Kriegsende
Kriegsende
Zum merkwürdigen Verlauf des Kriegsendes an der Südfront ist viel geschrieben worden, zahlreiche Vermutungen wurden angestellt und Thesen formuliert. Dabei unterscheidet sich die nationalistische Geschichtsschreibung in Italien beträchtlich von jener in Österreich. Italien feiert den 4. November 1918 bis heute als fulminanten Sieg über Österreich-Ungarn – als „Sieg von Vittorio Veneto“ bezeichnet –, wobei die etwa 650.000 italienischen Gefallenen von 1915 bis 1918 immer wieder als „Opfer“ für die „Eroberung“ des Brenners und die „Befreiung“ Südtirols und des Trentino von der „habsburgischen Fremdherrschaft“ bezeichnet werden.
Major di Pauli beschrieb in seinen Aufzeichnungen den 3. November 1918 sehr genau: Um 1:00 Uhr früh kam der Befehl „Waffenstillstand in wenigen Stunden zu erwarten“. Die italienische Artillerie schoss jedoch ununterbrochen, und ein feindlicher Angriff versuchte, die „Bocca“, einen alpinen Kamm nahe dem Gardasee im Trentino, zu erobern, wurde aber verlustreich zurückgeschlagen. Um 3:00 Uhr früh kam dann die Nachricht: „Waffenstillstand abgeschlossen. Feindseligkeiten einstellen.“ Da aber das feindliche Artilleriefeuer anhielt, dämmerte den ersten ein möglicher Verrat. Um 5:00 Uhr kam ein neuer Befehl: „Rückzug vor zwei Uhr nachmittags anzutreten. NachdrängendeItaliener dürfen nicht gehindert werden. Feindliche Artillerie wird bald schweigen.“
Um 7:00 Uhr früh kamen allerdings neue Meldungen über einen italienischen Angriff. Somit gab di Pauli den Befehl, Angriffe weiter abzuwehren, die Annäherung waffenloser italienischer Offiziere aber nicht zu verhindern. Um 10:00 Uhr kam ein Standschützentrupp vom Val da Vai und meldete, dass die Italiener bereits in La Rocca (am Gardasee) seien und sich mit den österreichischen Soldaten „ganz gut vertragen und singen“. Um 11:30 Uhr erschien ganz erschöpft ein Standschütze aus Latzfons und meldete, dass man „im Vertrauen auf den Waffenstillstand den Feind eingelassen habe und daß er, nachdem er scheinbar ganz friedlich sich benommen hatte und man ihn gewähren ließ, plötzlich alle als Gefangene erklärt und abgeführt habe“. Der Standschütze habe ein paar „Katzelmacher“ niedergeschlagen und sei, „von Schüssen verfolgt“, zum Bataillonskommando geflohen.
Major di Pauli befahl daher den sofortigen Abmarsch und kommentierte dies so: „Die feindliche Artillerie schießt unentwegt weiter. Das ist ein sonderbarer Waffenstillstand! […] Ich habe die feste Absicht, das Bataillon über die Mendel-Bozen heimzuführen, denn das alles aus ist, sieht man, nur weiß man nicht, wo die Schweinerei geschehen ist“.[1]
Die Vorarlberger Standschützen, die im Bereich des Tonalepasses und südlich davon eingesetzt waren, erlebten auch in ihrem Abschnitt dasselbe. Die italienische Artillerie schoss ohne Unterlass und die ersten eintreffenden Italiener erklärten die Standschützen zu Gefangenen.[2]
Ein schlimmes Schicksal widerfuhr laut deren Chronik dem Bataillon Bozen, das im Val di Genova stationiert war: Zuerst kam der Befehl, das Feuer einzustellen und „dem nachrückenden Feinde durch Offizierspatrouillen alles schlüsselfertig [zu] übergeben“. Allerdings schoss die italienische Artillerie auch in diesem Abschnitt „aus allen Rohren“. Zuerst dachten die Bozner Standschützen, der Feind würde noch die restliche Artilleriemunition verschießen. Als um 5:00 Uhr nachmittags das Artilleriefeuer aufhörte, zogen die Standschützen ab. In Madonna di Campiglio hatte das Bataillon am 5. November den ersten Kontakt mit italienischen Soldaten. Am Folgetag waren alle Waffen mit Munition abzugeben, nur die Offiziere durften ihre Waffen behalten. Den Standschützen wurde erklärt, dass sie nicht gefangen seien, sondern nur über