Offizielle Verkündung des Volkssturms
Offizielle Verkündung des Volkssturms
Am 18. Oktober 1944, einem bewusst gewählten Datum – war es doch der 131. Jahrestag des Sieges in der Völkerschlacht von Leipzig –, wurde dann der Volkssturm durch den Reichsführer SS Heinrich Himmler offiziell verkündet. Die Zeremonie fand ab 16:00 Uhr in der Exerzierhalle der Marwitz-Kaserne in der Kreisstadt Bartenstein in Ostpreußen statt. Zwölf Kompanien des Volkssturms waren in Marschordnung angetreten. Eine weitere Kompanie bestand aus sämtlichen Kreisleitern des Gaues Ostpreußen und deren Stabsführern.[1] Neben dem Landsturm von 1813 und seinen Erfolgen gegen Napoleon nahm Himmler in seiner einstündigen Rede, die vom Großdeutschen Rundfunk direkt übertragen wurde, auch ausdrücklich auf die „Standschützenkompanien der Tiroler“ Bezug und sprach davon, dass man sich diese „Tugenden zu eigen machen“ wolle, „die zeitlos gültig, allein den Sieg verbürgen“.[2] Diese Rede muss auf Franz Hofer wie eine Bestätigung seines Wollens gewirkt haben. Vonseiten der Partei-Kanzlei folgten nun laufend Anordnungen, Rundschreiben oder Befehle im Zusammenhang mit dem Volkssturm.
In den 1. Ausführungsbestimmungen wurde unter anderem festgehalten, dass der Volkssturm kreis- und ortsgruppenweise von den Hoheitsträgern aufzustellen ist. Er sollte nach Kompanien und Bataillonen gegliedert werden.[3]
In den 2. Ausführungsbestimmungen wurde unter anderem festgelegt, dass sich der Volkssturm aus vier Aufgeboten zusammensetzt:
- Erstes Aufgebot: umfasste alle zum Kampfeinsatz tauglichen Angehörigen der Jahrgänge 1928 bis 1884, deren Verwendung ohne Gefährdung lebenswichtiger Funktionen in der Heimat möglich war
- Zweites Aufgebot: umfasste ebenfalls diese Jahrgänge, die aber in kriegswichtigen Funktionen tätig waren; hier sollte die Vorgangsweise elastisch gestaltet werden und im Einvernehmen mit deren Dienststellen erfolgen
- Drittes Aufgebot: umfasste alle Jahrgänge von 1928 bis 1925, soweit sie noch nicht zum aktiven Wehrdienst einberufen waren
- Viertes Aufgebot: umfasste alle zum Kampfeinsatz nicht mehr Tauglichen, die zu Wach- und Sicherungsaufgaben verwendet werden konnten[4]
Weiters wurde hier festgehalten, dass sich der Volkssturm in folgende Einheiten gliederte: Gruppe (10 Mann), Zug (3 bis 4 Gruppen), Kompanie (3 bis 4 Züge), Bataillon (4 Kompanien). Zuletzt wurden in dieser Anordnung folgende Dienstgrade und Dienstgradabzeichen eingeführt: Volkssturmmann (Anmerkung: dieser hieß im Machtbereich Hofers „Standschütze“), Gruppenführer (ein silberfarbener Stern), Zugführer (zwei silberfarbene Sterne), Kompanieführer (drei silberfarbene Sterne) und Bataillonsführer (vier silberfarbene Sterne).
[1] Fernschreiben vom 15.10.1944 der Gauleitung Ostpreußen, gez. Gauleiter Erich Koch, an Bormann mit dem Programm dieser Veranstaltung, BArch, NS 6/314 fol. 135. [2] Vollständige Rede abgedruckt in: W. Seidler, Deutscher Volkssturm, S. 379 ff., hier: S. 383 und 384. [3] Anordnung 277/44 der Partei-Kanzlei vom 27.09.1944, in: Kissel, Der Deutsche Volkssturm 1944/45, S. 98f. [4] Anordnung 318/44 der Partei-Kanzlei vom 12.10.1944, in: Kissel, Der Deutsche Volkssturm 1944/45, S. 100 ff.
Gauleiter Hofer spricht in der Kaserne in Gossensass zu den angetretenen Führern und Unterführern der (militanten) Standschützen (18. Oktober 1944).
