Italien zwischen Bündnispflicht und Eigeninteresse
Italien zwischen Bündnispflicht und Eigeninteresse
Dennoch ist festzuhalten, dass der österreichisch-ungarische Generalstabschef nach dem Jahr 1911 nicht mehr vorschlagen sollte, gegen Italien präventiv vorzugehen!
Grundlage des gegenseitigen Vertrauens der drei Generalstabschefs war die sich überwiegend deckende Übereinstimmung in der Beurteilung der militärpolitischen Lage in Europa und ein sehr ähnliches Verständnis des Dreibundes. Wie Conrad und Moltke war Pollio davon überzeugt, dass ein großer Krieg, ein vernichtender Kampf ums Dasein, bevorstünde. Diesen in großem Maßstab vorzubereiten bedeutete für den italienischen Generalstabschef auch, einen Präventivkrieg gegen die Entente zu befürworten.
Der italienische Generalstab erwartete im Kriegsfall mit Frankreich, dass sich dessen Armee wegen des Schwergewichts gegen Deutschland gegenüber Italien zwar defensiv verhalten werde, die Flotte würde jedoch aller Voraussicht nach von Anfang an offensiv gegen die offene italienische Küste eingesetzt werden. Pollio zeigte sich deshalb sehr an gewissen Abmachungen mit den Marinen Deutschlands und Österreich-Ungarns interessiert. Der deutsche Generalstabschef unterstützte daraufhin aktiv das Zustandekommen eines Marineabkommens, das auch Österreich unterzeichnen sollte. Im Januar 1913 entsendete er den Oberquartiermeister I im Generalstab Georg Graf Waldersee in vertraulicher Mission nach Rom, um die Modalitäten des Zusammenwirkens der k. italienischen mit der k.u.k. österreichisch-ungarischen Flotte zu besprechen.[1]
General Pollio schwebte vor, nicht wie bisher getrennt zu operieren, sondern im Bündnisfalle gemeinsam die Seeherrschaft im Mittelmeer zu erringen. Er schlug vor, in der ersten Phase die italienische Flotte in Messina zu versammeln, während Österreich-Ungarn seine Seestreitkräfte nach Tarent verlegen sollte. Nach der Vereinigung der Flotten beabsichtigte er, nach Möglichkeit die französische Flotte und die englischen Flottenteile getrennt im Mittelmeer zu schlagen. Damit sollten französische Truppentransporte von Nordafrika nach Südfrankreich unterbunden und gleichzeitig die Voraussetzung für ein amphibisches Unternehmen gegen die Provence geschaffen werden. Waldersee konnte die Zusage Moltkes überbringen, für die gemeinsame Aktion alle im Mittelmeer vorhandenen deutschen Kriegsschiffe zur Verfügung zu stellen.[2]
Auf seiner Rückfahrt besuchte Waldersee Wien und informierte hier Conrad und den Marinekommandanten Admiral Rudolf Graf Montecuccoli über den Stand der Gespräche. Tatsächlich sollte in weiterer Folge im Juni 1913 das anvisierte Marineabkommen zustande kommen. Für die k.u.k. Flotte bedeutete dies, vom bisherigen Konzept einer rein adriatischen Küstenverteidigung abzugehen und gemeinsam mit den Italienern im Mittelmeer gegen die französischen und englischen Seestreitkräfte zu operieren. Auf italienischen Vorschlag wurde der österreichisch-ungarische Admiral Anton Haus, der den bisherigen Marinekommandanten abgelöst hatte, als dienstältester Admiral für den Oberbefehl der Dreibundflotte vorgesehen. Ihm sollte nach seinem Ausscheiden der dann dienstälteste Admiral der Dreibundflotte folgen: Luigi Amedeo di Savoia-Aosta, der Herzog der Abruzzen. Der Stab des Oberkommandierenden sollte zwei Stabschefs (ein österreichisch-ungarischer und ein italienischer Kapitän) sowie drei Stabsoffiziere als Vertreter der drei Flotten umfassen.
[1] Dazu Waldersee, Georg: Von Deutschlands militärpolitischen Beziehungen zu Italien, in: Berliner Monatshefte für internationale Aufklärung, Nr. 7/1929. Berlin 1929, S. 640ff. [2] Afflerbach: Dreibund, S. 778f.
