Der beginnende Aufmarsch zur Verteidigung im Südwesten
Der beginnende Aufmarsch zur Verteidigung im Südwesten
Am 11. Mai 1915 befahl Kaiser Franz Joseph I. die uneingeschränkte Ausrüstung der Sperren und festen Plätze im Südwesten und erteilte dem Armeeoberkommando (AOK) die Bewilligung zum Heranführen der 57. Infanterietruppendivision (ITD) an den Isonzo.[1] Die diesbezügliche Transportanweisung erging daraufhin umgehend an das 5. Armeekommando und an die Zentraltransportleitung. Gleichzeitig wurden zwei Mörserbatterien aus Flandern über Salzburg zur Gruppe Rohr beordert.[2]
Zwei Tage später wurden auf Anregung des deutschen Generalstabschefs Erich von Falkenhayn die Grenztruppen angewiesen, unbedingt jede Gelegenheit zu Grenzzwischenfällen zu vermeiden.[3] Gleichzeitig wurde beim Kriegsministerium dringender Munitionsbedarf angemeldet. Es bedurfte an Gewehrmunition vorerst 11 Mio. Schuss, an Werndlmunition 6 Mio. Schuss. Darüber hinaus wurde dringendster Geschütz- und Maschinengewehr (MG-)Bedarf angemeldet. Jedem MG waren dabei als Minimum 30.000 Schuss zuzuweisen.[4]
Fünf Tage später legte General der Kavallerie Rohr die neueste „Ordre de Bataille“ vor, wobei die angeführten Brigaden – ohne Standschützen – nur sehr schwach waren. Die Brigaden 53, 54, 50, 51, 52 und 57 wurden deshalb als Halbbrigaden (HaBrig.) bezeichnet:
Im Westen Tirols sollten die Halbbrigaden (HaBrig.) 53 (Rayon I) und 54 (Rayon II) eingesetzt werden. Daran anschließend die HaBrig. 50, Festung Riva, Infanteriebrigade 181, HaBrig. 51 und 52 sowie die Festung Trient, die die 91. Infanterietruppendivision (ITD) bilden sollten (Rayon III Südtirol). Im Osten schlossen die 55. (Rayon IV) und die 56. Gebirgsbrigade (GBrig.; Rayon V) die Tiroler Verteidigungslinie. Als Reserve war die 90. Infanterietruppendivision (179. und 180. Infanteriebrigade [IBrig.]) gedacht.
Den Hauptrayon Kärnten hatten die HaBrig. 57, die 183. und die 184. IBrig. (92. ID) zu verteidigen. Mit dem Hauptrayon Küstenland-Krain am Isonzo war vorerst das 57. Divisionskommando (Div.Kdo.) unter Feldmarschallleutnant (FML) Goiginger betraut. Dieses umfasste die 58. GBrig., die 185. IBrig., die 60. GBrig. sowie die 187. IBrig. Als Reserve stand das Gros der 6. GBrig. zur Verfügung.
[1] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.061, 11. Mai 1915, ÖStA/KA. [2] AOK Qu.-Abteilung Ktn. 2786, Feldtransportwesen, Eb. Nr. 3001, 11. Mai 1915, ÖStA/KA. [3] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.140, 13. Mai 1915, Telegramm Gen. Falkenhayns, ÖStA/KA. [4] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.180, 14. Mai 1915, ÖStA/KA.
