Der letzte Akt
Der letzte Akt
Bis April 1945 gab es in Tirol keine nach Norden ausgerichteten Verteidigungsanlagen. Der Blick war seit September 1943 immer auf den Süden gelegt, wo man aufgrund der näherkommenden Front der Schaffung von Befestigungen mehr Bedeutung zumaß[1] (siehe auch die vorherige Notiz von Generaloberst Jodl vom 30. März 1945, in der noch von einem Einsatz der Standschützen im Süden der Provinz Bozen ausgegangen wurde). Erst am 2. April erhielt der Höhere Pionierführer 14, Generalmajor Marcinkiewicz, den Befehl, Sperrvorbereitungen nach Norden in Angriff zu nehmen.[2] Es sollten alle von Westen und Norden nach Tirol und Vorarlberg führenden Straßen und Pässe für Panzer zur Sperrung vorbereitet werden. Bis Ende April wurden einige Panzersperren nördlich von Reutte, am Fernpass, in der Scharnitzer Klause und am Zirler Berg sowie im Raum Kufstein und bei Unken errichtet.[3] In Vorarlberg wurden Befestigungen bei der Klause bei Bregenz gebaut sowie Schützengräben ausgehoben. Dass für diese Arbeiten auch Standschützen eingesetzt wurden, ist sehr wahrscheinlich, wie einem Bericht über die letzten Monate des zweiten Weltkriegs im Achental, den ein ehemaliger Postenkommandant (J. Kofler) verfasst hatte, zu entnehmen ist: „Am 28. April traf Volkssturm aus dem Zillertal, eine Pionierkompanie aus Schwaz sowie Zivilarbeiter, darunter auch welche in Sträflingskleidern im Achental ein, um am Achenpaß Schanzarbeiten zu leisten. Die Amerikaner waren schon von Bayern her im Anrücken. Den Volkssturm kommandierte Major Unterweger.“[4] Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit dürfte es sich um das Standschützenbataillon Schwaz gehandelt haben, welches die örtliche Zuständigkeit hatte. Kofler schrieb weiter, dass es am 5. Mai um 8:30 Uhr zu einem Tiefflieger-Angriff auf das Achental kam. Hierbei wurde „der Volkssturm-Bataillonsführer Unterweger auf dem Abort sitzend von einem Geschoß getötet“.[5] Die Standschützen zogen dann wieder Richtung Zillertal ab. Am 29. April begann der Angriff der US-Truppen auf das Außerfern, wobei als erster Ort in Tirol Vils besetzt wurde. Dies wurde auch darauf zurückgeführt, dass sich in der Nacht zum 28. April ein Zug des Standschützenbataillons Reutte aufgelöst hatte und untergetaucht war. Diese Formation war, wie auch das 135 Mann starke Standschützenbataillon Innsbruck I, am 26. April in Reutte eingetroffen und hatte sich im Raum Musau-Pinswang zur Verteidigung eingerichtet.[6] Auch einzelne Patrouillen des Innsbrucker Standschützenbataillons, die sich zu abgeschnittenen Gebirgsjägern hätten durchschlagen sollen, tauchten unter.[7] Die deutschen Vorbereitungen für den Kampf um den Fernpass umfassten zusammengewürfelte Reste von Wehrmachtsformationen und das vom Kreisleiter von Imst geschickte Standschützen-Bataillon Imst, das nur 30 (!) Mann umfasste.[8]
[1] Rauchensteiner, Krieg in Österreich, S. 312. [2] Rauchensteiner, Krieg in Österreich, S. 312. [3] Rauchensteiner, Krieg in Österreich, S. 313. [4] Bericht: „Die letzten Monate des zweiten Weltkrieges im Achental“, nach Mitteilung von Johann Kofler, Postenkommandant i. R., in: Staudigl-Jaud, Katharina: Achentaler Heimatbuch, Schlern-Schriften 241, Innsbruck 1965, S. 54 f. [5] Bericht: „Die letzten Monate des zweiten Weltkrieges im Achental“, nach Mitteilung von Johann Kofler, Postenkommandant i. R., in: Staudigl-Jaud, Achentaler Heimatbuch, S. 55. [6] Etschmann, Wolfgang: Die Kämpfe um den Fernpaß Ende April/Anfang Mai 1945, Militärhistorische Schriftenreihe, Heft 53, Wien 1985, S. 12. [7] Etschmann: Die Kämpfe um den Fernpaß, S. 12. [8] Etschmann: Die Kämpfe um den Fernpaß, S.16.
