Besondere Voraussetzungen in Tirol-Vorarlberg
Besondere Voraussetzungen in Tirol-Vorarlberg
Mit dem Aufstieg[1] des ehemaligen Innsbrucker Radiohändlers Franz Hofer zum Gauleiter von Tirol-Vorarlberg (Ernennung am 25. Mai 1938) reift dessen Plan, einen eigenen Tiroler Brauchtums- und Schützenverband unter seiner Führung zu gründen. Zuvor war es zu Streitereien gekommen, wie das Schützenwesen organisiert werden sollte. Einerseits wollte der „Reichskriegerbund Kyffhäuser“ und anderseits der „Deutsche Schützenverband im deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ mitmischen.[2] Für die Eingliederung der Tiroler Schützen in den Reichskriegerbund Kyffhäuser hatte sich im Juli sogar Adolf Hitler ausgesprochen.[3] Anfang August 1938 wurden noch dazu Gewehre der Schützenkompanien beschlagnahmt, was sich verheerend auf die Stimmung auswirkte.[4]
In einem Schreiben an den Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, nimmt Hofer auf die jahrhundertealte Tradition der Schützen – er bezeichnete sie als Standschützen – Bezug und schlägt vor, dass diese der Partei unterstehen sollten und für die wehrpolitische Ausbildung wie Schießen der zuständige Hoheitsträger den in den jeweiligen Einheiten zuständigen SA-Führer beauftragt.[5] Mit der Benennung „Standschützen“ war nur das militärische Aufgebot gemeint, damit wurde die Tradition verfälscht.[6] Hofer wollte damit ausdrücklich auf die Standschützen und ihre Leistungen besonders im Ersten Weltkrieg verweisen und ihren Mythos auf sein Werk übertragen.
Hofers Hartnäckigkeit, gepaart mit diplomatischem Geschick und viel Glück, überwand die zuvor aussichtslos erscheinende Lage. Er wollte sich als Retter der Tiroler Schützen in Position bringen. Noch im August beauftragte er einen Vertrauten, eine neue Dachorganisation aller Schützen seines Gaues unter dem Namen „Tiroler Standschützenverband“ aufzubauen. Im Herbst 1938 erfolgte die Gründung dieses Verbandes.[7] Ab April 1940 trugen der Dachverband der Tiroler Schützen, Musikkapellen und Brauchtumsvereine den Namen „Standschützenverband Tirol-Vorarlberg“.[8]
[1] Genau genommen müsste es „Wiederaufstieg“ heißen, da Franz Hofer bereits kommissarisch seit November 1932 ernannt und seit Mai 1933 (bis nach dem Parteiverbot im Juni 1933 im Exil bis 1934) die Funktion des Gauleiters von Tirol bekleidete. Siehe Scheitnagl, Sarah: Gauleiter Franz Hofer, in: Thomas Albrich (Hg.): Die Täter des Judenpogroms 1938 in Innsbruck und Prantner, Peter: Franz Hofer, der Gau Tirol-Vorarlberg und die Operationszone Alpenvorland, Diplomarbeit Wien 1998. [2] Forcher, Michael: Die Tiroler Schützen in der NS-Zeit 1938–1945, Innsbruck 2018, S. 44 f. [3] Forcher, Tiroler Schützen, S. 48. [4] Forcher, Tiroler Schützen, S. 48 f. [5] Forcher, Tiroler Schützen, S 47. [6] von Hartungen, Christoph: Die Tiroler und Vorarlberger Standschützen – Mythos und Realität, S. 93 in: Eisterer, Klaus/Steiniger, Rolf: Tirol und der Erste Weltkrieg, Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte, Bd. 12, Innsbruck 1995. [7] Forcher, Tiroler Schützen, S. 57. [8] Forcher, Tiroler Schützen, S. 57.
Das oberste Ziel des Standschützenverbandes bestand in der „Erhaltung des heimischen Brauchtums und der damit in Tirol verbundenen Pflege der Wehrhaftigkeit“.[9] An der Spitze des Verbandes stand der Gauleiter selbst, der hier zusätzlich noch den Titel „Landesoberstschützenmeister“ führte. Es wurden Kreis- und Ortsverbände des Standschützenverbandes gegründet. Diese waren in Kompanien gegliedert, die höchstens 100 Mann umfassen durften. Geführt wurden sie vom Standschützenkompanieführer.
