Die Bedeutung der Standschützen
Die Bedeutung der Standschützen
Als die Standschützenbataillone und Formationen am 18. Mai 1915 „in den Dienst gestellt“ wurden, bildeten sie zu diesem Zeitpunkt zwar das „letzte Aufgebot“ oder besser das „allerletzte Aufgebot“, doch an der nach dem italienischen Kriegseintritt äußerst gefährdeten Südfront machten die von der regulären Truppe äußerst geschmähten Standschützen etwa zwei Drittel der „Feuergewehre“ aus. Dies auch deswegen, weil sich die Soldaten des Deutschen Alpenkorps nach Möglichkeit aus Kämpfen heraushalten sollten, was freilich oft nicht möglich war.
Es ist zwar unbestreitbar, dass Italien in dieser Situation mit einem sofortigen massiven Angriff die wenigen österreichischen Kräfte umgehend vernichtet hätte, zumal ihre Überzahl erdrückend gewesen wäre. Allein die Angriffe erfolgten erst stark verzögert, und damit konnten sich die österreichischen Kräfte sozusagen „einrichten“, widerstanden den zögerlichen italienischen Angriffen und fügten den Angreifern schwere Verluste zu. Der damalige Generalstabschef des Landesverteidigungskommandos Tirol, Feldmarschallleutnant Cletus (von) Pichler, brachte dies auf den Punkt:
„Glücklicherweise hatten die Italiener es verabsäumt, beziehungsweise waren nicht genügend vorbereitet gewesen, die ihnen in den ersten Kriegstagen gegebene Gelegenheit zu möglicherweise raschen und einflußreichen Erfolgen auszubeuten. Als sie […] im Sommer Ernst machten, konnten sie sich nur mehr Niederlagen holen.“[1]
Daran waren die Standschützen durch ihre Treffsicherheit absolut mitbeteiligt.
Ein weiterer nicht unwesentlicher Punkt war die Geländekenntnis der Standschützen. Teilweise waren die Bataillone in unmittelbarer Nähe ihrer Heimat eingesetzt und zudem war vielen Standschützen das alpine Gelände grundsätzlich nicht unvertraut. Bereits im Jahr 1906 hatte die k.u.k. Armee darüber nachgedacht, qualifiziertes ziviles Alpinpersonal für den militärischen Einsatz nutzbar zu machen, und ab 1916 ging man daran, die „Militärbergführer“ zu institutionalisieren.[2]
Die Standschützenbataillone hatten den großen Vorteil, bereits zu Beginn ihres Einsatzes viele zivile Bergführer in ihren Reihen zu haben. Man denke dabei an die beiden legendären Standschützen-Bergführer Sepp Innerkofler und Johann „Schani“ Forcher aus Sexten. Viele damals bekannte Bergführer aus Tirol und Vorarlberg waren immatrikulierte Standschützen und damit ab 18. Mai 1915 im Einsatz. Dank deren alpiner Qualifikation und den zahlreichen hochalpinen Patrouillengängen unter ihrer Führung dürfte es jedenfalls gelungen sein, die zögerlich vorstoßende italienische Armee zu täuschen und eine viel größere Mannstärke vorzuspielen.
Dazu kam die Heimatverbundenheit der Standschützen, denn durch die Kriegserklärung Italiens am 23. Mai 1915 ging es um nicht weniger als die eigene Heimat, zumal die italienischen kolonialistischen Begehrlichkeiten der Bevölkerung durchaus bekannt waren.
