Formierung des Alpenkorps in Lechfeld und Brixen
Formierung des Alpenkorps in Lechfeld und Brixen
Der neue Großverband hieß zwar „Alpenkorps“, war aber, wie bereits erwähnt, nur eine Division, wenn auch eine verstärkte. Allerdings ähnelte das Divisionskommando hinsichtlich seiner Personalstruktur tatsächlich eher dem Generalkommando eines Armeekorps. Aus gutem Grund, denn die Division sollte von vornherein nicht als ein geschlossen fechtender Großverband in einem eigenen Gefechtsstreifen eingesetzt, sondern – in „Regiments-Kampfgruppen“ aufgeteilt – entlang der etwa 100 Kilometer langen Front zwischen die Verbündeten eingeschoben werden.
Vier solche, damals „taktische Verbände“ genannte Gruppen waren vorgesehen:
- Gruppe Tutschek in Bruneck,
- Gruppe Epp in Brixen,
- Gruppe Below in Bozen,
- Gruppe von Goetze in Auer.
[1] Bomhard, S. 64.
Der Oberbefehlshaber („Kommandant“) der Truppen in Tirol, Feldmarschallleutnant Ludwig v. Können-Horak Edler v. Höhenkampf,
erfuhr übrigens erst von Krafft von der Aufstellung eines Tiroler Armeekommandos unter Dankl. Über Stärke, Zusammensetzung und Eintreffen des Alpenkorps wusste der österreichische Offizier ebenso wenig wie der bayerische. In Tirol standen lediglich 20 Landsturmbataillone und 20 Artilleriebatterien zum Einsatz bereit, wogegen die Italiener mit der Masse ihrer 9. Armee am Isonzo standen und darüber hinaus etwa vier Korps bereithielten. In Tirol war man in großer Sorge, überrannt zu werden und hätte das Alpenkorps am liebsten eher gestern als heute in die Front eingegliedert. Der bayerische Generalleutnant reiste deshalb sofort wieder nach München zurück, wo das Kriegsministerium bereits sein „Korps“ organisierte. „Physisch“ aufgestellt wurde das Alpenkorps aber in Lechfeld. Trotz erheblichen Widerstands überzeugte Krafft die OHL von der Notwendigkeit, die marschbereiten Truppen notfalls auch ohne Gebirgsausrüstung nach Tirol zu verlegen, was dann auch geschah. Bei dieser Gelegenheit gelang es ihm auch, zusätzliche Artillerie- und Pionierkräfte zugeteilt zu bekommen. Die politischen Ereignisse veranlassten den General dazu, München wieder zu verlassen und den Aufwuchs des Alpenkorps nicht in der Heimat abzuwarten: Ab dem 23. Mai 1915, 15.15 Uhr, herrschte endlich und wie befürchtet politische Klarheit: Der König von Italien hatte dem Kaiser von Österreich und Apostolischen König von Ungarn den Krieg erklärt. Nicht aber dem Deutschen Kaiser[2] – mit pikanten Folgen für die deutschen Soldaten an der Alpenfront: Theoretisch hätten die Bayern, Württemberger und Preußen – in den Stellungen aus Felsen, Schnee und Eis bis auf Trupp-Ebene hinab „embedded“ mit ihren verbündeten k.u.k. Kameraden – nur dann zur Waffe greifen dürfen, wenn sie unmittelbar von den Italienern angegriffen wurden.[3] Selbstverteidigung war aber völkerrechtlich erlaubt. Dem Alpenkorps hatte Wilhelm II. zudem ausdrücklich untersagt, bei allen eigenen Unternehmungen die Grenze nach Italien zu überschreiten – was die deutsche Artillerie aber nicht davon abhielt, trotzdem gelegentlich nach Italien hineinzuschießen. Diese Entscheidung war zwar politisch klug, psychologisch aber sowohl in der Truppe als auch an der deutschen „Heimatfront“ nur schwer zu vermitteln, galten doch die Italiener seit dem Seitenwechsel fortan als die „treulosen Welschen“. Beim Alpenkorps versuchte man deshalb – ganz im Sinne dieser „Allerhöchsten“ Anweisung (und weil man ausrüstungs- und ausbildungsmäßig einfach noch nicht so weit war) –, die Anwesenheit deutscher Soldaten und deren Aktivitäten zu verschleiern, denn natürlich wurden sie recht bald in Kämpfe mit Italienern verwickelt. Die deutsche Öffentlichkeit bekam aber recht schnell spitz, dass da drunten im Süden, beim „Kamerad Schnürschuh“[4], etwas im Busch war: In den Zeitungen erschienen nämlich immer mehr Todesanzeigen deutscher Soldaten, sinnigerweise einschließlich der geographischen Angabe, wo der Bedauernswerte gefallen war: in den Alpen! Zudem bereisten zwei Schweizer Offiziere das Operationsgebiet an der österreichischen Südwestfront. Vor allem taktisch fühlte sich die Führung des Alpenkorps durch den kaiserlichen Befehl eingeengt und sah die Erfüllung des Auftrags gefährdet, weil ein Teil der Stellungen unmittelbar entlang der Grenze verlief. Es war also gar nicht möglich, dort deutsche Truppen einzusetzen und sie dennoch aus den Kämpfen zwischen österreichischen und italienischen Verbänden herauszuhalten:„Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass!“