Feldmarschallleutnant Ludwig Goiginger (1863–1931)
Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Goiginger#/media/Datei:Ludwig_Goiginger.jpg
Am 17. Mai richtete der Armeeoberkommandant Erzherzog Friedrich an Kaiser Franz Joseph die Bitte, die Aufstellung der Formationen der Standschützen in Tirol und der freiwilligen Schützen in Innerösterreich anzuordnen.[5] Am selben Tag informierte Falkenhayn den österreichisch-ungarischen Generalstabschef Conrad telegrafisch darüber, dass der Vatikan mitgeteilt hatte, Italien werde vor dem 26. Mai Österreich den Krieg erklären, da Wien kein befriedigendes Angebot gemacht habe.[6] Am 18. Mai 1915 um 11:20 Uhr ordnete Kaiser Franz Joseph telegrafisch die Aufstellung der Standschützen- und freiwilligen Schützenformationen an.[7] Unterdessen informierte das AOK General der Kavallerie Erzherzog Eugen über die geplante Verstärkung Kärntens durch eine kombinierte Brigade aus dem Norden. Des Weiteren erließ das AOK den einleitenden Befehl für den Abtransport der 50. und der 58. ITD von der Balkanfront. Die Einladung der Truppen sollte am 21. Mai beginnen.[8]
General Rohr, der am 16. Mai das AOK um Verstärkungen – insbesondere für den stark gefährdeten Hauptrayon Küstenland-Krain – ersucht hatte, wurde am 19. Mai mitgeteilt, dass nach Kärnten demnächst zwei Divisionen in den Raum St. Veit-Klagenfurt und eine kombinierte Brigade (59. GBrig.) nach Spital-Sachsenburg vom nördlichen Kriegsschauplatz abtransportiert werden.[9] Im Umkreis der Sperren und festen Plätze wurden unterdessen Evakuierungen angeordnet. Das Flottenkommando wurde vom AOK vor der Möglichkeit italienischer Landungen im Golf von Triest zur Umgehung der Isonzofront gewarnt.[10]
[5] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.288, 17. Mai 1915, ÖStA/KA. [6] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.323, 18. Mai 1915, ÖStA/KA. [7] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.336, 18. Mai 1915, ÖStA/KA; Vgl. dazu die Faksimile-Abbildungen der beiden Dokumente im Kapitel „Standschützen – Das letzte Aufgebot“. [8] K. u. k. Qu.-Abteilung Feldtransportwesen Ktn. 2784, Eb. Nr. 2473, 18. Mai 1915, ÖStA/KA. [9] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.362, 19. Mai 1915, ÖStA/KA. Für diese kombinierte Brigade hatte die 4. Armee je ein Bataillon der 10., 106. ITD und der 21. LITD mit zwei Batterien, die 11. Armee zwei Bataillone der 12. ITD abzugeben. [10] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.397, 18. Mai 1915, ÖStA/KA.
General der Kavallerie Erzherzog Eugen Ferdinand Pius Bernhard Felix Maria (von Österreich; 1863–1954)
Foto: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cf/Erzherzog_Eugen_mit_Unterschrift.jpg
Am 18. Mai wandte sich Erzherzog Eugen mit einem persönlichen Schreiben an den Chef der Operationsabteilung. Er erklärte darin, dass allfällig weitere Verstärkungen der Isonzofront vom Plan abhängen, den man gegen Italien einhalten möchte. Er stellte dazu fest, dass es grundsätzlich zwei Möglichkeiten der Kriegsführung geben würde:
- Man beabsichtigt, den italienischen Einbruch schon am Isonzo aufzuhalten.
- Man will die italienische Armee erst dann mit versammelter Kraft anfallen, wenn sie, durch Widerstand der Deckungstruppen immerhin geschwächt, tief in eigenes Gebiet eingedrungen ist.
Im ersten Fall wäre die ganze 5. Armee – sieben Divisionen – heranzuziehen und an den Isonzo zu verschieben. Im zweiten Fall würden die gegen Italien bestimmten Kräfte einschließlich der 5. Armee weiter im Inneren der Monarchie, etwa in der Linie der Save und bei Agram oder noch weiter rückwärts, aufmarschieren. Die Deckungstruppen hätten in diesem Fall, ohne sich einer vollen Niederlage auszusetzen, den Vormarsch des Feindes möglichst verlustreich zu gestalten und das sehr günstige Gelände schrittweise zu verteidigen. Dieser Rückzug müsste von Anfang an planmäßig sein. Welche der beiden Fälle einzutreten habe, könne nur das AOK bestimmen.[11]
[11] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.410, Kommando der k. u. k. Balkanstreitkräfte Op. Nr. 12.663, 18. Mai 1915, ÖStA/KA.
