Der Weg Italiens zur Entente
Der Weg Italiens zur Entente
Ehe noch der erste Schuss fallen sollte, beschäftigte sich die italienische Diplomatie Mitte Juli 1914 gegenüber Österreich-Ungarn bereits mit der Kompensationsfrage gemäß Artikel VII des Dreibundvertrages. Bei allfälligen Gebietsänderungen auf dem Balkan betrachtete Italien zunächst nur das Trentino als Kompensationsobjekt. Interessanterweise wurde dabei der Weg über Berlin beschritten. Der Gemeinsame Ministerrat vom 31. Juli lehnte zwar diese Kompensationsforderungen ab, ermächtigte jedoch Außenminister Berchtold, im Falle dauernder Besetzung serbischen Gebietes eine Kompensation in Aussicht zu stellen, sofern Italien seine Bündnispflicht tatsächlich erfüllen sollte. Bemerkenswert war auch die Tatsache, dass sich bereits in dieser frühen Phase die Diplomatie des Bündnispartners Deutschland zum Anwalt italienischer Forderungen machte.
Der Krieg hatte kaum begonnen, als die Ententemächte um die Gunst Italiens zu werben begannen. Bereits am 8. August wurde in London auf die „Befreiung“ des unerlösten Italiens hingewiesen. Der italienische Außenminister San Giuliano begann zwar am 11. August, unter absoluter Geheimhaltung, diplomatische Gespräche mit der Entente aufzunehmen. Österreich-Ungarn anzugreifen schien aber nur dann ratsam zu sein, wenn der siegreiche Ausgang des Krieges sicher war.[1] Am 20. August verlangte San Giuliano deshalb entschieden einen entschlossenen Angriff der englisch-französischen Mittelmeerflotte auf Österreich-Ungarn, um den Entschluss Italiens, an der Seite der Entente am Krieg teilzunehmen, zu erleichtern. Zwar war man sich über Trient, Triest und Valona rasch einig, doch am 30. August floh die französische Regierung aus Paris nach Bordeaux, während die russische Armee die Schlacht bei Tannenberg verlor. Die italienische Regierung hielt es deshalb für ratsam, die Gespräche in London vorerst nicht fortzusetzen.[2]
[1] Vgl. dazu: Möcker, Hermann: Die Haltung Italiens von der Neutralitätserklärung bis zur Intervention (August 1914 bis Mai 1915). Hausarbeit Wien 1962, S. 19ff. [2] Möcker: Die Haltung Italiens, S. 28f.
Ende August 1914 begann indessen der italienische Generalstabschef Luigi Cadorna den Aufmarschplan gegen Österreich-Ungarn zu überarbeiten. Seitens des italienischen Generalstabes war bisher vorausgesetzt worden, dass es sich um einen duellartigen Krieg zwischen Italien und der Habsburger-Monarchie handeln würde, bei dem Österreich-Ungarn 40 Divisionen an die italienische Front werfen würde. Ihnen konnten bestenfalls 37 Divisionen entgegengestellt werden.[3] Dem Grundsatz strikt einzuhaltender Defensive entsprechend, sollte bis 1914 die Hauptverteidigungsstellung die Piave-Linie in Venetien sein.
Cadorna legte nun den Aufmarsch an den Tagliamento vor und ging in seiner Denkschrift vom 1. September 1914 endgültig zu einer offensiven Zielsetzung über.[4] Dabei schien ihm die Alternative einer Schwerpunktbildung gegen Südtirol mit defensivem Flankenschutz am Tagliamento nicht erstrebenswert, da zu befürchten war, dass das italienische Heer bei einer Offensive nach Tirol in langwierige Gebirgskämpfe verstrickt werden würde. Der italienische Generalstabschef entschied sich deshalb für den Hauptstoß über den Isonzo und die Julischen Alpen, der in seinem weiteren Verlauf auch das serbische Heer in Bewegung bringen würde.[5] Ein siegreicher Vorstoß nach Österreich hinein konnte schließlich die Front der Österreicher gegen die Russen unhaltbar machen. Die Flanken- und Rückenbedrohung schien Cadorna jedoch beträchtlich. Ein österreichischer Vorstoß aus Südtirol in Richtung Venedig konnte das Gros des italienischen Heeres in Ostvenetien von seinen Verbindungslinien abschneiden. Diese Gefahr ließ sich nur vermindern, wenn relativ starke Kräfte die Grenzlinie um Tirol festhielten. Sie fehlten dann natürlich für die Hauptoperation.[6]
