Südtirol unter italienischer Herrschaft
Südtirol unter italienischer Herrschaft
Um zu verstehen, wie die Figur Andreas Hofer in den 1960er-Jahren in Bozen sowohl von der deutschsprachigen als auch von der italienischsprachigen Bevölkerung wahrgenommen wurde, ist es notwendig, eine Chronologie der Ereignisse seit dem Zeitpunkt zu erstellen, als der südliche Teil Tirols – also der durch die Wasserscheiden von Reschen, Brenner und Winnebach begrenzte Teil – an das Königreich Italien überging.
Die Wasserscheiden wurden als Grenzen errichtet und stellten das historische Konzept der „Pässe“ oder Übergänge auf den Kopf. Diese waren nämlich dazu gedacht, das „Überqueren“ (lateinisch: passare) zu erleichtern, nicht, um es zu versperren oder zu kontrollieren. Sie bildeten jahrhundertelang eine ideale Brücke über die Alpen: eine Brücke zwischen der germanischen und der lateinischen Welt, zwischen der Kirche und dem Kaiserreich, zwischen dem Mittelmeerraum und Mitteleuropa. Eine Brücke, die es den verschiedenen Völkern des Heiligen Römischen Reiches, später des Österreichischen Kaiserreichs und schließlich der Österreichisch-Ungarischen Monarchie ermöglichte, in ständigem Kontakt zu stehen. Eine Brücke, auf der Handel und Menschenströme aufeinandertrafen und gleichzeitig Sitten und Gebräuche miteinander verglichen wurden – und vor allem eine Brücke, auf der Ideen zirkulierten.
Die neuen Grenzen hatten dramatische Veränderungen verursacht und das Schicksal der verschiedenen ethnischen Minderheiten stark beeinflusst. Hinzu kam, dass die Tiroler Bevölkerung, zu Recht oder zu Unrecht, den Italienern nach wie vor Vorwürfe machte, weil diese den Dreibund verraten und ihr Land aus Expansionsgründen angegriffen hatten. Die italienischen Sieger hingegen behaupteten, sie hätten diese Gebiete nur erobern müssen, um die für die nationale Sicherheit unverzichtbaren Wasserscheiden unter ihre Kontrolle zu bringen. In Wirklichkeit war das Tiroler Land eine begehrte Beute, reich an erstklassigem Vieh, großen Mengen an Bauholz, ausbaufähiger Wasserkraft und schließlich auch einer aufblühenden Tourismusindustrie.
Etwas mehr als drei Jahre nach der italienischen Besetzung des südlichen Teils von Tirol, kam es zum Aufstieg des Faschismus, woraufhin ein radikaler Prozess der Italianisierung dieser Gebiete geplant wurde.
Bozen war zur Zeit der Angliederung an das Königreich Italien eine mittelalterliche Handelsstadt mit etwa 20.000 Einwohnern, links der Talfer gelegen. Auf der rechten Seite des Flusses befand sich Gries – eine Marktgemeinde mit der Abtei Muri-Gries, einer Promenade mit Standseilbahn, mehreren Bauernhöfen, Kurhäusern, einer Reihe von Ansitzen und Hotels und viel Land. Eine Stahlbrücke über die Talfer verband sie mit der Stadt.
Die Grenze zwischen dem Königreich Bayern und dem Königreich Italien ab dem Jahre 1810 im Detail. Sie sollte 4 Jahre lang bestehen bleiben, ehe Tirol nach dem Wiener Kongress von 1814 wieder vereint wurde und zu Österreich zurückkehrte.
Quelle: https://www.tirol.gv.at/
Benito Mussolini in Bozen: Er gab den Weg vor, wie aus dem Tiroler Landesteil südlich des Brenners in jeder Hinsicht eine italienische Provinz werden sollte.
Quelle: Bildarchiv Austria, Österreichische Nationalbibliothek
Um den Prozess der Italianisierung in Gang zu setzen, schuf die faschistische Regierung die Venezia Tridentina, die den gesamten südlichen Teil Tirols mit Trient als Hauptstadt umfasste. Erst 1929 wurde der deutschsprachige Teil zur Provinz „Alto Adige“ – mit Bozen als Hauptstadt. Gleichzeitig sollten alle Hinweise auf die Geschichte Tirols, dessen Name durch einen Präfektur-Beschluss vom 8. August 1923 verboten worden war, brutal gestrichen werden.
Aus Angst vor patriotischen Reaktionen wurde die Figur des Tiroler Nationalhelden Andreas Hofer, der als Symbol des Südtiroler Nationalismus galt, verteufelt und marginalisiert. Um anti-italienische Reaktionen zu vermeiden, wurden auch jegliches Gedenken oder Erinnerungsveranstaltungen an die Gefallenen in österreichisch-ungarischer Uniform untersagt.
Italienisch wurde zur Amtssprache erklärt, die Figur des Podestà anstelle des Bürgermeisters eingeführt und italienische Gemeindesekretäre angestellt. Die Beamten entließ man oder versetzte sie in die alten Provinzen Italiens. Die italienische Anpassung der Nachnamen und die Übersetzung aller Ortsnamen, öffentlichen Inschriften, Straßen, Wege und Grabsteine ins Italienische wurden ebenfalls vorgenommen; italienische Einwanderer erhielten Unterstützung und finanzielle Hilfe. Neue Kasernen entstanden, um eine massive Verstärkung der Kontingente der Carabinieri und der Streitkräfte zu ermöglichen. Am 24. Oktober 1923 wurde per Präfektur-Dekret der Deutschunterricht vollständig verboten. Daraufhin organisierte man heimlichen Deutschunterricht für Kinder in versteckten Einrichtungen, den sogenannten „Katakombenschulen“. 1929 wurde der „geschlossene Hof“ abgeschafft. Dieses Gesetz hatte bisher landwirtschaftliches Eigentum auf einen einzigen Erben übertragen und somit die Aufteilung von Grundstücken verhindert. Durch die Parzellierung dieser Grundstücke und staatliche Anreize sollten italienische Einwanderer leichter Grundstücke kaufen können.
Die erste Phase des Italianisierungsprogrammes betraf das Bauwesen und wurde als „Architektur für ein italienisches Bozen“ bezeichnet. Das erste Ziel dieses Projekts war es, Gries mit der Altstadt zu verbinden und eine einzige Stadt zu schaffen. Zu diesem Zweck wurden Bauernhöfe mit anliegenden Weinbergen und Obstgärten, Villen und Hotels enteignet.