18. Mai 1915: „… zur dauernden aktiven Dienstleistung einberufen“
18. Mai 1915: „… zur dauernden aktiven Dienstleistung einberufen“
In Tirol befanden sich zu diesem Zeitpunkt von den für die Landesverteidigung vorgesehenen Landesschützen- und Landsturm-Verbänden durch deren Verwendung am östlichen Kriegsschauplatz nur noch einige Marschbataillone im Land, vor allem auch als Besatzungen der Grenzbefestigungen. Daneben standen noch Marschbataillone der Kaiserjäger, der Infanterieregimenter 14 und 59 und ein paar Reservebataillone ungarischer und serbischer Verbände und zwei tschechische Landsturmbataillone in Tirol.[1]
Alles in allem bedeutete dies eine Streitmacht von etwa 17.000 sogenannten Feuergewehren[2], über die der neu ernannte Landesverteidigungskommandant von Tirol, General der Kavallerie Viktor Dankl, verfügte. Dem standen zwei italienische Armeen mit etwa 190.000 Feuergewehren gegenüber. Die Front war in fünf Verteidigungsabschnitte gegliedert:
Rayon I Ortler
Rayon II Tonalepaß
Rayon III Judikarien und Etschtal
Rayon IV Fleimstal
Rayon V Pustertal
Diese erstreckten sich über 350 km, also etwa 50 Feuergewehre pro Kilometer![3]
Hier kamen nun die Standschützen zum Einsatz. Von den ungefähr 60.000 Schützen, die im Jahr 1913 immatrikuliert bzw. einrolliert waren, verblieben durch die Einberufungen zu den Landesschützen und zum Landsturm im Jahr 1915 noch etwa 24.000. Das waren die Jahrgänge unter 21 Jahren und von 43 bis 60 Jahren, womit bei der Aufbietung der Standschützen jedenfalls vom „allerletzten Aufgebot“ Tirols und Vorarlbergs gesprochen werden kann.[4]
Mit dem eigentlichen Ziel, Bayern vor einem durchaus möglich scheinenden italienischen Durchstoß durch Tirol zu schützen, wurde im Mai 1915 das „Deutsche Alpenkorps“ unter dem bayerischen Generalleutnant Konrad Krafft von Dellmensingen mit einer Stärke von etwa 10.000 Feuergewehren aufgestellt und bis Ende Mai nach Südtirol mit dem Kommando in Brixen verlegt, um die äußerst bedrohliche Lage etwas zu entspannen. Die Sache war allerdings politisch sehr riskant, da sich Deutschland im Mai 1915 noch nicht im Krieg mit Italien befand.[5]
Nachdem Italien am 3. Mai 1915 aus dem Dreibund ausgetreten war, rechnete Österreich mit einem baldigen Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente. Daher richtete der Armeeoberkommandant Erzherzog Friedrich am 17. Mai an Kaiser Franz Joseph die Bitte, die Aufstellung der Formationen der Standschützen in Tirol und der freiwilligen Schützen in Innerösterreich „allergnädigst“ anzuordnen.[6]
[1] Vgl. dazu den Beitrag von Gerhard Artl, Das italienische Heer beim Kriegseintritt.. [2] Anm. d. Verf.: „Feuergewehre“ bedeuten „an der Front einsetzbare Gewehre“. [3] Vgl. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck: Tiroler Standschützen, S. 66–69. [4] Vgl. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck: Tiroler Standschützen, S. 70. [5] Vgl. dazu den Beitrag Thomas Müller, Das Deutsche Alpenkorps in Tirol. [Anm. d. Verf.: Der Beitrag beleuchtet auch ausführlich das „Zusammenspiel“ der deutschen Berufssoldaten mit den Standschützen.] [6] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.288, 17. Mai 1915, ÖStA/KA.
„Alleruntertänigster Vortrag“ zur Einberufung der Standschützen vom 17. Mai 1915
Foto: Österreichisches Staatsarchiv/Kriegsarchiv (ÖStA/KA)
Die Militärkanzlei Kaiser Franz Josephs reagierte unmittelbar: Am Folgetag, dem 18. Mai 1915, um 11:20 Uhr ordnete der Kaiser telegrafisch die Aufstellung der „Standschützen in TIROL und der Freiwilligen Schützen in Inner-Oesterreich“ an.[7] Die Vorarlberger Standschützen waren von dieser Einberufung natürlich gleichfalls betroffen.
