Heimat, Werte und Schützen als identitätsstiftender Rahmen
Heimat, Werte und Schützen als identitätsstiftender Rahmen
Thomas (54): „Ich hatte Glück, denn in der Grundschule war unsere Lehrerin, Brigitte Pardatscher, sehr bemüht, uns die Geschichte unserer Heimat beizubringen; da konnte Andreas Hofer selbstverständlich nicht fehlen. Ich kann mich noch erinnern, wie wir einen Schulausflug an den Ort seiner Festnahme – der Pfandleralm im Passeiertal – unternommen haben und ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie die Franzosen ihn dort finden konnten. An den Verrat des Franz Raffl hatte ich damals freilich nicht gedacht. Bei der Wiedergründungsfeier der Schützenkompanie 1977 wurde ich von meiner Mutter in ein sauberes Hemd und meine Lederhose gesteckt, ich war mächtig stolz! Bewusst wurde mir die Figur Andreas Hofer dann als Jugendlicher, vor allem über Vereine wie Schützen, Musikkapelle und Bauernjugend, aber auch durch eigene Recherche. Das schulische Angebot zu diesem Thema ist nämlich in den höheren Schulstufen so gut wie inexistent. Als einigermaßen geschichtlich interessierter Mensch kommt man bei uns an Andreas Hofer unmöglich vorbei. In vielen Liedern besungen, ist es wohl doch schwierig, den Menschen hinter dem Helden zu erkennen. Aber letzten Endes ist für mich die Erkenntnis wichtig, dass es Dinge im Leben gibt, für die es sich lohnt, zu kämpfen! Ich bin ein sehr toleranter Mensch und ich hasse Vorurteile; deshalb ärgert es mich besonders, wenn die Bereitschaft, Andreas Hofers Ideale hochzuhalten, pauschal belächelt oder gar schlechtgeredet wird. Dagegen anzukämpfen habe ich zu einer meiner Lebensaufgaben gemacht. Ich glaube, dass jeder Südtiroler – auch die italienischer Zunge – auf Landsleute wie Andreas Hofer selbst in der heutigen Zeit stolz sein können. Jeder von uns sollte versuchen, ein bisschen mehr für unsere Identität, unsere Besonderheit als Land und Volk zu tun. Und zwar jeden Tag. Wenn man uns z. B. im Urlaub irgendwo auf der Welt fragt: ‚Where are you from?‘, sollte unsere Antwort nicht ein denkfaules ‚Italy‘ sein! Nutzen wir doch solche Gelegenheiten, um einem fremden Menschen zu erklären, dass ein italienischer Pass noch lange keine Italiener aus uns macht! Dies wären sehr sinnvoll genutzte Minuten und meiner Meinung nach auch in modernen Zeiten im Sinne Andreas Hofers.“
Walter (70): „Erste Begegnung mit Andreas Hofer: in der Volksschule unter Lehrer Reinhard Tessadri. Es war immer sehr spannend, wie er sich für unsere Heimat eingesetzt hat, obwohl er eine Familie zu versorgen hatte. Er war ein Idol der damaligen Zeit, welches er heute noch ist. Persönliche Bedeutung: eine sehr große! Meine Jugend war geprägt vom Einsatz für unsere deutsche Gemeinschaft. Wir Deutschen mussten in einem Dorf, das mehrheitlich von den Italienern dominiert war, immer hintenanstehen. Die Italiener ließen uns ihre Überzahl in jeder Situation spüren, im Kindergarten, in der Schule usw. Da habe ich oft an Hofer gedacht, der sich auch einer übergroßen Mehrheit mutig entgegengestellt hat und für seine Überzeugungen eingetreten ist. Andreas Hofer ist ein Idol, das zum Nachahmen stimmt. Wir sollten mehr an die deutsche Gemeinschaft glauben, für sie kämpfen und nicht dem Mammon verfallen. Das ist nämlich der sichere Untergang unserer Volksgemeinschaft. Wir dürfen nie aufgeben, dieses Ideal zu stärken – in jedem Verein, in der Familie und im Freundeskreis. Unsere Zukunft ist unsere Vergangenheit, die aus 1.000-jähriger deutscher Geschichte besteht und weitergegeben werden muss.“