Für die gemeinsamen Operationen im Mittelmeer wurden vorgesehen:
Siebzehn italienische Schlachtschiffe (drei Großkampfschiffe) und fünf Aufklärungskreuzer, zwölf österreichisch-ungarische Schlachtschiffe (drei Großkampfschiffe) und sechs Kreuzer. Die deutsche Mittelmeerdivision sollte sich aus einem Schlachtkreuzer und zwei Kreuzern zusammensetzen. Italien und Österreich hatten dazu noch 56 Zerstörer und 66 Hochsee-Torpedoboote zu stellen.[3] Die Österreicher würden vor Augusta ankern, die Italiener zwischen Milazzo und Messina. Die deutschen Schiffe würden versuchen, Gaeta bzw. Neapel zu gewinnen.
Vergleicht man damit die operativen Planungen der britischen und der französischen Flotte, ist festzustellen, dass 1912/13 die Briten mit Blick auf die deutsche Hochseeflotte ihr eindeutiges Schwergewicht auf ihre Nordseeposition legten, während die Franzosen sich nunmehr auf das Mittelmeer konzentrierten. Auf Basis eines Übereinkommens im Frühjahr 1913 zogen die Engländer ihr Geschwader aus Malta in die Nordsee ab. Die Schiffe, die sie im Mittelmeer beließen, waren jedenfalls nicht mehr in der Lage, unabhängig gegen die österreichisch-ungarische Flotte zu operieren. Frankreich dagegen verlegte das in Brest stationierte Geschwader nach Toulon.[4] Abgesehen vom britischen Gibraltar-Geschwader, das aus Vordreadnoughts bestand, wäre somit im Kriegsfall die französische Flotte alleine der durch einige kampfkräftige deutsche Schiffe verstärkten österreichisch-italienischen Flotte gegenübergestanden. Unter der Voraussetzung, dass die russische Flotte im Schwarzen Meer blieb, bestand damit auf der Grundlage der sehr präzisen Operationsdirektiven im Zusatzübereinkommen zum Marineübereinkommen 1913 im Sommer 1914 durchaus ein Übergewicht der vereinigten Flotte des Dreibundes gegenüber jener der Triple-Entente.[5]
Der italienische Abgesandte Fregattenkapitän Angelo Ugo Conz rechnete im Falle der alleinigen Gegnerschaft der französischen Flotte mit dem Erringen der Seeherrschaft. Von italienischer Seite wurde in diesem Falle erwogen, im Bereich der Rhonemündung westlich von Marseille 100.000 eigene Soldaten im Rücken der französischen Truppen anzulanden. Ehe Conz Wien verließ, traf die grundsätzliche Zustimmung Kaiser Franz Josephs zu diesen Plänen ein. Im Zuge der nun intensiveren Kontakte kam es auch zu einem Treffen der italienischen und österreichischen Marineführung in Zürich, bei dem strategische und operative Fragen zur Sprache kamen. Selbstverständlich war die Zusammenkunft in Zivil und inkognito![6]
Nach dem Abschluss der Zweiten Dreibundmarinekonvention wurden konsequenterweise auch gemeinsame Manöver und Ausbildungsabschnitte gefordert. So verlangte die italienische Fachzeitschrift Italia Maritima öffentlich, dass die drei Marinen bereits in Friedenszeiten miteinander Übungen durchführen sollten, um sich damit auf gemeinsame Dreibundaktionen vorzubereiten. Diese Forderung wurde in weiterer Folge auch in der Sitzung der gemeinsamen Delegationen zum österreichisch-ungarischen Marinebudget des Jahres 1914/15 im Wiener Parlament eingebracht.[7]
Im Juli 1914 arbeiteten deutsche Stabsoffiziere an einem gemeinsamen Signalbuch für die Dreibundflotte, während in Italien die Herbstmanöver 1914 vorbereitet wurden, denen ein italienisch-österreichisches Vorgehen gegen die französische Flotte als Annahme zugrunde lag.[8] Gleichzeitig sollten in einem Kriegsspiel verschiedene Strategien getestet werden. Dazu arbeitete der ital. Chef des Admiralstabes Paolo Thaon di Revel ein ausgeklügeltes Kriegsspiel aus, bei dem gewisse italienische Häfen französische Stützpunkte darzustellen hatten. Unter der Annahme, dass England die Franzosen im Mittelmeer nur bedingt unterstützte, während Italien die Unterstützung der österreichischen Flotte und der deutschen Mittelmeerdivision hatte, sollten zwei Aufgabenstellungen gelöst werden. Die simulierte Durchfahrt eines französischen Konvois von Nordafrika nach Frankreich und die Blockade des italienischen Stützpunktes Maddalena durch eine überlegene feindliche Flotte. Doch die Schlacht um die Seeherrschaft im Mittelmeer sollte nicht stattfinden.[9]