Über das „Aufgebot des Standschützen-Bataillons Imst Ende April 1945“[9] findet sich im Tiroler Landesarchiv eine sehr wertvolle Zusammenstellung der Ereignisse, die nachstehend gekürzt wiedergegeben wird:
Aufgrund der bedrohlich werdenden Lage entschloss sich der Kreisleiter von Imst, Josef Pesjak, zum Aufgebot des in mehreren Standschützen-Ausbildungslehrgängen in Südtirol wehrfähig gemachten Volkssturms. Es wurden ungefähr 600 Einberufungen an ältere Männer, vorwiegend Familienväter, ausgesandt. Die Empfänger mussten sich sofort beim Kreis-Standschützenkommando, welches in der Hauptschule von Imst seinen Sitz hatte, melden. Am 26. April versammelten sich die eingerückten Standschützen im Saal der Hauptschule, wo sie die bereits vorbereiteten Uniformen und die Ausrüstung erhielten. Diese bestand aus Gewehr, Seitengewehr und Koppel. Militärmäntel wurden nicht ausgegeben, obwohl es noch sehr kühl war und Übernachtungen im Freien zu erwarten waren. Einem Kameraden von Oswald Tamerl, der mit dem Fahrrad von Silz nach Imst fuhr, fiel auf, dass kaum jemand auf der Straße war.
„Es hatte geradezu den Anschein, als ob sich viele Männer unter Missachtung des Aufgebotes in Häusern oder Wäldern verborgen hielten. Am Sammelplatz in Imst stellte sich dann heraus, dass nur etwa ein Viertel der Einberufenen dem Aufgebot zum Volkssturm Folge geleistet hatten.“
Man beeilte sich nun, den verhältnismäßig kleinen Haufen militärisch zu organisieren. Als Major und Bataillonsführer war bereits der Kreisrichter Dr. Hampl bestellt. Die Ötztaler Kompanie wurde von einem Leutnant P. befehligt. Auch die bei den Westtiroler Kraftwerken beschäftigten Reichsdeutschen waren zu den Tiroler Standschützen eingerückt. Der Kommandant der Imster Kompanie war ein Norddeutscher. Die Standschützen-Kompanie Silz-Stams-Haiming hatte einen Kaminkehrermeister aus Sautens als Kompanieführer. Vom Standschützen-Kommando wurden im Stift Stams Haflingerpferde requiriert und als Tragtiere für Munition und Proviant an das Bataillon nach Imst überstellt. Angesichts der äußerst geringen Einrückungsquote und wegen der bescheidenen Bewaffnung war die Stimmung in der Imster Hauptschule nicht die beste. Einer der Standschützen stellte öffentlich die Frage in den Raum: „Sollen jetzt wir Standschützen die Amerikaner aufhalten, wo dies die Wehrmacht nicht mehr imstande ist?“ Vom Kompanieführer P. wurde er aufgefordert, sofort zu schweigen. Danach kam der Kreisleiter und hielt vor den Männern eine anfeuernde, „von kriegerischem Pathos getragene Rede“, wonach „jeder unter Einsatz seines Lebens die Heimat gegen die Feinde zu verteidigen habe“.
Mit Unmut sprach er über die Nichterschienenen und sagte:
„Es sei noch nicht so weit, dass einige Pflichtvergessene es wagen könnten, seine Befehle zu mißachten. Alle jene, die ohne triftigen Grund nicht eingerückt seien, werden vor das Kriegsgericht gestellt werden.“
Der Bataillonsführer versicherte dem Kreisleiter: „Ich verspreche Ihnen, daß mein Bataillon am Fernpaß seine Schuldigkeit tun wird.“
[9] TLA: Handschrift Nr. 6090: „Das Aufgebot des Standschützen-Bataillons Imst Ende April 1945“, aufgrund der Berichte ehemaliger Teilnehmer und eigener Erinnerung zusammengestellt von Oswald Tamerl, Silz, 1975.
Danach wurden an die fehlenden Männer neue Einberufungsbefehle geschrieben. Diese wurden mittels Motorrad in die einzelnen Gemeinden gebracht, um sie den betreffenden Männern zuzustellen. Auch diese Maßnahme brachte keinen Erfolg. In der Hauptschule in Imst wurde für 100 zusätzliche Männer, so viel erwartete man zusätzlich aufgrund der zweiten Einberufung, gekocht, doch von diesen Leuten kam niemand. Die vorhandenen Standschützen freuten sich, dass sie zu ihrem Essen noch einen kräftigen Nachschlag bekamen.
