Die Gedenkfeier beim Sandwirt 1959
Die Gedenkfeier beim Sandwirt 1959
Die zweite – ganz bewusst – erlebte Begegnung mit Andreas Hofer erfolgte ein Jahr später, am 20. Februar 1959, beim Sandwirt in Passeier, dem Geburtshaus und Gastbetrieb Hofers. Es fand dort erstmals nach der Teilung Tirols, der faschistischen Zwangsherrschaft sowie Unterdrückung von Tiroler Tradition und Brauchtum nach dem Zweiten Weltkrieg eine offizielle Gedenkfeier statt. Mein Vater, Georg Klotz, der nach seiner Heimkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft im Herbst 1945 mit dem Wiederaufbau des Schützenwesens in Südtirol begonnen hatte, organisierte mit Gleichgesinnten den feierlichen Auftakt zum denkwürdigen 150-Jahr-Jubiläum des Freiheits-kampfes von 1809 beim Sandwirt
in Passeier.
Es ist ein bitterkalter 20. Februar, Todestag Andreas Hofers, als am Abend der Südtiroler Landeshauptmann Ing. Dr. Alois Pupp und der Landtagspräsident Dr. Silvius Magnago das Fahnenspalier der angetretenen Schützenkompanien des Passeier und der Abordnungen aus dem gesamten Burggrafenamt in Begleitung des Kommandierenden, Georg Klotz, zur errichteten Tribüne schreiten. Fackeln brennen, Klotz begrüßt offiziell die hohen Gäste, erteilt die Kommandos und bittet die Redner ans Pult. Anschließend ertönt die Landeshymne „Zu Mantua in Banden“. Die Fähnriche senken zum Zeichen der Ehrerbietung ihre Fahnen, und die Offiziere mit ihren weißen Handschuhen salutieren.
Unsere Familie am Heiligabend 1976, der Vater war vor knapp einem Jahr verstorben. Meine Brüder und ich waren begeistert vom Andreas-Hofer-Comic.
Foto: Archiv Effekt!
Mein um zwei Jahre jüngerer Bruder Wolfram und ich durften unsere Mutter, die ihre schmucke Passeirer Tracht mit Wintertschoap (passende Jacke aus feinem Loden) angezogen hatte, zur Feier beim Sandwirt begleiten. Auch wenn wir vor Kälte zitterten, nicht viel vom Ablauf begriffen und nur wenig von den Ansprachen verstanden, war es für uns ein unvergessliches, würdevolles Ereignis. Natürlich waren wir auch stolz auf unseren Vater, den wir mit seinem schneidigen Auftreten in Passeirer Tracht und seinen zackigen Kommandos erstmals bei einer so bedeutenden und von Ernst und Würde geprägten Feier erleben konnten. Er hatte kaum Zeit für uns, weil er für den gesamten Ablauf verantwortlich war. Aber wir waren beeindruckt von allem, was da vor unseren Augen und Ohren geschah. Nach Beendigung der Feier durften wir mit unserer Mutter noch in ein Gasthaus gehen, um uns bei heißer Fleischsuppe zu wärmen. Die Gaststube war voll mit Schützen. Wir musterten sie sehr genau und stellten die Unterschiede an den verschiedenen Trachten fest. Mutter erklärte uns: Die mit den roten Rockaufschlägen seien Burggräfler, die mit den Seidentüchlen Passeirer, der da sei aus Platt, jener aus Meran und wieder ein anderer aus Lana.
Wolfram und ich lagen an jenem Abend noch lange wach in unseren Betten, dachten an den Sandwirt und die vielen Mander mit den vor Kälte blau angelaufenen, nackten Knien. Sie trugen ja die zur Passeirer Tracht gehörenden Lederhosen, die nicht die Knie bedecken dürfen. Die weißen Stutzen dürfen auch nicht über die Knie hinaufreichen. Sie werden mit bunten Bändern gehalten, aber die Knie bleiben nackt. Wie mussten diese Männer gefroren haben, wenn wir es mit unseren langen Wollstrümpfen schon so zu kalt hatten!