In den zehn Monaten zwischen dem Kriegsausbruch am 28. Juli 1914 und dem endgültigen Kriegseintritt Italiens flossen enorme Finanzmittel in die massive Aufrüstung der Streitkräfte. Rund 40 Prozent der Steuereinnahmen des Haushaltsjahres 1914/15 wurden allein in das Militär investiert. Die finanzielle Belastung war so extrem, dass das Königreich im Dezember 1914 Staatsanleihen zur Rüstungsfinanzierung ausgeben musste.[7]
Nach Klärung der Finanzierungsprobleme und dem Einsetzen der ersten geheimen Mobilisierungsmaßnahmen stellte Cadorna am 1. April 1915 den neuen Operationsplan fertig. Danach hatte die 1. Armee Tirol zu umschließen und in strategischer Defensive zu verharren. Die Absicht der daran anschließenden 4. Armee war die Gewinnung des Raumes von Toblach, um die Pustertalbahn zu unterbrechen. Die Karnische Gruppe hatte in der Flanke den Aufmarsch der 2. und 3. Armee zu decken, die mit Schwergewicht über den Isonzo Richtung Laibach vorzupreschen hatten.[8] Italien war bereit, die Frage des „iniquo confino“, der „ungerechten Grenze“, zu lösen.[9]
Die systematischen Bemühungen zur Hebung der Schlagkraft der italienischen Armee wurden von einer ganzen Reihe politisch-diplomatischer Initiativen begleitet. Während die k.u.k. Truppen bis Mitte November Nordwestserbien eroberten und am 2. Dezember Belgrad einnahmen, meldete der neue italienische Außenminister Sidney Sonnino[10] am 9. Dezember in Wien Kompensationsansprüche gemäß Artikel VII des Dreibundvertrages an. Berchtold lehnte jedoch mit dem Hinweis, die Wechselfälle eines Feldzugs mit beweglichen Fronten könne unmöglich als temporäre Okkupation bezeichnet werden, einen Meinungsaustausch ab. Tatsächlich mussten die österreichischen Truppen bereits bis 14. Dezember Serbien und auch Belgrad wieder räumen. Bis September 1915 sollte die serbische Front zu einem Stellungskrieg erstarren.[11]
Das verbündete Deutschland wiederum verstärkte seinen Druck auf Wien. Es entsendete am 17. Dezember 1914 den ehemaligen Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow als neuen Botschafter nach Rom. Schon am 30. Dezember verlangte der italophile Bülow in der k.u.k. Botschaft in Rom, dass Österreich-Ungarn das Trentino abtrete, um Italiens Neutralität zu sichern. Fünf Tage später empfahl der deutsche Staatssekretär des Äußeren Gottlieb von Jagow im Wege des deutschen Botschafters Heinrich von Tschirschky und Bögendorff dem österreichischen Außenminister die Abtretung des Trentino.
[3] Hillgruber, Andreas: Die Erwägungen der Generalstäbe für den Fall eines Kriegseintritts Italiens 1914/15 = Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Bd. 48, hg. Deutsches Historisches Institut in Rom. Tübingen 1968, S. 358. [4] Cadorna: La guerra alla fronte italiana. Milano 1934, S. 94ff. [5] Dazu Wendt: Italienischer Kriegsschauplatz, S. 279. [6] Hillgruber: Erwägungen der Generalstäbe, S. 359. [7] Muigg, Mario: Risorgimento, Irredentismus und die Aufrüstung Italiens vor dem Ersten Weltkrieg, in: Krieg und Wirtschaft. Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert, hg. von Wolfram Dornik, Johannes Gießauf, Walter Iber. Wien 2010, S. 434 ff. [8] Vgl. dazu: Cadorna: La guerra, S. 97ff., Ö.U.L.K., Bd. 2, S. 509f. [9] Caracciolo, Mario: Italien im Weltkrieg. Rom 1936, S. 15f. [10] Sein Vorgänger San Giuliano war am 16. Oktober 1914 verstorben. [11] Möcker: Die Haltung Italiens, S. 72f.
Sidney Sonnino (1847–1922) war eine der zentralen politischen Figuren Italiens beim Eintritt in den Ersten Weltkrieg. Als Außenminister ab 1914 beendete er die von seinem Vorgänger Antonino di San Giuliano vertretene Neutralitätspolitik und führte
geheime Verhandlungen mit den Mächten der Entente. Mit dem Londoner Vertrag von 1915 sicherte er Italien weitreichende territoriale Zusagen und ebnete damit den Weg für den Kriegseintritt gegen Österreich-Ungarn. Sonnino verkörperte eine nüchterne, machtpolitisch orientierte Außenpolitik, die Italiens Großmachtambitionen in den Krieg führte.
