Inspekteur der Standschützen: General der Gebirgstruppen Valentin Feurstein
Inspekteur der Standschützen: General der Gebirgstruppen Valentin Feurstein
Der gebürtige Bregenzer Valentin Feurstein war der ranghöchste Soldat aus Tirol-Vorarlberg. Am 7. März 1945 wurde er von Generalfeldmarschall Kesselring in die Führerreserve versetzt und am gleichen Tag auf Wunsch Hofers zum Inspekteur der Tiroler Standschützen ernannt. Er sollte in dieser Funktion auch eine Mittlerrolle zwischen der in Italien stehenden Heeresgruppe C und Hofer einnehmen. Die Heeresgruppe C wünschte nämlich, die Standschützen auch außerhalb der heimatlichen Berge einsetzen zu können – konkret: im Adda- und Ogliotal südlich von Bormio und Edolo.[1] Übermittelt wurde dieser Wunsch an Feurstein vom Chef des Stabes, General Hans Röttiger.[2]
Einen solchen Einsatz hatte Hofer bisher immer abgelehnt, hatte er doch über einen Einsatz von Standschützen das letzte Wort. Hier ist zu erwähnen, dass die Standschützen bis zur Unterstellung unter ein Frontkommando nicht militärischen, sondern nur politischen Stellen, zuoberst eben dem Gauleiter Hofer unterstanden.[3] Feurstein war jedoch klar, dass mit den Standschützen, die alt und teilweise invalid waren, nur zum Schutz ihrer vertrauten und geliebten Bergheimat zu rechnen war. Feurstein schrieb, dass man rund 40.000 Mann in vierwöchigen Kursen flüchtig für den Kampf geschult habe und die Ausrüstung mangelhaft gewesen sei. Trotzdem – so der ehemalige General – dürfe man die Standschützen höher werten als die anderwärts aus dem Boden gestampften Volkssturmformationen.[4] Feurstein stieß auch auf eine zweite Person, die eine ähnliche Mittlerrolle innehatte: Dies war der Personalreferent Hofers, ein Major Reichel, der interessanterweise früher Adjutant des Heimwehrführers Ernst Rüdiger Starhemberg gewesen war. Gleichzeitig fungierte Reichel als Vertrauensmann der Heeresgruppe C bei Hofer. Reichel war laut Feurstein von Hofer mit allen Belangen der Standschützen betraut.[5] Dessen Wissen musste er oft in Anspruch nehmen, da Hofer die Angewohnheit hatte, seinen Dienstverkehr telefonisch zu erledigen und kaum etwas schriftlich niederzulegen. Am 15. März 1945 gab es eine Besprechung in Bozen, an der Röttiger, Feurstein und Hofer teilnahmen. Ersterer teilte mit, dass eine alliierte Landung in der Nordadria erwartet werde und man für diesen Fall bei der Verteidigung auch auf die Standschützen zurückgreifen müsse. Nach sieben Stunden Diskussion ließ sich Hofer um 4 Uhr früh des nächsten Tages für diesen Bedarfsfall zu folgender Konzession bewegen: Es wurde beschlossen, aus dem Standschützenausbildungslager Gossensass einen Regimentsverband (2 Bataillone) zu bilden. Major Lapp, der bisherige Ausbildungsleiter, sollte die Führung und den Einsatz im Cordevole-Tal übernehmen.[6] Dazu gekommen ist es nicht.
[1] Feurstein, Valentin: Irrwege der Pflicht 1938–1945, Wels, Innsbruck 1963, S. 287 ff. [2] Hans Röttiger wurde später in der neu aufgestellten Deutschen Bundeswehr der erste Inspekteur des Heeres. Anm. d. Verf. [3] Rauchensteiner, Gauleiter Hofers „Alpenfestung“, S. 38. [4] Feurstein, Irrwege der Pflicht, S. 290. [5] Feurstein, Irrwege der Pflicht, S. 291. [6] Feurstein, Irrwege der Pflicht, S. 296.
