Die erste Kriegsgliederung
Die erste Kriegsgliederung (Vgl. Kaltenegger, S. 25–27 sowie Jordan, S. 60–63.)
Die Bezeichnung „Alpenkorps“ verdankte der Großverband zum einen seiner beabsichtigten Verwendung in den Alpen, zum anderen seiner Kriegsgliederung. Es behielt seine Bezeichnung während des gesamten Krieges bei, auch dann, wenn es einem „echten“ Korps unterstellt wurde. Es blieb zwar stets eine bayerische Kommandobehörde, dennoch wurden ihm Truppen aller deutschen Kontingentsheere, mit Ausnahme der sächsischen Armee, zugeteilt; rund die Hälfte stellte aber die bayerische Armee. Da die Division als ein selbstständiger Großverband in Tirol zum Einsatz außerhalb der normalen Heeresstruktur vorgesehen war, wurden ihr zusätzliche Formationen als de facto-„Korpstruppen“[1] zugeteilt, darunter vor allem schwere Artillerie, Munitions-Kolonnen und Trains und zeitweise sogar eine eigene, wie man heute sagen würde: Heeresflieger- (bzw. Luftwaffen-)Komponente, die Bayerische Feldflieger-Abteilung 9 (FFA 9b), stationiert in Toblach.[2] Diese Einheit wurde aber ab dem 9. August wieder abgezogen und an die Westfront verlegt, da sie „wegen der Gebirgsschwierigkeiten keine nutzbringende Tätigkeit entfalten konnte“.[3] Die einmotorigen Pfalz A.I „Parasol“-Hochdecker (Lizenzbauten der französischen Morane-Saulnier „L“) waren mit ihren 80 PS Umlaufmotoren[4] den atmosphärischen Bedingungen im Gebirge nicht gewachsen. Die damaligen Motoren waren einfach noch zu schwach, um gegen die Auf- und Fallwinde anzukommen, die tagsüber herrschten, und dann auch noch einen zweiten Mann, nämlich den Beobachter mit seiner schweren Kamera, mitzuschleppen. 800 bis 1.000 Meter über Grund waren das höchste der Gefühle, was die Maschin(ch)en erklimmen konnten. Wegen der heftigen Thermik, die tagsüber herrschte, konnte man in der Regel deshalb auch nur in den Morgen- bzw. in den Nachmittagsstunden zu Aufklärungsflügen aufsteigen. Als drei „Parasols“ am 31. Juli starteten, um italienische militärische Einrichtungen in Cortina d´Ampezzo ausnahmsweise auch mal zu bombardieren[5], erfasste ein heftiger Fallwind das Flugzeug des Leutnant März und brachte es bei einer Höhe von 300 Metern zum Absturz. Der Offizier starb beim Aufschlag.[6]
[1] Ein Korps setzt sich in der Regel aus zwei bis drei (damals in der Regel zwei) Divisionen zusammen. Die einer Division übergeordnete Führungsebene, eben das Korps unter einem Kommandierenden General (KG), verfügt(e) über eigene, ihm unmittelbar unterstellte Verbände. Dies waren/sind üblicherweise Kampfunterstützungs-, Führungs- und Logistiktruppen, die der KG entsprechend der Lage seinen Divisionen direkt unterstellen oder auf Zusammenarbeit anweisen konnte/kann. [2] Aufgrund der Gliederung der deutschen Streitkräfte in vier „Kontingentsheere“ hatte Bayern demnach eine eigene Luftwaffe, und 1917/18 sogar eine eigene Panzertruppe, die „b. Sturm-Panzerkraftwagen-Abteilung 13“. [3] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv ), KTB Alpenkorps, Eintrag vom 9. August 1915. Zit. Nach Kastner, S. 15. [4] Bei einem Umlaufmotor war die Propellerachse starr im Rumpf eingebaut, während sich der Motor zusammen mit dem Propeller um diese Achse drehte und ihn mit diesem „Fahrtwind“ kühlte. [5] Cortina d´Ampezzo lag auf völkerrechtlich österreichischem Gebiet, war aber von den Italienern besetzt. Folglich verstieß der Angriffsbefehl nicht gegen die Ordre des Deutschen Kaisers, um Gottes Willen bloß kein Feindterritorium anzugreifen. [6] Vgl. Kastner, S. 10 f.