Die Stimmung unter den Standschützen war jedenfalls und nicht zuletzt nach den ersten Erfolgen gegen die angreifenden Italiener durchaus gut. Eine bedeutende Rolle spielte dabei sicher der Umstand, dass die Standschützen ihre Offiziere selbst wählten und es sich dabei um angesehene Personen des öffentlichen Lebens handelte. Dass die Stimmung während der harten Winter der Kriegsjahre und der immer schlechter werdenden Versorgung vor allem mit Verpflegung sehr zu leiden hatte, traf die ältere Generation, der die meisten Standschützen angehörten, umso härter. Ein authentisches Bild vom „Leben“ oder besser „Überleben“ an der Front bieten die Erinnerungen der Standschützenoffiziere Baron di Pauli und Dr. Anton von Mörl. Daneben sind in vielen lokalhistorischen Arbeiten über die heimatlichen Standschützenformationen die Mühsale der Standschützen umfassend dargestellt.[3]
[1] Cletus Pichler, Der Krieg in Tirol 1915/1916, S. 55. [2] Vgl. dazu den Beitrag von Sigi Schwärzler, Militärbergführer im k.u.k. Heer. [3] Vgl. dazu das Kapitel: Quellen und Literatur der Standschützen.
Was die Stimmung allerdings immer wieder stark beeinträchtigte, war die oft ungerechte, herablassende und beleidigende Behandlung durch Ranghöhere und Vorgesetzte anderer Truppenteile. Besonders taten sich dabei laut Wolfgang Joly „nicht[-]deutsche Fähnriche und Kadetten“ hervor und die „Zeitzeugen“ Major di Pauli und Leutnant Mörl berichten in ihren Erinnerungen von zahlreichen Fällen dieser unpassenden Behandlung – die zudem im erheblichen Widerstreit zu den ursprünglichen Bemerkungen des Ministeriums für Landesverteidigung und des Militärkommandos Innsbruck über die Behandlung und Bedeutung der Standschützen standen.
Leutnant Dr. Anton von Mörl, Adjutant des Standschützenbataillons Innsbruck II, bemerkte auch eine Herabsetzung bei der Verleihung von Auszeichnungen und Ehrenzeichen. Standschützen, gleich welchen Dienstgrades, erhielten zumeist Ehrenzeichen in einem niedrigeren Grad, als die Verleihungsvorschriften vorsahen. Mörl als Bataillonsadjutant hatte mit derartigen Belohnungsanträgen durch seine Funktion zu tun, wodurch seine Feststellung jedenfalls zutreffend sein dürfte.
Der rein militärische Wert der Standschützenformationen wird bis heute völlig unterschiedlich angesehen. Auch von renommierten Militärhistorikern kann man die Aussage hören, die Standschützen hätten keinerlei militärischen Wert gehabt und wären vor allem zu Träger- und Arbeitsdiensten herangezogen worden. Diese Ansicht ist jedenfalls als falsch zu bezeichnen, die meisten der Tiroler und Vorarlberger Standschützenformationen wurden sehr wohl im direkten Fronteinsatz verwendet und hatten die entsprechenden Opfer zu verzeichnen. Dass die Witterungsbedingungen und vor allem Unfälle durch Lawinen mehr Opfer als die feindlichen Aktionen forderten, gilt für alle Verbände, die direkt im Hochgebirge eingesetzt waren. In einem relativ hohen Ausmaß stimmt die Meinung über den vorrangigen Träger- und Arbeitsdienst allerdings bei den Welschtiroler Standschützenformationen, was zumeist aber auf die Geringschätzung und das Misstrauen gegenüber den italienischsprachigen Standschützen zurückging. So befanden sich bald nach Kriegsbeginn und vor allem in den letzten Monaten vor Kriegsende fast alle Welschtiroler Standschützen im Arbeitseinsatz, hatten Trägerdienste zu verrichten oder wurden nur in den hinteren Linien eingesetzt. Viele dieser Standschützen der Bataillone, Kompanien und sonstigen Formationen aus dem Trentino waren wegen dieser Geringschätzung und dem augenscheinlichen Misstrauen ihnen gegenüber durchaus verbittert. Besonders ungehalten waren Formationen aus den ladinischen Talschaften, da viele der Vorgesetzten des k.u.k. Heeres sie in Unkenntnis der Sprache und der Geschichte für Italiener hielten und dementsprechend behandelten. Allerdings war doch zahlreichen Trentiner Standschützen eine gewisse Unzuverlässigkeit nicht abzusprechen; die Jahre der politischen Indoktrination durch Italien, das „Risorgimento“ und die italienische Propaganda vom „Völkerkerker“ Österreich hatten das ihre getan, dazu kamen die Aktivitäten des Ettore Tolomei. Umgekehrt haben sich auch Welschtiroler Standschützen an der Front gegen die italienische Armee bewährt und die Frontberichte erwähnten besonders Standschützen aus dem Fleimstal und Fassatal, der Vallarsa und von der Folgaria-Lavarone-Hochfläche.