Feurstein schrieb in seinen Erinnerungen, dass seine Besuche in den verschiedenen Standschützenlagern bei ihm befriedigende Eindrücke hinterlassen hatten. Die Verpflegung war zufriedenstellend. Täglich gab es ein Viertel Wein für die Standschützen. Besonders gefielen ihm die altösterreichischen Hornsignale, die in den Ausbildungslagern ertönten. Nur die Belegung in den Kasernen Mals (1.600) und Schlanders (3.000) erschien ihm zu dicht. Auch die Hochgebirgs-Ausbildung in Madonna di Campiglio wurde von Feurstein besichtigt.[7]
In einem Fernschreiben des Wehrmachtführungsstabes (WFSt/Op.(H)/Süd) vom 29. März 1945, klassifiziert als „Geheime Kommandosache“, welches an den Oberbefehlshaber Südwest (Ob. Südwest) (Generaloberst von Vietinghoff) sowie Gauleiter und Reichsstatthalter Hofer erging, wurde unter dem Betreff „Einsatz von Standschützen […] zur Behebung von Zweifeln“ wie folgt geschrieben:
„Standschützen des Alpenvorlandes bzw. der Gaue [sic!] Tirol / Vorarlberg sollen nur bei unmittelbarer Bedrohung zum Schutz ihrer Heimat eingesetzt werden. Einsatz nicht geschlossen unter Übernahme eines Divisions- oder Korpsabschnittes, sondern btls.-weise aufgeteilt zwischen aktiven Verbänden. Divisionen des Ob.Südwest sind also im Falle eines Beziehens der Voralpenstellung in den Hauptdurchstoßrichtungen einzusetzen, wo sie entsprechend ihrer Kampferfahrung und Ausrüstung die Hauptlast des Kampfes zu tragen haben, während Zwischengelände im Hochgebirge durch Standschützen gesichert wird, die hierzu auf Grund ihrer Ortskenntnis und Berggewöhnung besonders geeignet [sind]. Standschützenbataillone werden mit dem Zeitpunkt ihres Einsatzes den Divisionen bzw. Gen.Kdos. des Heeres, in deren Abschnitt sie eingesetzt sind, in jeder Beziehung unterstellt.“[8]
Die bataillonsweise Aufteilung von Standschützen zwischen Wehrmachtsverbänden entsprach einer Weisung Hitlers vom 28. Jänner 1945. Dieser hatte die Erfahrung gemacht, dass Volkssturmeinheiten, auf sich allein gestellt, nur geringe Kampfkraft haben und rasch zerschlagen werden können. Deshalb befahl er, dass in Kampfabschnitten, wo Volkssturm und Wehrmacht stehen, gemischte Kampfgruppen unter einheitlicher Führung zu bilden seien, die den Volkssturmeinheiten Rückhalt und Anlehnungsmöglichkeiten geben.[9]
Nach einem offenbar vorangegangenen Gespräch mit Adolf Hitler hielt der Chef des Wehrmachtführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht, Generaloberst Alfred Jodl, am 30. März 1945 in einer Notiz fest, dass der Führer der Auffassung sei, „dass man den Wünschen des Gauleiters Hofer und seines militärischen Beauftragten für die Standschützen möglichst freie Hand lassen soll. Sie werden bestimmt etwas Ordentliches zustande bringen. Unter Umständen ist der Ob.Südwest sehr froh, wenn er bei einem Zurückgehen auf die Alpenstellung durch eine Standschützenarmee aufgenommen wird, auch an den Paßstraßen. Denn wer kann garantieren, dass der Feind nicht früher dort ist als die Armeen des Ob.Südwest oder dass ihre Teile zerschlagen werden.“ Weiters hielt Jodl fest:
„Also man lasse den Leuten ihre Freude u. ihren Stolz. Mit dem Volkssturm sind die Standschützen nicht zu vergleichen.“[10]
[7] Feurstein, Irrwege der Pflicht, S. 297. [8] Nara: microcopy T77, roll 1419, image 20. [9] Hubatsch, Hitlers Weisungen, S. 301. [10] Nara: microcopy T77, roll 1419, image 34.