einen Umweg ihre Heimat erreichen sollten, weil Tirol nicht von den zurückziehenden Truppen überflutet werden sollte. Einzelne Bozner schlichen sich davon, kamen aber bald mit der Meldung zurück, dass am Weg zum Mendel-Pass italienische Truppen mit Kanonen und Maschinengewehren in Stellung seien. Kurz darauf kam dann allerdings ein anderer Befehl: Das Bataillon musste umdrehen und auf demselben Weg zurück nach Italien marschieren. Die Zivilbevölkerung verhielt sich jetzt durchaus feindlich und die nunmehrigen Kriegsgefangenen mussten in Zelten notdürftig übernachten, was zu den ersten Todesopfern unter den erschöpften Standschützen führte. Dann, nach einigen Tagen des Fußmarsches in die Gefangenschaft, mussten das Bataillon und die anderen gefangenen Österreicher an den Straßenrand ausweichen, um vorrückenden italienischen Soldaten im Eilmarsch Platz zu machen:
„Den italienischen Fußtruppen wurde das Mitschleppen der Eierhandgranaten zu dumm, da sie uns doch so friedlich dahinzotteln sahen. So warfen sie diese Granaten einfach rechts und links an den Straßenrand. Ein furchtbares Gekrach. Ein Oberst sprengt auf seinem Pferde zurück: ,Nicht hinlegen!‘ Zu spät! Wieder kracht es und etwa 30 Österreicher liegen zerfetzt am Boden – Waffenstillstand, der Krieg ist aus!!!“[3]
[1] Vgl. Heinz Tiefenbrunner, Standschützen Bataillon Kaltern 1915–1918, S. 288. [Anm. d. Verf.: Major di Pauli war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der Kommandant des Bataillons Kaltern, dessen Kommando er vom Mai 1915 bis Mai 1918 hatte. Im Juni wurde di Pauli zum Kommandanten der neu aufgestellten Standschützen-Gruppe Eisacktal ernannt, die aus drei ehemaligen Bataillonen gebildet wurde, welche nur noch Kompaniestärke aufwiesen.] [2] Vgl. TSCHERNEGG, Peter/SCHWÄRZLER, Sigi: Vorarlbergs Standschützen im 1. Weltkrieg, S. 253–258. [3] Heinz Tiefenbrunner, Standschützen Bataillon Kaltern 1915–1918, S. 287 f.
Nun wird in der Literatur zum Kriegsende in Italien die Schuld an diesem Durcheinander am 3./4. November gerne der obersten österreichischen Militärführung gegeben, dies bis hin zu der These, dieselbe wollte möglichst wenig zurückflutende Truppen mit den folgenden Versorgungsproblemen im österreichischen Kernland haben. Beweise für diese These wurden allerdings nicht vorgelegt, wären aber in der Situation des allgemeinen Zusammenbruchs Österreich-Ungarns auch nur schwer zu finden.
Die genaueren Umstände der Waffenstillstandsverhandlungen – die besser als „Waffenstillstandsdiktat“ zu bezeichnen wären – sind nur am Rande ein Thema dieser Arbeit. Die für die Standschützen erkennbaren, merkwürdigen Begleiterscheinungen deuten allerdings auf einige Ungereimtheiten hin:
Obwohl die Kontaktaufnahme der österreichischen Waffenstillstandsdelegation unter General Viktor Weber von Webenau jenseits der Front genau bekannt war, kam es vorerst zu massiven Verzögerungen der Frontüberschreitung samt einem Beschuss der Kommission durch die seit 1917 auf italienischer Seite kämpfende tschechoslowakische Brigade – und das trotz der gemäß Kriegsvölkerrecht eindeutig gekennzeichneten Delegation. Es blieb in der Folge nicht bei dieser einen Verzögerung, was letztlich durchaus als Verzögerungstaktik bezeichnet werden kann. Italien wollte unbestreitbar Zeit gewinnen, um seine aktuelle militärische Situation (den sogenannten Sieg von Vittorio Veneto) auszunutzen. Diese bestand einerseits aus Befehlsverweigerungen und dem unkoordinierten Abzug vor allem ungarischer und tschechischer Verbände der k.u.k. Armee, andererseits aus der massiven Unterstützung durch britische, französische und amerikanische Verbände auf Seiten Italiens. Hinzu kamen massive Versorgungsprobleme der österreichischen Verbände.
