„Instruktion für die Inspizierung der Standschützenformationen“
„Instruktion für die Inspizierung der Standschützenformationen“
Spätestens ab März 1915 gab sich die oberste Heeresführung in Österreich keinen Illusionen zur Bündnisstreue Italiens mehr hin. Aufgrund des für Österreich sehr ungünstigen Kriegsverlaufes im Osten im März 1915 sah sich das bis dahin neutrale Italien in der Lage, weitreichende „Entschädigungen“ zu fordern: Österreich hatte von sich aus schon das Trentino und zudem Triest als Freistaat angeboten, Italien verlangte nun zusätzlich Südtirol bis Bozen einschließlich des Ritten, Görz sowie Gradiska und vor allem Triest. Forderungen, die Österreich in der aktuellen Situation unmöglich annehmen konnte. Dies war dann der Vorwand, mit der Entente in London Geheimgespräche mit dem bekannten Ergebnis zu führen. Zudem war sich Österreich relativ klar darüber, dass sich Italien vorerst die befestigten Teile Tirols sichern wollte, um dann unter irgendeinem Vorwand einen Krieg zumindest um die Brennergrenze zu beginnen.[1]
Damit erkannte man auch im Angesicht der aktuellen Kriegssituation und der gewaltigen Verluste der eigentlich für die Verteidigung Tirols vorgesehenen Verbände die unabdingbare Notwendigkeit, zum „letzten Aufgebot“ – den Standschützen – zu greifen. Das Ministerium für Landesverteidigung erließ daher am 31. März 1915 die Weisung, alle Standschützenformationen zu einer Inspizierung durch ihre vorgesetzten Kommanden einzuberufen.[2]
Im „k.u.k. Militärkommando Innsbruck“ hatte man offenkundig eine klare Sicht auf die Situation der Standschützen und deren erforderliche Behandlung durch die vorgesetzten Dienststellen. Diese Sicht unterschied sich weitgehend von einer „üblichen“ militärischen Sichtweise des „Soldatenmaterials“.
Für diese beachtenswerte Sichtweise sollen vor allem drei Offiziere verantwortlich gewesen sein:
- General der Kavallerie Viktor (Graf) Dankl (von Krasnik), ein genauer Kenner des Schützenwesens (1854–1942)
- dessen Generalstabschef Feldmarschallleutnant Cletus (von) Pichler
- Feldmarschallleutnant Ludwig Können-Horak (von Höhenkampf), bis zum Kriegseintritt Italiens Militärkommandant in Innsbruck und ehemaliger Kommandant eines Landesschützen-Regiments (1861–1938)
Zudem machte sich besonders Oberst Volkmar (Graf) Spaur (1867–1951), aus altem Tiroler Adel stammend, um die Standschützen sehr verdient, neben anderen, zumeist selbst aus Tirol stammenden hohen Offizieren.[4]
[1] Vgl. Cletus Pichler, Der Krieg in Tirol 1915/1916, 18 f. [Anm. d. Verf.: Feldmarschallleutnant Cletus (von Pichler) war ab 1915 Generalstabschef des Landesverteidigungskommandos Tirol.] [2] Vgl. Heinz Tiefenbrunner, Standschützen Bataillon Kaltern 1915–1918. Aus dem Kriegstagebuch des Majors Johann Nepomuk Baron di Pauli, Bozen 1996, S. 23. [3] Anm. d. Verf.: Cletus (von) Pichler veröffentlichte im Jahr 1924 die beachtenswerte Arbeit Krieg in Tirol 1915/16, in der auch besonders auf die Standschützen eingegangen wird. [4] Vgl. Rudolf Granichstaedten-Czerva, Die Tiroler und Vorarlberger Standschützen im Weltkrieg 1914/1918, S. 51.
