Die „Geburt“ der deutschen Gebirgstruppe
Die „Geburt“ der deutschen Gebirgstruppe
Gebirge, vor allem Hochgebirge, sind zunächst einmal keine sehr einladenden, menschen- und landwirtschaftsfreundliche Orte. Manchmal sind sie sogar sehr tödliche Orte. Der älteste bekannte, in so einem Umfeld ums Leben gekommene Mensch ist „Ötzi“, dessen gefriergetrockneter Leichnam 1991 von Touristen gefunden wurde. Er starb vor etwa 5.300 Jahren in den Ötztaler Alpen, jedoch nicht durch gebirgstypische ungesunde Wetterkapriolen, sondern durch einen von einem ihm offensichtlich nicht besonders gewogenen Zeitgenossen abgeschossenen Pfeil. Das jüngste prominente Opfer war im Juli 2025 die Weltklasse-Biathletin Laura Dahlmeier. Sie fiel tatsächlich einem für ein Hochgebirge charakteristischen Unglücksfall zum Opfer, als sie beim Bergsteigen im Karakorum-Gebiet (Pakistan) von einem Felssturz erschlagen wurde. Und weil Gebirge halt so sind, wie sie nun mal sind, hatten Menschen, abgesehen von wenigen, bis ins 14. Jahrhundert nachweisbaren Ausnahmen, bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert auch keinen Grund, sich dort unnötig in Gefahr zu begeben. Und wenn, dann nur im Sommer. Militärische Gründe, um sich in jene unwirtlichen Gefilde zu begeben, sind nur in sehr seltenen Einzelfällen überliefert – Hannibal im Jahre 218 v. Chr., dann wieder 1701 Prinz Eugen oder schließlich Andreas Hofer 1809. Das jedoch änderte sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, als das, was wir heute unter „Tourismus“ verstehen, Fahrt aufnahm und auch immer mehr Angehörige des finanziell wie quantitativ prosperierenden Bürgertums ihre „Sommerfrische“ in den Alpen verbrachten (aber immer häufiger auch ihre „Winterfrische“).
Grabmal am Pass le Selle nach italienischem Angriff Juni 1915; Beschriftung: Heldengrab mit 12 Toten
Foto: Sammlung Peter Tschernegg / Dornbirn
Daraufhin dämmerte es den militärischen Führungen der in oder an einem Gebirge liegenden Staaten, dass sie sich allmählich mit dem Gedanken vertraut machen müssten, dass Gebirgsregionen künftig auch potenzielle Einsatzräume werden könnten. Wo sich Alpinisten und Skifahrer in immer größeren Scharen aufhielten und bewegten, konnten auch Soldaten dies tun. Vorausgesetzt, sie wussten, wie sie sich zu verhalten hatten und wenn sie über das für Kampf, Fortbewegung und Überleben nötige Equipment verfügten. Die Alpen hatten ihre Schrecken verloren. Aus einem lebensfeindlichen, unwirtlichen, für konventionell-traditionelle militärische Operationen völlig ungeeigneten Terrain wurde so zunehmend ein mögliches und somit ein in die Planungen unbedingt einzubeziehender Raum. Für den Gebirgs- und Winterkampf trainierte Formationen, zunehmend auch mit leichten, eigens mit für diesen Zweck konstruierten Gebirgsgeschützen[1] ausgestattet, bedeuteten für eine im Gebirge operierende Armee eine ganz neue Gefahr. Herkömmliche Verbände waren bei allem technischen Fortschritt auch weiterhin an die wenigen, entlang der Täler und Flussläufe verlaufenden und ihre Bewegungen kanalisierenden Verkehrswege gebunden. So ergriff der Krieg schließlich auch vom Mittel- und Hochgebirge Besitz. Im Zuge dieser Entwicklung gerieten die Vogesen und die Alpen mehr und mehr in den Fokus der Operationsabteilungen in den Generalstäben. Zunächst zogen Italien und Frankreich die Konsequenzen aus dieser Entwicklung. Sie schufen mit den 1872 aufgestellten „Alpini“ – der ersten regulären Gebirgstruppe im modernen Sinn überhaupt – und den später, 1914, in den Vogesen für die Deutschen recht unangenehm agierenden französischen „Chasseurs alpins“ die erste, speziell für den Gebirgskrieg geschulte und ausgerüstete leichte Infanterie, damals wie heute unter dem Begriff „Jäger“ bekannt. Die Armeen dieser beiden Nachbarstaaten – der eine ohnehin der „Erbfeind“ schlechthin, der andere (zumindest auf dem Papier) ein Verbündeter der Mittelmächte – machten sich die zunehmende Begeisterung der Menschen für die neuen Trendsportarten Bergsteigen und Skilaufen zunutze. Sie gaben vielen Wehrpflichtigen und jungen Offizieren die Möglichkeit, die Freude an ihrem Sport mit dem Wehrdienst zu verbinden. Das Problem dabei war aber weniger ein „technisches“ als mehr ein „psychologisches“, denn keine Gebirgstruppe ist ohne sportliches Engagement und ohne einen eigenen, von tiefer Kameradschaft geprägten Korpsgeist denkbar. Individualität und freier Sportsgeist passen aber schlecht in ein starres militärisches System von Befehl und Gehorsam. Mathias Zdarsky, Pionier des alpinen Skisports in Österreich-Ungarn und Ski-Instrukteur der k.u.k. Armee, meinte dazu sehr treffend: „Es ist leichter, aus Soldaten Skiläufer zu machen als aus Skiläufern Soldaten“.[2] Diese Wahrheit hat sich bei der Entstehung der deutschen Gebirgstruppe dann auch wiederholt bestätigt.
[1] Wie sich beim Einsatz des Alpenkorps vor Verdun (1916) zeigen sollte, war Gebirgsartillerie für den Einsatz in flachem und freiem Gelände aber völlig ungeeignet. [2] In: Müller/Schulz, S. 10.
Ein mecklenburgischer Jäger; im Hintergrund die Ortschaft Perra/Pozza.
Foto: Sammlung Peter Tschernegg / Dornbirn
Nur halbherzig folgte das Deutsche Reich dieser Entwicklung, denn vor dem Ersten Weltkrieg bestand für die vier deutschen Kontingentsheere aus militärischer Sicht keine zwingende Notwendigkeit, eine eigene Gebirgstruppe aufzustellen. Der Alpenanteil in Südbayern war nur sehr schmal und bot kaum Verteidigungsmöglichkeiten, zudem war das verbündete Habsburgerreich der direkte Nachbar. Es war daher vorgesehen, bei einem eventuellen Angriff aus dem Süden den Gegner auf die schwäbisch-bayerische Hochebene vordringen zu lassen, um ihn anschließend mit konventionellen Truppen zum Kampf zu stellen. Und die auf dem Vogesenkamm verlaufende Grenze zu Frankreich war, so die vorherrschende Meinung, auch mit herkömmlichen Kräften zu verteidigen. Sie bedurften nur einer gewissen, dem Krieg im Gebirge angepassten Bekleidung und Ausrüstung, sicher aber nicht einer spezialisierten (und damit teuren!) Gebirgsausbildung. Vor diesem Hintergrund wurde ab 1892 im Rahmen von Truppenversuchen bei den Jäger-Bataillonen Nr. 8 in Schlettstadt im Unterelsaß und Nr. 10 in Goslar neben der regulären jägerspezifischen Ausbildung auch eine Skiausbildung durchgeführt. Man war also auf deutscher Seite durchaus nicht blind gegenüber der zeitgenössischen Entwicklung und hat auch nicht versäumt, den Skilauf militärisch nutzbar zu machen. Allerdings dachten die Generalstäbe und Kriegsministerien nicht an einen geschlossenen infanteristischen Einsatz größerer Verbände in einem Gebirgskrieg. Ihre Vorstellung war ein vom Gelände möglichst unabhängiger Sicherungs- und Aufklärungsdienst, falls die Schneelage die Verwendung der sonst für diese Aufträge vorgesehenen Divisionskavallerie oder Infanterie unmöglich machte.
