Andreas Hofer im kollektiven Gedächtnis der Mantuaner
Andreas Hofer im kollektiven Gedächtnis der Mantuaner
Unter all den Zeugnissen ist jenes des Grafen Giovanni Nuvoletti vielleicht das wertvollste, da es die Erinnerung nicht als bloße historische Tatsache, sondern als gelebte Erfahrung wiedergibt. Wir befinden uns in den frühen 1920er-Jahren. Der Krieg ist erst seit Kurzem vorbei; die Stadt trägt noch die Zeichen der Trauer, aber auch der Hoffnung. Eines Tages ergeht in der Schule ein unerwarteter Befehl: Jeder solle eine Blume mitbringen. Die neugierigen Jungen stellen sich in Reih und Glied auf und ziehen, angeführt von ihren Lehrern, die für einmal ihren strengen Ton zu Hause gelassen haben, durch die Stadt. Nuvoletti beschreibt die Szene mit einer beeindruckenden Behutsamkeit: die Brücke Ponte dei Mulini, das morgendliche Licht, die kleinen Sträuße in den Händen der Jungen, das respektvolle Schweigen der Lehrkräfte. An der Porta Giulia angekommen, leitet der Direktor die Zeremonie ein, doch es ist der Mathematikprofessor – selbst Vater zweier im Großen Krieg gefallener Söhne –, der die eigentlichen Worte spricht. Er erzählt von Hofer als einem Mann, der für die Freiheit seines Vaterlandes starb, genau wie die jungen Italiener an der Front, genau wie seine eigenen beiden Söhne.
Das Kind als Erzähler nimmt eine Unruhe bei den Erwachsenen wahr, einen verhaltenen Schmerz, aber auch eine tiefe moralische Haltung. Mantua ist „gut“, „gütig“, fähig zum Mitleid, selbst gegenüber den feindlichen Gefangenen, denen auch er, wie so viele andere Jungen, Brot und Wein gebracht hatte – „bescheidene Stärkungen für diese Armen“, wie die Frauen des Hauses sagten –, während die Männer, jene, die von der Front zurückgekehrt waren, den Blick abwandten und schwiegen. Dies ist eine Schlüsselpassage. Hofer wird zum Spiegel der Mantuaner Identität, einer Stadt, die sich selbst in ihrem menschlichen Anstand und ihrem Augenmaß wiedererkennt. Nuvoletti schließt mit Worten, die im Gedächtnis bleiben: An jenem Tag, so sagt er, wurde in ihm ein Gefühl geboren, das er sein ganzes Leben lang verteidigen würde. Die Stadt, gesehen von der Brücke von San Giorgio, erscheint ihm „ruhmreich im Sonnenlicht“, und er spürt, dass er sie mit einer neuen Dankbarkeit liebt.[1] Es ist vielleicht die schönste Seite der Mantuaner Erinnerung an Hofer.
[1] Zagaglia, B./Nuvoletti Perdomini, G.: Desir di… Mantova, Modena 1987, S. 9–10.
Tiroler Delegation beim Besuch des Andreas-Hofer-Denkmals, aufgenommen bei der ehemaligen österreichischen Pulvermagazin-Anlage in Cittadella, die zu einer Kirche umgebaut wurde, 1955
Quelle: Passato Prossimo. Memoria e immagini di un quartiere. Cittadella Gambarara Colle Aperto, hrsg. von A. Campera, A. Frongia, Gemeinde Mantua, Mantua 2004, S. 34