Der Einsatz chemischer Kampfstoffe
Der Einsatz chemischer Kampfstoffe
Der erstmalige Einsatz von Giftgas als chemische Waffe stellte das Sanitätswesen ebenfalls vor völlig neue Aufgaben. Rund 3.000 Kampfstoffe, die man ursprünglich für friedliche, industrielle Zwecke entwickelt hatte, wurden auf ihre kampftechnische Eignung hin untersucht, 30 im Feld getestet, zwölf davon gelangten letztlich zum Einsatz. Die Soldaten interessierte zunächst die Wirkung der chemischen Kampfstoffe im Rahmen operativ-taktischer Maßnahmen. Sie wollten wissen, innerhalb welcher Zeit der Stoff seine Wirkung entfaltete, wie lange die Wirkung anhielt und wie lange die eigene Truppe das verseuchte Gebiet nicht betreten durfte. Für die Artilleristen war darüber hinaus die Kenntnis der Ballistik der Geschosse wichtig.
Sanitätskraftwagen
Foto: Kaiserjägerarchiv Innsbruck
Die chemischen Kampfstoffe teilte man nach Farbengruppen in Grünkreuz-, Gelbkreuz- und Blaukreuzkampstoffe ein. Grünkreuz- und Blaukreuzkampfstoffe wirkten rasch, aber nicht nachhaltig, Gelbkreuzkampfstoffe hingegen kontaminierten das Gelände oft wochenlang. Für den militärischen Anwendungszweck interessierte aber nicht nur die Wirkung der chemischen Waffe, sondern vor allem die Wirksamkeit des gegnerischen Gasschutzes, denn die Kampfstoffe sollten nach Möglichkeit auch den mit Gasmaske geschützten Gegner attackieren. Gelang es nicht, den Gegner im Kampf zu überraschen, bevor er seine Schutzmaske angelegt hatte, trachtete man danach, hautwirksame Kampfstoffe einzusetzen oder solche, die den gegnerischen Gasschutz durchbrechen. Ärzte unterschieden demnach die Kampfstoffe hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Atemwege, auf Haut oder Schleimhäute oder auf die Nerven.
Die Giftgasangriffe der k.u.k. Armee hatten taktisch wenig Bedeutung, allerdings konnte vor allem ein Ziel erreicht werden: der Überraschungsangriff. War der Gegner auf einen Giftgasangriff nicht vorbereitet, dauerte es oftmals viel zu lange, bis er den Gasschutz angelegt hatte und die Verluste waren hoch, was zumindest einen moralischen Erfolg bedeutete.[1]
[1] Vgl. Pust, Ingomar: Die steinerne Front. Klagenfurt 1988, S. 101 ff.