Freya (37): „Ich weiß es nicht genau, aber es war irgendwann in der Volksschulzeit, als mein Vater zur Andreas-Hofer-Feier ging. Dass der Stoff in der Schulzeit durchgenommen wurde, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ohne das Wirken meines Vaters bei den Schützen hätte ich bestimmt noch sehr viel länger nichts von Andreas Hofer mitbekommen. Wir waren mit der Familie einmal in Innsbruck und haben das Rundgemälde besucht. Mich hat der Aufbau des Kunstwerkes sehr beeindruckt und man konnte sich in den Kampf am Bergisel lebhaft hineinversetzen. Von da an hab ich jedes Mal, wenn wir mit dem Auto über den Brenner gefahren sind, ehrfürchtig zum Berg sehen müssen. Ich habe mich ehrlicherweise nie sehr intensiv mit Andreas Hofer auseinandergesetzt. Er und vor allem der jährliche Gedenktag waren einfach, seit ich denken kann, fixer Bestandteil im Jahresverlauf. Mit den Jahren wurde mir aber bewusst, dass es für ein Volk äußerst wichtig ist, seiner Helden zu gedenken, weil sie einem Vorbild und Orientierung gleichermaßen sind. Andreas Hofer sollte in den Schulen, aber auch im Privaten größere Aufmerksamkeit bekommen. Er war ja ein relativ einfacher Mann aus dem Volk, der die Zeichen seiner Zeit erkannt hat und mutig Gesicht gezeigt hat – durch Worte und Taten. Durch und durch ein Vorbild! Diesen Mut vermisse ich bei den allermeisten ‚Leistungsträgern‘ in unserem Land, die sich in faulen Kompromissen und doppelzüngigen Aussagen winden. Aber wir alle dürfen in täglichen Gesprächen und Diskussionen mutiger sein und unsere Meinung kundtun – nicht wegsehen und Angst vor Ausgrenzung und Repressalien haben, sondern überzeugt und wahrhaftig unseren Weg gehen.“
Patrick (38): „In der Schule habe ich zum ersten Mal von Andreas Hofer gehört. Ich glaube, es war in der Volksschule. Ich war von seiner Geschichte fasziniert. Da haben wir auch einen Ausflug nach Innsbruck gemacht, wo wir am Bergisel das Museum ‚Tirol Panorama‘ besuchten. Für mein eigenes Leben und meine persönliche Entwicklung hatte Andreas Hofer eine sehr große Bedeutung. Sicherlich hat sein Beispiel meine Haltung zur Heimat sehr gestärkt und das Streben nach Gerechtigkeit in mir aufblühen lassen. Aus heutiger Sicht sehe ich Andreas Hofer als Vorbild für mein Leben. Ich denke, jeder Südtiroler und jede Südtirolerin sollte seine Geschichte kennen; da gibt es nur zu lernen! Es ist unglaublich, was er alles geleistet hat. Er ist ein Beispiel dafür, dass im Leben alles möglich ist … Man muss es nur zu 100 % wollen und täglich dafür kämpfen. Eine andere wichtige Sache, die man daraus lernen kann, ist, dass man sich niemals von jemand anderem unterwerfen lassen soll und stets mit Mut für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen soll.“
Markus (55): „Kann mich nicht mehr genau erinnern, jedoch sicherlich in jungen Jahren (um die 10 Jahre herum wohl). Habe von ihm wohl in der Schule gehört bzw. dort seine Geschichte gelernt. In der Familie wurde er sicherlich auch erwähnt, habe jedoch keine konkreten Erinnerungen mehr daran, und zu den Schützen meines Dorfes hatte ich damals auch noch keine näheren Beziehungen (außer, dass ich sie bei kirchlichen Festen neben der Musikkapelle und Feuerwehr u. a. auch immer gesehen habe). Ich kann mich noch an einen ‚Comic‘ von