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Im Zuge der weiteren bilateralen Verhandlungen zwischen Italien und Österreich-Ungarn erkannte die k.u.k. Regierung an, dass dem Königreich für Operationen auf dem Balkan Kompensationen zustünden. Gleichzeitig verlangte der neue k.u.k. Außenminister Stephan Graf Burian unter genauer Anwendung der italienischen Interpretation des Art. VII Kompensationen für die italienischen Okkupationen des Dodekanes und Valonas. Hatte man sich auch über die Verfahrensweise geeinigt, so war die österreichisch-ungarische Regierung immer noch nicht bereit, die italienischen Kompensationsforderungen aus dem Besitzstand Österreich-Ungarns anzunehmen. Am 27. Februar 1915 forderte Sonnino allerdings schon für die Tatsache des bloßen Beginnes von Operationen auf dem Balkan – unabhängig von den sich daraus ergebenden Resultaten – ein Minimum an territorialen Kompensationen. Damit verließ er eindeutig den Boden des Art. VII, diese Forderung war nackte Erpressung. Gleichzeitig beauftragte Sonnino den italienischen Botschafter in London, die Verhandlungen mit der Entente wieder aufzunehmen.[12]
Das Schicksal der Mittelmächte schien von der Gnade beutegieriger Neutraler abzuhängen, denn militärisch war bisher nichts geglückt. Wie schlecht es wirklich aussah, demonstriert das fortgesetzte Drängen des deutschen Bundesgenossen auf Abtretung des Trentinos durch Österreich-Ungarn. Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg und der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn wollten mit territorialen Zugeständnissen der Donaumonarchie den drohenden Kriegseintritt Italiens in letzter Minute verhindern.[13]
Es lässt sich leicht ausmalen, mit welcher Verbitterung Conrad reagierte, als ihn der deutsche Generalstabschef aufforderte, die Wiener Politik zu Konzessionen an Italien zu drängen. Der Gedanke, den Italienern, den verhassten und verachteten „Erbfeinden“ der Habsburger, gegen die er schon so oft vergebens den Präventivkrieg gefordert hatte, jetzt freiwillig österreichischen Boden anzubieten, um sie in seinen Augen vom offenen Verrat an ihren Bundesgenossen abzuhalten, erschien Conrad geradezu ungeheuerlich.[14] Seine erste Antwort war, dass ein Friede durch Landverzicht mit der Abtretung Elsass-Lothringens an Frankreich viel vollständiger zu erreichen wäre.[15] Im Übrigen war er der festen Überzeugung, Italiens Begehrlichkeit damit nur weiter in die Höhe zu treiben. Außerdem blieb die Frage offen, wie sich das noch neutrale Rumänien nach einem freiwilligen Landverzicht Österreich-Ungarns verhalten würde.[16] Trotzdem sah man sich gezwungen, am 9. März mit Zustimmung des Kaisers Italien das Trentino als Preis für seine weitere Freundschaft anzutragen.
Aber Italien hatte noch ein zweites Eisen im Feuer. Am selben Tag wurde der Entente in London eine Denkschrift mit den Forderungen überreicht, von deren Erfüllung der italienische Kriegseintritt abhängig gemacht wurde. Die Donaumonarchie geriet beim Wettbieten langsam ins Hintertreffen. Außenminister Sonnino forderte am 10. April nicht bloß Trient, sondern auch das deutsche Bozen, Görz, Gradisca und die wichtigsten Adriainseln. Österreich-Ungarn hätte überdies ein erweitertes Triest in einen unabhängigen Freistaat umzuwandeln und sich an Albanien desinteressiert zu erklären.[17]
Ein Akzeptieren dieser Bedingungen seitens Österreichs musste die Aufgabe jeglicher Großmachtpolitik bedeuten. Der Kronrat vom 21. April beschloss zwar, weiter zu verhandeln, die geforderten Gebiete aber nicht kampflos zu überlassen.
Nach Beseitigung interner Schwierigkeiten – Russland wehrte sich gegen die Übergabe südslawischer Gebiete an Italien – erkannten die Ententemächte im Londoner Vertrag vom 26. April die italienischen Ansprüche auf Südtirol bis zum Brenner, Görz und Gradisca, Nord- und Mitteldalmatien, außerdem Valona und Saseno und einen entsprechenden Anteil bei Gewinn einer etwaigen kleinasiatischen und afrikanischen Kriegsbeute an.[18] Italien hatte binnen Monatsfrist in den Kampf gegen die Mittelmächte einzutreten.
[12] Möcker: Die Haltung Italiens, S. 93ff. [13] Vgl. dazu: Ritter, Gerhard: Staatskunst und Kriegshandwerk, Bd. 3. München 1964, S. 79f. Es wurde sogar erwogen, den Österreichern Teile Schlesiens, der stolzesten Eroberung Friedrichs des Großen, als Kompensation anzubieten. [14] Ritter: Staatskunst, S. 77. [15] Österreich-Ungarns letzter Krieg (Ö.U.L.K.), hg. vom österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung und vom Kriegsarchiv, Bd. 2. Wien 1931, S. 283. [16] Vgl. dazu: Hillgruber: Erwägungen der Generalstäbe, S. 350f. Hier wird die Auffassung vertreten, Conrads Erwägungen im Hinblick auf Italien hätten „sowohl der Einfügung in ein vorgegebenes Gesamtkonzept als auch jener rationalen Klarheit, die die Überlegungen Falkenhayns auszeichneten“, ermangelt. [17] Österreichisch-ungarisches Rotbuch 1915, S. 128ff. [18] Ö.U.L.K., Bd. 2, S. 284.