Absturz des Leutnants März am 31. Juli 1915
Foto: Bossi-Fedrigotti, S. VII
Oberjäger Matulka in den Felsen der Campagnaccia
Foto: Sammlung Peter Tschernegg / Dornbirn
Zudem war der personelle, organisatorische und technische Aufwand für den Flugbetrieb so groß, dass es sich einfach nicht lohnte, denn von einem Gipfel aus hatte man praktisch dieselbe gute Sicht auf die feindlichen Stellungen wie von einem „Aeroplan“ aus. Und das vor allem den ganzen Tag über. Zwar stellte sich bald heraus, dass man auf den zweiten Mann verzichten und die Kamera auch vom Piloten bedient werden konnte – immerhin eine Gewichtsersparnis von ca. 80 bis 90 kg mit entsprechend höherer Steigleistung –, aber dann funkte der damalige Stand der Fotografie dazwischen: Die Lichtverhältnisse waren in den Morgen- bzw. Abendstunden zu schlecht, um brauchbare Fotos zu liefern.
Dieser eigentümlichen Zwitter-Stellung entsprachen dann auch die beiden verstärkten Jägerbrigaden[7] und die schwere Artillerie. Die bayerische Jäger-Brigade Nr. 1 mit dem Jäger-Regiment Nr. 1 und dem bayerischen Infanterie-Leibregiment wurde von Generalmajor Ludwig Ritter v. Tutschek (er wurde 1917 Kraffts Nachfolger) geführt, die preußische Jäger-Brigade 2 unterstand Oberst v. Below.[8] Wenn auch nicht das „erste Regiment der Christenheit“, als welches das preußische Regiment „Garde du Corps“ in Potsdam galt, so wurde in Bayern das Infanterie-Leibregiment, die „Leiber“, als das Elite-Regiment des Königreichs schlechthin angesehen. Der bayerischen Jäger-Brigade Nr. 1 waren zusätzlich noch zwei Radfahrer-Kompanien und eine Radfahrer-Ersatz-Kompanie unterstellt, der Jäger-Brigade 2 hatte man eine Radfahrer-Kompanie „spendiert“. Die Jäger-Brigade 2 bestand aus dem Jäger-Regiment Nr. 2 und dem „multinationalen“ Jäger-Regiment Nr. 3.[9] Hier gab es aber Probleme, denn im August 1915 stellte das preußische Kriegsministerium fest, dass in den Schneeschuh-Bataillonen zwar eine Anzahl Alpinisten dienten, diese sich aber den geübten italienischen Alpini nicht gewachsen zeigten.[10] Außerdem standen sie in dem Ruf, „überall eine Extrawurst gebraten“ haben zu wollen.[11] Alle Regimenter verfügten über Maschinengewehr-Kompanien mit jeweils vier bis sechs MG; das Reserve-Jägerbataillon 10 hatte zudem eine Gebirgs-Maschinengewehr-Kompanie. Allerdings wurden im weiteren Verlauf seiner Geschichte dem Alpenkorps – wie auch allen anderen Divisionen – immer mehr Maschinenwaffen zugeführt. Die Artillerieausstattung, die fast derjenigen eines Armeekorps entsprach, war von Beginn an mehr als ordentlich.
[7] Im Frühjahr 1915 besaß kaum noch eine deutsche Division zwei Brigaden mit je zwei Regimentern, denn das jeweils vierte Regiment war den Divisionen genommen und zur Aufstellung neuer Großverbände herangezogen worden. [8] Verantwortlich für die preußische Jäger-Brigade 2 war das stellvertretende Generalkommando des XIV. Armeekorps in Karlsruhe. [9] Das Jägerregiment 3 wurde im Mai 1915 für das deutsche Alpenkorps aus den bisherigen Schneeschuh-Bataillonen 1 und 2 aufgestellt. Es umfasste vier Jägerbataillone: zwei bayerische, ein badisches sowie ein preußisches. Das Jägerregiment 3 war damit der erste „gesamtdeutsche“ Gebirgstruppenverband und ist somit der „Urahn“ der Gebirgstruppe der Bundeswehr. [10] „[Die Schneeschuh-Bataillone] haben versagt, als es galt, mehrere Tage hindurch in großer Höhe auszuhalten.“ KA, Alpenkorps, Bund 58, Akt 2. [11] Brief Kraffts an Kronprinz Rupprecht vom 1. 6. 1915 (BHStA, Geheimes Hausarchiv, Nachlass Kronprinz Rupprecht).