Natürlich waren die Standschützenformationen in militärischer Hinsicht „bunt zusammengewürfelte Haufen“, deren militärischer Wert vor allem in der – grundsätzlich doch – Freiwilligkeit, in ihrem Patriotismus und ihrer Treffsicherheit durch das zumeist jahrelange Scheibenschießen lag. Dazu kam oft noch eine alpine Qualifikation, die außer bei den Landesschützen (ab 1917 Kaiserschützen) und den Kaiserjägern kaum zu finden war. Genau diese Qualifikation führte zu der tiefen „Waffenbruderschaft“ mit dem „Deutschen Alpenkorps“ in den ersten Wochen des Einsatzes des „letzten Aufgebots“. Die Soldaten des Alpenkorps waren zwar militärisch gut ausgebildet und zudem meist kriegserfahren, der hochalpine Einsatz stellt aber eine extreme Herausforderung dar. Genau das waren wiederum die Stärken der Standschützen. Somit ergab sich ein beiderseitiges Unterstützungs- und Ausbildungsverhältnis, das letztlich in einer hohen gegenseitigen Achtung endete.[4] Die Frontkommandanten der Südfront erkannten allerdings auch sehr rasch die Notwendigkeit einer militärischen Ausbildung für die Standschützen, auch wenn diese schon an der Front standen. Dies dürfte sich in der Folge auch ausgewirkt haben, da die ursprüngliche Geringschätzung der Standschützen im Lauf der Kriegsjahre deutlich abnahm. Das Ergebnis dieser Entwicklung zeigt sich deutlich in einigen Belobigungsschreiben des Tiroler Landesverteidigungskommandanten, General Viktor Dankl, wobei dieser auch schon in der großen Not der ersten Wochen nach dem italienischen Kriegseintritt einiges Vertrauen in die Standschützen setzte. Dass sich die jungen Burschen und älteren Männer des „letzten Aufgebotes“ allerdings als derart standfest erwiesen, hatte wohl auch Dankl kaum erwartet. Nun machten die Standschützen ihrem Namen alle Ehre, erwiesen sich auch in schwierigsten Situationen als absolut zuverlässige Soldaten (wiewohl mit gewissen Eigenheiten) und errangen damit die Anerkennung ihrer Kameraden von den regulären Verbänden der k.u.k. Armee – dies allerdings auch mit ihrem eigenen Blut!
Der Berufsoffizier und Generalstabschef des Landesverteidigungskommandos Tirol ab 1915, Feldmarschallleutnant Cletus Pichler, äußerte sich dazu eindeutig:
„Die glückliche Abwehr der vielen und fruchtlosen italienischen Angriffe war auf den inneren Gehalt unserer, zu Beginn des Krieges meist noch losen Formationen von bestem Einflusse. Sie hatten sich konsolidiert, die Kriegserfahrung und der angeborene Wehrsinn hatten die mangelnde militärische Ausbildung vielfach wettgemacht.“[5]
Die Front gegen die italienische Armee wäre in den ersten Monaten nach dem 23. Mai 1915 ohne den Einsatz der Standschützen im Zusammenwirken mit dem Deutschen Alpenkorps zweifellos nicht zu halten gewesen. Als im Herbst 1915 nach und nach reguläre Verbände, vor allem der Kaiserjäger und Landesschützen, an die Front gegen Italien verlegt wurden, schwand naturgemäß die Bedeutung der Standschützen. Die Bataillone verloren aber durch Gefallene, durch die Strapazen des Kriegseinsatzes Erkrankte und Verstorbene, Abkommandierungen zu regulären Verbänden, Beurlaubungen aufgrund von Krankheit und Verletzungen oder schlicht aufgrund des Alters eine beträchtliche Zahl ihres ursprünglichen Ausrückungsstandes – zumal nur minimaler Ersatz von den „Wach- und Ersatzabteilungen“ in der Heimat zufloss. Somit wurden Bataillone zusammengelegt, in Kompanien umgewandelt und diese letztlich als Standschützen-Gruppen zusammengefasst.