Als die österreichische Delegation dann nach einer beträchtlichen Irrfahrt am 31. Oktober 1915 um etwa 20:00 Uhr in der Villa Giusti eintraf, musste sie am Ort der Verhandlungen auf die italienische Delegation unter Generalleutnant Pietro Badoglio warten. Diese traf am 1. November um 10:00 Uhr in der Villa Giusti nahe Padua ein. Danach überreichte Badoglio den Österreichern das aktuelle Waffenstillstandsdiktat, worauf General Weber die beiden Offiziere Oberst Karl Schneller und Hauptmann Camillo Ruggera um 15:00 Uhr über die Frontlinie zurück nach Trient schickte, um diesen Entwurf dem Armeeoberkommando durchzugeben. In Trient befand sich die nächste „Hughes-Station“, mit der Fernschreiben relativ rasch übermittelt werden konnten. Andere Methoden einer raschen Übermittlung wären zwar möglich gewesen, wurden aber von der italienischen Delegation nicht ermöglicht. Am Nachmittag des 1. November konnte der italienische Delegationsleiter Badoglio auf Anfrage der Österreicher den Zeitpunkt eines möglichen Waffenstillstandes „nicht genau“ angeben, sprach aber bereits von einer möglichen Verzögerung. Zu diesem Zeitpunkt war Oberst Schneller mit dem Vertragsentwurf allerdings schon unterwegs nach Trient.
Es gibt nun nach Ansicht des Verfassers einige in den Publikationen bzw. Thesen zum Kriegsende wenig bis nicht beachtete Fakten. Eine der wichtigsten ist das Original des Telegramms über die italienischen Waffenstillstandsforderungen, die der österreichischen Delegation in der Villa Giusti bei Padua ausgehändigt wurden und mit der Oberst Schneller – wieder mit massiven Verzögerungen – gegen 22:15 in Trient eingetroffen war.
Dort gab Schneller gemäß seinem Tagebuch das Telegramm auf, was bis etwa 0:30 Uhr am 2. November dauerte:
Telegramm der Waffenstillstandsbedingungen vom 1. November 1915
Foto: Österreichisches Staatsarchiv/Kriegsarchiv, AOK Op. Geh. Nr. 2091. Kt. 476.
Vorerst ergibt sich die Frage, warum als Aufgabeort des Telegramms statt Trient nunmehr Bozen angeführt ist, leider ohne Zeitangabe. Zwar liegt das höchst beachtenswerte, aber in der Tat eher wenig beachtete Tagebuch des Oberst Schneller im Österreichischen Staatsarchiv auf, geht aber auf diese Diskrepanz des Aufgabeortes nicht ein. Möglicherweise gab es irgendein Durchgabeproblem in Trient, sodass das Telegramm dann tatsächlich in Bozen aufgegeben wurde, was nach Ansicht des Verfassers aber vernachlässigbar ist.
