Standschützen und Widerstand
Standschützen und Widerstand
Zehn Jahre nach der Befreiung Tirols brachte die Volkszeitung einen Rückblick auf die Ereignisse und schrieb: „So merkwürdig es klingen mag, empfing jene Bewegung, welche für Tirol das Schlimmste verhinderte, ihre ersten Impulse mit der Aushebung zahlreicher Tiroler zum ‚Volkssturm‘: mehrere tausend Männer wurden dabei in verschiedenen Orten Südtirols zusammengezogen und haben sich dort, eine vom Hitlerregime zweifellos nicht beabsichtigte Nebenwirkung, in ihrem Willen zur Vereitelung der Naziabsichten gefunden.“[1] Nachfolgend in Ergänzung zu dem oben unter „Der letzte Akt“ festgehaltenen Handlungen von Standschützen, die neben einem persönlichem Heraushalten aus der NS-Maschinerie durchaus auch den Charakter von Widerstandsaktivitäten aufwiesen, noch einige Hinweise auf die Bereitschaft zum Widerstand von Standschützen: Im Bregenzerwald wurden in manchen Gemeinden die Befehle zur Einberufung von Standschützen gar nicht zugestellt. Und dort, wo sie zugestellt wurden, ging die Parole, dass man ihnen keinesfalls nachkommen solle.[2] In Lustenau ordnete der Bürgermeister am 1. Mai das Hissen weißer Fahnen an, worauf ihm der stellvertretende Kreisleiter drohte, er werde ihm eine SS-Abteilung auf den Hals hetzen. Zwei Standschützenführer erklärten sich sofort bereit, mit dem ganzen Standschützenaufgebot die SS am Einmarsch nach Lustenau zu hindern.[3] In den letzten Apriltagen lagen in Hohenems neben einer Gebirgsjäger-Kompanie zwei Standschützen-Kompanien aus Götzis und Hohenems, die alle unter dem Kommando eines Majors aus Bregenz standen, der die Gebirgsjäger und die Standschützen-Kompanie aus Götzis heimziehen ließ. Es gingen nicht alle. Die Verbliebenen stellten sich und ihre Waffen der Widerstandsbewegung zur Verfügung.[4] Der Hohenemser Volkssturm wurde dann auf Betreiben der Widerstandsbewegung aufgelöst.[5] Sehr wesentlich bei allem war immer, dass die Standschützen als Waffenträger auch in kritischen Tagen sicher auftreten und ihre Widerstandsabsichten gut tarnen konnten.
Als Gauleiter Hofer am Abend des 30. April in seiner Rundfunkansprache unter anderem davon sprach, dass „Standschützen, Hitlerjugend und Einheiten der deutschen Wehrmacht … an den Grenzen des ‚Landes im Gebirge‘ zum Schutze der Heimat stehen“, waren viele Standschützen-Kompanien schon aufgelöst.[6] In seiner letzten gehaltenen Rede vom 2. Mai gab er bekannt, dass er die Sprengung von Brücken in Innsbruck verboten habe. „Umso zäher aber wollen wir uns in unsere Berge krallen.“ In einer vorbereiteten Rede, die er am 5. Mai halten wollte, wozu es aufgrund seiner Gefangennahme am 3. Mai nicht mehr kam, wäre der Satz gefallen: „Unsere Standschützen, HJ, und die bei uns gestandenen Einheiten der Deutschen Wehrmacht haben tapfer gekämpft.“[7]
[1] Volkszeitung, Tagblatt des schaffenden Volkes in Stadt und Land, Innsbruck, 04.05.1955, ÖNB. [2] Schelling, Festung Vorarlberg, S. 230. [3] Schelling, Festung Vorarlberg, S. 115. [4] Schelling, Festung Vorarlberg, S. 116 f. [5] Schelling, Festung Vorarlberg, S. 150. [6] Rede abgedruckt in den Innsbrucker Nachrichten vom 01.05.1945, ÖNB. [7] Rauchensteiner, Gauleiter Hofers „Alpenfestung“, S. 35.