Sogar noch vor der königlich-bayerischen begann die königlich-preußische Armee Anfang der 1890er Jahre im Harz, in den Vogesen und in Ostpreußen mit ersten Versuchen, Spähtrupps skibeweglich zu machen. Das Kriegsministerium in München erfuhr davon aber nicht durch offizielle Mitteilungen aus der preußischen Partner-Behörde, sondern aus den Angeboten von Ski-Fabrikanten, die die bayerische Armee gerne als Kunde gewonnen hätten und mit der preußischen Armee als Referenz für sich warben. Erst als die Preußen 1897 ihre Jägerbataillone mit je zwölf Paar „Schneeschuhen“, wie Skier damals hießen, ausstatteten, ihre Patrouillen im Schneeschuhlauf ausbildeten und der bayerische Militärbevollmächtigte in Berlin den Erfolg der preußischen Initiative bestätigte, entschloss sich die bayerische Armee 1898 zu einem entsprechenden Versuch bei den beiden eigenen Jägerbataillonen. Die von diesen Verbänden eingereichten Erfahrungsberichte überzeugten die oberste Militärbehörde 1901 endgültig davon, es den Preußen gleich zu tun, da „die Ausstattung einzelner Patrouillen mit [„Schneeschuhen“/Skiern] unter gewissen Voraussetzungen für die Aufklärung und Sicherung – namentlich im bergigen Gelände – und für die Nachrichten- und Befehlsübermittlung Vorteile zu bieten vermag“.[3] Obwohl es aus heutiger Sicht naheliegt, skibewegliche Kräfte für einen Gebirgseinsatz vorzuhalten, hatte die damalige preußische Heeresleitung einen ganz anderen Einsatzraum im Sinn: Schneeschuhtruppen sollten in den Ebenen des Ostens operieren und dort nach schwedischem Muster vorgehen. Sie sollten eng mit der Kavallerie zusammenarbeiten, indem ein Pferd zwei Schneeschuhläufer an einem Seil hinter sich herzog und ohne, dass dadurch dessen Leistungsfähigkeit beschnitten wurde.
[3] In: Müller/Schulz, S. 10.
Jäger vor dem Abmarsch ins Feld
Foto: Sammlung Peter Tschernegg / Dornbirn
Pferde konnten ohne eine andere Belastung sogar jeweils fünf bis sechs Soldaten „im Trabe“ ziehen.[4] Auf diese Weise sollten sie schnell als „Feuerwehr“ an Brennpunkte der Front geworfen werden können. Letztlich sollte jeder Kompanie und jedem Bataillon ein skibewegliches und weitgehend unabhängig und selbständig operierendes Jagdkommando zugeteilt werden.[5]
Seit 1911 durften sich auch einige Unteroffiziere der bayerischen Telegraphentruppe beim k. b. I. Jägerbataillon im Skilaufen schulen lassen, um ihnen auch bei Schnee die Revision der Fernsprechleitungen zu ermöglichen. Diese Ausbildung war allerdings auf Unteroffiziere beschränkt, „weil diese vorwiegend den Bevölkerungsschichten entwachsen sind, die derartigen Sport nicht betreiben“[6], während skifahrende Offiziere und Mannschaften angesichts der Zunahme des Skisportes ausreichend zur Verfügung standen. Skilaufen hatte sich nämlich auch unter den Angehörigen der bayerischen Armee zu einem populären Freizeitspaß entwickelt – was das Kriegsministerium in München aber nicht unbedingt goutierte: Es fürchtete eventuelle Schadenersatz- oder gar Pensionsansprüche nach Skiunfällen! Aus diesem Grund genehmigte das Ministerium dem in Kempten stationierten II. Bataillon des k. b. 20. Infanterieregiments erst 1912 die Durchführung freiwilliger Skikurse unter der Leitung von Offizieren bei gleichzeitiger Anerkennung von Skiunfällen als Dienstbeschädigung.
[4] Von Rango, S. 12. [5] Nach Von Rango, S. 12. [6] In: Müller/Schulz, S. 12
Den kurz vor Kriegsausbruch gestellten Antrag desselben Bataillons um bevorzugte Zuweisung der vielen jungen Skifahrer des Allgäus zur Ableistung des Wehrdienstes im Bataillon lehnte das Ministerium aber mit der Begründung ab, dass unter „den derzeitigen Verhältnissen […] ein dienstliches Bedürfnis für eine erhöhte Ausbildung der bayer. Inf.[anterie] im Schneeschuhlaufen nicht anerkannt werden“[7] könne. Die Zurückhaltung des Kriegsministeriums findet ihre Erklärung in einer Stellungnahme des Generalkommandos des bayerischen I. Armeekorps von 10. Januar 1913 zu dem Vorwurf des „Clubs Alpiner Skiläufer München“, dass seiner Meinung nach die bayerische Armee den militärischen Skilauf nur unzulänglich fördere:
„Bei aller Anerkennung […] glaubt das Generalkommando doch dem Skilauf eine höhere Bedeutung als militärischen Ausbildungszweig nicht zu erkennen zu können, da die Verwendung militärischer Skiläufer auf den für Bayern in Betracht kommenden, voraussichtlichen Kriegsschauplätzen kaum wird erfolgen können.“[8] Hinzu kam eine, in diesem Dokument allerdings nicht erwähnte, sicherheitspolitische Begründung, wie man sie auch aus der Abrüstungs- und Sparorgie, die durch die Deutsche Bundeswehr nach dem Ende des Kalten Krieges fegte, kennt: Bayern war nur noch „von Freunden umgeben“. Und der „Erbfeind“ Frankreich grenzte schließlich nicht an Bayern!
