Die Koalitionskriege – die Schützen werden wieder gebraucht
Die Koalitionskriege – die Schützen werden wieder gebraucht
Somit und wohl nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen wurde die Tiroler Landesverteidigung wieder aktiviert, dies zur Stunde der höchsten Not. Das österreichische Heer hatte in den Kriegen gegen Frankreich schwere Niederlagen und Verluste erlitten. 1792, mit dem Beginn der Koalitionskriege, sollte das Landlibell wieder in Kraft gesetzt werden, doch es blieb mehr beim Willen als bei der Tat. Als allerdings 1796 Napoleon in Ala im Trentino auf Tiroler Boden stand, traten die Landstände in Bozen zusammen und beschlossen, ohne auf Verordnungen aus Wien zu warten, ab nun jedes Jahr das Fest vom Herzen Jesu zu feiern – Gottes Beistand schien dringend nötig. Aber zugleich auch die „Zuzüge“ nach dem Landlibell von 5.000 bis 20.000 Mann wieder einzuführen. Tatsächlich standen im Juni 1796 in kürzester Zeit 6.000 Mann Tiroler Landesverteidiger zum Schutz der Grenze Richtung Oberitalien bereit und Ende August wurde der vierte Zuzug von 20.000 Mann aufgeboten. Anfang September marschierten die Franzosen durch das Etschtal bis Neumarkt, wurden aber vom österreichischen General Laudon zurückgeworfen. Ohne die zahlreichen Schützenkompanien wäre dies zweifellos nicht gelungen, was Kaiser Franz II. mit der Tapferkeitsmedaille „PRO FIDE PRINCIPE ET PATRIA FORTITER PVGNANTI (Dem, der tapfer für Gott, Kaiser und Vaterland gekämpft hat)“ belohnte.
Tapferkeitsmedaille 1796
Foto: Bestand Peter Steiner / Wien
Bis zum 13. April 1797, als Tirol wieder feindfrei war, gingen die Kämpfe mit wechselndem Kriegsglück weiter. Die Tiroler Schützen erlitten starke Verluste, hatten sich aber in zahlreichen Kämpfen – bekannt wurde vor allem die Schlacht von Spinges – äußerst verdient um die Landesverteidigung gemacht, und der Kaiser stiftete erneut eine Tapferkeitsmedaille: „DEN TAPFEREN VERTHEIDIGERN DES VATERLANDES MDCCXCVII“. Insgesamt standen 1796/97 etwa 138.000 Männer und auch Frauen (wie Katharina Lanz, „das Mädchen von Spinges“) im Feld.[1]
[1] Vgl. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum Innsbruck: Tiroler Standschützen, S. 40 f.
Tapferkeitsmedaille 1797
Foto: Bestand Peter Steiner / Wien
Das Aufgebot vom 30. August 1796 legte die Stärke der Landesverteidigungstruppen mit 120 Mann je Kompanie fest. Diese Kompanien sollten ihre Offiziere weiterhin selbst wählen, was höchst ungewöhnlich war, da dieses Recht üblicherweise dem jeweiligen Herrscher zukam. Offenbar hatte Kaiser Franz II. ein ziemliches Vertrauen zu den Tiroler Schützen, die dieses Vertrauen in den folgenden Jahren der Franzosenkriege durchaus bestätigten.[2]
Im März 1799 wurde vom Kaiser eine „Defensionsordnung“ erlassen, die wieder auf das Landlibell von 1511 zurückging. Da das Wort „Miliz“ im Gegensatz zum Begriff „Scharfschützen“ mit der Zeit einen negativen Beigeschmack bekommen hatte, wurde der Begriff der „Landmiliz“ nicht mehr verwendet. An seine Stelle trat die „Tirolische Verteidigungsmannschaft“. Der Krieg zur Abwehr der Franzosen ging mit einigen Niederlagen der österreichischen Truppen weiter, wobei sich die Scharfschützen allerdings in den Kämpfen bewährten. Österreich musste 1801 einen Waffenstillstand schließen, wodurch ganz Tirol von den Franzosen besetzt wurde, alle Festungen zu übergeben und die „unordentlich angeworbene Landestruppe“ aufzulösen waren. Im Frieden von Luneville im Februar 1801 wurde Tirol zu einer Art Bollwerk Österreichs und sah sich praktisch von Feinden umgeben. Daher wurde 1802 die Landesverteidigung neu organisiert, wobei zum Entsetzen der Tiroler wieder der Begriff „Landmiliz“ verwendet wurde.
[2] Vgl. Rudolf Granichstaedten-Czerva, Die Tiroler und Vorarlberger Standschützen im Weltkrieg 1914/1918, S. 48 f.