Andreas Hofer erinnern – ein eher dickes Buch (davon gibt es eine Neuauflage, in öffentlichen Bibliotheken manchmal erhältlich). An Filme kann ich mich nicht erinnern, jedoch vage an Theateraufführungen der Freilichtspiele Südtiroler Unterland (FSU) wie ‚Der Judas von Tirol“ oder ‚Andre Hofer‘ in Neumarkt. Mit Andreas Hofer assoziiere ich sicherlich Orte wie Passeier, Meran, Neumarkt (da er dort auf dem Wege nach Mantua übernachtet hat), Innsbruck, Bergisel und Mantua. Auch erinnert mich das (Wieder-)Gründungsplakat der Schützenkompanie Salurn aus dem Jahre 1975 an Andreas Hofer, da auf diesem Plakat ein stilisiertes Bildnis des damaligen Hauptmanns der Kompanie, Heinrich Tonini, dargestellt wurde – auch er ein ‚Mann mit mächtigem Bart‘! Ich bin der Überzeugung, dass ein jeder Mensch Vorbilder braucht und sucht, und sie auch findet, egal welchem Kulturkreis angehörend, welcher Generation, welcher politischen Anschauung, welchem Alter. So kann ich sicherlich sagen, dass für mich persönlich Andreas Hofer sicherlich auch ein Vorbild ist für Standhaftigkeit, für das Eintreten persönlicher Überzeugungen, für seine Geradlinigkeit, für seine Treue (auch wenn sie am Ende verraten wurde), für das Auf-die-Menschen-Zugehen, für das Offensein für andere (seine Reisen ins Welschtirol für den Weinhandel z. B.), für seinen Mut, sich gegen Napoleon und seine Übermacht zu stellen. Ich glaube, dass Andreas Hofer eher ein friedliebender Mensch gewesen ist, der sich aber zu wehren wusste bzw. sich wehren musste (und wollte!), als seine damalige Welt Gefahr lief, aus den Fugen zu geraten. Seine Bedeutung heute ist für mich immer noch positiv. Auch bin ich der Überzeugung, dass das Wirken von Andreas Hofer sich bis heute auf die Tiroler Gesellschaft auswirkt (im positiven Sinne) und dass er immer noch ein verbindendes Element zwischen den getrennten Landesteilen darstellt (vielleicht mittlerweile sogar eines der wenigen!). Welche Bedeutung sollte er heute noch haben? Wie gesagt, ein jeder Mensch braucht Vorbilder, und es liegt an uns, solche ‚Vorbilder‘ auch unserer Jugend nahezubringen und zu erklären. Tun wir das nicht, so sucht sich unsere Jugend andere Vorbilder wie z. B. Influencer aus TikTok oder Insta, internationale Sänger/innen (viele auch nur mit einem One-Hit-Wonder), sogenannte ‚Fernsehstars‘ oder hoch bezahlte Fußballer. Welche Werte werden dann von diesen weitergegeben? Aus der Geschichte kann viel gelernt werden, wir Menschen laufen vielleicht aber dennoch Gefahr, als ‚Wiederholungstäter‘ aufzutreten (auch weil das konkrete Wissen und die gehörten Erfahrungen nach zwei bis drei Generationen in weite Ferne geraten). Was soll uns seine Geschichte heute noch sagen? Dass wir mehr denn je eigenständig denken und handeln sollen, gemäß althergebrachter Traditionen und Gepflogenheiten. Zu diesen sollten wir auch in Zukunft stehen. Nur eines der sicherlich unzähligen Beispiele: verstärkt Tracht, Lederhose und Dirndl anziehen. Diese Kleidungsstücke spiegeln unsere Geschichte wider und machen uns ‚einzigartig‘. Falls wir jeder Mode nachrennen und nur mehr mit Baggys, Hoodies, Sneakers oder Flip-Flops herumlaufen, sind auch wir nur mehr Teil einer austauschbaren weltweiten Menge, in welcher das Logo oder das Markenzeichen an der Kleidung mehr über den Menschen dahinter aussagen möchte als das Wesentliche seiner Person, welches für die Augen ja weiterhin unsichtbar bleibt.“