Tags darauf erließ das AOK die ersten Direktiven für den Krieg gegen Italien und auf dem Balkan. Bis zur Befehlsübernahme durch den zum Kommandanten der neuen Südwestfront designierten General der Kavallerie Erzherzog Eugen sollte es unverändert dessen Aufgabe bleiben, das Vordringen des Feindes nach Innerösterreich zu verzögern und Tirol zu verteidigen. Die bereits angekündigten zwei Divisionen sollten das VII. Korps mit der 17. und der 20. ITD der 3. Armee aus der Karpatenmitte sein, dessen Quartierregulierender sich beim Erzherzog zu melden hatte. In den kommenden zwei Wochen waren – so die erklärte Absicht des AOKs – starke Kräfte westlich Agram und bei Marburg zu versammeln. Damit war durch Zusammenfassung der Kraft ein einheitlicher Schlag gegen den eingebrochenen Feind zu führen. Das XV., das XVI. Korps sowie die 58. ITD, also fünf Divisionen, waren neben den armeeunmittelbaren Truppen westlich von Agram zu versammeln. Das AOK sagte weiters zu, vorerst noch drei ITD (die 93., 94. und 57. ID) in den Raum von Marburg zu dirigieren. Diese Truppenkörper sollten sodann die neue 5. Armee unter General der Infanterie (GdI.) Svetozar Boroevic bilden. Erzherzog Eugen hatte das Kommando auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz bis zur Übergabe an das deutsche 11. AK Generaloberst (GO.) von Mackensen weiterzuführen. Es war darüber hinaus beabsichtigt, die abgehende 5. Armee möglichst bald durch drei deutsche Divisionen zu ersetzen.[12]
Am 19. Mai mittags informierte Falkenhayn General Conrad über die Aufstellung des für Tirol bestimmten divisionsstarken deutschen Alpenkorps, mit dessen Eintreffen auf der Brennerbahn in fünf bis sechs Tagen zu rechnen war. Der Kommandant des Korps, General Krafft von Delmensingen, sei bereits auf dem Weg nach Innsbruck, um sich dort bei Feldmarschallleutnant Können-Horak zu melden. Um 20:00 Uhr sollte die Alarmierung der Militärkommandobereiche Graz I und Innsbruck allerhöchst verfügt werden.[13]
[12] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.410, 19. Mai 1915, ÖStA/KA. [13] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.419, 19. Mai 1915, ÖStA/KA.
Feldmarschallleutnant Ludwig Können-Horak (1861–1938)
Foto: https://en.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Können-Horák#/media/File:General_d._Infanterie_Ludwig_Können-Horak_Edler_von_Höhenkamp.jpg
Am folgenden Tag ermächtigte Kaiser Franz Joseph I. das Flottenkommando, gegen italienische Truppentransporte nach Antivari oder Landungsunternehmungen an der montenegrinischen Küste auch vor eventueller Kriegserklärung Italiens aktiv vorzugehen.[14] Das 5. Armeekommando (AK) meldete, es beabsichtige, die ganze eigene schwere Artillerie mitzunehmen. Gleichzeitig wurde wegen der reichlichen modernen italienischen Artillerie um eine schwere Haubitzenbatterie je Korps gebeten. Der Aufmarsch der 5. Armee war wie folgt geplant:
5. AK und Armee-Etappenkommando (AEK) Agram, XV. Korps Raum Gurkfeld-Rudolfswert-Samobor, XVI. Korps Möttling-Tschernembl-Karlovac, 58. ITD Ogulin.[15] Der Antransport sollte auf den beiden aus dem Save-Drauwinkel westwärts führenden Bahnen über Esseg–Fünfkirchen–Barcs–Pragerhof und Novska–Agram–Steinbrück auf die Südbahnhauptstrecke nach Laibach und dann hinter dem Isonzo zwischen 21. und 25. Mai erfolgen.[16] Die Verlegung der fünf Divisionen war mit der größtmöglichen täglichen Zuganzahl durchzuführen.