Abschließend schrieb er, dass der Wehrmachtführungsstab eine Dienstanweisung entwerfen werde, die weniger „pinselig“ sein werde als die beiden vorgelegten, wobei die Auffassung des Gauleiters zuvor festzustellen sei.[11]
In einem Fernschreiben des WFSt / Op / Qu2 (I) vom 12. April 1945, klassifiziert als „Geheim“, welches an den Ob.Südwest (Generaloberst von Vietinghoff), den General d. Geb.Truppen Feurstein, Bozen, und nachrichtlich an den Obersten Kommissar der Operationszone Alpenvorland erging, wurde unter dem Betreff „Dienstanweisung für Inspekteur der Tiroler Standschützen“ wie folgt festgehalten:
„I. OKW/WFSt mit Entwurf General Feuerstein (sic!) für Dienstanweisung Inspekteur Tiroler Standschützen sowie Verbindung Stellung Inspekteur mit Stellung Befehlshaber Verteidigungsabschnitts Tirol-West (Stilfser Joch bis Garda-See) grundsätzlich einverstanden (siehe unten).
II. Lage erfordert Einsatz der Standschützen zunächst zur Sicherung der Einfallstore in Alpen, wichtigsten Engen, Täler, Straßen und Pässe. Ob.Südwest gibt hierzu sofort General Feuerstein grundlegende Richtlinien. Durchführung im einzelnen durch General Feuerstein in engstem Einvernehmen mit Gauleiter Hofer.
III. Nachstehender Entwurf Dienstanweisung für Inspekteur Tiroler Standschützen ist mit Gauleiter Hofer abzustimmen. Aufgaben des Befehlshabers des Verteidigungsabschnittes Tirol-West sind aus Dienstanweisung für Inspekteur herausgelassen.
IV. Entwurf Dienstanweisung: Dienstanweisung für Inspekteur Tiroler Standschützen.
Seit über 400 Jahren schützt das Volk von Tirol in Zeiten der Not seine Heimat in der selbst geschaffenen Organisation der Standschützen. Auch jetzt sind die Standschützen wieder zu den Waffen geeilt. Ihren Aufbau und Einsatz mit den Notwendigkeiten der Gesamtwehrmacht in Einklang zu bringen, ohne ihr traditionelles Eigenleben und ihre freiwillige Bereitschaft zur Verteidigung ihrer Bergheimat zu beeinträchtigen, ist vornehmste Aufgabe des Inspekteurs der Tiroler Standschützen.
Im Einzelnen:
- Der Inspekteur der Tiroler Standschützen ist eine Befehlsstelle des Ob.Südwest (ObKdo.H.Gr.C), die Ob.Südwest unmittelbar untersteht.
- Der Inspekteur hat die Stellung und die Befugnisse eines Kommandierenden Generals.
- Der Inspekteur hat die grundlegende Aufgabe, mit dem Obersten Kommissar der Operationszone Alpenvorland, Gauleiter und Reichsstatthalter von Tirol, an den [sic!] Aufbau, an der Ausrüstung und Ausbildung der Standschützen des Gaues Tirol-Vorarlberg und des Voralpenlandes (Südtirol) beratend mitzuarbeiten. Der Inspekteur sorgt mit allen Mitteln dafür, daß die Tiroler Standschützen innerhalb ihres Verwendungsbereiches so schnell wie möglich einsatzfähig sind. Auf die Hochgebirgsausbildung ist besonderer Wert zu legen.
- Der Inspekteur der Tiroler Standschützen ist gleichzeitig Befehlshaber des Verteidigungsabschnitts Tirol-West (Stilfser Joch bis Garda-See). Für das Halten dieses Abschnitts trägt er die Verantwortung. Ausbau der Kampfstellung Tirol-West obliegt weiterhin dem Obersten Kommissar der Operationszone Alpenvorland.
- Zur Durchführung seiner Aufgaben wird dem Inspekteur ein Stab zur Verfügung gestellt. Aufstellung des Stabes verfügt auf Antrag des Inspekteurs Ob.Südwest. Die Aufstellung ist mit dem Obersten Kommissar, Gauleiter und Reichsstatthalter von Tirol abzustimmen.
- Der Stab des Inspekteurs ist zugleich Verbindungsstab des Ob.Südwest zum Obersten Kommissar der Operationszone Alpenvorland für die Standschützen-Organisation auf personellem, materiellem und einsatzmäßigem Gebiet. gez. Jodl“[12]
[11] Nara: microcopy T77, roll 1419, image 34. [12] Nara: microcopy T77, roll 1419, images 38 and 39.