Foto: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck
Himmler ging Ende November 1944 davon aus, dass der Volkssturm (1. bis 4. Aufgebot) insgesamt 6 Millionen Mann umfassen würde.[5]
Nördlich des Brenners sowie östlich und westlich des Arlbergs ging Gauleiter Hofer daran, Standschützenbataillone und -kompanien aufzustellen. Südlich des Brenners wurden erst etwas später die Bataillone aufgestellt. Unter der Schlagzeile „Am Südwall des Reiches – da stehen wir!“ wurde am 19. Oktober 1944 der Öffentlichkeit die Existenz der „Standschützenbataillone als Deutscher Volkssturm des Gaues Tirol-Vorarlberg“ vorgestellt. Diese waren am Tag zuvor in Gossensass vor Hofer angetreten.[6]
Es wurde in diesem Zeitungsartikel erwähnt, dass schon über ein Jahr zuvor an Hofer aus dem Standschützenverband Tirol-Vorarlberg die Bitte herangetragen worden war, aus den Standschützen Formationen zu bilden und diese im Südraum einzusetzen. Damals konnte dem Wunsch nicht entsprochen werden. Mittlerweile wurden laut diesem Bericht Tausende von Standschützen in Sicherungsverbänden formiert und eingesetzt.[7] Doch jetzt, da der Volkssturm aufgeboten wurde, „ist die Stunde gekommen, um die gesamte Wehrkraft (…) des Gaues Tirol-Vorarlberg restlos aufzurufen und, der Überlieferung entsprechend, in Gestalt von Standschützenbataillonen in das Gesamtaufgebot (Anmerkung: des gesamten Deutschen Volkssturms) einzureihen“.[8]
[5] Kissel, Der Deutsche Volkssturm 1944/4, S. 115. [6] Innsbrucker Nachrichten vom 19.10.1944 (ÖNB) und Bozner Tagblatt vom 19.10.1944 (Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann, Bozen) unter der gleichen Schlagzeile ein nahezu gleichlautender Bericht. [7] Innsbrucker Nachrichten vom 19.10.1944 (ÖNB) und Bozner Tagblatt vom 19.10.1944 (Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann) unter der gleichen Schlagzeile ein nahezu gleichlautender Bericht. [8] Bozner Tagblatt vom 20.10.1944, Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann.
Führer und Unterführer der (militanten) Standschützenbataillone sind in der Kaserne in Gossensass am 18. Oktober 1944 angetreten.
Foto: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck
In seiner Rede in Gossensass betonte Hofer, „dass ein noch stärkeres Aufgebot von Standschützen als im Weltkrieg für die Besatzung der Befestigungen an der Südgrenze des germanischen Lebensraumes bereitstehe“.[9] Man rechnete damals damit, dass Hofers Standschützen – wenn überhaupt – nur im Süden eingesetzt werden würden, sollten sich die Alliierten auf Alttirol zubewegen. Daher auch die Schlagzeile „Am Südwall des Reiches – da stehen wir“. Hier ist zu erwähnen, dass ab 1943 Festungspionier-Erkundungsstäbe der Wehrmacht untersuchten, inwieweit Mussolinis Alpenwall (vallo alpino), den er bis zu einer Intervention Hitlers bis Anfang Oktober 1942 (!) im Grenzgebiet zum Deutschen Reich bauen ließ, in eine deutsche Befestigungslinie einbezogen werden könnte.[10]
[9] Bozner Tagblatt vom 20.10.1944, Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann. [10] Pinagli, Anita/Pachauer, Volker/Potocnik, Alexander J.: Engaging Military Heritage, in: Saunders, Nicholas J./Cornish, Paul (Hrsg.): Conflict Landscapes, London/New York 2021, S. 134.
Gauleiter Hofer schreitet mit dem militärischen Ausbildungsleiter der (militanten) Standschützen Major Lapp (im Bild rechts von Hofer) in der Kaserne in Gossensass die Front der angetretenen Führer und Unterführer der (militanten) Standschützen ab (18. Oktober 1944).
Foto: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck
(V. l.) HJ-Gebietsführer von Tirol-Vorarlberg Otto Weber, Hofers „Beauftragter für politische Ausrichtung“, unbekannt, der militärische Ausbildungsleiter der Standschützen Major Karl-Walter Lapp, unbekannt, Gauleiter Franz Hofer. Das Foto wurde mit großer Wahrscheinlichkeit in Gossensass am 18. Oktober 1944 aufgenommen.
