Einsatz der Standschützen
Einsatz der Standschützen
Der tatsächliche Einsatz der Standschützen erfolgte somit in einer unglaublich kurzen Zeit von nur wenigen Tagen. Dazu kam der Umstand, dass die allerwenigsten der am 18. Mai in den Dienst gestellten Standschützen irgendeine militärische Aus- oder Vorbildung hatten. Dies betraf alle Ränge der Standschützen. Offiziere wie Major di Pauli, Kommandant des Bataillons Kaltern, der bereits 1914 freiwillig als Offizier eines Landsturmverbandes in Galizien diente und daher Kriegserfahrung hatte, waren die Ausnahme.
Entgegen den gemäß den Erinnerungen des Leutnants Mörl getätigten Versprechungen von Vorgesetzten, lediglich in einer zweiten oder dritten Verteidigungslinie oder zu Träger- und Schanzdiensten verwendet zu werden, mussten viele Standschützen bald erkennen, dass sie – aufgrund des enormen Mangels an Soldaten regulärer Verbände – sowohl in der ersten Linie als auch oft genug in Stellungen im Hochgebirge eingesetzt wurden. Der harte Dienst in kaum vor der Witterung geschützten Stellungen bis in Höhen von 3.000 m hatte sehr bald eine Dezimierung der Bataillone und selbstständigen Kompanien durch Krankheiten, Unfälle und durch Feindeinwirkungen zur Folge. Dazu kamen noch Abkommandierungen zu anderen Verbänden. Bereits sechs Wochen nach dem Ausrücken, Ende Juni 1915, betrug der Gesamtstand der Standschützenformationen 735 Offiziere, 3.026 Unteroffiziere und 15.625 Mannschaften, somit insgesamt 19.386 Standschützen.[1]
[1] Vgl. Anton von Mörl, Standschützen verteidigen Tirol 1915–1918, S. 21 f. [Anm. d. Verf.: Dieser Stand von Ende Juni 1915 stammt aus Cletus Pichlers Publikation Der Krieg in Tirol 1915/16 und beinhaltet die Abgänge in den ersten Tagen und Wochen nach dem Ausmarsch.]
An dieser Stelle ist es notwendig, auf die Altersstruktur des „letzten Aufgebotes“ hinzuweisen:
Grundsätzlich waren nach der Landesverteidigungsordnung von 1913 alle Tiroler und Vorarlberger „vom Beginne des Jahres, in dem sie ihr 19. Lebensjahr vollenden, bis zum Ende des Jahres, in dem sie ihr 42. Lebensjahr vollstreckt haben“ landsturmpflichtig.[3]
Daher wurden 1914 viele der einrollierten Standschützen zu den Landesschützen oder zum Landsturm einberufen. Als nach dem ersten Kriegswinter 1914/1915 die Möglichkeit der Abtretung des Trentino an Italien bekannt wurde, sah kaum jemand die patriotische Verpflichtung, sich am Schießstand zu immatrikulieren, zumal die Gefahr drohte, als „landsturmpflichtig“ nach Galizien an die Front geschickt zu werden. Erst als die Gefahr für die unmittelbar Heimat durch den Bündnisverrat Italiens und dessen Aufmarsch an der Grenze im April/Mai 1915 augenscheinlich wurde, ließen sich zahlreiche jüngere, ältere und aus verschiedenen Gründen bisher nicht in den Stammrollen eingetragene Männer an den Schießständen immatrikulieren. Von diesen mussten dann bei den Inspizierungen zumeist Ende April/Anfang Mai 1915 viele Standschützen als absolut nicht feldverwendungsfähig ausgemustert werden, wobei – wie zuvor bereits bei der „Instruktion für die Inspizierung der Standschützenformationen“ beschrieben – äußerst verständnisvoll umgegangen werden und „die Selbsteinschätzung des Einzelnen“ die „einzige Grundlage“ bilden sollte.[4] Wie weit dieser hohen Forderung wirklich entsprochen wurde, ist kaum näher erforscht worden. Allerdings gibt es doch zahlreiche Fälle wesentlich älterer und beträchtlich jüngerer Standschützen.
Leider wurde laut dem Osttiroler Publizisten und Historiker Michael Forcher nach wie vor keine genaue Analyse der im Tiroler Landesarchiv aufliegenden Archivalien wie den Grundbüchern zu den Standschützen vorgenommen, wodurch es sich hier nur um Näherungswerte handelt, die aufgrund näher erforschter Bataillone wie Lienz, Innsbruck I oder Auer vorhanden sind:
Etwa 25 % der Standschützen waren demnach im grundsätzlich wehrfähigen Alter zwischen 21 und 42 Jahren, waren aber bisher aus verschiedenen Gründen nicht eingezogen worden. Somit waren 75 % der Standschützen älter oder jünger. Jene unter 21 Jahren machten allerdings nur 16 % aus, und damit waren etwa 59 % der Männer über 42 Jahre alt. Etwa zehn Prozent sollen über 60 Jahre alt gewesen sein. Ein berühmtes Beispiel dafür war der bereits 76-jährige Standschütze Michael Senn aus Meran, der schon zweimal (1859 und 1866) gegen Italien ins Feld gezogen war. Demzufolge war Senn jener Standschütze, der auf der Hochfläche von Lavarone den ersten Schuss auf den Feind abgab.[5]
[3] Vgl. Gesetz vom 25. Mai 1913, betreffend das Institut der Landesverteidigung, in: Gesetz- und Verordnungsblatt für die gefürstete Grafschaft Tirol und das Land Vorarlberg, Jg. 1913, https://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=ltv&datum=1913&page=146&size=45 [Stand: 25. September 2025]. [4] Vgl. K.u.k. Militärkommando in Innsbruck. Präs. Nr. 6765. Organisatorischer Ausbau der Standschützenformationen und der freiwilligen Landesverteidigung. Innsbruck, am 11. April 1915. Landesverteidigungsakten des 1. Weltkrieges. K.k. Infanterie Brigade Kommando Innsbruck. Jahr 1915. Ex. 1352. Fasz.-Nr. VI. TLA. vgl. dazu Fußnote 72. [5] Vgl. dazu Kapitel: Das letzte Aufgebot rückt aus, in: Michael Forcher, Tirol und der Erste Weltkrieg. Ereignisse Hintergründe Schicksale, Innsbruck/Wien 2014, S. 154–177, https://ulis-buecherecke.ch/Neue%20Einträge%202022/tirol_und_der_erste_weltkrieg.pdf [Stand: 22. November 2025].
Bemerkenswerterweise schlossen sich auch zwei Frauen den Standschützen an:
Viktoria Savs zog mit dem Standschützenbataillon Meran I an die Dolomitenfront, eigentlich um ihren Vater zu suchen, der beim Tiroler Landsturm diente. Viktoria Savs wurde im Mai 1917 schwer verwundet und verlor ein Bein.[6]
In Vorarlberg schloss sich die Malerin Stephanie Hollenstein den Standschützen an, wurde aber nach der Entdeckung ihres wahren Geschlechtes Anfang August 1915 nach Hause geschickt. Danach war sie als Kriegsmalerin für das k.u.k. Kriegspressequartier tätig, wodurch sie dreimal an die Front kam.[7]
[6] Vgl. dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Viktoria_Savs [Stand: 17. November 2025]. [7] Vgl. dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Stephanie_Hollenstein [Stand: 17.November 2025].