Entscheidend ist hingegen der Punkt 1 des Telegramms, den Oberst Schneller auch ident in seinem Tagebuch vermerkte, das er ebenfalls in der Villa Giusti führte:
„1. Sofortige Einstellung der Feindseligkeiten zu Lande, zu Wasser und in der Luft.“[4]
Oberst Schneller versuchte in Trient, eine Antwort des Armeeoberkommandos in Baden bei Wien abzuwarten, die aber auch nach weiteren Versuchen des Obersten unter Betonung der absoluten Dringlichkeit am 2. November nicht eintraf. Erst am 3. November kam um 1:30 Uhr früh die Depesche:
„Alle Bedingungen, wenn Milderung ohne Zeitverlust nicht zu erreichen, ohne Präjudiz für den Frieden, angenommen.“[5]
Und damit nahm die weitere Situation ihren Lauf. Überraschend schnell, wie den Erinnerungen des Standschützen-Majors Baron di Pauli zu entnehmen ist, war der Waffenstillstand aus österreichischer Seite bei der Truppe bekannt. Man vertraute offenbar darauf, dass die Anmerkungen des Generalleutnants Badoglio, der endgültige Waffenstillstand würde sich kaum vom Entwurf unterscheiden, auch der Realität entsprächen:
„GLt Badoglio betonte jedoch, dass die heute [am 1. November; Anm. d. Verf.] übergebenen Texte dem Original jedenfalls sehr nahe kommen, es könne sich nur um einzelne Worte handeln; der Sinn sei jedenfalls derselbe.“[6]
In der Villa Giusti verzögerte Badoglio die Verhandlungen weiter und setzte die österreichische Delegation unter Druck: Ab 3. November, 0:00 Uhr, würde nur noch eine bedingungslose Kapitulation angenommen werden. Erst am 2. November, nach 18:00 Uhr, erwähnte der italienische Delegationsleiter erstmals eine Frist von 24 Stunden bis zum Inkrafttreten des Waffenstillstandes, wovon Oberst Schneller in Trient nichts erfahren konnte, nicht zuletzt aufgrund der Verweigerung direkter Kommunikationsmittel für die Österreicher in der Villa Giusti. Diese Zeit wäre nach Badoglio nötig gewesen, um alle italienischen Truppenteile vom Waffenstillstand informieren zu können – der wahre Grund dürfte anderweitig zu suchen sein!
General Weber versuchte daraufhin, die übermäßig lange Zeit der Verzögerung von 24 Stunden auf sechs oder höchstens zwölf Stunden zu verringern, allerdings erfolglos, da Badoglio von den 24 Stunden nicht abging. Somit schickte Weber über eine Radioverbindung um 22:00 Uhr des 2. November eine Depesche an das Armeeoberkommando, die am 3. November um 11:18 Uhr in Baden eintraf – zehn Stunden nach dem Befehl zur sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen!
Oberst Schneller traf nach vielen weiteren Verzögerungen am 3. November um etwa 13:00 Uhr in Padua ein, wo um 15:00 Uhr eine Sitzung mit Generalleutnant Badoglio begann und bei der General Weber mündlich den Waffenstillstand erklärte. Badoglio legte sodann um 18:00 Uhr den Waffenstillstand für den 4. November um 15:00 Uhr fest. Auf die drei vergangenen Stunden seit der mündlichen Erklärung Webers bis zu seiner eigenen Erklärung verzichtete der italienische General generös!
Der Streit um diesen Zeitpunkt des Waffenstillstandes begann unmittelbar bei der Sitzung durch Korvettenkapitän Zwierowski und dauert eigentlich bis heute! Zwierowski betonte, dass Österreich den Waffenstillstand bereits angeordnet habe und diesen auch einhielt, wodurch eine sofortige Einstellung der Kampfhandlungen auch vonseiten Italiens zu erfolgen habe. Dieser Kritik begegnete Badoglio mit einer weiteren Androhung einer bedingungslosen Kapitulation Österreichs, worauf der Marineoffizier Zwierowski seine Kritik offiziell zurücknahm.
Die Bedingungen vom 1. November wurden im endgültigen Protokoll vom 3. November noch etwas verschärft, wiederum entgegen Badoglios Zusicherungen. Die für die österreichischen Truppen katastrophale 24 Stunden-Verzögerung scheint bemerkenswerterweise auch nicht im eigentlichen Protokoll „Protocole des conditions d’Armistice entre les Puissances Alliées et Associées de l’Autriche-Hongrie“ auf – „1. Cessation immédiate [sofortige Beendigung]“ –, sondern erst in den Beilagen „Protocole annexe“.
