Grenzschutz in Tirol
Grenzschutz in Tirol
Die österreichischen Truppen lagen in Tirol entlang einer Linie, die im Halbbogen zwischen Scharljoch und Stilfserjoch im Nordwesten, über Cevedale, Tonale und Pegol nach Süden verlief, dann südlich Rovereto in Richtung Nordosten weiter zum Monte Coppola ging. Dort wandte sie sich nach Norden zum Cimon del Piz und zog sich – in einem Bogen die Marmolata umgehend – südlich von Cortina d’Ampezzo in Richtung St. Lorenzen. Neben der Infanterie verfügte das Landesverteidigungskommando in Innsbruck über insgesamt 31 Artillerie-Batterien, von denen in den Festungen Trient zehn und in Riva 21 Batterien stationiert waren. Die gesamte zu verteidigende Front war in zehn Grenzabschnitte aufgeteilt. Die Rolle seiner Division sah Krafft indes zunächst nicht ausschließlich im bloßen Grenzschutz, sondern als „… Hauptreserve einer ausgedehnten Festung […]. Die Tätigkeit des Alpenkorps wird daher voraussichtlich in kurzen, aber kraftvollen Vorstößen (Ausfällen) in Räume, in die der Feind einzubrechen droht oder eingebrochen ist, bestehen. Im Falle der Notwendigkeit kann freilich auch eine direkte Verstärkung der Grenzverteidigung durch Teile des Alpenkorps unvermeidlich sein.“[1]
[1] Lagebericht, Brixen, 28. 5. 1915 (BHStA, Abt. IV [Kriegsarchiv], Alpenkorps, Bund 12, Akt 1).
Krafft verteilte sein Alpenkorps ab dem 28. Mai zunächst in den erwähnten vier „taktischen Gruppen“ auf den Raum nordwestlich des Cimon del Piz, der Tre Sassi, des Falzere, des Monte Cristallo und der Drei Zinnen. Die Gruppe v. Goetze, benannt nach dem Kommandeur des Jäger-Regiments Nr. 2, lag mit Masse zwischen Cavalese und Tesero, und war mit drei Gebirgs-Maschinengewehr-Abteilungen und der Gebirgs-Kanonen-Batterie Nr. 6 verstärkt. Die Gruppe v. Below lag mit dem Stab der Jäger-Brigade Nr. 2 und dem Jäger-Regiment Nr. 3 um Bozen. Die Gruppe Epp befand sich mit dem Infanterie-Leibregiment bei Bruneck, Klausen und Niederdorf, verstärkt durch fünf Minenwerfer-Abteilungen und Artillerie. Generalmajor v. Tutschek mit dem Stab seiner bayerischen Jäger-Brigade Nr. 1 und dem Jäger-Regiment Nr. 1 sicherte die Straße zwischen Corvara und St. Leonhard. Gebirgs-Maschinengewehr-Abteilungen sowie eine Gebirgs-Kanonen-Batterie verstärkten auch hier die Kernkräfte. Schon diese erste, noch provisorische Truppeneinteilung zeigt die taktischen Vorstellungen Kraffts: Höchstens regimentsstarke Kampfgruppen sollten selbstständig operieren, sie sollten gleichzeitig aber auch in ihrer Zusammensetzung, je nach Auftrag, flexibel sein. Eine äußerst kluge, moderne Vorstellung, denn für den Krieg in den Tiroler Alpen war die gewohnte, starre Organisationsform einer Division in einem eigenen Gefechtsstreifen mit linker und rechter Grenze vollkommen ungeeignet. Mit Maschinengewehren und Gebirgsartillerie verstärkte, schnelle und bewegliche Gefechtsverbände sollten, so der Plan Kraffts, in kurzen, kraftvollen Vorstößen in Räumen, in die der Feind einzubrechen drohte oder in die er bereits eingebrochen war, eine Art offensive Verteidigung führen. Dies ließ sich jedoch nicht realisieren, denn die OHL sah den Auftrag des Alpenkorps aus politischen Gründen wesentlich enger: Die in Tirol dislozierten österreichisch-ungarischen und deutschen Kräfte hatten lediglich den Auftrag, das Eindringen feindlicher Truppen in Tirol