Dafür sollten in Absprache mit der Zentraltransportleitung am 1. Tag 20, am 2. Tag 36, am 3. Tag 28 und am 4. Tag 36 Züge rollen.[17]
Die 50. ITD sollte auf der nördlichen, die 58. ITD auf der südlichen Linie rollen. Befehlsgemäß war somit die 50. ITD über Pragerhof nach Tolmein und die 58. ITD über Steinbrück gegen St. Peter weiterzuführen. Um Mitternacht vom 22. auf den 23. Mai hatte ebenfalls der Transport der 1. und der 18. ITD zu beginnen. Die Weisungen dafür waren beim Kommando der Balkanstreitkräfte einzuholen.[18]
[14] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.494, 20. Mai 1915, ÖStA/KA. [15] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr.10.500, Telegramme 20. Mai 1915, 17:10 bzw. 23:00 Uhr, ÖStA/KA. [16] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.803, [handschriftliche Beilagen nur teilweise vorhanden], ÖStA/KA [17] AOK Qu.-Abteilung Feldtransportwesen Ktn. 2785, Eb. Nr. 2560, 23. Mai 1915, ÖStA/KA. [18] AOK Qu.-Abteilung Feldtransportwesen Ktn. 2785, Eb. Nr. 2575, 21. Mai 1915, ÖStA/KA.
Das AOK war mit dem gedachten Aufmarsch einverstanden, wies jedoch darauf hin, dass der Zeitpunkt des Abtransports deutscher Truppen vom russischen Kriegsschauplatz von der für die nächsten Tage zu erwartenden Entscheidung beiderseits Przemyśl abhänge. Zunächst sei nur der Zuschub einiger deutscher Bataillone (Baone) an die serbische Grenze möglich. Das AOK werde das Abziehen armeeunmittelbarer schwerer Artillerie anordnen. Von den Pionierformationen, Kriegsbrückenequipagen und Arbeitskräften war mindestens die Hälfte auf dem Balkankriegsschauplatz zurückzuhalten.[19]
Auf Befehl des AOK/Chef Feldtransportwesen (FTW) erließ Oberst Kreneis, der Leiter der Zentraltransportleitung, am 20. Mai die Personaleinteilung für die nunmehrige Feldtransportleitung (FTL) 7 Innsbruck, die FTL 8 Villach und die FTL 9 Laibach. Damit war die Eisenbahnstruktur für die zukünftige Südwestfront festgelegt.
Die endgültige Entscheidung über die Operationsführung auf dem neuen Kriegsschauplatz fiel erst zwei Tage vor der Kriegserklärung Italiens, am 21. Mai, in der Besprechung zwischen Conrad und Falkenhayn in Teschen. Der pessimistische Conrad glaubte, dass die fünf Divisionen der 5. Armee nicht rechtzeitig eintreffen würden, da er den Italienern zutraute, in zehn Tagen Laibach zu gewinnen. Er erwog, die österreichisch-ungarischen Kräfte weiter hinten auszuladen und sie nicht in Grenzkämpfe verwickeln zu lassen, um mit diesen fünf Divisionen „einen Schlag“ ausführen zu können. Falkenhayn hingegen wollte die Divisionen so weit als möglich vorne haben, weil der Vormarsch der Italiener seiner Schätzung nach viel langsamer erfolgen würde. Er versprach sich nicht viel von diesem „Schlag“ und glaubte, „dass mit der Defensive mehr zu erreichen wäre als mit der Offensive“.[20]
[19] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.500, 21. Mai 1915, ÖStA/KA. [20] B/15, NL Rudolf Kundmann Tagebuch (im Folgenden: Kundmann TB), S. 135, ÖStA/KA.