[7] In: Müller/Schulz, S. 12. [8] In: Müller/Schulz, S. 10.
Der Einsatz der Masse der bayerischen Armee in Lothringen zu Beginn des Ersten Weltkriegs sollte dem Generalkommando der 6. Armee[9] (de facto also der bayerischen Armee) zunächst recht geben. Die Aufstellung einer echten Gebirgstruppe stand deshalb auf der Prioritätenliste noch recht weit unten.
[9] 1914 hatte das Deutsche Kaiserreich acht Armeen: die 1. bis 5. gemäß dem Schlieffen-Plan vom Norden bis etwa zur Mitte („Macht´ mir den rechten Flügel stark!“), die 6. und die ihr unterstellte 7. Armee im Süden; die 8. Armee stand in Ostpreußen zur zeitlich befristeten Deckung der Ostfront gegen die Russen.
Der Krieg nahm indes 1914 im Westen bekanntlich nicht den erwarteten Verlauf, den sich Alfred v. Schlieffen und seine Nachfolger so sehnlich erhofft und für den sie akribisch geplant hatten. Mit dem Einsetzen der Schneeperiode ab Oktober an der Vogesenfront rief die Truppe für den Aufklärungs- und Sicherungsdienst im kommenden Winterfeldzug nun doch nach Schneeschuhläufern, und zwar immer vehementer. Die Kriegsministerien (im Krieg unterstanden die im Feld stehenden vier Kontingentsarmeen operativ der preußischen OHL) mussten jetzt zwangsläufig reagieren. Für die in den Vogesen zwischen dem Hartmannsweilerkopf und dem Judenhut[10] fechtenden württembergischen Landwehrtruppen stellte die zuständige Behörde beim Ersatz-Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 124 in Baienfurt bei Weingarten die „Württembergische Schneeschuh-Kompagnie Nr. 1“ auf.[11] Die Einheit umfasste drei Züge mit insgesamt sechs Offizieren, 210 Unteroffizieren und Mannschaften und
22 Maultieren sowie einen MG-Zug mit einem Offizier, 45 Unteroffizieren und Mannschaften und 18 Maultieren. Die Einheit sollte in Bekleidung und Ausrüstung möglichst den bayerischen Schneeschuhtruppen angeglichen werden. Mitte Februar 1915 erhielt die Kompanie einen vierten Zug. Nach dem Ende der Winterkämpfe in den Vogesen erfolgte die Umbenennung in „Württembergische Gebirgs-Kompagnie Nr. 1“.
[10] Bergpass im Elsass. Der Name „Col de Judenhut“ geht auf einen ehemaligen Hutmacherladen in der Region zurück, der Hüte verkaufte, die diesem Berg ähnelten. [11] Vgl. Jordan, S. 66 f.