zu verhindern. Zudem bestand für die deutschen Soldaten bekanntlich das ausdrückliche Verbot, italienisches Territorium oder italienischen Luftraum zu verletzen. Trotz dieses strikten Verbots flog die FFA 9b am 31. Juli aber den Bombenangriff auf ein italienisches Hauptquartier in Cortina d´Ampezzo (siehe oben). Ein Akt der Gehorsamsverweigerung? – Mitnichten! Die Stadt war im Frühjahr 1915 zwar italienisch besetzt, gehörte völkerrechtlich aber zu Österreich-Ungarn, lag also auf eigenem Gebiet. Und eigenes Gebiet im Krieg zu bombardieren verbot das damalige Völkerrecht groteskerweise nun mal nicht. Die bedeutete für die Soldaten keine unerhebliche Belastung, da sie ihrem Rachebedürfnis, „ihrem Drang zur Betätigung nicht nachgeben durften, […] um den italienischen Verrätern, so wie sie es gewollt hätten, an die Gurgel zu springen.“[2] Stoßtrupp-Unternehmen auf italienisches Territorium aber waren ihnen eben nicht erlaubt.
Ferner sollte danach getrachtet werden, bei einem Aufeinandertreffen deutscher und italienischer Truppen auf Tiroler Gebiet ausschließlich die Italiener als die Aggressoren erscheinen zu lassen. Eine andere Frage ist, ob das Alpenkorps zum damaligen Zeitpunkt nach dem Stand seiner Ausbildung und Ausrüstung zu größeren offensiven Operationen überhaupt in der Lage gewesen wäre.
[2] Von Rango, S. 97.
Als die ersten Verbände des Alpenkorps – „alle gebirgsdiensttauglich, aber nur sehr bedingt geschult und ausgerüstet für den Gebirgskrieg“[3] – in den ersten Junitagen in Tirol eingesetzt wurden, lag auf den Bergen noch teilweise Schnee. Die Unterkunftssituation war so desolat, dass beispielsweise die 1. Kompanie des 2. bayer. Jägerbataillons zunächst biwakieren musste, denn es gab einfach nicht genügend Hütten oder sonstige einigermaßen feste Übernachtungsmöglichkeiten. „Sogenannte verteidigungsfähige Blockhäuser […] in Wildwestmanier aus mehreren Lagen dicker Baumstämme gefügt, mit Schießscharten und Platz für zehn Männer“[4] wurden erst ab Sommer gebaut. Und „schußsichere Unterstände waren fast keine vorhanden. Auch die vorhandenen Unterstände waren wenig günstig angelegt; weithin waren sie dem Feinde sichtbar. […] Die Stellungen mußten deshalb nach den Erfahrungen des westlichen Kriegsschauplatzes umgebaut werden. Eine ungeheure Arbeit auf dem felsigen Boden […]. Aber „[g]lücklicherweise ließen uns die Italiener Zeit für unsere Vorbereitungen.“ [5] Hinzu kamen Sprachschwierigkeiten: „Mit den Tschechen [der k.u.k. Verbände] konnte man sich, abgesehen von einigen Offizieren, überhaupt nicht verständigen [und] ein Teil der Formationen aus Südtirol sprach nur ladinisch.“[6]
Zunächst wurde das Alpenkorps als Reserve zurückgehalten. Diese Zeit wurde dazu genutzt, um die Ausrüstung für den Gebirgskrieg zu vervollständigen und die überwiegend aus dem Flachland stammenden Soldaten mit den Besonderheiten des Gebirgskriegs vertraut zu machen, sie im Wortsinn zu akklimatisieren. Aber was verstand man denn damals unter „Gebirgsausrüstung“? – Rucksack statt Tornister („Affe“), Skifäustlinge, Wickelgamaschen und Schnürschuhe, „Ski-Mütze nach Norweger Art“ statt „Helm mit Spitze“ (vulgo „Pickelhaube“), Eispickel, Steigeisen, beidseitig tragbare weiße Windjacke und Windhose, Karabiner statt Gewehr. Da sich die deutsche Schlittenlafette des MG 08 für das Gebirge als unpraktisch erwies, griff man auf erbeutete französische MG-Dreibeine zurück.