In den einzelnen Gemeinden ging man jetzt schärfer gegen die Säumigen vor. Der Bürgermeister von Silz suchte diese Männer persönlich auf. Zwei von ihm eingeschüchterte Männer gingen gemeinsam zur Bahnstation Silz, um nach Imst zu fahren. Ein anderer, ebenfalls einberufener Mann gesellte sich zu ihnen und sagte: „Wenn mir einruckn, sein mir alle hin! I geah wieda hoam, dö solln mi am Arsch lecken!“ Danach ging er vom Bahnhof weg. Als der Zug aus Innsbruck einfuhr, drehten auch die beiden anderen um und gingen nach Hause, wo sie sich dann versteckten. Aus der Hauptschule wollte in der Nacht einer der Männer in voller Uniform mit geschultertem Gewehr und Rucksack fliehen, wurde aber gerade noch dabei erwischt. Ein zweiter Versuch gelang ihm.
Am 27. April wurden vom Kreisgeschäftsführer der NSDAP Panzerfäuste gebracht. Bald darauf rückten fünf sechzehnjährige Hitlerjungen zu den Standschützen ein, denen die Uniform viel zu groß war. Sie zeigten sich für ihren baldigen Einsatz begeistert und wurden dann per Auto mit den Panzerfäusten zum Fernpass geschickt. Über ihr weiteres Schicksal wurde dem Verfasser des Berichtes nichts mehr bekannt. Ein Landgerichtsrat erbat sich vom Bataillonsführer einen Zweitagesurlaub, da er dringenden Amtspflichten nachkommen müsse. Er ist danach nicht mehr zum Bataillon zurückgekehrt.
Ein Teil der Standschützen war inzwischen in die Alte Schule verlegt worden. In der Nacht (vermutlich jene auf den 28. April), als alle schliefen, stürmte ein Standschütze zu ihnen und rief, dass sie sofort in die Hauptschule Munition fassen kommen sollen. Ein Bauer aus Stams wandte sich an seine Kameraden: „Wenn wir alle einig zusammenstünden und uns widersetzen würden, bräuchten wir bei dieser aussichtslosen Lage nicht auf den Fernpass rücken.“ Die Leute schenkten ihm kein Gehör und gingen Munition fassen. Der Kommandant der Ötztaler Standschützen-Kompanie, der jetzt ein Beamter der Westtiroler Kraftwerke war, stellte eine Kampfabteilung von 40–50 Mann zusammen, die in der Dunkelheit mit Lkw in Richtung Fernpass in Marsch gesetzt wurde. Zurück blieben nur einzelne Männer zur Bewachung der deponierten Sachen und um vielleicht neu zuziehende Standschützen einzukleiden.
Am 28. April kamen einzelne Standschützen wieder nach Imst zurück, wo sie eine späte warme Verpflegung erhielten. Sie meldeten, dass einige Schützen in Richtung ihrer Wohnsitze am Mieminger Plateau verschwunden seien. Ein anderer berichtete, dass er mit Kameraden im Wald oberhalb des Fernpasses eine Postenkette bezogen habe, er eingenickt sei und gegen Morgen mitbekommen habe, dass seine Verbindungsleute links und rechts in aller Stille abgezogen waren. Daher habe auch er den Rückmarsch angetreten.
Am 29. April verharrte das zusammengeschmolzene Volkssturmkontingent in Marschbereitschaft und am nächsten Tag „gab der Imster Kompanie-Kommandant H. den Schützen bekannt, daß vom Standschützenkommando der Befehl zur Verteidigung des Fernpasses aufgehoben worden sei, das Bataillon sei jedoch nicht entlassen.“
Die anwesenden Männer wurden bewaffnet nach Hause geschickt mit dem Auftrag, ihre Heimatorte tapfer gegen die eindringenden Amerikaner zu verteidigen. Privat sagte der norddeutsche Kommandant H. aber zu jedem einzelnen Schützen, dass sie sich ja nicht auf einen Schusswechsel mit den Amerikanern einlassen sollten, da sonst ihre Orte und Angehörigen vernichtet werden würden. Damit fand die kurze Geschichte des Standschützen-Aufgebots von Imst ein Ende. Eine endgültige Entlassung der Standschützen ist jedoch seitens des Gau- oder Kreiskommandos nie erfolgt. Die einzelnen Dienstverpflichteten erhielten erst später von der amerikanischen oder französischen Besatzungsbehörde Entlassungsscheine.
Der Verfasser schloss seinen Bericht mit dem Bedauern, dass man nie in Erfahrung gebracht habe, wo die ansehnlich gefüllte Standschützen-Bataillonskasse letztlich verblieben sei.