Gleichzeitig versuchte er, Conrad aus seiner pessimistischen Stimmung herauszureißen, indem er ihm bei einem entscheidenden Erfolg gegen den russischen Südflügel zusicherte, ihm alles zu geben, „was wir hier haben: 11. Armee, Beskidenkorps, Südarmee und noch andere Kräfte“.[21] Er betonte die Kriegserfahrung und „dass man mit einem ,Kordon‘ alles erreichen kann, wenn man nur will, dagegen nichts mit Offensivstößen, die man mit unzureichenden Kräften führt“.[22] Gegen Ende dieser Besprechung traute Conrad den Italienern immer noch sehr viel zu, es fiel auch scheinbar keine Entscheidung. Conrad war aber umgestimmt.[23]
Noch in der Nacht desselben Tages kam man im Generalstab zu der Erkenntnis, dass die Entscheidung bei Przemyśl nicht vor Ende Mai zu erwarten war. Damit war es vorerst einfach nicht möglich, die erforderliche Kraft für einen Offensivschlag gegen Italien zusammenzubringen. Da des Weiteren das zögernde Verhalten der Italiener auf noch nicht erlangte Operationsbereitschaft schließen ließ, befahl das AOK Erzherzog Eugen, die Versammlung der 5. Armee so weit als möglich vorzuverlegen. Die vorderste Division war über Pragerhof–Steinbrück–St. Peter heranzuführen. Die nächste Division war auf derselben Strecke heranzuziehen. Weitere Kräfte waren in den Raum Tolmein zu verschieben. General der Kavallerie Rohr hatte die Ausladung des VII. Korps nach
Villach vorzuverlegen.[24]
Am Vormittag des 21. Mai hatte der österreichisch-ungarische Militärattaché in Rom Hauptmann Seiller gemeldet, dass die italienische Armee erst um den 1. Juni kampfbereit sein werde. Dies stimmte auch mit den Nachrichten überein, die der Deutschen Obersten Heeresleitung (DOHL) vorlagen.[25] Die neuesten Mitteilungen über den Stand des italienischen Aufmarsches kommentierte Conrad jedenfalls mit der trockenen Feststellung: „Wenn sie noch nicht angehen, sind sie nicht nur feige, sondern auch dumme Hunde!“[26] Die fast in letzter Stunde getroffenen Entscheidungen der beiden Generalstabschefs erwiesen sich als richtig. Sie sind daher von späterer Kritik weitgehend verschont worden.[27]
[21] Kundmann TB, S. 134 f., ÖStA/KA. [22] B/509 Kriegstagebücher des Obersten Karl Schneller (im Folgenden: Schneller TB), S. 374, ÖStA/KA. [23] Schneller TB, S. 374, ÖStA/KA. [24] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.523, 21. Mai 22:20 Uhr, ÖStA/KA. [25] Ö.U.L.K., Bd. 2, S. 410. [26] Schneller TB, S. 377, ÖStA/KA. [27] Vgl. HILLGRUBER, Andreas: Die Erwägungen der Generalstäbe für den Fall eines Kriegseintritts Italiens 1914/15, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Bd. 48, hg. v. Deutschen Historischen Institut in Rom, Tübingen 1968, S. 355.