[7] Später wurden Krafft zwei österreichische Divisionen und Standschützenformationen zur Verteidigung der Dolomitenfront von den Fassaner Alpen bis nahe Lienz im Pustertal unterstellt. Die Italiener versuchten im Juni und Juli nacheinander an vielen Stellen, die Front der Verbündeten zu durchbrechen. Ihre ersten Stöße richteten sich gegen das Etsch-Tal nördlich Trients, dann auf das Grödener- und das westliche Puster-Tal bei Bruneck. Allmählich griffen sie weiter nach Osten aus und führten schließlich ganze Divisionen ins Gefecht. Alle Angriffe konnten jedoch abgewehrt werden – von bayerischen Schneeschuh-Bataillonen bei Le Selle, bayerischen Jägern am Col di Lana, (dem berühmt-berüchtigten „Blutberg“), ferner bei Stuva, Son Pauses, bei Tre Sassi am Falzarego-Pass und im Travenanzes-Tal in der Tofana-Gruppe. Zuerst hatte das Landesverteidigungskommando Tirol geglaubt, mit Hilfe der deutschen Verstärkung seine Position verbessern zu können. Der im Juni 1915 an manchen Stellen taktisch ungünstige Verlauf der Front sollte in Richtung der italienischen Grenze „ausgeglichen“ werden. Gegen den erklärten Willen der OHL ging Krafft dazu gemeinsam mit dem Alpenkorps und der 90. Infanterie-Truppendivision unter Feldmarschallleutnant Scholz sowie Goigingers Division „Pustertal“ vor. Doch bereits einen Tag nach Beginn des Vormarsches griff die Heeresleitung ein und stoppte das Unternehmen. Das Alpenkorps musste in den gewonnenen Räumen den Angriff einstellen. Lediglich die Gruppe v. Tutschek durfte mit einer Kompanie bis Corvara und zum Monte Stief vordringen. Was blieb, war im Grunde ein starrer Stellungskrieg, wie man ihn im Westen bereits erlebte – aber statt Schlamm dort Felsen hier. Ausgesprochen naiv war allerdings die Vorstellung der OHL, die Anwesenheit deutscher Truppen in Tirol geheim halten zu können bzw. den Charakter ihres Einsatzes als ausschließlich defensiv erscheinen zu lassen.
[3] Gollwitzer, S. 80. [4] Von Rango, S. 90. [5] Gollwitzer, S. 70. [6] Von Rango, S. 58. [7] Nach v. Rango, S. 13.
Bereits am 7. Juni 1915 hatte das Kommando des Alpenkorps die Verantwortung für die Südostfront Tirols übernommen, die vom Kreuzbergsattel bei Sexten quer durch die Dolomiten bis Paneggio im Val Travignolo reichte. In diese nur von schwachen österreichischen Kräften besetzten Linie schoben sich die Truppen des Alpenkorps ein:
„Exzellenz Dankl beauftragte mich heute mit der Verteidigung von S[üd]. O[st]. Tirol von Monte Coppolo nordöstlich Grigno bis westlich Lienz […]. Mein Auftrag lautet: mit den unterstellten Kräften die derzeit in den Subrayonen IV und V besetzten Verteidigungsstellungen dauernd zu behaupten und ein Vordringen der Italiener gegen die Eisenbahn Sillian – Franzensfeste – Bozen unbedingt zu verhindern.“[8]
24 Stunden zuvor war ein italienischer Angriff im Südwesten des Abschnittes abgewiesen worden.
Die politisch gewollte Selbstbeschränkung der Deutschen zusammen mit der zahlenmäßigen Schwäche der Österreicher und natürlich das gebirgige Gelände verhinderten größere Operationen. Stoßtrupp- und Patrouillenunternehmen mit aus Standschützen, Gendarmerie- und Finanzwachtassistenzen, Landesschützen und Alpenkorpssoldaten bunt zusammengewürfelten Trupps, Gruppen oder bestenfalls Zügen bestimmten das Kampfgeschehen.