In diesem Zusammenhang ist es durchaus von Interesse, wie die allgemeine Lageentwicklung in der Schweiz beurteilt wurde. Der Chef der Generalstabsabteilung der Schweizer Armee, Oberstkorpskommandant Theophil Sprecher von Bernegg, leitete im April 1913 eine operative Übung, wobei die Ausgangslage der für die Schweiz bedrohlichste Fall bildete: Ein Krieg zwischen Deutschland–Österreich-Ungarn und Frankreich–England–Russland–Serbien–Montenegro. Der Übungsannahme zufolge verhielt sich Italien vorerst abwartend. Das Planspiel nahm dabei folgenden Verlauf: Da in Lothringen und in den nördlichen bzw. mittleren Vogesen ein kräftemäßiges Patt entstand, führte der deutsche Angriff über das neutrale Belgien und Luxemburg. In den südlichen Vogesen und im Elsass waren zunächst die französischen Truppen erfolgreich und drängten die Deutschen gegen Colmar und den Rhein zurück. Die Verletzung der belgischen Neutralität führte zur Intervention Englands zugunsten Frankreichs. Sechzehn Monate später sollte sich genau dieser Krieg abspielen.[10]
Am 18. Dezember 1913 lud der italienische Generalstabschef die vier designierten Armeekommandanten General Carlo Caneva, die Generalleutnante (GLt.) Emanuele von Savoyen, Herzog von Aosta, Luigi Cadorna und Luigi Zuccari zu einer Sitzung in sein Büro. Die Themen der Besprechung bildeten streng geheime Mitteilungen Pollios über die politisch-militärische Lage und Beratungen über einen Einsatz der italienischen Streitkräfte im Fall eines Krieges zwischen dem Dreibund und dem Zweibund. Pollio informierte eingehend die Generale über seine Kontakte und Gespräche mit den Verbündeten und entwarf danach ein Szenario eines Krieges zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn auf der einen, Frankreich und Russland auf der anderen Seite. Er betonte dabei, dass dem Agieren Italiens entscheidende Bedeutung für das Gelingen des deutschen Feldzuges gegen Frankreich zukomme.
Bemerkenswert an dieser Unterredung war insbesondere, dass alle anwesenden Militärs übereinstimmend einer italienischen Beteiligung an einem europäischen Krieg zustimmten, der den Generalen zufolge unmittelbar bevorstand. General Cadorna ging dabei noch über die Vorstellung Pollios hinaus, als er vorschlug, gegen Frankreich eine eigene Alpenarmee zu bilden und Deutschland schwergewichtsmäßig mit zumindest fünf Armeekorps und drei Kavalleriedivisionen am Rhein zu unterstützen. Schließlich herrschte Einigkeit über das Minimum an Truppen, das man ganz sicher an den Rhein entsenden könne: drei Armeekorps.[11]
Als Folge dieser Sitzung stimmte Anfang Februar 1914 die Regierung Giovanni Giolitti zu, im Falle eines Bündniskrieges mit Frankreich drei Armeekorps und zwei Kavalleriedivisionen, insgesamt rund 200.000 Soldaten, an den Rhein zu verlegen.[12] Der deutsche und der italienische Generalstabschef tauschten daraufhin freundschaftliche Briefe aus und im März reiste eine Delegation unter Leitung des zur Führung der 3. Armee designierten Generals Zuccari nach Berlin, um den Operationsplan für den Einsatz italienischer Truppen zu präzisieren. Dabei wurden besonders Fragen des Transportes, des Aufmarsches und der Befehlsverhältnisse geregelt. Seitens der deutschen Armee wurde die Unterstellung von acht schweren 21 cm Mörserbatterien zugesagt und weitere Steilfeuerunterstützung in Aussicht gestellt.[13] Am 10. April 1914 folgte das Abkommen mit Wien über den Eisenbahntransport der italienischen Truppen über österreichisches Gebiet.[14]
Im Frühjahr 1914 schließlich – die ärgsten Folgen des libyschen Feldzugs waren überwunden – führte General Pollio mit dem deutschen Militärattaché Mjr. Leopold von Kleist ein Gespräch über die Möglichkeit der Entsendung eines größeren italienischen Truppenkontingents. Er gab dabei deutlich zu verstehen, dass er im Bündnisfall Deutschland gerne mehr Truppenkörper zur Verfügung stellen werde, sobald er davon überzeugt sei, der Krieg bliebe lokalisiert und die Truppen damit auch frei.
