Die Ausbildung der Standschützen
Die Ausbildung der Standschützen
Die Ausbildung der Standschützen fand in den ehemaligen Alpini-Kasernen in Gossensass, Mals und Schlanders statt. Auch in Meran gab es Ausbildungslehrgänge. Die vierwöchige Grundausbildung erfolgte in den Kasernen von Schlanders und Mals. In Gossensass wurden Führer und Unterführer ausgebildet, die alle bereits militärische Erfahrung mitbringen mussten. Die Ski- und Hochgebirgsausbildung erfolgte im Trentino in Madonna di Campiglio. In Zürs befand sich ebenfalls eine Ausbildungsstätte für Unterführer.[1] Darüber hinaus wurden ab November 1944 3.300 Standschützen in Meran und 2.000 in Gossensass durch die deutsche Polizei betreut. Im Dezember 1944 waren sie gegliedert in: „Standschützen-Ausbildungs-Lehrgang Meran“ mit 3.000 Mann, „Standschützen-Ausbildungs-Lehrgang Gossensass“ mit 2.000 Mann und „Standschützen-Ausbildungs-Lehrgang Mals in Aufstellung“ mit 1.800 Mann.[2] Ausgebildet wurden die Männer in den grundlegenden militärischen Fähigkeiten. Neben Märschen im Gebirge und Geländedienst sowie Stellungsbau wurde natürlich auch das Schießen geübt, ebenso die Handhabung der Handgranate und der Panzerfaust. Auch an Granatwerfern wurde ausgebildet. Die Ausbildung der Standschützen in den Lagern bezeichnete ein Journalist als „radikale Ferien vom Ich“.[3]
[1] Kaltenegger, Roland: Operation Alpenfestung, Mythos und Wirklichkeit, München, 2000, S. 287. [2] Tessin, Georg: Die Stäbe und Truppeneinheiten der Ordnungspolizei, in: Neufeldt, Hans-Joachim/Huck, Jürgen/Tessin, Georg: Zur Geschichte der Ordnungspolizei 1936–1945, Schriften des Bundesarchivs Bd. 3, Koblenz 1957, 2. Teil, S. 78. [3] Paulin, Karl: Erlebnisse bei den Standschützen, in: Innsbrucker Nachrichten, 17.03.1945, ÖNB.
Laut Rauchensteiner sollen die Standschützen – für den Volkssturm einzigartig – auch über Artillerie verfügt haben, da Hofer in seiner Funktion als Oberster Kommissar der Operationszone Alpenvorland gleich nach der Kapitulation Italiens begonnen habe, sich italienische Waffen und italienische militärische Ausrüstungen zu sichern.[4] Auch größere „schwarze“ Bestände an Infanterie- und Artilleriemunition wurden von der Gauleitung eingelagert.[5]
In einem Brief des OKW, Wehrmachtführungsstab (WFSt/Qu 2) an Hofer, datiert mit 10. September 1944, klassifiziert als „Geheime Reichssache“ und gezeichnet mit „Jodl“ wurde unter anderem mitgeteilt:
„Zur Bewaffnung Ihrer Standschützen werden Ihnen durch Ob. Südwest aus Beutebeständen 1500 Karabiner, 400 s.M.G., 40 Granatwerfer und 20 PAK mit entsprechender Munition zur Verfügung gestellt werden. Wegen Übergabe nimmt die Heeresgruppe mit Ihnen Verbindung auf.“[6]
Am 20. Oktober übermittelte die Partei-Kanzlei in München an das Führerhauptquartier ein Fernschreiben mit Aufstellungen der vom Oberkommando des Heeres (OKH) an die Partei zugewiesenen Waffen und Munitionsbestände, die an die einzelnen Gaue nach einem Verteilungsplan zugewiesen wurden: Der Gau Tirol-Vorarlberg erhielt von insgesamt 50.000 Handgranaten 2.000, von 500.000 Schuss Munition Kaliber 7,65 mm 22.000 und von 500 Pistolen Kaliber 7,65 mm 25 Stück.[7] Bei einer Rede am 3. November 1944 vor über 3.000 angetretenen Standschützen in einem Ausbildungslager südlich des Brenners sprach Hofer davon, dass sich betreffend Ausbildung „jetzt die Früchte der Wehrertüchtigungsarbeit, die der Standschützenverband (…) in ständiger Breitenarbeit geleistet hat“ zeigen. Er spricht weiters davon, dass bei den Standschützen Unterführer oder Führer nur der werden könne, der soldatisch tüchtig „und in seiner nationalsozialistischen Gesinnung fest und einwandfrei ist“. Am Ende seiner Rede stellte Hofer mit Genugtuung fest, dass die Ausbildungslehrgänge von erprobten Frontoffizieren und Unteroffizieren der Wehrmacht gemeinsam mit bewährten politischen Leitern der NSDAP geführt werden.[8]
[4] Rauchensteiner, Manfried: Gauleiter Hofers „Alpenfestung“ und die militärische Befreiung Nordtirols, in: Wanner, Gerhard (HG.): 1945. Ende und Anfang, Informationsbuch Nr. 2, Lochau 1986. [5] Rauchensteiner, Manfried: Der Krieg in Österreich 1945, Wien 1985, S. 287. [6] National Archives and Records Administration, Washington DC (NARA): microcopy T77, roll 1419, image 23. [7] Fernschreiben Partei-Kanzlei München an Führerhauptquartier vom 20.10.1944, BArch, NS 6/314 fol. 152. [8] Artikel „Gauleiter Franz Hofer bei seinen Standschützen“, in: Bozner Tagblatt vom 04.11.1944, Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann.