[8] BHStA, Abt. IV (Kriegsarchiv), Alpenkorps, Op 242 vom 6. Juni 1915 an OHL in Pless (BHStA, Abt. IV [Kriegsarchiv], Alpenkorps, Bund 19, Akt 1).
Das Deutsche Alpenkorps auf dem Durchmarsch in Richtung Fleimstal am San-Lugano-Pass
Foto: Sammlung Michele Simonetti
Wären es nicht so brutale, grausame Kämpfe[9] voller Hass aufeinander, zum Teil auf Handgranatenwurfweite und bis auf Nahkampfentfernung Mann gegen Mann gewesen, könnte man das Ganze fast als ein „Cowboy und Indianerspiel“ beschreiben. Nichts aber wäre falscher als eine solche verharmlosende Sichtweise! Auf Aktionen folgten Gegenaktionen der jeweils anderen Seite, fast immer vor dem Hintergrund massiven italienischen Artilleriefeuers.[10]
„In dem wütenden Einzelkampfe, der sich hiebei [sic] [am Col di Lana entspann, wurde kein Pardon gegeben. Besonders die Pioniere machten [im Kampf Mann gegen Mann] mit Pickel und Spaten ganze Arbeit.“[11] Bei dieser Aktion fielen 45 Soldaten, davon neun Standschützen.
Bis in den Oktober hinein lagen die Truppen des Alpenkorps in ihren Stellungen. Die Frontlänge umfasste beinahe 100 Kilometer. Der Abschnitt begann nördlich des Cadinjochs, wo die halbe württembergische Gebirgs-Kanonen-Batterie Nr. 6 stand, und ging weiter durch das Fleimstal mit der Radfahrer-Kompanie des Jäger-Regiments Nr. 2 bis Predazzo. Ostwärts des Fassa-Tals lagen das I. Bataillon und Teile des III. Bataillons/Jäger-Regiment Nr. 3. Östlich des Campolungo war mit einem Geschützzug mit 15 cm-Haubitzen und mit zwei Batterien mit leichten Feldhaubitzen ein Artillerie-Schwerpunkt gebildet worden. Südostwärts von Collfuschg und St. Cassian lagen das hannoversche Reserve-Jägerbataillon 10 und Batterien der Garde-Feldartillerie-Abteilung 204, der bayerischen Gebirgs-Kanonen-Abteilung 2 und der preußischen Feldartillerie-Abteilung 187 in Stellung. Das bayerische II. Jägerbataillon und das bayerische I. Jägerbataillon sicherten von der Fanesspitze bis zum Ausgang des Vallo d’Ampezzo. Bis zum Eintreffen der Deutschen hatten österreichische Landsturmtruppen bzw. Standschützenbataillone die Stellungen besetzt.[12] Auf der Tofana patrouillierten Kommandos des II. Bataillons des Jäger-Regiments 3. In 3.200 Metern Höhe mussten sich die Soldaten dort manchmal ohne jede Unterkunft bis zu 72 Stunden bei Wind und Schneetreiben aufhalten. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen, und so fielen weniger Männer durch den Feind als vielmehr durch Unfälle, Überanstrengungen und Krankheiten bis Ende Juli 242 Unteroffiziere und Mannschaften im Alpenkorps aus; fünf Offiziere sowie 79 Unteroffiziere und Mannschaften starben. Östlich der Dreischusterspitze und nördlich der Rothwand lagen zwei Bataillone des bayerischen Infanterie-Leibregiments, unterstützt durch eine (!) Haubitze der preußischen Fußartillerie-Batterie 102 und Batterien der Feldartillerie-Abteilung 187. Seit Ende Juni hatte über dem Sextental die 8. Batterie der Gebirgs-Kanonen-Abteilung ihre Feuerstellung. Ihr Batteriechef ließ seine Geschütze in knapp 2.700 Metern Höhe in der Nähe des Paternkofels und auf dem Altstein (2.909 m) unangreifbare Stellungen beziehen, von denen aus es gelang, vereinzelte italienische Angriffe abzuwehren. Um die zerlegbaren 7,5 cm-Gebirgskanonen im Altsteinmassiv zu transportieren, mussten die einzelnen Geschütz-„Lasten“ (Baugruppen[13]) auf Schlitten durch eine etwa 1.000 Meter lange Schneerinne gezogen werden. Zwischen Eisenreich und Winklerjoch gingen das III. Bataillon des Infanterie-Leibregiments und die 2. Radfahrer-Kompanie in Stellung.