So ähnlich wird es gegen Ende April in vielen Standschützen-Bataillonen zugegangen sein. Auch die Standschützen aus Zirl und Telfs, die am 28. April in Leutasch eingetroffen waren, hatten keinen Kampfgeist und kein Interesse, den Zusammenbruch des Dritten Reiches zu verzögern. Ihr Einsatz wurde als vollkommen zwecklos erachtet und sie wurden wieder nach Hause geschickt.[10] In Kematen verweigerten alle 45 zum Volkssturm einberufenen Bauern den Einsatz, nachdem einige von der Pflicht, einzurücken, befreit worden waren. Sie wurden dann zum Bataillonsführer der Standschützen gerufen und „näher aufgeklärt“. Danach rückten sie am selben Tag geschlossen nach Volders ein.[11] Vom Kampf begeistert waren nur mehr die ganz Jungen, die jahrelang in diese Richtung aufgehetzt worden waren und nichts anderes als den Nationalsozialismus kannten. Der HJ-Bannführer von Innsbruck, Hermann Pepeunig, stellte am 27. April eine Standschützen-Alarmkompanie auf, der Burschen zwischen 14 und 16 Jahren angehörten. Diese wurden zwei oder drei Tage später nach Scharnitz verlegt, wo man sie in vier Gruppen zu je zehn „Mann“ einteilte. Dann bezogen sie eine Riegelstellung an der Porta Claudia. Das Gefecht von Scharnitz fand am 1. Mai statt und dauerte rund elf Stunden. Angeblich wurden von den Burschen zwei Panzer abgeschossen. Die bisher kolportierten Zahlen von gefallenen Standschützen/Hitlerjungen sollen nach neuesten Forschungen nicht stimmen, da sich unter den 16 registrierten Gefallenen kein einziger Jugendlicher aus Innsbruck befand.[12] Am Weg in die Kriegsgefangenschaft wurden manche der Jugendlichen von den US-Soldaten mit Fußtritten und Fausthieben traktiert, was ein amerikanischer Kriegsberichterstatter filmte.[13]
Auch in Vorarlberg waren die Standschützen neben anderen Formationen zum Schanzen eingeteilt und ab 22. April wurden auch Standschützen zur Sperrung der Gaugrenzen herangezogen.[14] Die Standschützen-Kompanie Rheinau, die an der Leiblach Dienst machte, wurde dann in der Nacht auf den 30. April vom Kompanieführer unter Umgehung der Auffangposten „glücklich in die Heimatdörfer zurückgeführt.“[15] Am 1. Mai wurden in Lustenau Standschützen zur Verhinderung von Plünderungen von Waggons mit ausländischen Lebensmittelpaketen eingesetzt.[16] Als am 29. April der Volkssturm von Götzis und Hohenems nach Tirol abfahren sollte, kam es zur „offenen Meuterei“. Der Abtransport wurde zunächst verschoben. Am 30. April wurden diese Einheiten aufgelöst.[17]
In der Provinz Bozen wurden zwar vereinzelt Kompanien aufgeboten und an den Alpensüdabhang verlegt. Gerade an diesem Kriegsschauplatz hätte der Einsatz der Standschützen starke Emotionen hervorrufen können, wenn es wieder darum ging, die Heimat in den Südalpen zu verteidigen.[18] Die vorgezogene Kapitulation der Heeresgruppe Südwest am 2. Mai verhinderte jedoch ihren Kampfeinsatz.[19]
[10] Pitscheider, Sabine: Seefeld in Tirol in der NS-Zeit, Studien zu Geschichte und Politik, Bd. 25, hrsg. v. Horst Schreiber, Michael-Gaismair-Gesellschaft, Innsbruck/Wien/Bozen, 2019, S. 183. [11] Pitscheider, Sabine: Kematen in Tirol in der NS-Zeit, Studien zu Geschichte und Politik, Bd. 19, herausgegeben von Horst Schreiber, Michael-Gaismair-Gesellschaft, Innsbruck, Wien, Bozen, 2016, S. 122. [12] https://www.uibk.ac.at/de/zeitgeschichte/regionalgeschichte/kriegsende-1945/geschichten/vorstoss-scharnitz/ [Stand: 8. Jänner 2026]. [13] Borth, Fred: Nicht zu jung zum Sterben, Wien/München 1988, S. 292 und Rauchensteiner, Krieg in Österreich, S. 323 f. In der Sendereihe des ORF „Österreich II“ von Hugo Portisch und Sepp Riff sind in der Folge 4 „Das Ende der Alpenfestung“ diese Szenen zu sehen. [14] Schelling, Georg: Festung Vorarlberg, Bregenz 1987, S. 34 ff. [15] Schelling, Festung Vorarlberg, S. 111. [16] Schelling, Festung Vorarlberg, S. 115. [17] Schelling, Festung Vorarlberg, S. 120 f. [18] Riedmann, Josef: Geschichte des Landes Tirol, Bd. 4/II, Bozen, Innsbruck, Wien, 1988, S. 1129. [19] Von Hartungen, Die Tiroler und Vorarlberger Standschützen, S. 97.