Trotz dieses doch starken Personalverlustes wurden die Standschützenformationen im Laufe der Kriegsjahre 1916 bis 1918 immer wieder an neue Frontabschnitte verlegt, wo sie sich aufs Neue bewährten. Dabei vollbrachten viele Standschützenformationen durchaus beeindruckende Aktionen: die Rückeroberung der Foramespitze unter dem Kommando des Standschützenhauptmannes Vinzenz Goller (Sillianer Standschützen), die Erstürmung des italienischen Panzerwerkes Leone durch die Meraner Standschützen und viele weitere. Noch im Mai 1918 verteidigten die Vorarlberger Standschützenkompanien Feldkirch, Bludenz und Rankweil erfolgreich den Monticello-Hang beim Tonale-Pass gegen einen massiven italienischen Angriff.[6]
[4] Vgl. dazu den Beitrag von Thomas Müller, Das Deutsche Alpenkorps in Tirol. [5] Cletus Pichler, Der Krieg in Tirol 1915/1916, S. 65. [6] Vgl. dazu den Beitrag von Peter Tschernegg/Sigi Schwärzler, Vorarlbergs Standschützen im Ersten Weltkrieg..
In all dem Chaos der letzten Kriegstage blieben die verbliebenen und zusammengelegten Standschützenformationen auf ihrem Posten, ganz im Gegensatz zu vielen weiteren Truppenkörpern der k.u.k. Armee, wie auch in den vorhandenen Erinnerungen belegt ist. Zudem waren die Standschützenformationen vergleichsweise geringfügig von Desertionen und auch nur in geringem Umfang von Befehlsverweigerungen betroffen. Die Gründe dafür waren sicher vielfältig. Grundsätzlich stellten die Bataillone und Kompanien ja keine „zusammengewürfelten“ militärischen Formationen dar, sondern waren bis zum bitteren Ende in einem territorial und sozial sehr kleinen Umfeld angesiedelt. Allein dadurch bestand zwischen den Soldaten dieser Formationen ein starker Zusammenhang, und noch dazu waren die Offiziere und weiteren Ränge selbst gewählt worden, was sich im gesamten Kriegsgeschehen jedenfalls absolut bewährt hatte – so unverständlich dies für ein traditionelles Offizierskorps wie jenes der k.u.k. Armee war. Es sind nur minimale Fälle einer Abberufung von Standschützen-Offizieren wegen deren absoluter Unfähigkeit zu militärischer Führung bekannt!
Nicht zuletzt befand sich ein beträchtlicher Teil der Standschützenformationen vor allem in den letzten Kriegsmonaten in ihrer nahen Heimat im Einsatz.
Auch wenn in der Militärgeschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg nach wie vor eher reservierte Urteile über die Bedeutung der Standschützen für den Verlauf des Krieges vorhanden sind: Nach einem genauen Studium des Kriegsgeschehens und im Besonderen der ersten Wochen nach der italienischen Kriegserklärung bis zum Eintreffen der regulären Truppen vom östlichen Kriegsschauplatz kann mit Sicherheit von einer großen Bedeutung des Einsatzes der damals größtenteils noch unausgebildeten und unerfahrenen Standschützen gesprochen werden!
Nicht umsonst hatten die gleichfalls in den ersten Kriegswochen eingesetzten Soldaten des „Deutschen Alpenkorps“ den Einsatzwert ihrer eher „ungewöhnlichen“ Kameraden in den Bergen erkannt!
Das militärische Auftreten der Standschützen war dürftig, ihr Einsatzwille hingegen sehr hoch!