[9] „Ein Jäger, um ein Beispiel zu nennen, erhielt einen Kopfschuß mitten durch die Stirn, […] in elfenbeinerner Weiße klafften die inneren Seiten der Gehirnschale auseinander, und als ich ihn abstützte, rutschte völlig kompakt seine ganze Gehirnmasse über meine Gamaschen.“ In: Gollwitzer, S. 84. [10] Nach Gollwitzer, S. 78. [11] Gollwitzer, S. 79. [12] Vgl. Gollwitzer, S. 89. [13] Zum Beispiel Rohr, Ober- und Unterlafette, Verschluss oder den/die Holm(e).
Ihren ersten größeren Angriff trugen die Italiener erst am 8. Juli mit etwa drei Bataillonen gegen den Col di Lana vor – er wurde indes bereits im Keim erstickt und kam fünf Tage später endgültig zum Erliegen. Am 6. September 1915 meldete das Alpenkorps einen italienischen Angriff im Sextengebiet von Burgstall bis Pfannspitze. Auch hier wurde der Feind blutig abgewiesen: Vor der Front will man über 600 tote und verwundete Italiener gezählt haben, während die eigenen Verluste mit 40 Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften angegeben wurden.
Insgesamt war die Gefechtstätigkeit des Alpenkorps in dieser Phase eher gering. Die Division diente primär dazu, dem Verbündeten den Rücken zu stärken. Ohne die Einbindung des Deutschen Alpenkorps wäre jedoch ein italienischer Durchbruch im Dolomiten-Raum durchaus möglich gewesen.
Ende September begann der Winter. Am 4. Oktober meldeten die Einheiten in den Höhenstellungen bereits einen Meter Neuschnee. Trotz gewisser Vorbereitungen für den Winter im Hochgebirge sah die Zukunft des Alpenkorps unter solchen Umständen nicht sehr rosig aus. Als am 12. Oktober die bisherigen Stellungen an das Landesverteidigungskommando Tirol übergeben wurden, war man im Grunde noch einmal glimpflich davongekommen. Auch wenn die Ausstattung mit Artillerie für die lange Verteidigungslinie eher knapp war – besonders der Mangel an steilfeuerfähigen schweren Haubitzen und an zerlegbaren Gebirgshaubitzen wurde gegenüber der OHL stets beklagt –, so war sie, wie wir gesehen haben, doch reichlicher als bei anderen Divisionen. Die Motorisierung dürfte beim Alpenkorps hingegen einmalig gewesen sein: Wohl kein deutscher Großverband war in jener Zeit so reichlich mit Kraftfahrzeugen gesegnet. Der große Parkplatz vor dem „Hotel Elephant“ war denn auch entsprechend rege frequentiert. Auch die Ausbildung war seit dem Juni stets verbessert worden, so dass der neu eintreffende Ersatz bereits durchaus gebirgskampftauglich war. Nach wie vor unzulänglich war die persönliche Ausrüstung der Soldaten. Hinzu kam, dass die Stellungen, aus denen sie kämpfen mussten, selbst für sommerliche Verhältnisse dafür eindeutig schlechter geeignet waren als diejenigen der Italiener. Insgesamt jedoch war aus dem Alpenkorps mittlerweile eine durchaus gebirgsverwendungsfähige Division geworden und keine Lehr- und Versuchstruppe mehr.