Diese „allerhöchste Anordnung“ des Kaisers wird in der Literatur nicht zitiert – mit Ausnahme der Standardarbeit über die Vorarlberger Standschützen.[8] Zudem sind auch in den sonst zur raschen Verbreitung derartiger Anordnungen verwendeten Tageszeitungen fast keine Hinweise zu finden. Eine Ausnahme bildet ein kurzer Hinweis im Bregenzer Tagblatt vom 18. Mai 1915:
„Bregenz: 17. Mai. (k.k. Landeshauptschießstand.) Morgen Dienstag, den 18. Mai, abends 6–7 Uhr haben diejenigen Schützen der Feldformation, welche teilweise oder nicht ausgerüstet sind, Montur und Rüstung im neuen Knabenschulgebäude bestimmt zu übernehmen. Zur Feldformation gehören all jene immatrikulierten Standschützen, welche nicht schon der Ersatzformation überwiesen sind.
Mittwoch, den 19. Mai haben alle Schützen der Feldformation mit neuer Uniform, voller Ausrüstung, Ueberschwung, ohne Gewehr zur Musterung im neuen Knabenschulgebäude um halb acht Uhr abends anzutreten.“[9]
Im Vorarlberger Landesarchiv existiert allerdings ein eindeutiges Aktenstück: Darin wird in einem Aktenstück des „k.u.k. Militärkommandos in Innsbruck“ – ausgestellt am 20. Mai 1915 – klar ausgeführt:
„Auf allerhöchste Anordnung wurden die Standschützen in Tirol und Vorarlberg, sowie die freiwilligen Schützen in Salzburg und Oberösterreich zur dauernden aktiven Dienstleistung einberufen.“[10]
Zugleich wurden
„[a]uf Grund des Erl. des k.k. Min. f. L. V. Präs. Nr. 8404/VII vom 118./5. L.J […] alle in die Standschützenformationen (Feldformationen sowie Wach- und Ersatzabteilungen eingeteilten immatrikulierten Standschützen von jedweder Musterung (Lstmusterung) bis auf weiteres enthoben.“[11]
Leutnant Anton von Mörl, Adjutant des Standschützenbataillons Innsbruck I, beschrieb den Grund für diese sozusagen „geheim gehaltene“ Anordnung: Die sonst üblichen Methoden zur Information der Standschützen zu ihrem „Einrücken“ durften „offiziell“ nicht bekannt gemacht werden, also weder plakatiert noch in den Zeitungen abgedruckt werden – der zitierte „kryptische“ Artikel in Bregenz weist darauf hin.
[7] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.336, 18. Mai 1915, ÖStA/KA. [8] Vgl. Peter Tschernegg/Sigi Schwärzler, Vorarlbergs Standschützen im 1. Weltkrieg, S. 27 ff. [Anm. d. Verf.: Der Verfasser verdankt das in dieser Arbeit zitierte Aktenstück aus dem Vorarlberger Landesarchiv seinen beiden Kollegen Sigi Schwärzler und Peter Tschernegg.] [9] Bregenzer Tagblatt, 18. Mai 1915. Jg. 30, Nr. 110, https://alex.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=btb&datum=19150518&seite=1&zoom=33 [Stand: 20. Oktober 2025]. [10] K.u.k. Militärkommando in Innsbruck, Präs. Nr. 9808: Standschützen in Tirol u. Vorarlberg, freiw. Schützen in Oberösterr. u. Salzburg zur dauernden Dienstleistung einberufen, Vorarlberger Landesarchiv (VLA), Akte Standschützen; Zit. nachPeter Tschernegg/Sigi Schwärzler, Vorarlbergs Standschützen im 1. Weltkrieg, S. 29. [11] K.u.k. Militärkommando in Innsbruck, Präs. Nr. 9808: Standschützen in Tirol u. Vorarlberg, freiw. Schützen in Oberösterr. u. Salzburg zur dauernden Dienstleistung einberufen, Vorarlberger Landesarchiv (VLA), Akte Standschützen, Bestand Peter Tschernegg/Dornbirn.
Standschützen-Einberufung und Enthebung von Landsturmmusterungen in Vorarlberg
Foto: Vorarlberger Landesarchiv (VLA)
In den wesentlichen Tiroler Tageszeitungen erschienen dann auch keine ähnlichen Anweisungen. So mussten die Kommandanten der Standschützenformationen ihre immatrikulierten Mitglieder durch Boten von ihrem Dienstantrittsbefehl informieren.
Zusätzlich gab es beträchtliche Mängel und Probleme mit der Ausrüstung für die Formationen. Trotzdem wurden innerhalb von wenigen Tagen über 30.000 Mann aufgeboten, was laut Mörl umgehend die Begehrlichkeiten des Armeeoberkommandos geweckt hätte, das für die Kämpfe im Osten absolut jeden Mann gebraucht hätte. Daher habe das Landesverteidigungskommando in Innsbruck die Zahl der aufgebotenen Standschützen geheim gehalten, zumal die Situation für Tirol aufgrund des jeden Moment erwarteten Kriegseintritts Italiens äußerst bedrohlich war und die Südgrenze weitestgehend von einsatzbereiten Truppen entblößt war. Die tatsächlich im Mai 1915 aufgebotene Zahl an Standschützen war denn auch beträchtlich.