[3] Vego, Milan: Die Planungen über den Einsatz der österreichisch-ungarischen Flotte im Mittelmeer für den Kriegsfall, in: Marine – gestern, heute. Nachrichten aus dem Marinewesen, Heft 1/1985, S. 22. [4] Fanta: Technische und operative Marineplanungen, S. 314. [5] Fanta: Technische und operative Marineplanungen, S. 444. Dazu auch Höbelt, Lothar: Die Marine, in: Die Habsburger Monarchie 1848–1918, Bd. 5, Die bewaffnete Macht, hg. Adam Wandruszka/Peter Urbanitsch. Wien 1987, S. 720f. [6] Halpern, Paul G.: Anton Haus. Österreich-Ungarns Großadmiral. Graz 1998, S. 109ff. [7] Schiel, Rüdiger: Die vergessene Partnerschaft. Kaiserliche Marine und k.u.k. Kriegsmarine 1871–1914 = Kleine Schriftenreihe zur Militär- und Marinegeschichte, Bd. 23. Bochum 2014, S. 305f. [8] Afflerbach, Dreibund, S. 782. Dazu auch Halpern: Haus, S. 131. Die Reichsdruckerei Berlin druckte davon 736 Exemplare, wovon die Österreicher 420 erhielten. Das italienische Manuskript war fertiggestellt, aber noch nicht im Druck, als der Krieg ausbrach. [9] Halpern: Haus, S. 129. [10] Fuhrer, Hans Rudolf: Die Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg. Bedrohung, Landesverteidigung und Landesbefestigung. Zürich 1999, S. 83. [11] Das Protokoll wurde abgedruckt im Dokumentenanhang zu Rusconi: Hasardspiel 1915, S. 45ff. [12] Rusconi: Hasardspiel 1915, S. 26. [13] Waldersee: Militärpolitische Beziehungen, S. 659f. [14] Vgl. dazu auch: Petersen, Jens: Italien, Deutschland und der türkische Krieg 1911/12 im Urteil Rudolf Borchardts, in: Rudolf Borchardt und seine Zeitgenossen, hg. Ernst Osterkamp. Berlin 1997, S. 334–354.
„Wird das aber geschehen? Denken Sie an die schnellere Bereitschaft mit größeren Massen als früher bei den Russen! Wird Österreich seine Aufgabe allein lösen können, wenn ihm Serbien dabei in den Rücken fällt und werden wir nicht mehrere Armeekorps gegen Serbien Österreich zu Hilfe schicken müssen?“
Diese Überlegungen zeigen deutlich, wie ernst es Pollio damit meinte, dass im Kriegsfalle die Mächte des Dreibundes wie ein einziger Staat handeln müssen![15]
Kleist fügte seinem Bericht über dieses Gespräch die Worte hinzu:
„Ich fiel beinahe vom Stuhl, als ich dies hörte. Der italienische Chef des Generalstabes hält es ernstlich für möglich, italienische Korps nach Österreich diesem zu Hilfe zu senden! Wie haben sich die Zeiten geändert, oder spekuliert man auf einen ‚Dank‘ in Gestalt von Triest oder Trient?“
Sehr interessant sind auch die wiedergegebenen Ausführungen Pollios zu Präventivkriegsfragen:
„Der Ring, der sich um den Dreibund bildet, verstärkt sich von Jahr zu Jahr, und wir sehen uns das ruhig mit an! Ich glaube wirklich, dass die Jahre 1917 oder 1918, die allgemein (partout, mais partout) von den Gegnern des Dreibundes als Termin für ein allgemeines Losschlagen genannt werden, nicht nur der Phantasie entsprungen sind. Sie können sehr wohl einen realen Hintergrund haben! Wollen wir nun wirklich abwarten, bis die Gegner fertig und bereit sind? Ist es nicht für den Dreibund logischer, alle falsche Humanität über Bord zu werfen und einen Krieg, der uns einmal aufgezwungen werden wird, selbst beizeiten zu beginnen? Und deshalb frage ich ganz im Sinne Ihres großen Königs Friedrich, als er 1756 den eisernen Ring seiner Gegner durchbrach: Warum beginnen wir nicht jetzt diesen unvermeidlichen Krieg?“[16]
Pollio dachte auch an den Abschluss einer neuen Militärkonvention und schlug vor, sie diesmal aber von den verantwortlichen Männern, den Generalstabschefs, unterschreiben zu lassen. Waldersee antwortete im Auftrag Moltkes im Wege des italienischen Militärattachés, dass man in Berlin erwäge, aufgrund der inzwischen erkannten schnelleren Mobilisierungsmöglichkeit Russlands die italienische Armee nicht im Westen, sondern an der Seite des deutschen Ostheeres zu verwenden.