Obwohl Krafft, wie wir gesehen haben, von seinem neuen Kommando zunächst nicht besonders erbaut war, stürzte er sich umgehend in seine neue Aufgabe hinein. Vor dem Hintergrund eines drohenden Durchbruchs der Italiener über Österreich nach Bayern drängte er darauf, seine Truppe schleunigst nach Tirol zu bringen, die Kampfkraft und Beweglichkeit zu steigern und vor allem die Soldaten zu befähigen, einen Krieg im Hochgebirge zu bestehen. Das Divisionskommando richtete er in Brixen im „Hotel Elephant“ ein.[5] In München war sein Stab zahlenmäßig noch etwas mickrig, erst in Brixen blähte er sich zu einem de facto-Generalkommando auf. Sein Stabschef („Ia“[6]) wurde der preußische Major Frhr. v. Willisen, „den ich schon von früher her kenne, ein sehr gewandter u. tüchtiger Mann. […] Im übrigen ist d. Stab so ungefähr zur Hälfte aus Bayern u. Preußen zusammengesetzt; es sind alle ganz nette Leute“[7]. Im Schriftverkehr wurde die Alpenkorps-Führung aber noch als „Divisionsstab“ bezeichnet, um Verwechslungen (oder enttäuschte Erwartungen) mit dem Stab eines „richtigen“ Korps zu vermeiden. Dieses bis Kriegsende stets bayerische Kommando war ein ungewöhnliches Mittelding zwischen einem Divisionsstab und dem Generalkommando eines Armeekorps.
[2] Die Kriegserklärung Italiens an Deutschland folgte am 28. August 1916. [3] Ähnlichen Einsatzbeschränkungen unterlagen die deutschen ISAF-Soldaten in den ersten Jahren ihres Einsatzes in Afghanistan. Sie durften erst dann das Feuer eröffnen, wenn Taliban tatsächlich auf sie geschossen hatten – vorher, auch wenn Feindkräfte eindeutig als solche erkannt waren, nicht. [4] Herablassende Schmähbezeichnung deutscher „Piefkes“ gegenüber den österreichischen Soldaten. [5] Dieses noch heute existierende Nobel-Hotel lag 1915 noch am Stadtrand (heute im Zentrum) und hatte einen großen, gut zugänglichen Parkplatz. Das „Elephant“ war schon damals denkmalgeschützt. Bis heute darf, von Elektrik und Sanitäranlagen abgesehen, nichts am oder im Gebäude verändert werden. Wer heute dort logiert, bekommt folglich einen sehr realistischen Eindruck, wie es sich im Frühjahr und Sommer 1915 im Stab des Alpenkorps lebte – angenehm! [6] Der Chef des Stabes (heute: „G3“ bzw., bis zur Ebene „Regiment“, der „S3“) eines Stabes war verantwortlich für die Operationsführung und Truppenausbildung. [7] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 5. Juni 1915.
Bayerische Tragtierführer – August 1915 im Fassatal
Foto: Sammlung Peter Tschernegg / Dornbirn
Fast allen Soldaten, gleich welcher landsmannschaftlichen Herkunft, fehlten aber jedwede Ausbildung und Ausrüstung für den Gebirgskrieg – und ihren Führern klare Vorstellungen darüber, auf welche Weise sie ihre Aufgaben unter den neuen ungewohnten Verhältnissen lösen sollten. Aber da der erwartete Angriff der Italiener im Bereich des Alpenkorps zunächst ausblieb, hatte Krafft Zeit und relative Ruhe, diese „Fähigkeitslücken“[8] zu schließen. Neuartige Organisationsformen wurden erprobt, Ausrüstung auf ihre Zweckmäßigkeit hin geprüft und die Soldaten den Erfordernissen des Hochgebirges gemäß ausgebildet.[9] Das war auch bitter nötig, denn die Alpenkorps-Männer waren mitnichten samt und sonders erfahrene Kraxler, sie mussten deshalb sehr behutsam an die Gelände- und Witterungsbedingungen im Hochgebirge herangeführt werden. Sogar viele Angehörige der Schneeschuh-Verbände hatten zuvor noch nicht einmal im Mittelgebirge militärisch geübt. Sicherlich mit beeinflusst durch die Werke des damals sehr populären Romanciers Ludwig Ganghofer ging auch die Heeresführung in München offensichtlich von der Annahme aus, dass ein bayerischer Gebirgsbewohner quasi von Natur aus ein geübter Bergsteiger und begnadeter Skiläufer sein müsse. Das aber traf eben nicht zu, und so sah sich das Kriegsministerium noch Anfang August 1915 gezwungen zuzugeben, dass die „Schneeschuh-Bataillone zwar eine Anzahl Alpinisten [enthalten]. Aber diese haben versagt, als es galt, mehrere Tage hindurch in großer Höhe auszuhalten.