Am 22. Mai erließ das AOK einen grundlegenden Befehl zur Regelung der Befehlsverhältnisse im Süden. Da in absehbarer Zeit nicht mit General Mackensen zu rechnen war, hatte Erzherzog Eugen vorerst den Befehl im Südosten weiterzuführen. Syrmien und Banat waren unter einheitlichem Befehl eines Armeegruppenkommandos zu stellen, wofür sich General der Kavallerie Terstyanszky bei Erzherzog Eugen zu melden hatte. Der zum Kommandanten der 5. Armee beantragte General der Infanterie Boroevic war anzuweisen, sich mit seinem Stabschef Generalmajor LeBeau sofort nach Laibach zu begeben. Er hatte sich beim Erzherzog zu melden, um das Kommando über den Hauptrayon Krain-Küstenland zu übernehmen. Das Armeegruppenkommando hatte die anderen bisher unterstellten Bereiche und Kräfte so lange zu behalten, bis sich Erzherzog Eugen das Landesverteidigungskommando (LVK) Tirol direkt unterstellt. Der Kriegshafen Pola und die Flotte blieben unter direktem Befehl des AOK.[28]
Um 21:30 Uhr meldete das 5. AK, dass gemäß der Verfügung von General der Kavallerie Erzherzog Eugen aus Instradierungsgründen das XV. Korps mit der 1. und 50. ITD um Tolmein, das XVI. Korps mit der 18. und der 58. und der selbstständigen 48. ITD im Raum Görz-San Daniele aufmarschieren wird. Das AOK wies daraufhin das Etappenoberkommando in die Lage ein und machte dieses besonders auf die erforderliche Wasserversorgung aufmerksam.[29] Eine Stunde später meldete das Flottenkommando, zwei Unterseeboote im Golf von Triest positioniert zu haben.[30]
Noch am 22. Mai wurde General der Kavallerie Viktor Dankl mit der Führung des Landesverteidigungskommandos Tirol betraut und gleichzeitig direkt Erzherzog Eugen unterstellt.[31] Dankl sollten damit über alle Truppen in Tirol, die 90. und 91. ID, die 56. GBrig. sowie das anrollende deutsche Alpenkorps verfügen. General der Kavallerie Rohr übernahm mit seinem Stab die Führung der an der Kärntner Grenze eingesetzten 92. ID sowie der im Antransport über Budapest nach Kärnten befindlichen Verbände des VII. Korps und der Brigade Fernengl (59. GBrig.), die der 4. Armee entnommen wurde und gleichzeitig über
Krakau–Linz–Tauernbahn herangebracht wurde.
[28] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.560, 22. Mai 1915, ÖStA/KA. [29] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.587, 22. Mai 1915, ÖStA/KA. [30] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10597, Flottenkommando Res. Nr. 217, 22. Mai 1915, 22:30 Uhr, ÖStA/KA. [31] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.650, 22. Mai 1915, ÖStA/KA.
General der Kavallerie Viktor Julius Ignaz Ferdinand Dankl (1854–1941)
Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Dankl#/media/Datei:Viktor_dankl_schöfer.png
Am 23. Mai traf mittags die alarmierende Meldung des Militärkommandos Innsbruck ein, das Alpenkorps würde erst am 27. Mai marschbereit sein und damit mit seinem Gros erst am 29. in Südtirol und am 30. im Grenzraum eintreffen. Da darüber hinaus vier Marsch- und zwölf Alarmbataillone weggenommen worden waren, meldete es, sei man „nicht in der Lage, einem starken Ansturm des Gegners lange standzuhalten“. Das Militärkommando ersuchte deshalb um Beschleunigung der Marschbereitschaft und des Antransportes des Alpenkorps über Kufstein und den Brenner, damit die ersten Staffeln spätestens am 24. in Südtirol eintreffen könnten.[32] Inzwischen übernahm Feldmarschallleutnant Können-Horak den Subrayon 3 Südtirol, Feldmarschallleutnant Guseck übernahm stattdessen wieder das Festungskommando und Generalmajor Franz Steinhart kehrte als Festungsdirektor Trient zurück.[33] Am späten Abend traf die Mitteilung ein, dass das Leibregiment und zwei Batterien des Alpenkorps in München marschbereit wären. Daraufhin wurde die Feldtransportleitung (FTL) 7 angewiesen, den Abtransport nach Tirol sofort einzuleiten.[34] Das deutsche Alpenkorps, das dreizehn Bataillone, elf Gebirgs-Maschinengewehr-Abteilungen und neun Batterien umfasste, sollte ab 25. Mai in Tirol eintreffen.
[32] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.596, 23. Mai 1915, ÖStA/KA. [33] AOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.625, 23. Mai 1915, ÖStA/KA. [34] ÖAOK Op.-Abteilung I-Gruppe Ktn. 526, Op. Nr. 10.655, 23. Mai 1915, 23:00 Uhr, ÖStA/KA.
Am 23. Mai, 15:30 Uhr, überreichte der italienische Botschafter in Wien die Kriegserklärung des ital. Königreiches.[35] Kaiser Franz Joseph beantwortete die italienische Kriegserklärung vom 23. Mai am folgenden Tag persönlich mit folgendem Armeebefehl:
„Der König von Italien hat Mir den Krieg erklärt.