Am 1. Oktober 1915 folgte die Umgliederung zum „Württembergischen Gebirgs-Bataillon“ mit einer Erweiterung auf sechs Kompanien und sechs Gebirgs-MG-Züge mit insgesamt 39 Offizieren, 1.620 Unteroffizieren und Mannschaften und 258 Pferden.[12]
Das bayerische Kriegsministerium griff die vom Deutschen Ski-Verband vorgetragene Anregung zur Bildung eines „Freiwilligen Skiläuferkorps“ auf und formierte am 21. November 1914 in München aus Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften mit skiläuferischen Kenntnissen sowie aus Freiwilligen das „k. b. Schneeschuhbataillon Nr. 1“.[13] Der Verband erhielt unter seinem ersten Kommandeur, Major Alfred Steinitzer, in einem Schnellverfahren in Neuhaus bei Schliersee seine militärische Ausbildung. Das Bataillon rückte im Januar 1915, jetzt bereits mit Maultieren ausgerüstet, in Stärke von vier Kompanien als Armeetruppe zu den Armee-Abteilungen „Gaede“ und „Falkenhausen“ an die Vogesenfront ab. Dort wurde es der 51. gemischten Landwehr-Brigade unterstellt. Am 13. Februar 1915 kam es bei Hilsen zu einem Gefecht zwischen der 1. und 3. Kompanie dieses Bataillons mit französischen Kräften. Zugweise „bretterten“ die Soldaten mit hoher Geschwindigkeit die steilen Hänge hinunter und „warfen“[14] den völlig überraschten Gegner nach kurzem Feuerkampf, der daraufhin die Ortschaft räumte. Bereits im Dezember 1914 wurde das preußische Schneeschuh-Bataillon Nr. 2 unter Hauptmann d. R. Wilhelm Paulcke formiert, das Ende Januar 1915 mit sechs Kompanien in Kurland und in den Karpaten als Armeetruppe in den Einsatz ging. Ersatztruppenteil für die beiden Schneeschuhbataillone war die in München aufgestellte Schneeschuh-Ersatzabteilung.
[12] Am 3. Mai 1918 erfolgten die Umgliederung und Umbenennung in „Württembergisches Gebirgs-Regiment“ mit zwei Bataillonen. [13] Ausführlich zu Gliederung und Stellenbesetzung bei v. Rango, S. 11–15. [14] „Werfen“ heißt in der militärischen Terminologie so viel wie „aus den Stellungen verjagen“.
Mit dem Ende des Winters war über die Frage zu entscheiden, was nun mit den Schneeschuhtruppen geschehen sollte. Major Steinitzer sah ohnehin sein Schneeschuhbataillon Nr. 1 mehr als Ganzjahres-Gebirgstruppe, und so stellte er bereits im Februar 1915 den Antrag, das Bataillon auch nach dem Winter als Gebirgstruppe bestehen zu lassen. Ihm sollte künftig in den Hochlagen des Gebirges der Aufklärungs- und Sicherungsdienst übertragen werden. Steinitzer erwartete darüber hinaus, dass sein Verband gleichsam zum Nukleus einer späteren, mehrere Verbände umfassenden und der herkömmlichen Infanterie hierarchisch gleichgestellten Gebirgsformation in noch nicht definierter Stärke werden sollte. Unterstützt von den Armee-Abteilungen „Gaede“ und „Falkenhausen“ leitete das bayerische Kriegsministerium diesen Antrag an den Chef des Generalstabes des Feldheeres, Erich v. Falkenhayn, weiter, der sofort zustimmte. So konnte das Ministerium bereits am 19. März 1915 verfügen, „daß mit Eintritt der wärmeren Jahreszeit das Schneeschuhbataillon Nr. 1 in eine Gebirgstruppe für die Dauer des Feldzuges umgewandelt wird. Organisation, Bekleidung etc., Bezeichnungen bleiben wie bisher“.[15]
Die Schneeschuh-Ersatzabteilung hatte die Gebirgsausbildung zu übernehmen. Wenig später folgten Württemberg und Preußen, letzteres unter gleichzeitiger Aufteilung des Schneeschuhbataillons Nr. 2 in die Bataillone Nr. 2 und Nr. 3. Aber nicht nur Teile der Infanterie wurden gebirgs- und winterkampftauglich gemacht. Noch im November 1914 wurden im Bereich des für die Vogesen zuständigen Generalkommandos des XV. Armeekorps die ersten Gebirgsartillerie-Batterien aufgestellt. Diesen folgten im April und Mai 1915 die für den Einsatz in den Vogesen bestimmten bayerischen Gebirgsartilleriebatterien Nr. 7 und 8, für deren Ausbildung die gleichzeitig in Sonthofen aufgestellte Gebirgsartillerie-Ersatzabteilung zu sorgen hatte. Ebenfalls für die Vogesen bestimmt waren ab Frühjahr 1915 die bayerischen Gebirgsmaschinengewehr-Züge und -Kompanien samt einer Ersatz-Gebirgsmaschinengewehr-Kompanie als Teil der Schneeschuh-Ersatzabteilung.
[15] In: Müller/Schulz, S. 13.