Tatsächlich informierte Pollio den designierten Armeegeneral Zuccari in diesem Sinne und fügte hinzu, im Kriegsfalle dafür auch die Verantwortung zu übernehmen. In der gegenwärtigen politischen Lage werde er jedoch vorläufig nicht mit der (neuen!) Regierung darüber verhandeln. Eine offizielle Antwort an Moltke erfolgte nicht mehr, da Pollio völlig überraschend am 1. Juli plötzlich verstarb.[17]
Am 28. Juni 1914 wurden der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie in Sarajewo ermordet. Die untersuchenden Organe erkannten schnell, dass die Spur nach Belgrad führte. Die österreichisch-ungarische befristete Demarche bestand deshalb darauf, dass k.u.k. Organe an den Untersuchungen im Ausland teilnehmen sollten. Tatsächlich waren höchste serbische Kreise in das Attentat verwickelt, das der Chef des serbischen militärischen Geheimdienstes Oberst Dragutin Dimitrievic, genannt Apis, organisiert hatte.[18] Die ablehnende serbische Antwort traf am 25. Juli um 19:15 Uhr in Wien ein. Belgrad hatte allerdings bereits um 16:00 Uhr die allgemeine Mobilmachung proklamiert. Sie löste nunmehr noch am selben Abend auf Befehl Kaiser Franz Josephs die Mobilisierung „Fall B“ Österreich-Ungarns gegen Serbien und Montenegro aus. Als erster Alarmtag wurde der 27. Juli, als erster Mobilisierungstag der 28. Juli festgesetzt. Damit begann der 3. Balkankrieg, der innerhalb weniger Tage zum Weltkrieg eskalieren sollte.
[15] Vgl. dazu: Rusconi: Hasardspiel 1915, S. 26. [16] Zitiert nach Foerster, Wolfgang: Die deutsch-italienische Militärkonvention, in: Die Kriegsschuldfrage. Berliner Monatshefte für internationale Aufklärung Jg. 5. Berlin 1927, S. 407. [17] Foerster: Militärkonvention, S. 408. [18] Vgl. dazu: Würthle, Friedrich: Die Spur führt nach Belgrad. Wien 1971.
Als italienischer Außenminister prägte Antonino di San Giuliano (1852–1914) die Diplomatie seines Landes in den entscheidenden Monaten vor dem Ersten Weltkrieg. Er nutzte die Julikrise 1914, um Italiens Bündnisverpflichtungen im Dreibund in Frage zu stellen, und setzte erfolgreich die Neutralität Italiens durch. Seine Forderungen nach italienischen Gebietsgewinnen gegenüber Österreich-Ungarn und die parallel geführten Gespräche mit Großbritannien bereiteten den späteren Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente vor – auch wenn er diesen selbst nicht mehr erlebte.