Disziplinär unterstand dieser dem Ortsgruppenleiter der NSDAP in seiner Funktion als Ortsverbandsleiter des Standschützenverbandes. Franz Hofer nannte dies „politische Menschenführung“.[10] Darüber gab es den Kreisverbandsleiter des Standschützenverbandes, bei dem es sich um den Kreisleiter der NSDAP handelte. Die Kompanien gliederten sich in Züge, den Jungschützenzug, welcher aus Teilen der Hitlerjugend rekrutiert wurde und dessen Mitglieder ein Alter von 10 bis 18 Jahren aufwiesen. Dem folgte ein eigener Zug, bestehend aus Abteilungen der Partei auf Ortsebene. Den Hauptteil der Kompanie bildete der Standschützenzug, der alle männlichen Mitglieder von 18 bis 50 Jahren umfasste.[11] Neben der Pflege des Brauchtums wurde besonderer Wert auf die politische Erziehung im Geiste des Nationalsozialismus und damit verbunden zur Wehrhaftigkeit gelegt. Jedes Mitglied war angehalten, monatlich 30 Schuss an den örtlichen Schießständen abzufeuern.[12]
Im Jahre 1940 umfasste die Mitgliederzahl des Standschützenverbandes bereits mehr als 100.000.[13]
Von 1938 bis 1944 wurde das sogenannte „Landesschießen“ veranstaltet, das sich zur größten Schießveranstaltung im Großdeutschen Reich entwickelte. Zu jedem Landesschießen gehörte ein Rahmenprogramm von Brauchtumsveranstaltungen und Kunstausstellungen. Vor allem die großen Aufmärsche des Standschützenverbandes und von Parteigliederungen wurden auf den volksfestartigen Veranstaltungen bejubelt.[14]
[9] Tiroler Standschützenverband, Satzungen und Ausführungsbestimmungen, Innsbruck 1939, zitiert in: Woloschyn, Fabian: Mit Hakenkreuz und Schützenhut, Bachelorarbeit Innsbruck, Juli 2023, S. 18. [10] Forcher, Tiroler Schützen, S. 60. [11] Woloschyn, Mit Hakenkreuz und Schützenhut, S. 20. [12] Woloschyn, Mit Hakenkreuz und Schützenhut, S. 20. [13] Pisecky, Franz: Tirol-Vorarlberg (Die deutschen Gaue nach der Machtergreifung 3), Berlin 1940, zitiert in: Forcher, Tiroler Schützen, S. 68. [14] Forcher, Tiroler Schützen, S. 72
Die Grafik von Lois Alton zeigt in anschaulicher Weise das Ineinanderfließen von Schützentradition und Kampf der Wehrmacht.
Foto: Zeitschrift Tirol-Vorarlberg – Natur, Kunst, Volk, Leben, Heft 2, 1944, Hrsg. Gauleiter und Reichsstatthalter Franz Hofer, Deutscher Alpenverlag, Innsbruck (Zeitschrift im Privatbesitz des Verfassers).
Die Bewerbe des Landesschießens fanden auf dem damaligen Landeshauptschießstand in Innsbruck-Arzl, Deutschlands größtem Schießstand, statt. Franz Hofer bezeichnete die Teilnahme am Landesschießen als „deutsche Sache“ und „Dienst am Führer“.[15] Beim 7. und letzten Landesschießen im Juli 1944 nahmen 30.432 Teilnehmer aus allen Reichsgauen teil.[16] Darunter war auch der Reichspostminister Karl Wilhelm Ohnesorge – ein begeisterter Schütze, der die Ausgabe von zwei Briefmarken durch die Deutsche Reichspost veranlasste. Diese zeigten ein Plakatmotiv des Tiroler Kunstmalers Lois Alton mit der charakteristischen Gewehrschulterung der Tiroler Schützen.[17]
Die oben angesprochenen Briefmarken mit diesem Motiv waren einfarbig grün (6 + 4 Reichspfennig; Rpf) und rot (12 + 8 Rpf).
Zur Förderung der Wehrhaftigkeit dienten auch Bücher, wie „Standschütze Bruggler“ von Anton Graf Bossi-Fedrigotti, das 1934 bereits in Deutschland erschien und danach auch verfilmt wurde. 1941 veröffentlichte der NS-Gauverlag Innsbruck zwei weitere Werke: „Die Bewaffnete Alpenheimat – Das Buch vom Ersatzheer im Alpenraum“ und „300 Jahre alpenländisches Soldatentum – Traditionsgeschichte der alpenländischen Regimenter“, beide herausgegeben von einem Major Manz. Ein Jahr später folgte „Das Land in den Bergen. Vom Wehrbauer zum Gebirgsjäger“ von Josef Wenter und Simon Moser (Deutscher Alpenverlag, Innsbruck 1942). 1943 brachte der NS-Gauverlag Innsbruck schließlich Ulf Seidls Werk „Wehrraum Alpenland – Das Gelände des deutschen Alpenraums und die Geschichte seiner Kriege und Fehden“ heraus. Werden diese Bücher auch nicht alle Bevölkerungsschichten in Tirol durchdrungen haben, so wurden entsprechende Beiträge und Aufsätze in Publikationen und Zeitungen über die Tiroler Wehrtradition und ihre tagtägliche Bestätigung durch Tiroler Frontsoldaten aller Waffengattungen immer mehr, vor allem seitdem sich das Kriegsglück 1943 gewendet hatte.[18] Hier sind die einzelnen Jahrgänge des Kalenders „Alpenheimat“, besonders jener für 1945, und die Zeitungen „Innsbrucker Nachrichten“ und das „Bozner Tagblatt“ zu nennen.
[15] Woloschyn, Mit Hakenkreuz und Schützenhut, S. 28 und Einladungsheftchen zum 7. Landesschießen [16] Erfolgsbericht 7. Landesschießen Innsbruck 2. bis 16. Juli 1944, zitiert in: Woloschyn, Mit Hakenkreuz und Schützenhut, S. 28. [17] Lienzer Zeitung vom 05.07.1944, Österreichische Nationalbibliothek, Wien (ÖNB). [18] Von Hartungen, Die Tiroler und Vorarlberger Standschützen, S. 93.