Dem Divisionsartillerieführer des Alpenkorps unterstanden die
- Garde-Fußartillerie-Batterie 104,
- preußische Fußartillerie-Batterie 101 (schwere Feldhaubitzen) mit leichten Munitionskolonnen,
- preußische Fußartillerie-Batterie 102,
- Garde-Feldartillerie-Abteilung
- preußische Feldartillerie-Abteilung 203 (Feldkanone 96 n/A) mit leichten Munitionskolonnen sowie die
- Gebirgs-Kanonen-Abteilung Nr. 2
Angesichts des vorgesehenen Einsatzraumes verständlicherweise schwach vertreten war die dritte große damalige Waffengattung, die Kavallerie. Eine Sanitäts-Kompanie, vier Signaltrupps, eine schwere und eine leichte „Funkenstation“, die Gebirgs-Fernsprech-Abteilung 29, vier preußische Gebirgs-Minenwerfer-Abteilungen sowie eine preußische und eine bayerische Pionier-Kompanie und schließlich je ein bayerischer und ein preußischer Scheinwerfer-Zug vervollständigten die Alpenkorps-Division. Und nicht zu vergessen: die preußische Feldbäckereikolonne 201, das bayerische Pferde-Depot 201 sowie sechs Tragtierkolonnen. Alle sonst zweispännigen Fahrzeuge mussten im Gebirge vierspännig gefahren werden. Die Grundgliederung des Alpenkorps wurde im Lauf seiner Geschichte ständig modifiziert. Immer wieder wurden Truppenteile aus-, andere oder zusätzliche dagegen eingegliedert. Die hier vorgestellte Gliederung blieb für den Zeitraum zwischen Mai und Oktober 1915 im Großen und Ganzen unverändert. Als der Großverband im Herbst 1915 nach Serbien verlegte, hatte er eine Stärke von rund 26.000 Mann und 9.500 Pferden.[14]
[12] Die „Abteilung“ entspricht dem heutigen „Bataillon“. [13] Auch unter der Bezeichnung „K. B. Gebirgsartillerie-Abteilung Nr. 2“ zu finden. [14] Vgl. Hebert, S. 85.
Alle aktuellen – später auch alle ehemaligen – Angehörigen des Alpenkorps durften ab dem 20. Juni 1915 das Edelweiß-Abzeichen an ihren Mützen tragen.[15] Es ist seitdem das eigentliche identitätsstiftende Symbol der deutschen Gebirgstruppe. Das Landesverteidigungskommando in Innsbruck hatte dem Alpenkorps 20.000 solcher Abzeichen zur Verteilung an die Truppe geschenkt, „um ein aeusseres zeichen der zusammengehörigkeit der hier kämpfenden verbündeten truppen zu schaffen“, wie es in einem Begleittelegramm hieß.[16]
[15] Das Edelweiß als die Alpenpflanze schlechthin stammt eigentlich aus Asien und ist erst nach der letzten Eiszeit in den Alpen heimisch geworden. [16] Zit. nach Heyl, Edelweiß, S. 9. Das Problem dabei: Das Tragen eines Abzeichens, von dem nichts in der Anzugsordnung stand, war aber ein Verstoß gegen die einschlägige Vorschrift, also ein Dienstvergehen! Es dauerte Wochen, einen erheblichen bürokratischen Aufwand und persönliche Interventionen, bis es endlich allen Alpenkorps-Soldaten gestattet war – auch nach einer Versetzung – das Edelweiß an ihren Mützen zu tragen! Nur zur Erinnerung: Man befand sich gerade im Krieg …!