Foto: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck
Der für diese Untersuchung Zuständige war ein Oberst Nobiling.[11] Am 27. Juli 1944 erließ Adolf Hitler eine Weisung, dass ein weit hinter der Front liegendes „rückwärtiges“ Stellungssystem in Norditalien auszubauen sei, und zwar u. a. „die im großen erkundete Voralpenstellung“. „Den Ausbau leitet verantwortlich (…) der Oberste Kommissar der Operationszone Alpenvorland (Anmerkung: Franz Hofer) in der Voralpenstellung von der Schweizer Grenze bis Piave-Tal südlich Longarone (einschließlich).“[12] Im Herbst 1944 wurden unter Generalmajor Marcinkiewicz auch die altösterreichischen Befestigungsanlagen auf ihre Eignung als Abwehrstellung einbezogen. Einige wenige Sperranlagen, wie im Etschtal bei Ala und am Passo Pian delle Fugazze – beide in der Nähe der Alttiroler Grenze – wurden neu gebaut, ebenso einige Militärstraßen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs reaktiviert.[13] [14] Für alles Weitere blieb kaum mehr Zeit.
[11] Tessin, Georg: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939–1945, Bd. 17, S. 175. [12] Hubatsch, Walther: Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939–1945, Dokumente des Oberkommandos der Wehrmacht, Koblenz 1983, S. 267. [13] Hentschel, Rolf: Der Alpenwall in Südtirol, Aachen 2014, S. 19. [14] Savegnano, Paolo: Le organizzazioni Todt e Pöll in provincia di Vicenca, Sommacampagna, 2012, Bd. II, S. 17 ff.
Marsch von Standschützen durch Innsbruck im November 1944. Es handelt sich hier um die erste Kompanie des ersten Bataillons. Ganz rechts ein Ausbildner der Wehrmacht.
Foto: APA PictureDesk
Am 23. Oktober 1944 „marschierte die erste geschlossene Standschützentruppe durch die Straßen der Gauhauptstadt“ Innsbruck.[15] „Unter der Führung ihrer Ausbildner machte die Truppe einen ausgezeichneten, im Verhältnis zur Kürze der bisherigen Ausbildungszeit überraschend guten Eindruck.“[16] Anfänglich sprach man zur Unterscheidung von den Schützen aus dem Standschützenverband zu jenen des Volkssturms von „militanten“ Standschützen. Relativ rasch ließ man das „militante“ weg, denn der Begriff „Standschütze“ sprach ja ohnehin für sich selbst.
[15] Innsbrucker Nachrichten vom 24.10.1944, ÖNB. [16] Innsbrucker Nachrichten vom 24.10.1944, ÖNB.
Dass Gauleiter Hofer selbst bereits am 24. Oktober der Standschützenmythos fast zu viel wurde, wäre eigentlich nicht zu erwarten gewesen, aber an diesem Tag wandte er sich in einem Fernschreiben an Bormann mit dem Verlangen, dass die Zeitungen in Zukunft doch mehr als bisher zu beachten hätten, „dass es sich beim Volkssturm um eine moderne Organisation, die auch mit modernen Waffen versehen wird, handelt, weshalb es nicht angebracht ist, den Volkssturm immer wieder mit den Tiroler Standschützen aus dem Jahre 1809 in Beziehung zu setzen“. Auslöser war die allen Zeitungsredaktionen zugeschickte „Tagesparole“ vom Vortag, in der zwar von den Standschützen nichts erwähnt wurde, die aber für den Geschmack Hofers offenbar zu wenig zeitgeistig war. Er kritisierte auch frühere Tagesparolen, die Begriffe wie „Arbeiterstürme“ und „Bauernstürme“ gebracht haben sollen, da der Volkssturm nicht nach Berufssparten, sondern nach territorialen Gesichtspunkten aufgebaut sei.[17]
Bei Besuchen Gauleiter Hofers bei den Standschützen wurde regelmäßig davon gesprochen und geschrieben, dass er „seine“ Standschützen besuche.[18] Er verstand sie mit großer Wahrscheinlichkeit als eine Art „Privatarmee“.[19] Und nicht nur das, er dürfte sie auch als seine „Gesamttiroler Privatarmee“ verstanden haben, die von Kufstein bis Salurn (relativ) gleich adjustiert war. Lediglich Osttirol fehlte, das sehr zu Hofers Leidwesen im Oktober 1938 zum Gau Kärnten geschlagen worden war.
[17] Fernschreiben Gauleitung Tirol-Vorarlberg, gez. Hofer, vom 24.10.1944 an Martin Bormann, Führerhauptquartier. BArch, NS 6/314 fol. 41. Anm. d. Verf.: Die Tagesparolen ergingen vom Reichspressechef, Otto Dietrich, täglich an alle Zeitungsredaktionen des Reiches und gaben Themen vor, die diese in den Zeitungen zu behandeln hatten. [18] Bozner Tagblatt vom 04.11.1944, Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann. [19] So auch Kaltenegger, Roland: Das letzte Aufgebot der „Alpenfestung“, in: Pallasch, Zeitschrift für Militärgeschichte, Heft 12, Frühjahr 2002, S. 117.