Vor dem Hintergrund dieser absolut unüblichen Sichtweise ist wohl ein bemerkenswertes Aktenstück entstanden: Am 11. April wurde unter dem Betreff „Organisatorischer Ausbau der Standschützenformationen und der freiwilligen Landesverteidigung“ die Präs. Nr. 6765 mit dem Vermerk „Verschluss! In Verwahrung des Kommandanten!“ verteilt. Besonders beachtenswert scheinen die weiteren Ausführungen:
„Angesichts der hervorragenden Wichtigkeit dieser Formationen erwarte ich von allen beteiligten Stellen eine verständnisvolle, wohldurchdachte und dem lokalen Bedarfe sorgfältig angepasste Durchführung.“[5]
Jede „Aufregung und Beunruhigung“ sollte – wie schon im Erlass des Ministeriums für Landesverteidigung angeordnet – unbedingt vermieden werden. Bei diesem Anlass sollte der „sich ergebende regere Kontakt mit den Formationen“ dazu genützt werden, „um den da und dort auftauchenden unsinnigen Gerüchten entgegenzutreten“:
„Immer wieder muss allen Beteiligten versichert werden, dass die Standschützen – sowohl Feld- als Wach- und Ersatzabteilungen – nach wie vor ausschliesslich nur für die Verteidigung von Tirol und Vorarlberg in Betracht kommen; dass somit beispielsweise eine Verwendung auf dem russischen oder serbischen Kriegsschauplatze ausgeschlossen ist und bleibt.“[6]
Als Beilage 1 dieses Erlasses wurde die „Instruktion für die Inspizierung der Standschützenformationen“ des k.u.k. Militärkommandos in Innsbruck, die „dem Charakter und Wesen der Standschützenformationen vollkommen angepasst sein“ müsse, beigelegt:[7]
[5] K.u.k. Militärkommando in Innsbruck. Präs. Nr. 6765. Organisatorischer Ausbau der Standschützenformationen und der freiwilligen Landesverteidigung. Innsbruck, am 11. April 1915. Landesverteidigungsakten des 1. Weltkrieges. K.k. Infanterie Brigade Kommando Innsbruck. Jahr 1915. Ex. 1352. Fasz.-Nr. VI. Tiroler Landesarchiv (TLA). [6] K.u.k. Militärkommando in Innsbruck. Präs. Nr. 6765. Organisatorischer Ausbau der Standschützenformationen und der freiwilligen Landesverteidigung. Innsbruck, am 11. April 1915. Landesverteidigungsakten des 1. Weltkrieges. K.k. Infanterie Brigade Kommando Innsbruck. Jahr 1915. Ex. 1352. Fasz.-Nr. VI. TLA. [7] K.u.k. Militärkommando in Innsbruck. Präs. Nr. 6765. Organisatorischer Ausbau der Standschützenformationen und der freiwilligen Landesverteidigung. Innsbruck, am 11. April 1915. Landesverteidigungsakten des 1. Weltkrieges. K.k. Infanterie Brigade Kommando Innsbruck. Jahr 1915. Ex. 1352. Fasz.-Nr. VI. TLA; das Aktenstück ist enthalten in Oswald Mederle, Das k.k. Standschützen-Bataillon Nauders-Ried im Ersten Weltkrieg, Neumarkt an der Etsch 2025. [Anm. d. Verf.: Durch diese Publikation stieß der Verfasser auf das bemerkenswerte Aktenstück.]
Quelle: K.u.k. Militärkommando in Innsbruck. Präs. Nr. 6765. Organisatorischer Ausbau der Standschützenformationen und der freiwilligen Landesverteidigung. Innsbruck, am 11. April 1915. Landesverteidigungsakten des 1. Weltkrieges. K.k. Infanterie Brigade Kommando Innsbruck. Jahr 1915. Ex. 1352. Fasz.-Nr. VI. TLA.
Als weitere Beilage 2 waren dem Erlass des Militärkommandos Innsbruck jene Ansprache, die bei der Inspizierung zu verlesen war, sowie als Beilage 3 die „Instruktion für die Kommandanten der Standschützen-Wach- u. Ersatzabteilungen (Standschützen-Platzkommandanten)“, die im Hinterland verblieben, beigefügt.
Quelle: K.u.k. Militärkommando in Innsbruck. Präs. Nr. 6765. Organisatorischer Ausbau der Standschützenformationen und der freiwilligen Landesverteidigung. Innsbruck, am 11. April 1915. Landesverteidigungsakten des 1. Weltkrieges. K.k. Infanterie Brigade Kommando Innsbruck. Jahr 1915. Ex. 1352. Fasz.-Nr. VI. TLA
Die Erinnerungen des Leutnant Anton von Mörl gingen auf diese Inspizierung nur kurz ein. Mörl erwähnt eine „Inspizierung [durch] Oberst Schießler“, ohne ein Datum dafür zu benennen. Dabei habe der Oberst versprochen, dass die Standschützen nur in „betonierte Schützengräben in zweiter oder dritter Linie“ kämen, was dann im Einsatzraum in Sexten absolut nicht der Realität entsprach.[8] In den Erinnerungen des Major Johann Nepomuk di Pauli ist hingegen der genaue Ablauf dieser Inspizierung durch Feldmarschallleutnant von Scholz (Franz, von Benneburg) enthalten. Die gemäß Instruktion an zwei Tagen (am 30. April und am 1. Mai 1915) durchgeführte Inspizierung verlief für den Kommandanten des Bataillons Kaltern II jedenfalls zufriedenstellend.[9]
In Vorarlberg wurden die sechs Bataillone zwischen dem 18. April (Bregenz) und dem 3. Mai (Bludenz) vom Kommandanten der Infanteriebrigade Meran, Generalmajor Karl von Georgi, durchgeführt, wobei teilweise auch der Innsbrucker Militärkommandant, Feldmarschallleutnant Ludwig von Können-Horak, anwesend war. Bei diesen Inspizierungen der Vorarlberger Bataillone wurden auch Standschützen ausgemustert, die augenscheinlich über keine körperliche Eignung – weder für den Dienst an der Front noch für den Wachdienst – verfügten.[10]
[8] Vgl. Anton von Mörl, Standschützen verteidigen Tirol 1915–1918, S. 17–20. [9] Vgl. Heinz Tiefenbrunner, Standschützen Bataillon Kaltern 1915–1918. Aus dem Kriegstagebuch des Majors Johann Nepomuk Baron di Pauli, S. 23 f. [10] Vgl. Peter Tschernegg/Sigi Schwärzler, Vorarlbergs Standschützen im 1. Weltkrieg, S. 25 f.