. Die ganze Nacht wurden die Patienten behandelt, bis alle versorgt in ihren Betten lagen. Böhler musste sich noch mehrmals seine Patienten auf illegale Weise beschaffen, ehe er offiziell die Erlaubnis erhielt, Patienten mit Knochenbrüchen und Gelenkverletzungen zu behandeln.
[1] Freundliche Mitteilung von Dr. Othmar Parteli am 24. Jänner 2023.
Hilfsplatz der Malteser bei Lavarone
Foto: Kaiserjägerarchiv Innsbruck
Spezialisierung, Normierung und Typisierung bildeten die Leitprinzipien seiner Behandlung. Sein Pflegepersonal, darunter zahlreiche Krankenschwestern, wurde jeweils auf eine bestimmte Verletzung geschult, die notwendigen Handgriffe sowie das Anlegen von Schienen und Verbänden eintrainiert. Wurde an einer Schiene oder an einem anderen Apparat eine sinnvolle Neuerung angebracht, ließ Böhler sofort alle Apparate umbauen. Sämtliche Bestandteile der Apparate und medizinischen Hilfsmittel hatten die gleichen Maße und konnten jederzeit ausgetauscht und an andere Geräten montiert werden. Auf jeden Gipsverband wurden mit einem Farbstift die Art des Bruchs sowie sämtliche Daten zur Behandlung, darunter Gipswechsel oder operative Eingriffe, aufgezeichnet, also alles, was zur raschen Orientierung nötig war.
Röntgenuntersuchungen erfolgten das erste halbe Jahr in auswärtigen Sanitätseinrichtungen, bis Böhler die Bewilligung für die Anschaffung eines Röntgenapparates erhielt. Die Röntgenplatten musste er sich allerdings während des gesamten Krieges im Schleichhandel besorgen. Als es im Verlauf des Krieges immer mehr an Pflegepersonal mangelte, zog Böhler seine Patienten zur Hilfeleistung heran. Alle Patienten, die Gehverbände hatten oder solche mit Armbrüchen, mussten bei der Pflege der Schwerverletzten mithelfen, Liegendkranke drehten Zwirn aus den Fäden von Kalikobinden oder richteten Tupfer her. Aktive Bewegung war Böhlers oberste Gebot und er praktizierte damit eine Form von Rehabilitation, über deren Bedeutung man damals eigentlich noch kaum etwas wusste. Doch der Erfolg gab ihm Recht: In nur acht Monaten wurden 830 Knochenbrüche behandelt. Nach Oberschenkelschussbrüchen waren in den Sanitätsanstalten im Durchschnitt Beinverkürzungen von 10 bis 25 cm gemessen worden. Böhler erreichte mit seinen Behandlungsmethoden Verkürzungen der Gliedmaßen von bloß 1,2 bis 2 cm und immer öfter Heilungsprozesse ohne Verkürzungen, Erkenntnisse, die übrigens nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen der Versorgung von Arbeitsunfällen enorme volkswirtschaftliche Bedeutung erhielten.[2]
[2] Vgl. Lehne, Inge: Lorenz Böhler. Die Geschichte eines Erfolges. Wien, München, Bern 1991, S. 55 ff. – Angetter, Daniela: Lorenz Böhler. In: Heindl, Gerhard (Hg.): Wissenschaft und Forschung in Österreich, Exemplarische Leistungen österreichischer Naturforscher, Techniker und Mediziner. Frankfurt am Main u. a. 2000, S. 125 ff.
Sanitätszelt in Folgaria
Foto: Kaiserjägerarchiv Innsbruck