Der damalige Generalstabschef der Tiroler Landesverteidigung, Oberst Rudolf Pfersmann (von Eichenthal), nannte in einer späteren militärwissenschaftlichen Arbeit die Zahl von
38.370 Standschützen – das waren mehr Soldaten, als ein Armeekorps in voller Kriegsstärke erreichte[12] –, von denen dann aber eine hohe Zahl vor allem durch ihr Alter absolut nicht mehr feldverwendungsfähig war und daher bald ausgemustert wurde.
Zudem sollte Italien durch die Aufbietung der Standschützen wohl auch nicht zu einem raschen Angriff „gereizt“ werden. Die italienische Heeresleitung traute den Standschützen wahrscheinlich ebenso wenig Kampfwert zu wie die österreichische. Es sollte anders kommen!
Nach der Mobilisierung der Standschützen am 18. Mai 1915 waren die Bataillone und Kompanien innerhalb weniger Tage abmarschbereit und die Feldformationen rückten großteils bereits am 22. Mai – dem Tag vor der italienischen Kriegserklärung – in ihre Einsatzräume ab. Einige Bataillone in Südtirol sollen bereits am Tag nach der Mobilisierung, somit am 19. oder 20. Mai, in ihren vorgesehenen Räumen eingetroffen sein.[13]
[12] Vgl. Anton von Mörl, Standschützen verteidigen Tirol 1915–1918, S. 13–16. [13] Vgl. Wolfgang Joly, Standschützen, S. 36 ff.
Eine Übersicht über die bezogenen Einsatzräume der Standschützenformationen (Bataillone und selbstständige Kompanien); ist im folgenden Kapitel „Die Einsatzräume der Tiroler und Vorarlberger Standschützen“ enthalten.
Die Aufzählungen der Verbände (Bataillone) und Einheiten (Kompanien) sind in der eigentlich überschaubaren Literatur über die Standschützen keineswegs einheitlich:
- Die Standardarbeit über die Standschützen von Dr. Wolfgang Joly nennt 39 Deutschtiroler Bataillone (samt den beiden deutsch-ladinischen Bataillonen Enneberg und Gröden) und zwei selbstständige Kompanien. In Vorarlberg wurden sechs Bataillone aufgestellt und in Welschtirol vier Bataillone sowie 41 teilweise selbstständige Formationen in Abteilungs- und Kompaniestärke samt zwei ladinischen Kompanien aus dem Fassatal. Somit wurden zu Pfingsten des Jahres 1915 insgesamt 47 Deutsch- und 45 Welschtiroler Verbände bzw. Einheiten aufgeboten. Die Gesamtzahl der Welschtiroler Formationen ist nach Joly allerdings nicht mehr mit gänzlicher Sicherheit nachzuweisen.[14]
- Der Arbeit von Dr. Erich Egg zufolge gliederten sich die Standschützen in 43 Bataillone und 3 selbstständige Kompanien. Die Welschtiroler Standschützenformationen werden im Katalog der Standschützen-Ausstellung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum im Jahr 1965 nicht detailliert aufgezählt.[15]
- Gemäß einer beachtenswerten Seite auf Wikipedia wurden 39 Bataillone und 2 selbstständige Kompanien in Nord-, Süd- und Osttirol, 4 Bataillone und 40 selbstständige Kompanien in Welschtirol sowie 6 Bataillone in Vorarlberg aufgestellt.
- Einen hohen Zuverlässigkeitsgrad hat naturgemäß die Arbeit „Der Krieg in Tirol 1915/1916“ des ehemaligen Generalstabschefs des Landesverteidigungskommandos Tirol, Feldmarschallleutnant Cletus (von) Pichler. In der 1924 erschienenen Arbeit spricht Pichler von 46 Standschützenformationen, die Ende Mai 1915 im Feld standen, wobei der Feldmarschallleutnant die Welschtiroler Formationen zweifellos nicht mitgezählt hatte, da diese nach Pichler vorwiegend Hilfsdienste zu verrichten hatten.