Bild: Archiv Effekt
Der italienische Außenminister Antonio Marchese di San Giuliano protestierte auf das Schärfste gegen das Ultimatum. Er war darüber bisher nicht informiert worden. Tatsächlich hatte Österreich-Ungarn eindeutig die Konsultationspflicht des Dreibundvertrages verletzt. Unter Hinweis auf den Defensivcharakter des Dreibundes lehnte er daher jede Bündnispflicht ab. Anfang August 1914 erklärte sich Italien als neutral. Wien hatte allerdings gute Gründe, Rom nichts von seinen Absichten mitzuteilen.[19]
Der k.u.k. Außenminister Leopold Graf Berchtold hielt dazu in seinen Erinnerungen fest:
„Genauere Angaben über den geplanten Modus procedendi konnten wir in einem früheren Stadium aus dem Grunde dem römischen Kabinett nicht zur Verfügung stellen, weil wir während des Balkankrieges untrügliche Beweise dafür gewonnen hatten, dass unsere geheimen Mitteilungen an die italienische Regierung regelmäßig tags darauf durch den Draht nach St. Petersburg weitergeleitet worden waren. Eine vertrauensvolle Eröffnung an diesen Bundesgenossen wäre somit einer bewussten Orientierung unserer Gegner gleichgekommen.“[20]
Und das italienische Heer? Pollios Nachfolger, General Cadorna, trat sein Amt erst am 27. Juli an. Er teilte Moltke telegraphisch mit, sämtliche Verpflichtungen Pollios zu übernehmen. Dieser dankte wiederum mit den Worten:
„Vielleicht wird sehr bald die Stunde schlagen, die unsere beiden Länder und Armeen vor eine gemeinsame Aufgabe stellen wird, für der sie Zeugnis ablegen werden von gegenseitiger Treue und Waffenbrüderschaft. Gebe Gott, dass wir dann Hand in Hand zum Siege schreiten.“[21]
[19] Jordan, Alexander: Krieg um die Alpen. Der Erste Weltkrieg im Alpenraum und der bayerische Grenzschutz in Tirol. Phil. Diss. Bamberg 2007, S. 26. [20] Zitiert nach Hantsch, Hugo: Leopold Graf Berchtold. Grandseigneur und Staatsmann, Bd. 2. Wien 1963, S. 650. [21] Zitiert nach Foerster: Militärkonvention, S. 409f.
Während Cadorna, der zunächst ohne jede Anweisung der Regierung blieb, den Kriegseintritt auf Seiten der Verbündeten vorbereitete und den Aufmarsch an der französischen Grenze anordnete, sollte das Römische Kabinett die Neutralitätserklärung beschließen. Cadornas Wandlungsfähigkeit war bemerkenswert. Schon im September/Oktober 1914 wollte er die Donaumonarchie angreifen. Pollios früher Tod bedeutete für die bisherigen Verbündeten wohl einen noch schwereren Verlust als für Italien. Innerhalb des deutschen Generalstabes wurden sogar Stimmen laut, Pollio sei eines gewaltsamen Todes gestorben.
„Eine Reihe von Indizien lassen diese Annahme als nicht völlig unbegründet erscheinen.“[22]
Im Sommer 1914 meinte Conrad zu dem Publizisten Leopold Chlumecky, „1908/09 war es ein Spiel mit aufgelegten Karten, 1912 ein Spiel mit gleichen Chancen, jetzt ist es ein Hasardspiel.“
Wenige Tage vor Kriegsausbruch, am 23. Juli 1914, äußerte er sich recht deutlich hinsichtlich der Chancen in einem Dreifrontenkrieg gegenüber dem österreichisch-ungarischen Außenminister Leopold Graf Berchtold: „Wenn wir auch Italien zu fürchten haben, dann mobilisieren wir nicht!“[23]
Doch die italienische Armee war zu diesem Zeitpunkt noch nicht schlagbereit. Der Feldzug in Libyen hatte doch sehr an ihren Kräften gezehrt. So durften die Mittelmächte hoffen, bei glücklichem Verlauf der ersten Schlachten Italien doch noch bewegen zu können, als Bündnispartner in den Krieg einzutreten. Diese Erfolge sollten aber ausbleiben.
[22] Waldersee: Militärpolitische Beziehungen, S. 661. Vgl. dazu von italienischer Seite: D’Angelo, Giovanni: La Strana Morte del Tenente Generale Alberto Pollio. Capo di Stato Maggiore dell´Esercito 1 Luglio 1914. Novale 2009. [23] Regele, Oskar: FM Conrad – Auftrag und Erfüllung 1906–1918. Wien 1955, S. 230 bzw. 227.