Von der eher unwirschen Bemerkung Falkenhayns, man suche die Kriegsentscheidung nicht unbedingt in Tirol, sondern woanders, war schon die Rede, und in der Tat richteten sich zwischen dem 22. September und dem 14. Oktober 1915 an der Somme starke französische und britische Angriffe gegen die Gräben der preußischen 3. und der bayerischen 6. Armee. In Serbien, wo die österreichische Offensive bei Kriegsbeginn so grandios gescheitert war, hatte zudem eine Operation zur Stabilisierung der dortigen Front begonnen. Dazu mussten die Mittelmächte jetzt Kräfte frei machen. Und wo gab es nennenswerte Truppen, die Falkenhayn gerade ein wenig unterbeschäftigt schienen? – Richtig, in Tirol, denn Cadorna agierte dort operativ nach wie vor eher phlegmatisch.
Kraftwagenkolonne 625 in Bozen, Waltherplatz
Foto: Sammlung Peter Tschernegg/Dornbirn
Falkenhayn schickte deshalb am 21. September ein etwas scheinheiliges Telegramm an Krafft. Er wollte wissen, wie viele von seinen vier Gebirgs-Minenwerfer-Abteilungen das Alpenkorps an einen anderen Kriegsschauplatz abgeben könne, denn die Italiener hätten Kräfte von der österreichisch-ungarischen Front abgezogen. Angesichts der ohnehin als wenig leistungsfähig eingestuften italienischen Truppen und vor dem Hintergrund des rapide herannahenden Gebirgswinters drängte sich dem Chef der OHL die Frage auf, ob so starke Kräfte, wie sie das Alpenkorps auf diesem Nebenkriegsschauplatz band, wirklich notwendig waren. Seine Folgerung: Nicht nur die anfänglich gewünschten (oder vorsichtig vorgefühlten) vier Minenwerfer-Abteilungen, nein – wenn schon, denn schon – wenigstens die Hälfte des Alpenkorps sollte als Kader für eine neue Division aus Tirol abgezogen werden. Wenn aber schon Kräfte freigemacht werden mussten, dann solle man – worin ihn Krafft tatsächlich unterstützte – gleich das ganze Alpenkorps aus Tirol abziehen und geschlossen und nicht in Einzelteile zerfleddert an die Westfront verlegen, denn hier suchte die Entente die Entscheidung. Nach ihrer Verwendung als „Korsettstange“ für den Bündnispartner schien demnach für die deutsche Gebirgstruppe als nächstes ein Einsatz in der Schlamm- und Trichterwüste der Westfront, genauer gesagt: an der Somme, bevorzustehen. Entsprechende Hinweise Falkenhayns sowie sein Telegramm ließen dies in Brixen jedenfalls befürchten. Krafft entgegnete in seiner Antwort zwar, ihm sei nichts bekannt, was auf einen Abzug des Feindes von der Tiroler Front hindeute, lenkte dann jedoch ein. Österreich könne, wenn man ihm die deutsche 10 cm- und gegebenenfalls auch die 15 cm-Artillerie überlasse, den Grenzschutz auch selbst übernehmen und seine Grenze jetzt alleine sichern.