Die vorliegenden Erinnerungen mehrerer Mitglieder der österreichischen Delegation ergeben ein eindeutiges Bild. Es war jedenfalls keine Verhandlung, sondern ein klares Diktat. Italien verweigerte jede Diskussion über einzelne Punkte. Die österreichischen Delegierten wurden gedemütigt, wo immer möglich.[7]
Ein beträchtlicher Teil der Fachwelt sieht die Schuld an dieser Situation zumeist beim österreichischen Armeeoberkommando, in dessen Inkompetenz, im Chaos der Auflösung der k.u.k. Armee. All die in der Fachwelt geäußerten Thesen haben zweifellos in gewissen Bereichen ihre Berechtigung. Selten hingegen liest oder hört man von einer konzertierten Aktion Italiens. Einer der wenigen Historiker, die sich kritisch und klar äußerten, war selbst als Kind Opfer der Italianisierungsmaßnahmen unter Mussolini und später der italienischen Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg. Sein Widerstand im „Befreiungsausschuß Südtirol“ hatte ihn zu jahrelanger Haft gebracht. Hinsichtlich der zuvor beschriebenen Schuldfrage beurteilte er die Situation wie folgt:
„Italien hat Österreich-Ungarn 1915 verraten und 1918 hereingelegt. Treuebruch am Anfang, Heimtücke am Ende.“[8]
[4] Waffenstillstand Villa Giusti, AOK Op. Geh. Nr. 2091, Kt. 476, ÖStA/KA. [5] Tagebuch Karl Schneller, ÖStA/KA/NL – Karl Schneller, B/509: 1, Transkription S. 13. [6] Waffenstillstand Villa Giusti, AOK Op. Geh. Nr. 2091, Kt. 476, ÖStA/KA. [7] Vgl. neben dem Tagebuch Schneller vor allem Bruno Wagner, Der Waffenstillstand von Villa Giusti 3. November 1918, Diss. Universität Wien (Betreuer: Ludwig Jedlicka) 1970, S. 111–164. [Anm. d. Verf.: Die Arbeit fand leider viel zu wenig Beachtung in der Fachwelt, was möglicherweise damit zusammenhängt, als sie ein Bild von diesen schicksalsschweren Tagen liefert, das kaum den zumeist verbreiteten Thesen der Fachwelt entspricht, zudem anhand von relevanten Quellen.] [8] Josef Fontana, Vom Neubau bis zum Untergang der Habsburgermonarchie (1848–1918), in: Fontana, Josef u. a.: Geschichte des Landes Tirol, Bd. 3, S. 524.
Die Gefangennahmen möglichst vieler Verbände an der italienischen Front – vor allem jener mit einem räumlichen Bezug zu Tirol wie den Standschützen – tragen die klaren Anzeichen, dass Italien alles unternahm, um möglichst viele Kriegsgefangene zu machen. Auch wenn die Ernährungslage in allen Teilen des „alten“ Österreichs höchst prekär war, geht der Verfasser dieser Arbeit nicht davon aus, dass es ein Kalkül der österreichischen Entscheidungsträger gewesen wäre, möglichst viele Soldaten fern des Landes zu halten. Während an anderen Frontabschnitten mit Inkrafttreten der jeweiligen Waffenstillstände kaum Kriegsgefangene gemacht wurden, zeugen die unzweifelhaft „von oben“ angeordneten Maßnahmen des Generalleutnants Badoglio[9] von einer absichtlichen und wohlkalkulierten Verzögerung mit der Absicht, Tirol und jedenfalls Südtirol so weit wie möglich frei von ehemaligen österreichischen Soldaten zu halten. Es wurde in der Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg und seinen Kriegsfolgen nach dem Kenntnisstand des Verfassers nicht oder kaum dahingehend geforscht, ob Italien im neu zu besetzenden Gebiet eventuelle Aufstandsbewegungen verhindern wollte, wofür auch die rasche Stationierung einer hohen Anzahl italienischer Militärs in Südtirol spricht. Zu diesem Zweck wurden die Kriegsgefangenen offenbar auch möglichst weit in den Süden Italiens und sogar nach Albanien transferiert. Die Standschützen hatten sich entgegen allen Erwartungen als ernst zu nehmende Gegner erwiesen, das hatte die italienische Armee deutlich zu spüren bekommen. Dasselbe galt natürlich auch für die „regulären“ Verbände aus Tirol und Vorarlberg, die Kaiserjäger, Kaiserschützen und den Landsturm, denen dasselbe Schicksal widerfuhr.