Die Ausbildungslager wurden in der Folge Ziel von Besuchen höchster militärischer und politischer Ränge, wie des hochdekorierten Generalobersts Heinrich von Vietinghoff, der am 5. November als Vertreter des Oberbefehlshabers Südwest in das Pflerschtal kam und einer Übung der Standschützen beiwohnte. Auch Reichsorganisationsleiter Dr. Robert Ley[9] kam am 9. November und wohnte einer Gefechtsausbildung bei. Am 17. November kam Reichsführer SS Heinrich Himmler, als Befehlshaber des Ersatzheeres verantwortlich für die militärische Ausbildung, Bewaffnung und Ausrüstung des Volkssturms. Er kam mit SS Obergruppenführer und General der Waffen-SS, Karl Wolff, und sie besuchten ebenfalls eine Übung der Standschützen im Pflerschtal. Am 22. November kamen noch der Stabschef der SA Wilhelm Schepmann, der Inspekteur für die Schießausbildung des Volkssturms, und am 23. November der Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach. Begleitet wurden die Besucher stets von Gauleiter Hofer. Am 12. Dezember besichtigte Hofer gemeinsam mit dem Kärntner Gauleiter Dr. Friedrich Rainer eine Feldübung der Standschützen bei Gossensass.[10] An dieser Stelle ein paar Worte zu Osttirol, das 1938 zu Kärnten geschlagen wurde. Auch dort gab es einen Standschützenverband, eben den „Osttiroler Standschützenverband“. Gauleiter Rainer nannte sich als dessen Oberster so wie Hofer „Landesoberstschützenmeister“. Mit der Aufstellung des Volkssturms wurden zwar immer wieder die Standschützen und deren Mythos betont,[11] aber der Volkssturmmann war in Osttirol eben der Volkssturmmann und nicht der Standschütze; auch gab es keine Standschützen-Kompanien und -Bataillone, sondern Volkssturm-Kompanien und -Bataillone. Bei einer Geländeübung der Standschützen bei Gossensass nahmen am 18. Jänner 1945 die Generale der Gebirgstruppe Valentin Feurstein und Julius Ringel sowie Generaloberst von Vietinghoff teil.[12]
Mitte November 1944 fanden sich in den gleichgeschalteten Zeitungen die Kampfsätze der Standschützen, die wie folgt lauteten:
„Die Kampfsätze der Standschützen – Zum Schutze der Heimat aufgeboten
- Treue, Gehorsam und Tapferkeit sind die Grundlagen eines Staates und machen ihn unüberwindlich. Treu seinem Eid kämpft der Standschütze in allen Lagen verbissen und siegesbewußt. Dem Führer bis zum Tode getreu, ist er bereit, lieber im tapferen Kampf zu sterben, als jemals um die Gnade des Feindes zu flehen.
- An Standhaftigkeit, Selbstlosigkeit und Kameradschaft unübertroffen, bildet der Volkssturm die Armee der größten Idealisten Deutschlands.
- Sollte ein Führer in aussichtsloser Lage glauben, den Kampf einstellen zu müssen, so gilt im deutschen Volkssturm die in unserer tapferen Kriegsmarine überlieferte Sitte: das Kommando mit allen Rechten an denjenigen abzugeben, der den Kampf fortsetzen will und sei es auch der Jüngste.
- Zum Schweigen erzogen, verabscheut der Standschütze aufs tiefste den Verrat seiner Heimat oder seiner Kameraden. Seine Verschwiegenheit können weder Verlockungen noch Drohungen brechen.
- Wenn wir nach der Väter Art uns selbst und unserer höchsten Pflicht dem Volk gegenüber treu bleiben, wird der Herrgott unseren Kampf segnen. In schwerster Zeit zum Schutz der Heimat aufgeboten, wollen wir nicht eher ruhen, bis Sieg und Frieden erkämpft und die Zukunft des Reiches gesichert ist.
- Ritterlich gegen Frauen, rücksichtsvoll gegen Kinder, Kranke und Greise, ist der Standschütze in Liebe zum Volk und Vaterland zur letzten Hingabe bereit. Dem Feind aber, der Freiheit und Leben bedroht, unsere Frauen schändet und unsere Kinder morden will, schlägt leidenschaftlicher Haß entgegen.“[13]
[9] Artikel „In den Ausbildungslagern der Standschützen“, in: Bozner Tagblatt vom 14.11.1944, Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann. [10] Kaltenegger, Operation Alpenfestung, S.287 f. sowie Artikel „Ausbildung der Standschützen“, in: Bozner Tagblatt vom 04.12.1944, Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann. [11] Beispielsweise im Artikel „Deutscher Volkssturm – Standschützen von heute“, in: Lienzer Zeitung vom 04.11.1944. ÖNB. [12] Kaltenegger, Operation Alpenfestung, S. 288. [13] Bozner Tagblatt vom 14.11.1944 und Innsbrucker Nachrichten vom 17.11.1944, ÖNB. Diese Kampfsätze sind jedoch nicht in Tirol entstanden, sondern entstammen dem Rundschreiben 386/44 Bormanns über die „Kampfsätze des Deutschen Volkssturms“ vom 08.11.1944, das an alle Gauleiter erging. Der Inhalt wurde lediglich ganz gering durch die Einfügung des Wortes „Standschützen“ statt „Volkssturm“ oder „Volkssturmsoldat“ abgeändert. BArch, NS 6/98, fol. 51.