Es mag dahingestellt bleiben, wie ernst es Falkenhayn mit seinen Zweifeln an der Fähigkeit des Alpenkorps zum Gebirgs- und Winterkampf wirklich war. Aber feststeht, dass er dessen Eigenart einerseits nicht verstand und andererseits die speziellen Fähigkeiten dieser Division zunächst nicht einordnen konnte. Er plante daher, sie wie eine normale „Feld-, Wald- und Wiesen“-Infanteriedivision gegen Frankreich einzusetzen. Nach dem Vorschlag Kraffts ließ die OHL die schwere Feldhaubitzen-Batterie Nr. 102 (15 cm) und die Kanonen-Batterie Nr. 104 (10 cm) samt ihren Kolonnen in Tirol zurück. Darüber hinaus verlor das Alpenkorps fast seinen gesamten Kraftfahrzeugbestand: den Etappenkraftwagenpark mit PKW-Kolonne sowie die Etappenkraftwagenkolonnen 13, 14 und 15. Die k.u.k. 8. Infanterie-Truppendivision erhielt als ablösender Verband 16.000 ausgeliehene Tragtiere zurück sowie 5.000 Pelzmäntel, dazu ebenso viele Paare Filzstiefel und 24.000 Wolldecken, die man ebenfalls von den Österreichern ausgeborgt hatte. In Tirol blieben ferner zwei Maschinengewehr-Abteilungen und die Pionierpark-Kompanien 9 und 13. Waffen und Gerät der Gebirgs-Maschinengewehr-Abteilungen 201, 203, 207 und 208 wurden an die bulgarische 2. Armee abgegeben. So „gerupft“ sollte das Alpenkorps zunächst ins „Generalgouvernement Belgien“ verlegen. Nach einem Befehl vom 11. Oktober 1915 wurde es aber in den Raum südlich von Mézières zur Verfügung der OHL beordert. Der Abzug es Alpenkorps erfolgte zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt, da die Vorbereitungen für einen Winterkrieg noch lange nicht abgeschlossen waren und jetzt weiter verzögert wurden. Zurück blieben außer der von Krafft vorgeschlagenen schweren Feldhaubitz- und Kanonen-Batterie samt ihren Kolonnen nur zehn Gebirgsmaschinengewehrabteilungen. Besonders unangenehm machte sich gerade der Abgang der Masse der Artillerie bemerkbar, da kein gleichwertiger Ersatz gestellt werden konnte.
Der Abzug des Deutschen Alpenkorps wurde von den k.u.k. Truppen aufrichtig bedauert, hatten sie doch Freud und Leid, Not und Tod zu enger und treuer Kameradschaft vereint. In der ersten Notzeit bildeten die jungen, kräftigen und kampferprobten Soldaten die Stütze der aus einerseits sehr jungen und andererseits älteren sowie weniger frontdiensttauglichen oder gar ungedienten Männern zusammengesetzten Landsturm-, Landesschützen und Standschützen-Bataillone. Die Deutschen wiederum erwarben sich von den gebirgsgewohnten österreichischen Soldaten in hohem Maße die für den Krieg im Hochgebirge unentbehrlichen alpinen Kenntnisse.
Feldgendarmerie
Foto: Sammlung Peter Tschernegg / Dornbirn
Hatte denn das Alpenkorps etwas verändert? Hatte das Alpenkorps überhaupt etwas bewirkt? Durchaus! Denn zum einen waren die Italiener tatsächlich daran gehindert worden, nach Bayern durchzubrechen. Ob das ohne die Alpenkorps-Division und nur mit den verfügbaren milizartigen Orts- und wenigen regulären Kräften gelungen wäre, ist zumindest fraglich. Deutlich sichtbare – „nachhaltige“, wie man heute politisch korrekt sagen würde – Spuren hinterließen die Deutschen hinsichtlich der Verbesserung der Tiroler Verkehrsinfrastruktur. Als sie im Herbst 1915 abzogen übergaben sie den Österreichern ein für die damaligen Verhältnisse sehr gut ausgebautes Netz aus befestigten Wegen, Autostraßen und sogar Seilbahnen, „auf denen die elektrische Kraft die Bedürfnisse der Feldwachen leicht und spielend über schwindelnde Tiefen hinweg heraufbeförderte.“[14] Für deren Bau wurden neben ungarischen Arbeitertrupps und Ruthenen übrigens auch tausende russische Kriegsgefangenen herangezogen[15] – was nach damaligem Völkerrecht legitim und legal war. Auch waren diese Russen keine rechtlosen Zwangs-Arbeitssklaven wie ihre unglücklichen Kameraden im nächsten Weltkrieg.
[14] Von Rango, S. 103. [15] Ebd., S. 63 u. S. 68.
