Die erste bewusste Begegnung mit Andreas Hofer
Die erste bewusste Begegnung mit Andreas Hofer
Meine erste – ganz bewusst – anrührende und innerlich bewegende Begegnung mit dem Schicksal Andreas Hofers, dessen Familie und Gefährten geht zurück auf eine Gedenkstunde in der ersten Klasse der Volksschule meines Heimatortes Walten, der kleinen, unterhalb des Jaufenpasses gelegenen Fraktion von St. Leonhard.
Die Lehrerin hängte am 20. Februar 1958 ein großes, auf festem Karton gemaltes Bild auf die Schreibtafel. Es zeigte die Gefangennahme Andreas Hofers, seiner Frau Anna, seines kleinen Sohnes sowie des Schreibers Kajetan Sweth durch französische Soldaten.
Es ist ein sehr bekanntes Bild, welchem ich später immer wieder begegnete: in Büchern, Zeitschriften und Karten. Aber als ich es damals zum ersten Mal sah, hat es mich bis ins Innerste getroffen und aufgewühlt.
Sehr anschaulich und mit tiefem Ernst erzählte uns die Lehrerin, was im Jänner 1810 auf der Pfandler-Alm passiert war: Andreas Hofer hatte flüchten müssen, hatte sich mit Frau und Sohn sowie dem getreuen Schreiber und Sekretär auf die primitive Hütte der Pfandler Alm zurückgezogen und dort ausgeharrt. Ein Nachbar namens Raffl hatte Rauch aus dem schmalen Kamin aufsteigen sehen und eins und eins zusammengezählt. Wer würde mitten im Winter bei Eis und tiefem Schnee tagelang in einer solchen Hütte hausen, wenn nicht jemand, der gesucht würde und auf den hohes Kopfgeld ausgesetzt wäre? Um dieses zu kassieren, hat er Andreas Hofer verraten, und die Franzosen waren am frühen Morgen durch den tiefen Schnee zur Hütte aufgestiegen, hatten sie umstellt und die vier Personen, die sie dort antrafen, gefangen genommen. Der Bub war barfuß, hatte nur eine Hose und ein Leinenhemd an. Sein Anblick hat mir Schmerz und großes Mitleid verursacht, auch jener der knienden und um Gnade bittenden Frau. Der zornige Blick der mit Bajonetten bewaffneten Franzosen in ihren eleganten Uniformen hat sich mir ebenfalls eingeprägt. Der Mann in Tiroler Tracht, Andreas Hofer, steht ganz aufrecht und wirkt gefasst, keinerlei Spur von Ängstlichkeit oder Verzagtheit.
Die Szene, die Erzählung der Lehrerin und lebhafte Vorstellungen gingen mir zu Herzen; ich konnte dieses Bild und diese Empfindungen nicht mehr vergessen.
Bilder wie diese beeindruckten mich bereits in der Schule.
Foto: Archiv Effekt!