Einen weiteren Hinweis bietet die Tatsache, dass etwa das Infanterieregiment 59, die legendären Salzburger „Rainer“, weitestgehend unbehelligt von italienischen Truppen die Heimat erreichten, obwohl zumindest Teile dieses Regiments noch um den 6./7. November in Bozen bewaffnet für Ordnung sorgten.[10] Allerdings behielt das Regiment im Gegensatz zu den meisten Standschützenformationen seine Waffen.
Der von Josef Fontana ausgesprochene „Verrat von 1915“ wird durch das „offizielle“ Italien bis heute naturgemäß anders gesehen. 1914/15 sprach der italienische Ministerpräsident Antonio Salandra klar vom „Sacro Egoismo“ („Heiligen Eigennutz“) für Italien, womit offenbar jeder Vertragsbruch zu legitimieren war. Der österreichische Außenminister Dr. Bruno Kreisky brachte im Jahr 1960 trotz vieler Schwierigkeiten das Südtirol-Problem – die Nichterfüllung der versprochenen Autonomie für Südtirol im Pariser Vertrag vom September 1946[11] – vor die XV. Generalversammlung der Vereinten Nationen. Im „Memorandum der Österreichischen Bundesregierung zur Südtirolfrage“, das den Delegierten der UN-Generalversammlung (außer Italiens) überreicht wurde, wird mit keinem Wort der Bruch des Dreibundes durch Italien erwähnt.[12] Nach einiger Zeit reichte Italien ein Gegenmemorandum mit dem Titel „Der Status der deutschsprachigen Bevölkerung in der Provinz Bozen“ nach, in dem die italienische Aufkündigung des Dreibundes ebenfalls nicht angesprochen, aber wortreich begründet wurde:
„Geographisch grenzt die mächtige Alpenkette und der Fluss Etsch das Tiroler Etschland als zu Italien gehörig ab. Politisch wurde das Gebiet am Ende des ersten Weltkrieges Italien zugesprochen als Ergebnis des Freiheitskampfes der Völker, die bisher den deutschen und österreichischen Kaiserreichen angehört hatten. […]
Auch war die Brennergrenze vorgesehen in dem zwischen Italien und den Entente-Mächten am 26. April 1915 abgeschlossenen Vertrag von London, der die territorialen Ansprüche Italiens im Kampf gegen die zentraleuropäischen Mächte festsetzte.“[13]
Allerdings befand sich Italien am 26. April noch nicht „im Kampf gegen die zentraleuropäischen Mächte“. Somit hatte Italien also bei einem wortgetreuen Verständnis der angesprochenen Situation den Dreibund eigentlich gar nicht gebrochen, sondern den „Freiheitskampf der Völker“ unterstützt!
[9] Anm. d. Verf.: Die Biografie des Pietro Badoglio zeigt jedenfalls eine beträchtliche „Flexibilität“ des italienischen Generals in politischer Hinsicht. [10] Vgl. Das „Rätsel“ des Zusammenbruchs, „Der Tiroler“, Jg. 37, Nr. 256, Bozen, 7. November 1918, Bibliothek Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, S. 1. [11] Anm. d. Verf.: Die Verhandlungen zum Pariser Abkommen vom 5. September 1946 (nach den beiden Außenministern Gruber-De-Gasperi-Abkommen zwischen Italien und Österreich genannt) erinnern bemerkenswert an die italienische Vorgangsweise in der Villa Giusti – die plötzliche Abänderung der Bestimmungen zu Ungunsten des Vertragspartners –, wobei der italienische Außenminister De Gasperi die Bestimmungen erst nach Unterzeichnung des Vertrages beträchtlich und zuungunsten für Südtirol abänderte. [12] Vgl. Memoranden zur Südtirolfrage, ÖStA/Archiv der Republik (AdR) Pol Südtirol/ST 2B 1960, Kt. 1. [13] A cura del Ministero degli Affari Esteri: Der Status der deutschsprachigen Bevölkerung in der Provinz Bozen, New York Oktober 1960, ÖStA/AdR/BMfAA/Pol Südtirol, ST 2B 1960, Kt. 1.