Unterschiedlich sind auch die Gesamtzahlen der am 18. Mai zum „dauernden aktiven Dienstleistung einberufenen“ Standschützen, wobei die von Wolfgang Joly dokumentierte Gesamtzahl am 19. Mai 1915 nach den Aufzeichnungen des Militärkommandos Tirol insgesamt 24.173 Mann Verpflegsstärke und 23.700 Mann Gefechtsstärke betrug.[18]
Die von Anton von Mörl bereits oben erwähnte Gesamtzahl von 38.370 Mann, die Oberst Pfersmann in einer späteren Arbeit nennt, dürfte sich auf den theoretischen Stand der Tiroler und Vorarlberger Standschützen bis zur tatsächlichen Einberufung am 18. Mai 1915 beziehen, also Abzug der Einberufungen zu den Landesschützen und zum Landsturm.
[14] Vgl. Wolfgang Joly, Standschützen, S. 37 f. [15] Vgl. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck: Tiroler Standschützen, S. 74–78. [16] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/K.k._Standschützen [Stand: 2. November 2025]. [17] Vgl. Cletus Pichler Der Krieg in Tirol 1915/1916. Geschichte Tirols von 1848–1916, hg. v. Dr. Rudolf Granichstaedten-Cerzva, Bd. I, Innsbruck 1924, S. 32. [18] Vgl. Wolfgang Joly, Standschützen, S. 39.
Der Zeitzeuge und Bataillonsadjutant Leutnant Dr. Anton von Mörl erinnerte sich in seiner Arbeit eher ungern an eine „Kommission“, die in den ersten Tagen der Einberufung nur Männer „für überflüssige Wachdienste“ wegmusterte, womit die Einteilung von augenscheinlich nicht für den Kriegseinsatz tauglichen Standschützen in die „Standschützen Wach- und Ersatz-Formation“ gemeint war. Beim Standschützenbataillon Innsbruck I fand diese Inspizierung gemäß Mörls Erinnerungen am 22. Mai 1915 kurz vor Mittag statt. Am Abend desselben Tages wurde das Bataillon per Eisenbahntransport nach Innichen transportiert, wo es am frühen Morgen des 23. Mai eintraf. Dort wurde es jedoch nicht umgehend in den von Oberst Schießler versprochenen „betonierte[n] Schützengräben in zweiter oder dritter Linie“ eingesetzt, sondern kam sofort in Stellungen im Hochgebirge.[19]
Mit diesen Erinnerungen eines Standschützenoffiziers zeigt sich eine erste Diskrepanz zur „Instruktion für die Inspizierung der Standschützenformationen“. Die lesenswerten Erinnerungen der Standschützenoffiziere Major Dr. Johann Nepomuk (Baron) di Pauli (von Treuheim) (1874–1931), Kommandant des Bataillons Kaltern, und jene des Leutnants Dr. Anton (von) Mörl (1883–1958) bezeugen in zahlreichen Fällen, dass weder die Standschützenoffiziere noch die Standschützen selbst durch die Berufsmilitärpersonen aller Dienstgrade besonders ernst genommen wurden und gerade die Offiziere häufige Schmähungen und Zurücksetzungen erlebten. Besonders im ohnehin sensiblen Bereich der Verleihung von Auszeichnungen war nach Mörl klar zu erkennen, dass den Standschützen praktisch grundsätzlich ein niedrigerer Grad einer Auszeichnung verliehen wurde, als ihnen aufgrund ihrer Leistung eigentlich zustehen würde. Major di Pauli wiederum erlebte häufig, dass sich auch rangniedrigere Offiziere aller Nationalitäten der k.u.k. Armee gegenüber einem Standschützen-Major als Vorgesetzte fühlten und sich dementsprechend benahmen.
Es war für einen Gutteil der k.u.k. Offiziere offenbar „denkunmöglich“, dass die Offiziere, Unteroffiziere und Chargen der Standschützen von ihren Untergebenen in freien Wahlen gewählt worden waren, anstatt wie sie selbst vom „allerhöchsten Kriegsherrn“, dem Kaiser, ernannt zu werden. Ungeachtet dessen erfüllten die mehr oder weniger freiwilligen und gewählten Kommandanten der Standschützen ihren Dienst. Es sind nur äußerst wenig Fälle bekannt, die zu Abberufungen von Offizieren führten.
Allerdings wissen sowohl Leutnant Mörl wie Major di Pauli auch von Offizieren aller Dienstgrade zu berichten, die den Standschützen und deren Kommandanten und vor allem deren Leistungen durchaus wohlwollend gesonnen waren.[20]
[19] Vgl. Anton von Mörl, Standschützen verteidigen Tirol 1915–1918, S. 17–20. [20] Vgl. dazu Heinz Tiefenbrunner, Standschützen Bataillon Kaltern 1915–1918. Aus dem Kriegstagebuch des Majors Johann Nepomuk Baron di Pauli, Bozen 1996; Anton von Mörl, Standschützen verteidigen Tirol 1915–1918, Innsbruck 1958.