Ein Treubruch, dessengleichen die Geschichte nicht kennt, ist von dem Königreich Italien an seinen beiden Verbündeten begangen worden.
Nach einem Bündnis von mehr als dreißigjähriger Dauer, während dessen es seinen Territorialbesitz mehren und sich zu ungeahnter Blüte entfalten konnte, hat Uns Italien in der Stunde der Gefahr verlassen und ist mit fliegenden Fahnen in das Lager Unserer Feinde übergegangen.
Wir haben Italien nicht bedroht, sein Ansehen nicht geschmälert, seine Ehre und seine Interessen nicht angetastet. Wir haben Unserer Bündnispflicht stets getreu entsprochen und ihm Unseren Schirm gewährt, als es ins Feld zog.
Wir haben mehr getan: Als Italien seine begehrlichen Blicke über unsere Grenzen sandte, waren Wir, um das Bundesverhältnis und den Frieden zu erhalten, zu großen und schmerzlichen Opfern entschlossen, zu Opfern, die Unserem väterlichen Herzen besonders nahegingen.
Aber Italiens Begehrlichkeit, die den Moment nützen zu sollen glaubte, war nicht zu stillen.
Und so musste sich das Schicksal vollziehen.
Dem mächtigen Feinde im Norden haben in zehnmonatigem gigantischem Ringen und in treuester Waffenbrüderschaft mit den Heeren meines erlauchten Verbündeten Meine Armeen siegreich standgehalten.
Der neue heimtückische Feind im Süden ist ihnen kein neuer Gegner.
Die großen Erinnerungen an Novara, Mortara, Custozza und Lissa, die den Stolz meiner Jugend bilden, und der Geist Radetzkys, Erzherzogs Albrecht und Tegetthoffs, der in Meiner Land- und Seemacht fortlebt, bürgen mir dafür, dass Wir auch gegen den Süden hin die Grenzen der Monarchie erfolgreich verteidigen werden.
Ich grüße Meine kampfbewährten, siegerprobten Truppen, Ich vertraue auf sie und ihre Führer! Ich vertraue auf meine Völker, deren beispiellosem Opfermute Mein innigster väterlicher Dank gebührt.
Den Allmächtigen bitte ich, dass er Unsere Fahnen segne und Unsere gerechte Sache in seine gnädige Obhut nehme!“[36]
[35] Im AOK wurde die Mitteilung über die Kriegserklärung erst nachträglich unter Op. Nr. 10.788 ohne Datumsangabe protokolliert. [36] Conte Corti, Egon Caesar, Sokol, Hans: Kaiser Franz Joseph, Wien 1960, S. 353 f.
Zum Zeitpunkt der Kriegserklärung standen unmittelbar an der Grenze insgesamt 128 zumeist milizartige Bataillone: Darunter befanden sich 29 Landsturmbataillone, 21 Marschbataillone, 7 Reservebataillone, 1 Seebataillon, 39 Standschützenbataillone und 15 Freiwilligenbataillone. An Artillerie standen 22 Feldbatterien, 10 ½ Gebirgsbatterien, 4 schwere und 12 ½ Landsturmbatterien, durchwegs ausgestattet mit altem Material, zur Verfügung.[37]
94 Kampfverbände befanden sich als erste Verstärkung allerdings noch im Anrollen! Die Spitzen der aus Syrmien anrollenden Truppen trafen eben erst am Isonzo ein. Die Kommandanten des XV. und des XVI. Korps hatten im Zuge ihrer Orientierung von Erzherzog Eugen am 22. Mai den Befehl erhalten, die Italiener möglichst weit vorne aufzuhalten, ihren Vormarsch zu verzögern und möglichst verlustreich zu gestalten.[38] Das Tor Richtung Wien war weit offen, doch die italienische Armee sollte nur sehr zögernd vorgehen.
[37] Ö.U.L.K. Bd. 2, S. 296. [38] Ö.U.L.K. Bd. 2, S. 534.