Hatte sich die Alpenkorps-Division selbst in dem halben Jahr in Tirol verändert? Allerdings! Nicht nur, dass aus einer zusammengestöpselten „Lehr- und Versuchsdivision“ ein auf den Krieg im Gebirge spezialisierter, selbstbewusster Elite-Großverband mit einem ganz eigenen Korpsgeist geworden war. Die geographischen und klimatischen Besonderheiten dieses Kriegsschauplatzes, ferner der Umstand, dass das Alpenkorps über etwa 100 Kilometer Frontlänge disloziert war, es von Anfang an in selbstständig agierende „taktische Gruppen“ aufgeteilt war, seine Angehörigen über Monate hinweg mit den Einheimischen zusammenlebten und so auch deren Sitten, Gebräuche und Eigenheiten kennenlernten und – nicht zu vergessen – dass man sich offiziell gar nicht im Krieg mit den Italienern befand, hatte natürlich auch Auswirkungen auf sie. Vor allem die Art der taktischen Gefechtsführung, die praktisch nichts mit dem gemein hatte, was man von den „normalen“ Fronten her kannte, zwang die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, sich umzugewöhnen. Aber was heißt hier „zwang“? Der Dienst in der Gebirgstruppe war, unabhängig von der Führungsebene, für nicht wenige auch eine willkommene Chance, aus dem engen Korsett der Dienstvorschriften (wozu auch die Anzugsordnung zählte) auszubrechen und die Luft der taktischen und operativen Freiheit der Auftragstaktik zu schnuppern. Das Alpenkorps entwickelte mit seinen bayerischen und nichtbayerischen Anteilen eine hohe Anpassungsfähigkeit, Selbstständigkeit im Denken und Handeln, die es ihm ermöglichte sich auch in schwierigsten neuen Verhältnissen rasch zurecht zu finden.[16]
[15] Ebd., S. 63 u. S. 68. [16] Nach Krafft/Feser, S. 71.
Die enge personelle Verzahnung mit den Tirolern, deren Mentalität im Vergleich zur preußischen im Schnitt viel lockerer, viel „ziviler“ war wirkte sich natürlich auch auf die deutschen Soldaten aus. Die formale Disziplin, das „Kasernenhof-mäßige“, traten – normative Kraft des Faktischen – zunehmend in den Hintergrund. Was hier in den Bergen wirklich zählte waren der Zusammenhalt untereinander, die Kameradschaft, das gemeinsame Ziel bzw. der jeweilige Auftrag. Anders wäre es auch nie gelungen, mit hinsichtlich der Kampfkraft[17] weit unterlegenen Kräften die Italiener am Durchbruch durch Tirol nach Süddeutschland zu hindern. Dass Cadorna mit seiner operativen Lethargie das seine dazu beitrug, dass den Soldaten der Mittelmächte Zeit genug blieb, ihre Stellungen auszubauen[18], ihre Kräfte jeweils umzugruppieren und ihren Ausbildungsstand zu erhöhen, war dabei auch nicht von Nachteil. Anders ausgedrückt: Das Alpenkorps wirkte, als es an die Westfront zurückverlegte, wie ein Fremdkörper in der preußisch dominierten Armee: abgetragene, oft sogar zerschlissene Uniformen, die mehr wie Räuberzivil aussahen, ein ziemlich hemdsärmeliger Umgangston gegenüber den Vorgesetzten und ein Fuhrpark, dessen Pferde eher wie aus der Zeit Dschingis Khans oder Kublai Khans wirkten.
Als das für die Westfront völlig ungeeignete Alpenkorps im Frühjahr 1916 an der Verdun-Front eingesetzt wurde, wurde die Division binnen weniger Wochen praktisch aufgerieben!
[16] Nach Krafft/Feser, S. 71. [17] Man unterscheidet in der Taktik zwischen Kampfkraft und Gefechtswert. Grob gesagt: Unter Kampfkraft versteht man alles, was man zählen kann, zum Beispiel die Zahl der Soldaten, wie viele Geschütze mit welcher Feuerkraft usw. Der Gefechtswert wird bestimmt durch beispielsweise Motivation der Soldaten oder die aktuellen Umweltbedingen: Ein Panzer hat zunächst einmal eine hohe Kampfkraft. Auf verschlammtem Untergrund, im Gebirge, in einem Wald mit einer hungrigen, missmutigen Besatzung, die nicht weiß, was das Ganze soll, ist sein Gefechtswert aber gering. [18] Vgl. Schemfil, S.79.