“[10] Und mit der bloßen „Taufe“ auf den Namen „Alpenkorps“ war die neue Division noch lange kein gebirgs- und winterkampftauglicher Großverband. Zum Glück für den „komplizierten Organismus“[11] seiner Division zeigten sich die im Gegensatz zu den Deutschen hervorragend für den Gebirgskrieg ausgerüsteten Italiener in den ersten Kriegsmonaten aber weitgehend passiv. Dadurch konnte die dringend benötigte Zeit für die Ausbildung der Soldaten und die Erprobung neuer Ausstattung und Führungsstrukturen genutzt werden, denn „die Gebirgsausrüstung u. Gebirgsgewöhnung ergeben sich erst allmählich. […] Ich bin vorläufig ganz zufrieden, wenn mein Verein Zeit hat, sich hier zusammenzufinden u. auf die kommenden Aufgaben noch etwas vorzubereiten.“[12] Krafft selbst nutzte seine persönliche Langeweile zwischen „den Angriffen der Italiani“[13] zu ausgedehnten Wanderungen.[14] Auch seine Autoleidenschaft konnte er nach den Restriktionen an der Westfront – es mangelte hier schon sehr bald an Gummireifen – wieder intensiver pflegen. Hier ging er aber mit schlechtem Beispiel voran. Denn viele andere hochrangige Angehörige des Alpenkorps, überrascht und begeistert zugleich von den so zahlreich zur Verfügung stehenden motorisierten Vehikeln, missbrauchten diese zu mehr oder minder sinnlosen Unternehmungen, die nicht selten mit dem Totalverlust des Automobils endeten. Obwohl das Alpenkorps in Tirol bald auch kämpfte, glich es in dieser Phase mehr einer Lehr- und Versuchstruppe als einem einsatzfähigen Großverband. Ein bayerischer Major berichtete zum Beispiel noch Ende August 1915: „Unsere Armee hat bis jetzt keine genügenden Erfahrungen, um die in den Alpen bestehenden Gelände- und Witterungsverhältnisse mit Sicherheit zu überwinden. Die bei der österreichischen Armee vorliegenden Erfahrungen scheinen nicht durchwegs ausgebaut.“[15] Natürlich waren in diesen Kämpfen bald auch die ersten Gefallenen und Verwundeten zu beklagen. Bis zum 25. Juli 1915 hatten bereits fünf Offiziere und 79 Unteroffiziere und Mannschaften ihr Leben verloren; sechs Offiziere und 242 Unteroffiziere und Mannschaften waren verwundet worden.[16] Diese Verluste führte Krafft jedoch vor allem auf die mangelnden Fähigkeiten der Österreicher zurück, „die Stellungen […] so auszubauen, wie es der moderne Schützengrabenkrieg“[17] erforderte. Da die Einheiten und Verbände des Alpenkorps zunächst zum Leidwesen seines Führers vielfach als sogenannte Korsettstangen zwischen die „naturgemäß in weniger bedrohten Abschnitten“[18] eingesetzten Österreicher eingeschoben wurden, blieben Verluste unausweichlich. Allerdings starb so mancher Deutscher indes weniger durch Feindeinwirkung als durch seine eigene Dummheit.[19] Aber auch „friendly fire“ führte zu Verlusten (siehe unten). Nicht nur Krafft murrte anfangs über die Aufgabe, mit seiner Division quasi Kindermädchen für militärisch eher Unbedarfte spielen zu müssen. Ganz unten, in der „Schlammzone“ der Truppe (hier besser „Geröllzone“), stieß der Auftrag auf anfängliches Unverständnis: „Anfangs wollte es der kampferprobte ‚Leiber‘ nicht verstehen, daß ihm eine Truppe zugeteilt wurde, die nicht die geringste militärische Ausbildung, geschweige denn Kampferfahrung besaß. Aber es imponierte ihm, unter diesen von heißer Vaterlandsliebe erfüllten Landesverteidigern den jungen Gymnasiasten neben dem alten Professor, den Holzknecht neben dem Beamten zu sehen.“[20]
[8] Heutiges deutsches Bundeswehr-Sprech. [9] Dazu ausführlich und vollständig bei Jordan, S. 260–473. [10] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Alpenkorps, Bund 58, Akt 2. [11] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 4. Juni 1915. [12] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 29. Mai 1915. [13] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 4. September 1915. [14] „Mir persönlich geht es ausgezeichnet. Ich fahre in der wunderschönen Gegend fast den ganzen Tag herum u. könnte es als reicher Autoprotz im Urlaub nicht schöner haben.“ (Ebd., Krafft an seine Frau, 29. Mai 1915). [15] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), MKr 13533, Bericht des Majors Zacheri zu den deutschen und österreichischen Truppen in Tirol. [16] Vgl. Hebert, S. 20. [17] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 10. Juli 1915. [18] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Nachlass v. Krafft, Nr. 260/I, Krafft an seine Frau, 30. August 1915. [19] Beispielsweise jagte sich ein Oberleutnant v. Feilitzsch beim Spielen mit einer Handgranate selbst in die Luft. [20] Bomhard, S. 68.